Hannibal 2x13

Die zweite Staffel von Hannibal hat Will Graham (Hugh Dancy) dabei begleitet, tiefer und tiefer in die dĂŒstere Aura von Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) einzutauchen. Doch auch das ausgezeichnete Staffelfinale Mizumono bringt keine Klarheit darĂŒber, wie erfolgreich Lecter dabei war, seinerseits in den Kern von Graham vorzudringen. Diese wichtige Frage verliert in Anbetracht einer ĂŒberwĂ€ltigende Folge von âWTFâ-Momenten zwar vorĂŒbergehend jegliche Bedeutung. Doch vielleicht kann man sich mit ihr und den damit einhergehenden Spekulationen ja die allzu lang anmutende Wartezeit bis zum Beginn von Staffel drei verkĂŒrzen...
Ruhe und Ungewissheit
Hannibal-Mastermind Bryan Fuller, der Regisseur David Slade und Steve Lightfoot, der Autor hinter diesem Staffelfinale, gönnen den Zuschauern zunĂ€chst eine ganze Menge Zeit, um die Ereignisse der Staffel in verhĂ€ltnismĂ€Ăiger Sicherheit Revue passieren zu lassen.
Wills Funktion als undurchsichtiger âDoppelagentâ wird in seiner parallelmontierten Interaktion mit Lecter auf der einen, und Jack Crawford (Laurence Fishburne) auf der andern Seite, auf den Punkt gebracht. Nicht nur den wie immer exzellenten Spezialeffekten der verschmelzenden Gesichter wohnt dabei eine intensive, (Alp-)traumhafte Wirkung inne, die es dem Publikum erleichtert, sich in Wills Lage hineinzuversetzen. Im Kampf gegen den ĂŒbermĂ€chtigen Hannibal ist nichts, wie es scheint und Gewissheiten entpuppen sich als TrugschlĂŒsse.
Der kurze Blick auf Wills âEnzephalitis-Uhrâ trĂ€gt dezent dem langen Weg Rechnung, den Lecter und Graham bereits zusammen beschritten haben und hebt dabei gleichzeitig Wills gravierende VerĂ€nderungen hervor.
Opfer und Aufbegehren
Wie uns in Mizumono eindrucksvoll in Erinnerung gerufen wird, hat sich Hannibals Einfluss lÀngst nicht auf Will beschrÀnkt. So siecht auch Jacks Ehefrau Bella (Gina Torres) nun langsam dahin, weil es Hannibals Design entsprach. Im Gegensatz zu den MÀchten des Guten, die in Hannibal so eindringlich durch Crawford selbst verkörpert werden, muss sich Lecter dabei weder Gesetzen noch einem Gewissen beugen, um zu seinen Zielen zu kommen.
Zwar hatten auch Jack und Will ausgesprochen rĂŒcksichtslos gehandelt, um Hannibal endlich an den Haken zu locken. Doch dafĂŒr werden sie nun durch Cynthia Nixon in ihrer Rolle der Kade Prurnell zur Verantwortung gezogen.
Mit der Tatsache, dass man auch im Serienuniversum âHannibalsâ nicht ungestraft mit einer grotesken LeichenschĂ€ndung davonkommt, geht eine gewisse Befriedigung einher. Denn erst diese Verankerung in der RealitĂ€t macht es möglich, die fantastischeren Elemente in der Serie ungestört in Kauf nehmen zu können. Zum anderen kann Nixons Einschreiten rechtfertigen, warum sich Jack fĂŒr die aus Kaiseki (2x01) bekannte Kampfsequenz schon wieder ohne VerstĂ€rkung in die Höhle des Löwen begeben sollte.
Eine wunderschöne Eskalation und Auferstehung
Der brillant durchchoreografierte Schlagabtausch - der selbstverstĂ€ndlich in Lecters KĂŒche stattfindet - ist so stimmig in den Rest der Handlung eingebunden, dass er nichts an Wucht einbĂŒĂt, obwohl man ihn ja bereits kennt. Dadurch, dass nun auch Szenen der sich nĂ€hernden Alana Bloom (Caroline Dhavernas) gezeigt werden, wird die haarstrĂ€ubende Spannung sogar noch weiter geschĂŒrt. Als dann auch noch Abigail Hobbs (Kacey Rohl) - wohl einohrig, aber ansonsten unversehrt - von den Tot-Geglaubten zurĂŒckkehrt, ist das Chaos perfekt.
Zumindest denkt man das fĂŒr einige Sekunden, bevor es noch perfekter wird und Abigal Alana aus dem Fenster stĂŒrzt. Obwohl der Fall der Psychologin den Zuschauer fraglos in einen Schockzustand versetzt, entgeht einem nicht die Schönheit, die das Szenario verströmt. Mithilfe von Schneegestöber, diamantenhaften Glassplittern und einer atemberaubenden Zeitlupe vollbringt die Serie Hannibal wieder einmal das Kunstwerk, Grauen mit einer verzaubernden Ăsthetik zu verschmelzen.
Verrat und Freundschaft
Doch der Reigen an Höhepunkten geht weiter. AllerpĂ€testens seit dem Moment, in dem Hannibal an Will den völlig unverwesten Duft von Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) wahrgenommen hatte, musste er das doppelte Spiel seiner Kreatur erkannt haben. Im Beisein von Abigail bringt Lecter darĂŒber auf fast integer anmutende Weise sein Bedauern zum Ausdruck: „I gave you a rare gift, but you didn't want it.“ Das „Geschenk“, das Will nicht annehmen wollte, war hier sicher die Chance auf ein neues, ungehemmtes Leben - und die Freundschaft von Hannibal.
