Hannibal 2x12

Hannibal 2x12

Die Episode Tome-Wan ist ungeheuer blutig geraten und verfügt über Bilder, die einen wohl noch für eine ganze Weile im Schlaf verfolgen dürften. Aber es gibt viele gute Gründe, Hannibal auch trotz der fortschreitenden Traumatisierung treu zu bleiben.

Hier das „Vorher“-Bild von Mason Verger (Michael Pitt) aus „Hannibal“. / (c) NBC
Hier das „Vorher“-Bild von Mason Verger (Michael Pitt) aus „Hannibal“. / (c) NBC

Wer ist in Hannibal der Jäger, und wer der Gejagte? Diese Frage stellt man sich in der Episode Tome-Wan nicht nur beim Anblick von Lecters neuester kulinarischer Kreation. Wie bei den Fischen, die sich in ihrer an Wackelpudding erinnernden letzten Ruhestätte kreisförmig verfolgen, verhält es sich auch bei Will Graham (Hugh Dancy), Jack Crawford (Laurence Fishburne) und Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen). Im Gegensatz zur extravaganten, auf Kiefer-Sut basierenden Speise verlangt man nach dem Genuss dieser fabelhaften Episode dabei ganz sicher einen Nachschlag.

Schrecklich übertrieben

Das Szenario, in dem Mason Verger („Michael Pitt“) erst sein Gesicht an Will Grahams Hunde verfüttert und sich dann auch noch selbst verköstigt, ist sicherlich nichts für schwache Nerven. Tatsächlich musste ich nach Lecters entwaffnend selbstverständlich betontem Vorschlag, dass Mason doch seine Nase essen solle, die Episode kurz pausieren. Nachdem ich mich gebührend gegen den Gräuel gewappnet hatte, konnte ich das Geschehen gefasst durch einen Spalt zwischen meinen Fingern weiter verfolgen. Trotzdem wurde ich von dem Gezeigten nicht so sehr getroffen wie beispielsweise von dem schrecklichen Schicksal, das Margot (Katherine Isabelle) in der vorangegangenen Episode Ko No Mono (2x11) zuteil wurde.

Das liegt zum einen daran, dass der pädophile Sadist Mason in seiner Unmenschlichkeit nicht gerade Mitleid heraufbeschwört. Zum anderen ist die Selbstverspeisung - ebenso wie die anderen blutigen Höhepunkte der Episode - so überzeichnet, dass man sie leichter als dramaturgisches Stilmittel begreifen kann. Zwar kann man an Masons Selbstverstümmelung beim besten Willen nicht die Schönheit erkennen, mit der Hannibal das Grauen sonst so gerne verbindet. Dafür ist es an dieser Stelle aber vor allem der Humor, der den Zuschauern wie ein Schutzwall gegen den Schrecken zur Verfügung gestellt wird.

Ich lach' mich tot. Fast.

Der berauschte Mason verkündet, dass sein Riechorgan geschmacklich an einen Hühnermagen erinnert, bevor er sich köstlich über den Wortwitz in seiner Feststellung „I am full of myself“ amüsiert. So bedeutet der Satz nicht nur, dass er „mit sich selbst vollgestopft“ ist, sondern auch, dass es sich bei ihm um einen Egomanen handelt. Womit er ja nicht gänzlich daneben liegt.

Es ist nicht nur die wirklich exzellenten Darbietung von Michael Pitt, mit der er einem Heath Ledger durchaus Konkurrenz machen kann, die einen hier in den Bann zieht. Die Gefasstheit, mit der Will dem makabren Szenario begegnet, geht einem förmlich unter die Haut. Hannibals Akt, seinen Patienten allem Anschein nach von seinen Qualen zu erlösen, funktioniert wunderbar als falsche Fährte, bevor wenig später enthüllt wird, dass Mason sehr wohl mit dem Leben davongekommen ist. So bleibt die eindrucksvolle Figur für künftige Schlagabtäusche mit dem Kannibalen erhalten - falls es Margo mit ihrer fürsorglichen Pflege nicht übertreibt, versteht sich.

Hannibal

Nicht nur beim sachverständigen Genickbrechen stellt Hannibal in dieser Episode wieder seine Überlegenheit unter Beweis, die nicht nur psychisch, sondern auch physisch schlichtweg übermenschlich daherkommt. Egal, ob er sich mit einer zahlenmäßigen Übermacht konfrontiert sieht oder - wie bei Carlo (Daniel Kash) im Schweinestall - mit erheblichen Schmerzen rechnen muss: Hannibals Geist ist nicht nur scharf genug, um ein Messer punktgenau in einer Arterie zu versänken, er hat auch noch die Muße für Zynismus („He shouldn't have done that.“; „Das hätte er lieber nicht tun sollen“) und provokante Beleidigungen. Seine Furchtlosigkeit wird selbstverständlich auch durch Lecters ausgezeichnete Menschenkenntnis gespeist. So dürfte er berechnet haben, dass Carlo davon abgehalten werden würde, selbst Hand an ihn zu legen.

