Hannibal 3x01

Die düstere Horrorserie Hannibal ist eine Anomalie im amerikanischen Fernsehen. Sie sieht wunderschön aus, erzählt eine furchteinflößende Geschichte von unvorstellbarer Grausamkeit - und läuft bei NBC. Die Einschaltquoten sind seit dem Start nicht zufriedenstellend, weshalb noch mehr Fragen darüber aufkommen, warum das US-Network an dem Format festhält. Von HBO, Netflix oder dem Sundance Channel ist man ein solches Verhalten gewohnt, aber von NBC?
I've killed hardly anybody during our residence
Was auch immer die Gründe dafür sein mögen - spekuliert wird unter anderem, dass die Produktionsfirma Gaumont International den Großteil der Kosten stemmt -: Wir können froh sein, dass diese außergewöhnliche Serie mittlerweile in ihre dritte Staffel geht. Mit Antipasto feierte diese nun Premiere und der Episodentitel lässt sogleich Rückschlüsse auf den Handlungsort zu. Nach einem kurzen Vorspiel in Paris (Regisseur Vincenzo Natali ließ es sich nicht nehmen, auch dort on location zu drehen) wechselt die Handlung nach Florenz, wo sich Hannibal (Mads Mikkelsen) vorerst niedergelassen hat.
Begleitet wurde er dorthin von seiner ehemaligen Therapeutin Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson). Es war die größte Überraschung im Finale der zweiten Staffel, als sie im Flugzeug plötzlich neben ihm saß. Er hatte gerade die halbe auf ihn angesetzte FBI-Taskforce niedergemetzelt und befand sich - befindet sich immer noch - auf der Flucht. Wir bekommen hier überdies keine Aufklärung darüber, ob Will Graham (Hugh Dancy) und Jack Crawford (Laurence Fishburne) noch leben.
Die Ungewissheit über ihren Verbleib spricht Bände darüber, wie sehr sich der Fokus dieser Serie mittlerweile verschoben hat. Dr. Hannibal Lecter war einst ein Nebendarsteller in einem nach ihm benannten Format, inzwischen ist er jedoch zur unumstrittenen Hauptfigur avanciert, was wohl auch an der hervorragenden Darstellung Mikkelsens liegt. Er bekommt nun die ebenso glanzvolle Gillian Anderson zur Seite gestellt, die nicht nur wahnsinnig überzeugend spielt, sondern auch noch hinreißend aussieht.
Die spannendste Frage dieser Auftaktepisode dreht sich denn auch um ihre Figur. Bis zum Ende bekommen wir keine definitive Aufklärung darüber, auf wessen Seite sie steht. Wir bekommen ein paar Rückblenden zu sehen(oder Traumsequenzen - so genau kann man das nicht sagen), die sie beim Verhör mit Jack Crawford und im mit vorgehaltener Pistole geführten Gespräch mit Hannibal zeigen. Außerdem gibt es eine Szene, in der sie blutverschmiert neben einer Leiche zur Besinnung kommt. Eine weitere Szene zeigt, wie sie ihren Arm aus dem Rachen des Leichnams zieht (der für mich ein bisschen nach Zachary Quinto aussah, der ja in dieser Staffel eine Gastrolle spielen wird).
What have you gotten yourself into, Bedelia?
Auch ihr gegenwärtiger Erzählstrang gibt einige Rätsel auf. Bedelia weiß genau über Hannibals Untaten - auch seine kannibalischen - Bescheid. Sucht sie nun seine Nähe, weil sie darin angesichts seiner Faszination für sie die einzige Überlebenschance sieht? Am Ende, als ihr klar wird, dass sich Hannibal in Anthony Dimmond (Tom Wisdom) ein weiteres Opfer ausgesucht hat, entschließt sie sich, die Flucht zu ergreifen. Doch Hannibal kommt ihr zuvor. Daraufhin stellt er sie vor die Wahl: „Observe, or participate?“
Sie muss nun dabei zusehen, wie Hannibal aus dem arroganten Lebemann Anthony ein weiteres fleischliches Kunstwerk macht. Wir sehen ebenjenes hingegen erst in der letzten Einstellung der Episode. In einer Kirche hat Hannibal etwas aufgebahrt, das aussieht wie ein aus Leichenteilen geformtes Herz. Ob Bedelia nun bei sämtlichen Arbeitsschritten zugegen sein musste, erfahren wir nicht. Wir wissen nur, dass sie schon der Anblick des eigentlichen Mordes zu Tränen gerührt hat.