Indizien wie Wills warnender Anruf bei Lecter („They know.“ „Sie wissen Bescheid.“) machen es zwar schwer, Grahams Positionierung zwischen â Gutâ und âBöseâ zweifelsfrei zu verorten. Doch in Hannibals Augen hat Will ihn verraten. Obwohl er ihm dies vergibt, sollen er und Abigail sterben. Zum zweiten Mal muss Will mitansehen, wie seiner Ziehtochter die Kehle aufgeschlitzt wird. Nur, dass dieses mal jede Hilfe zu spĂ€t kommt. Oder etwa nicht?
Fazit
Alana liegt zerschmettert am Boden. In Jacks Hals steckt eine Glasscherbe. Abigails viel zu kurze Stippvisite in der Welt der Lebenden endet in einem brutalen Kehlenschnitt. Will selbst ist durch die Wunde in seinem Bauch so geschwÀcht, dass er nicht mehr die Kraft findet, um Abigails Blutung zu stoppen. Als dem Profiler die Sinne schwinden, haucht sein Hirsch den letzten Atem aus - doch ist dies auch das Ende von Will?
Nicht nur dem starken Hugh Dancy zuliebe möchte man sich sicher sein, dass Will Graham ein allzu fester Bestandteil der Serie ist, um ihn sterben zu lassen. Doch gleichzeitig hat Hannibal die Grenzen des Vorstellbaren oftmals ebenso achselzuckend ignoriert wie die Grundbausteine, die sich einst Thomas Harris erdacht hatte. Die Chance, dass Graham tatsĂ€chlich tot ist, besteht also tatsĂ€chlich. Dies lĂ€sst die Wartezeit bis zur Staffel drei (juchu!) ebenso unertrĂ€glich lang erscheinen, wie das Bangen um die anderen Verwundeten. Selbst wenn die verschiedenen RettungskrĂ€fte ihre strĂ€fliche (!) Langsamkeit aus diesem Finale wieder wett machen können, indem sie das eine oder andere Leben retten, ist es keine ernstzunehmende Option, dass alle Figuren ĂŒberleben.
In dem auffĂ€lligen Ticken, das sich in das Sounddesign der Episode mischt, hĂ€tte man ebenso wie in dem Blutstropfen, der Alanas TrĂ€ne verfĂ€rbt, Vorzeichen fĂŒr die Eskalation am Ende sehen können. Gleiches gilt fĂŒr den Kurzauftritt von Garrett Jacob Hobbs (Vladimir Jon Cubrt) in Wills Traumwelt. Trotzdem wird man durch das AusmaĂ des Blutbads und die schiere Anzahl der Betroffenen ĂŒbermannt. Einzig Hannibal bleibt unversehrt.
Obwohl Lecter wieder einmal demonstriert, wie mĂŒhelos er Menschen in seinem Umfeld das Leben nehmen kann, wirkt seine Figur dabei in keinem Falle eindimensional böse. Im Umgang mit Alana kommt zwar der empathielose Psychopath in ihm zum Vorschein, der inmitten des tiefsten Dramas noch den Humor erkennt. Als er Blooms Frage nach dem Aufenthaltsort von Jack mit „in der Speisekammer“ beantwortet, scheint er dabei ihren panischen Tonfall nachzuĂ€ffen.
Mikkelsen triumphiert, egal ob Hannibal vollkommen ungerĂŒhrt menschlichen Regungen begegnet („In your defense, I worked very hard to blind you.“; âZu deiner Verteidigung spricht, dass ich mir sehr viel MĂŒhe dabei gegeben musste, dich zu tĂ€uschen.â) oder sich einfach am Telefon meldet. Die Fassade Lecters ist so perfekt und facettenreich wie die Darbietung des Schauspielers.
Als das Finale mit den vertrauten KlĂ€ngen aus Johann Sebastian Bachs âAria Da Capoâ zu einem Ende zu kommen scheint, ist man noch so durch die dramatischen Sequenzen versteinert, dass man sich nicht von dem Bildschirm abwenden kann. Ein GlĂŒck, da einem sonst wohl möglich der Anblick eines Hannibal Lecter vorenthalten geblieben wĂ€re, der sich in einem Flugzeug aus der AffĂ€re zieht. An der Seite von keiner geringeren als ⊠Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson)?!
Zu den quĂ€lenden Fragen, wie weit Will noch er selbst ist, wie weit Abigail schon Hannibal ist, wie Jack von Hannibals Schuld ĂŒberzeugt werden konnte und wie zum Teufel es nun weitergeht, kommen mit Bedelias augenscheinlich unbekĂŒmmerten Auftreten an Lecters Seite noch zahlreiche neue Ungewissheiten hinzu. Die uns bekannte „RealitĂ€t“ wird in dieser Episode so unwiederbringlich zerschmettert, wie eine zu Boden stĂŒrzende Teetasse. Nach der fantastischen zweiten Staffel, die mit Mizumono zu einem mehr als wĂŒrdigen Abschluss gebracht wurde, kann man es nicht erwarten, in welcher Form sich die Scherben wohl wieder zusammenfinden werden...
Verfasser: Thordes Herbst am Samstag, 24. Mai 2014Hannibal 2x13 Trailer
(Hannibal 2x13)
Schauspieler in der Episode Hannibal 2x13
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?