Ein willkommener Gast

Im Angesicht der neuesten Demonstrationen von Lecters Macht wiegen die Worte von Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson) besonders schwer. So verweist die Psychiaterin darauf, dass Hannibal seinen Verfolgern nach wie vor meilenweit voraus ist und die Scharade von Jack und Will längst durchschaut hat. Anderson verkörpert Bedelia in ihrem höchst willkommenen Gastauftritt wieder mit einer grandiosen Tiefgründigkeit. Die ausgeprägte Intelligenz ihres Charakters zeigt sich sehr schön in dem Moment, in dem die Psychiaterin Jack zielsicher durch die blickdichte Scheibe in Augenschein nimmt. Die Offenbarung, dass Bedelia selbst ihren Patienten ermordet hatte, stellt eine interessante Wendung dar, die Jacks Versuch, Hannibal mit Du Mauriers Hilfe an den Haken zu bekommen, zum Scheitern verurteilt.

Frische Fische

Während Jack sich bemüht, Hannibal mit guter, alter Polizeiarbeit an den Haken zu bekommen, zeichnet sich Wills Angelei durch eine etwas unorthodoxere Herangehensweise aus. Er mimt gegenüber Lecter weiterhin einen Menschen, für den die Begriffe „gut“ und „böse“ immer mehr an Bedeutung verlieren. Zwar räumt Will in einer rührenden Szene ein, wie hart er unter dem Tod (?) von Abigail gelitten hat. An anderer Stelle übt er sich jedoch im Hannibalismus für Fortgeschrittene, indem er trocken und ohne mit der Wimper zu zucken zugibt, Mason auf Lecter angesetzt zu haben. Aus purer Neugierde.

Fazit

Die Episode Tome-Wan begeistert durch die deftige Mischung aus Horrorszenarien, die man einem Networksender wie NBC so wohl kaum zugetraut hätte, und Zwiegesprächen, die so verkopft wie faszinierend sind. Der Blasphemie wird dabei ebenso Raum gewährt wie Anekdoten über die alten Griechen. Und währenddessen taucht man immer tiefer in die außergewöhnliche Beziehung zwischen Lecter und Graham ein.

Bedelia tritt genau zum richtigen Zeitpunkt wieder in Erscheinung. Durch ihre Prognose, dass Will von Hannibal irgendwann dazu überredet - nicht etwa genötigt - werden wird, einen weiteren Menschen zu töten, wird die Spannung geschürt. Dass Will sein Opfer „lieben“ wird, verleitet überdies zu Spekulationen: Wird sich Wills Hass auf Hannibal irgendwie in Liebe verwandeln? Vielleicht könnte man gar auf die Idee kommen, dass es sich bei dem Opfer um eine Abigail handeln könnte, die Lecter in seinem Keller nach seinen ganz speziellen Präferenzen formt...

In Anbetracht des Wahnsinns, der einem in Hannibal dargeboten wird, sind derlei paranoide Gedankengänge kaum verwunderlich - nichts scheint hier unmöglich. Als man denkt, dass man den Höhepunkt des Grauens endlich überstanden hat, fallen vier Worte, die einem doch gewaltig auf den Magen schlagen: „Eat your nose then.“ Fast empfindet man gegenüber dem Monster Mason eine gewisse Dankbarkeit. Denn ohne Anwandlungen wie die, dass er Wills Hunde - mit Ausnahme des anscheinend kostverachtenden Winston - dazu auffordert, „Sitz“ zu machen, hätte man das Szenario wohl kaum ertragen können.

Neben der spektakulären Arbeit der Maskenbildner begeistert auch die Abteilung für Spezialeffekte. Lobend soll in diesem Zusammenhang die Szene erwähnt werden, in der Masons Höllentrip - im Einklang mit seinem erhöhten Herzschlag - durch kraftvolle Musik untermalt wird. Hannibal fungiert mit seinem skurrilen Eber-Kopf dabei als Sahnehäubchen.

Problematische Aspekte der Vergangenheit, wie Wills ungestrafter Mord und der Leichenschändung von Randall Tier, werden zwar nicht aus der Welt geschafft. Immerhin werden sie von der Serie aber dadurch gewürdigt, dass sie von Jack thematisiert werden.

Kurz vor dem Finale der zweiten Staffel von Hannibal nährt sich die Angst um Crawford. So steht der furiose Kampf aus der Episode Kaiseki (2x01) nun wohl unmittelbar bevor. Da die Konfrontation mit Hannibal für Jack kein sonderlich gutes Ende zu nehmen scheint, ist man dabei gleichzeitig um Will besorgt. Schließlich ist er es, der Hannibal gegenüber dem Agenten zur Offenbarung drängt. Voller Vorfreude auf das Staffelfinale mitsamt seiner durchweg fabelhaften Darsteller verabschiede ich mich mit meinem neuen Lieblingszitat: „Whenever feasible, one should always try to eat the rude.“ („Nach Möglichkeit sollte man immer die Unhöflichen verspeisen.“) Wenn möglich aus der Freilandhaltung.

Verfasser: Thordes Herbst am Sonntag, 18. Mai 2014

Hannibal 2x12 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 12
(Hannibal 2x12)
Deutscher Titel der Episode
Hundefutter
Titel der Episode im Original
Tome-Wan
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 16. Mai 2014 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 22. August 2014
Autoren
Chris Brancato, Bryan Fuller, Scott Nimerfro
Regisseur
Michael Rymer

Schauspieler in der Episode Hannibal 2x12

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