Hannibal 2x11

WĂ€hrend man die Episode Ko No Mono ĂŒber sich ergehen lĂ€sst, teilt man in gewisser Weise den Leidensweg eines Ortolan Bunting, einer Gartenammer, bevor sie in Armagnac ertrĂ€nkt wird. Denn so wie der bedauernswerte Vogel, wird auch der Zuschauer ĂŒber lange Zeit hinweg im Dunkeln belassen. Auf Seiten des Ortolan fĂŒhrt der Lichtentzug - der ĂŒbrigens gerne auch durch das Entfernen der Augen erreicht wird - dazu, dass das Tier unkontrolliert und pausenlos zu fressen beginnt. Erst durch diese Mast kann das Federgewicht so viel zunehmen, dass es fĂŒr die âFettammerâ-Delikatesse Verwendung finden kann. Wie dem Vogel ist es auch mir schlichtweg nicht möglich, auf die HĂ€ppchen zu verzichten, die mir Hannibal prĂ€sentiert. Egal, wie schlecht sie mir auch bekommen mögen.
Die Hoffnung schwindet
Je mehr Zeit im Hannibal-Universum vergeht, desto unwahrscheinlicher wird es, dass Dr. Chilton noch am Leben ist. Und da Hannibal (Mads Mikkelsen) im Teetassen-GesprĂ€ch mit Will Graham (Hugh Dancy) so offen und ehrlich wirkt, wie wir ihn zuvor nur sehr selten gesehen haben, hat man bedauerlicherweise einen weiteren Indikator dafĂŒr, dass auch Abigail das Zeitliche gesegnet hat: „I am sorry I took that from you. I wish I could give it back.“ („Es tut mir Leid, dass ich dir das genommen habe. Ich wĂŒnschte, ich könnte es dir zurĂŒckgeben.“) Das „es“ bezieht sich hier auf Wills vĂ€terliche Beziehung zu dem MĂ€dchen.
Auf der anderen Seite wĂ€re es nicht das erste Mal, dass Lecter auf ĂŒberzeugende Weise Betroffenheit vortĂ€uscht - schlieĂlich ist dies eine SpezialitĂ€t der Psychopathen.
Freddie
Bryan Fuller und der Rest seines Teams bemĂŒhen sich so vehement darum, den Zuschauern Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) als tot zu verkaufen, dass es ihnen fast gelingt. So assoziiert der âRed Dragonâ-Kenner mit dem brennenden und lippenlosen Leichnam auf dem Rollstuhl sofort das Verderben eines Journalisten. Auch die Analyse der ZĂ€he des Opfers durch die Forensiker und die Beerdigung, die fĂŒr Freddie abgehalten wird, tragen dazu bei, dass sich langsam Zweifel an ihrem Ăberleben manifestieren. Plötzlich erscheint die âGeburtâ von Will als zweitem Gehörnten, die der Profiler in einer dĂŒsteren Traumsequenz durchlebt, in einem noch bedrohlicheren Licht.
Doch trotz all dieser perfiden Fingerzeige ist das Vertrauen in Will und seine Köder-Strategie noch so stark, dass die Wucht, die mit dem Wiedersehen mit der quicklebendigen Journalistin in den RĂ€umlichkeiten des FBI einhergeht, geringer ausfĂ€llt, als die Serienverantwortlichen es sich vielleicht gewĂŒnscht hĂ€tten. DafĂŒr sorgt nicht zuletzt auch die Tatsache, dass Wills Killer-Fassade einen Sprung erhĂ€lt, als er Alana Bloom (Caroline Dhavernas) mit einer Schusswaffe ausstattet.
Der Kreis derjenigen, die in die Verschwörung gegen Lecter eingeweiht sind, hat sich von Will und Jack Crawford (Laurence Fishburne) auch auf die Forensiker Jimmy Price (Scott Thompson) und Brian Zeller (Aaron Abrams) erweitert, wenn den beiden nicht gefĂ€lschte Dentalunterlagen vorgesetzt worden sind. Da mit jedem Mitwissenden die Gefahr steigt, dass der Psychopath den Plan durchschaut - falls das nicht ohnehin schon lĂ€ngst geschehen ist - könnte sich dies noch als schwerer Fehler erweisen. Gleiches gilt in noch stĂ€rkerer Hinsicht im Falle von Alana, die mit Hannibal schlieĂlich in regem Kontakt steht.
Alana
Besser spĂ€t als nie kann sich Alana Bloom, die in ihrer ausufernden Verblendung zuletzt einen fast schon beschrĂ€nkten Eindruck gemacht hatte, in den Augen der Zuschauer rehabilitieren. Als die FBI'ler mit der als Shiva âwiederauferstandenenâ Leiche konfrontiert werden, kann die Psychiaterin beim profilen ihre Intelligenz unter Beweis stellen, und die richtigen SchlĂŒsse ĂŒber einen Killer ziehen: „He was guided.“ („Er wurde angeleitet.“)
Zudem ist man ihrer Figur Ă€uĂerst dankbar dafĂŒr, dass sie Jack spĂ€ter so lange zusetzt, bis er ihr - und somit auch den Zuschauern - schlieĂlich Klarheit verschafft. Zwischen einer Alana, die als Will agiert, wĂ€hrend Graham selbst den eiskalten Psycho mimt und einem Hannibal, der wĂ€hrend seiner therapeutischen Sitzung mit Will verschmilzt, wirkt es ungeheuer heilbringend, zur Abwechslung einmal mit unverschleierten Tatsachen konfrontiert zu werden.
