Hannibal 2x10

Hannibal 2x10

Die Episode Naka-Choko scheint alles, was man über den einfühlsamen Will dachte, auf markerschütternde Weise auf den Kopf zu stellen. Doch da die Serie Hannibal sich dabei nicht vollends in die Karten blicken lässt, ist die Hoffnung für ihn noch nicht verloren.

Das Schicksal der neugierigen Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) ist nach dieser Episode von „Hannibal“ ungewiss. / (c) NBC
Das Schicksal der neugierigen Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) ist nach dieser Episode von „Hannibal“ ungewiss. / (c) NBC

Der Bann von Hannibal ist ungebrochen. Bislang konnte man dem immer wieder überwältigenden Schrecken der Serie vor allem aus dem Grund trotzen, dass einem mit Will Graham (Hugh Dancy) ein Kämpfer für das Gute präsentiert wurde, den man irgendwann über das Böse siegen sehen wollte. Doch als der leidgeprüfte Held in der Episode Naka-Choko scheinbar zum Komplizen des Teufels mutiert, bleibt man als Zuschauer erst einmal einsam und orientierungslos in einer übermächtigen Dunkelheit zurück. Woran liegt es, dass man dennoch nicht kapituliert, und sich ausgelaugt von der Serie abwendet? Dafür gibt in meinen Augen vier Erklärungsansätze:

1. Die ausgezeichnete Qualität von „Hannibal“

Ein menschliches Gesicht, das auf das Skelett eines Raubtieres gezogen wird, und dem profilenden Protagonisten danach als philosophischer Gesprächspartner dient, birgt zweifellos die Gefahr in sich, albern zu wirken. Dank der ausgezeichneten Spezialeffekte, die im Einklang mit dem charakteristischen Hannibal-Sounddesign und der ausgeklügelten Kameraführung zu einem Schauspiel verschmelzen, das so unorthodox wie hochprofessionell daherkommt, wird man jedoch stets zum Bewundern angehalten, und nicht zum Belächeln. Hinzu kommen die wie immer ausgezeichneten Leistungen der Schauspieler, die die hypnotische Wirkung des hochprofessionellen Ganzen perfekt macht.

Jedes Detail der Serie ist so durchdacht und oft innovationsfreudig in Szene gesetzt, dass man sich das makabre Spektakel vielleicht auch dann noch zu Gemüte führen würde, wenn demnächst auch Alana (Caroline Dhavernas), Jack (Laurence Fishburne) und dessen Ehefrau Bella (Gina Torres) die Freude am Morden für sich entdecken.

2. Alternative Bezugspersonen

Als Will sich - seiner Selbstanalyse zufolge - furchtlos und ohne schlechtes Gewissen an seinem blutlüsternden Hobby erfreut, wird den Zuschauern die wichtigste Figur entrückt, die sich in Hannibal zur Identifikation eignen würden. Glücklicherweise gibt es ja auch noch Mr. Crawford, der - zumindest bis jetzt - eher an der Aufklärung von Verbrechen interessiert ist, als daran, sich mit ihrer Hilfe selbst zu verwirklichen. Doch in Naka-Choko ist die Spielzeit des Agenten so knapp bemessen, dass seine Präsenz praktisch von der Dunkelheit verschlungen wird.

Obwohl Margot Verger (Katherine Isabelle) in ihrer bedrückenden Opferrolle und dem störrischen und teils amüsanten Lebenserhaltungstrieb einige Sympathiepunkte sammelt, ist sie doch kaum als primäre Bezugsperson geeignet. Gleiches gilt für Alana Bloom. Denn obgleich sie in der Serie das Gute verkörpert und stets durch ihre Menschlichkeit glänzt, ist ihre Figur momentan kaum mehr als ein eloquentes Lustobjekt.

Doch es gibt auch noch einen humanen Lichtblick aus einer eher unerwarteten Richtung, und zwar in Gestalt von Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki). Denn so „obnoxious“ („widerwärtig“) sich die Journalistin beizeiten auch verhalten mag, zeigt sie in dieser Episode doch auch ihre liebenswerte Seite. So kann man ihrem Zwiegespräch mit Will entnehmen, dass ihr zumindest an Abigail Hobbs etwas lag. Zudem betrachtet man mit Genugtuung, wie Freddie instinktiv und furchtlos die richtigen Schlüsse zieht - auch wenn sie es nun bitter bereuen dürfte, in ihrer Tendenz für Alleingänge Jack Crawford in nichts nachzustehen.

3. Das Vertrauen in Will

Maybe what Will understands is, if you can't beat Hannibal Lecter, join him.“ (ungefähr: „Vielleicht hat Will eingesehen, dass man sich Hannibal Lecter besser anschließen sollte, wenn man ihn schon nicht besiegen kann.“) Mit dieser kühnen These fasst Freddie die Befürchtungen zusammen, die von Naka-Choko so furios genährt werden.

Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass Will Randall Tier (Mark O'Brien) ermordet hat. Doch während man hier noch mit Notwehr argumentieren könnte, schreitet Grahams Reise ins Böse noch sehr viel weiter heran. In Form von Randalls Geist tritt der Profiler schließlich mit sich selbst in Kontakt. Und da selbst ein bemerkenswerter Menschenkenner wie Hannibal (Mads Mikkelsen) sich keinen Zutritt in Wills inneren Dialog verschaffen kann, hat er auch keinen Grund, hier in seiner Funktion des „Köders“ lediglich vorzutäuschen, das kontaktfreudige Töten „genossen“ zu haben. Doch geht diese neu-entdeckte Lust so weit, dass er auch Freddie den Garaus machen würde?