Diese Reaktion spricht für die Theorie, dass Bedelia nicht aus eigenem Antrieb mit Hannibal zusammen ist, sondern einen Plan verfolgt. Es gibt mehrere Szenen, die diese Theorie stützen. Zum einen besucht sie mehrmals den gleichen kleinen Feinkostladen. Warum? Weil es jemanden geben soll, der sich im Falle ihres Verschwindens an sie erinnert? Eine weitere Szene zeigt sie am Bahnhof, wo sie in eine Überwachungskamera schaut - wohl wissend, dass sich diese Kamera genau dort befindet. Ihre Gestik und Mimik spricht überdies dafür, dass sie dies schon öfter gemacht hat. Sendet sie so geheime Zeichen an ihre Mitstreiter?
Antworten auf all diese Fragen werden wir wohl erst im Verlauf dieser neuen Staffel bekommen. Bezeichnend ist aber jetzt schon, wie kurzweilig eine Episode sein kann, in der nur zwei Hauptdarsteller auftauchen. Ich hätte Bedelia und Hannibal bei ihren schlagfertigen Tête-à-Têtes noch stundenlang zusehen können. In einer Szene hält Hannibal einen Vortrag vor Akademikerkollegen, sein Gesicht durchbricht dabei das Licht eines Diaprojektors, weshalb sein Kopf auf dem Hals des projizierten Teufels sitzt.
You really are the devil
Wir sehen diese Szene aus der Sicht von Bedelia, und für kurze Zeit hat es den Anschein, als würde Hannibal in ihren Gedanken mit dem Teufel zu einem Wesen verschmelzen. Es ist eine schöne Spiegelung einer Aussage des überraschend in mehreren Rückblenden auftretenden Dr. Abel Gideon (Eddie Izzard). Diese Rückblenden sind die einzigen Augenblicke, die einen Einblick in Hannibals Seelenleben zulassen. Gideon wurde einst als Hannibals Gefangener von diesem gezwungen, nach und nach Teile von sich selbst zu verspeisen. Er sieht sich als Hannibals Jünger, wird jedoch gleich von seinem Vorbild gemaßregelt: „It's only cannibalism if we're equals.“
Kannibalismus ist für Hannibal also nur gegeben, wenn der Kannibale sich und sein Opfer auf die gleiche intellektuelle, gesellschaftliche oder sonstwie definierte Stufe stellt. Völlig überraschend kommt dieses Selbstverständnis nicht, jedoch ist dies eine der wenigen Szenen (wenn nicht sogar die einzige?), in denen Hannibal seine eigene Pervertiertheit reflektiert. Natürlich betrachtet er sie nicht als solche, was Sätze wie folgender - von Bedelia geäußert - nur bekräftigen: „You no longer have ethical concerns, only aesthetic ones.“ Hannibal hat darauf sofort den passenden one-liner: „Ethics become aesthetics.“
Ich könnte hier auch sein „Morality doesn't exist, only morale“ anführen, der Rückschluss bleibt der gleiche: Antipasto ist voll von solchen Dialogperlen, die von Mikkelsen und Anderson auf höchstes Niveau befördert werden - ein Niveau, das man sonst nur, wenn überhaupt, im Pay-TV bestaunen kann. Zusammen mit der hinreißenden optischen Umsetzung bestätigt Hannibal einmal mehr, dass sie mit nichts zu vergleichen ist - außer vielleicht mit einem exquisiten 13-Gänge-Menü in einem Restaurant, das mit mehreren Michelin-Sternen ausgezeichnet ist. Ein formvollendeter Genuss.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 5. Juni 2015Hannibal 3x01 Trailer
(Hannibal 3x01)
Schauspieler in der Episode Hannibal 3x01
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