Gott ist grausam
Auch in Bezug auf das grausame Wirken des Hannibal Lecter liefert die Episode Ko No Mono ungewöhnlich deutliche Einsichten. Erst werden noch Sympathien fĂŒr den Kannibalen geschĂŒrt, als er von seiner Schwester berichtet. Mischas Schicksal nimmt in den Werken von Thomas Harris einen entscheidenden Stellenwert ein und manövriert Hannibal fĂŒr einen Moment gar in die Opferrolle.
SpĂ€ter muss man dann aber wieder fassungslos bezeugen, wie abgrundtief böse Lecter ist und wie perfide und hinterhĂ€ltig er sein Umfeld instrumentalisiert, um Wills Verwandlung voranzutreiben. Nachdem er zuvor bereits Randall Tier dem Tod preisgegeben hatte, wird nun Margot Verger (Katherine Isabelle) zur Leidtragenden von Lecters Intrigen. Indem er zunĂ€chst indirekt in die Wege geleitet hatte, dass sie von Will schwanger wird, sorgt er nun ebenso unbedarft dafĂŒr, dass sie das Kind verliert. Eiskalt verrĂ€t Hannibal seine Patientin an ihren Bruder Mason („Michael Pitt“). Dabei besiegelt er kalkuliert Margots Schicksal und auch das ihres ungeborenen Kindes, wobei er sich Masons familienbezogene Allmachtsphantasien zu Nutzen macht. Das Grauen, das mit einer Figur einhergeht, die gleichzeitig so weitsichtig, intelligent und schrecklich agiert, lĂ€sst sich kaum in Worte fassen.
Fazit
Beim Anblick von âShivaâ demonstrieren die Forensiker ihre professionelle AbgebrĂŒhtheit, indem sie sich zu Jesus-Witzen herablassen. Das charakteristische Sounddesign der Serie verstĂ€rkt den morbiden Eindruck noch, indem es sich hier einer ungewöhnlich exotischen Intonation bedient. Freddie trĂ€gt ebenfalls zu dem Galgenhumor der Episode bei, indem sie sich bei Alana nach der eigenen Beerdigung erkundigt.
Hannibal verweist gegenĂŒber Will darauf, dass seine Gebete fĂŒr Abigail erhört worden seien, da er ja schlieĂlich „einen Teil“ (das OHR!) von ihr wiedergesehen habe. WĂ€hrend Hannibal seinen Zuschauern durch die dĂŒsteren, humorigen Anspielungen sonst gekonnt und regelmĂ€Ăig zu emotionalen Atempausen verhilft, bleibt nach der Episode Ko No Mono lediglich ein GefĂŒhl der Beklommenheit zurĂŒck.
Zum einen ist es zwar befriedigend, dass Alana endlich beginnt, „alles zu hinterfragen“. Obwohl mit ihrem „Moment der Klarheit“ fĂŒr die Psychiaterin fraglos erhebliche Seelenqualen einhergehen, ist dies doch das Beste, was ihrer Figur hĂ€tte passieren können. Zudem stellt es eine Erleichterung dar, dass Will nicht zum Mörder einer Unschuldigen geworden ist und am Ende gegenĂŒber Mason in einem packenden Showdown offenbart, wie weit sein VerstĂ€ndnis von Hannibals perfidem Spiel reicht.
Auf der anderen Seite geht mit den Misshandlungen von Margot ein solcher Schrecken einher, dass ich in der betreffenden Szene fast von den TrĂ€nen ĂŒbermannt wurde. WĂ€hrend das Grauen in Hannibal sonst vor allem aufgrund der grenzenlosen Ăbertreibung ertrĂ€glich wird, wohnt ihrer Sterilisation und der Abtreibung von Wills Kind ein ekelerregender Realismus inne. Fast ist man enttĂ€uscht, dass Will den Antagonisten Verger, der trotz der ĂŒberzeichneten, fast comichaften Eigenschaften keine Bedrohlichkeit einbĂŒĂt, nicht doch seinen Schweinen zum FraĂ vorwirft - obwohl dies ganz im Sinne Hannibals gewesen wĂ€re.
Obgleich die Wendung, dass Freddie noch lebt, nicht gÀnzlich unvorhersehbar war, ist der Bann der Episode ungebrochen. Dies ist neben den famos agierenden Darstellern, von denen sich auch Caroline Dhavernas endlich wieder hervortun kann, nicht zuletzt dem Regisseur David Slade zu verdanken. Ihm gelingt es beispielsweise, die vermeintlichen Parallelen zwischen Lecter und Graham hervorzuheben, indem er sich eines Kameratricks bedient, der so unorthodox wie simpel gehalten ist.
Teils ĂŒberrumpelnden Wendungen, brillanten Charakterzeichnungen, und einem fast schon sadistischen Drang, das Böse endlich bestraft sehen zu wollen ist es ebenso zu verdanken wie der reizvollen Aufmachung der Serie, dass wir Hannibal auch weiterhin gierig aus der Hand fressen werden. Als wĂ€ren wir der Dunkelheit preisgegebene Ortolane. Und nun steht fest, dass die ungesunde Völlerei noch mindestens fĂŒr eine dritte Staffel weitergehen wird „59730“. Rette sich, wer kann!
Trailer zu âHannibalâ (2x12):
Verfasser: Thordes Herbst am Samstag, 10. Mai 2014(Hannibal 2x11)
Schauspieler in der Episode Hannibal 2x11
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?