Ich denke nicht. Die Tatsache, dass Will nicht nur zum Mörder, sondern auch zum Leichenfledderer geworden ist, könnte bei dem Versuch, Lecter günstig zu stimmen, nämlich gleich eine doppelte Rolle spielen. Will weiß, dass Hannibal nicht ruhen wird, bevor das wandelnde Ärgernis namens Freddie Lounds aus der Welt geschafft ist - besonders nach ihrer neuesten Intervention und der Kontaktaufnahme mit Alana. Damit behält der Profiler auch Recht, wie man beim Anblick des ungeduldigen Kannibalen im spurensicheren Anzug im Schlafzimmer der Journalistin unschwer erkennen kann.

Indem er die Weiterverarbeitung Randalls selbst übernimmt, kann Will nun auf dessen Fleisch zurückgreifen, um Hannibal vollends von seiner Verwandlung zu überzeugen und gleichzeitig Freddie in Sicherheit bringen. Obwohl er beim Überwältigen von Lounds fraglos einem gängigen Axtmörder-Klischee entsprungen zu sein scheint, hat man Will ja schließlich nicht beim zerschneiden des „Gingers“ („Rotschopf“) beobachtet, auf das sein zufriedener Mentor beim gemeinsamen Kochabend so bitterböse anspielt.

Nichtsdestotrotz hätte sich Will damit des bewussten Kannibalismus schuldig gemacht, wenn es sich bei dem „mageren und zarten“ Filet auch nicht um sein erstes (weitestgehend) unschuldiges Opfer handelt. Aber mit dem Fleisch eines Tieres (außer dem von Tier, ha!) hätte man den Feinschmecker Lecter wohl kaum täuschen können. Will, ich glaube an dich!

4. Oder...

aber man erfreut sich - aus welchen Gründen auch immer - daran, zur Abwechslung einmal das Böse gewinnen zu sehen.

Die Beilagen

Im Lichte der Möglichkeit, dass unser Held sich tatsächlich unwiederbringlich zum Monster entwickelt haben könnte, verlieren sich die übrigen Elemente der Episode ein wenig im Hintergrund. Dabei ließe sich endlos über die Bedeutung des Fünfers philosophieren, in dem sich Alana, Hannibal, Will, Hannibal in Hirschform und Margo verlustieren. So wird hier nicht zuletzt der Versuch deutlich, „Hannibals“ Sexappeal auf würdevolle Weise auszubauen, indem man in der Fleischeslust gleichzeitig auf die komplexe Verstrickung zwischen den beiden Psychiatern und dem Profiler verweist.

Mason Verger (Michael Pitt) hätte vielleicht lieber Kaninchen züchten sollen. © NBC
Mason Verger (Michael Pitt) hätte vielleicht lieber Kaninchen züchten sollen. © NBC

Auch über Margo, die aus dem primären Dreier ebenso ausgeschlossen wird wie das Hirschwesen, gibt es Neues zu erfahren, als endlich auch ihr berüchtigter Bruder Mason (Michael Pitt) sein Debüt absolviert. Obwohl der richtig böse Mr. Verger auf den ersten Blick ungefähr so authentisch erscheint wie seine Frisur, erwärmt man sich doch mit atemberaubender Geschwindigkeit für seine Figur. Und sei es auch nur aus dem Grund, dass er genau die Art von menschlichem Abschaum verkörpert, dem man Hannibal auf den Hals hetzen möchte, ohne dass man dabei allzu sehr um die eigene moralische Integrität fürchten müsste.

Fazit

Zu den männlichen „Naturgewalten“, die in Hannibal ihr Unwesen treiben, gesellt sich in Gestalt von Mason Verger eine Weitere hinzu. Er beweist einen perfiden Sadismus, indem er seinen gefräßigen Haustieren eine Duplikation Margots zum Fraß vorwirft, während eine Aufnahme ihrer (?) Schreie auf weitere Folterungen seiner Schwester verweist. Man empfindet tiefes Mitleid für die unangenehm unterwürfig auftretende Frau. Michael Pitt gelingt es in seiner Interpretation der Rolle ausgezeichnet, sich mehr als unbeliebt zu machen. Deswegen dürfte den Kennern der Vorlagen für die Serie bereits beim Anblick des possierlichen Pawlows, der nach diesem benannte Reflex in Kraft treten...

Masons Schwester hingegen gönnt man, dass ihr Plan, mit der Hilfe eines männlichen Nachfahren die Macht über das elterliche Imperium an sich zu reißen, aufgehen möge. Will ist in diesem Zusammenhang zwar in gewisser Weise zum Samenspender degradiert, doch er war ja ohnehin in erster Linie physisch envolviert.

Freddie verleiht den Anprangerern der Tatsache, dass Chilton wohl kaum der Chesapeake Ripper sein kann eine Stimme, bevor sie sich zum Club der Frauen gesellt, deren Dahinscheiden von Hannibal suggeriert wird. Doch sie wäre weder die erste, die von den Totgeglaubten wiederaufersteht, noch die Einzige, für die man sich eine Wiederbelebung wünschen würde.

Trotz meiner Spekulationen darüber, dass Will nach wie vor den Köder mimt, und so weiterhin mit Jack im Bunde ist, lehrt einem Naka-Choko doch auf eindrucksvolle Weise das Fürchten. Wir wollen hoffen, dass Will bei der Entwicklung von seinem ganz persönlichen „Design“ nicht doch vom Raubfisch namens Lecter verschlungen wurde...

Verfasser: Thordes Herbst am Sonntag, 4. Mai 2014

Hannibal 2x10 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 10
(Hannibal 2x10)
Deutscher Titel der Episode
Höhere Gewalt
Titel der Episode im Original
Naka-Choko
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 2. Mai 2014 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 15. August 2014
Regisseur
Vincenzo Natali

Schauspieler in der Episode Hannibal 2x10

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