Hannibal 2x09

Hannibal 2x09

In der Episode Shiizakana treibt eine angsteinflößende Bestie ihr Unwesen. Dabei wird in Hannibal wieder auf anschauliche Weise verdeutlicht, dass der Mensch das grausamste aller Tiere ist. Zuweilen stürzt er andere aus reinem Vergnügen ins Verderben.

Margot Verger (Katherine Isabelle) konnte in „Hannibal“ sehr schnell zu einem vielversprechenden Charakter heranwachsen. / (c) NBC
Margot Verger (Katherine Isabelle) konnte in „Hannibal“ sehr schnell zu einem vielversprechenden Charakter heranwachsen. / (c) NBC

Was ist das nur für eine Kreatur, die in Shiizakana mit Gollum-artiger Agilität das Dach eines Lastwagens erklimmt, um dem Fahrer wenig später gierig die Brust zu zerfleischen? Glücklicherweise bestätigt sich die Befürchtung, dass die Serie Hannibal nun vollends den Bezug zur Realität verloren haben könnte, nicht. Stattdessen geht es im „Fall der Woche“ um das Tier im Manne Randall Tier (Mark O'Brien), wobei gleichzeitig die Mordlust im Manne Will Graham (Hugh Dancy) thematisiert wird.

Der Albtraum mit dem Hirsch

In seinem Traum begleicht Will mit der Hilfe seines gefederten Zug-Hirschen die offene „Rechnung“ mit dem Monster Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen). In der in Schwarz, Weiß und - umso wuchtiger erscheinendes - Rot gehaltenen Sequenz schwingt dabei ganz deutlich eine Anspielung an „Hannibal Rising“ mit, obwohl hier auf das Singen deutscher Kinderweisen verzichtet wird. Doch nichts erscheint an der Albtraum-Kulisse des Profilers so absonderlich wie die Tatsache, Hannibal darin über die Liebe philosophieren zu hören.

Zwischen Liebe und einem Haken

Auch wenn Lecter wohl kaum zu dieser Emotion fähig sein dürfte, bringt er seinem Lieblings-„Schmetterling“ (um den Metaphern aus Su-zakana (2x08) treu zu bleiben) Graham doch fraglos eine unbändige Faszination entgegen. Will auf der anderen Seite hasst seinen Therapeuten, was auch durch die Zerteilung per Seil untermauert wird. Verbissen setzt er seine Bemühungen fort, den Raubfisch an den Haken zu locken:

Im vertrauten Ambiente seiner therapeutischen Sitzungen erhöht Graham die Schmackhaftigkeit seiner selbst als Köder, indem er Lecter gesteht, beim Töten von menschlichen Monstern wie Garrett Jacob Hobbs oder Hannibal einen „quiet sense of power“ (ungefähr „einen Anflug von Macht“) zu verspüren.

Schwer zu durchschauen

Statt mit Will das weitere Vorgehen zu besprechen, ist Jack Crawford (Laurence Fishburne) bei Lecter zu Gast. Obwohl man aus dem Gespräch beim Eisfischen recht eindeutig herauslesen konnte, dass der Agent dem Kannibalen auf der Spur ist, zögert er nur eine Mikrosekunde, bevor er dessen neueste Kreation verkostet. Warum Crawford einräumt, seine Zweifel an Will zu bereuen, ohne dabei - als Teil seiner Tarnung - nicht auch den Zweifel an Hannibal zu verurteilen, bleibt vorerst ebenso unergründlich wie die auffällige Bildkomposition dieser Szene: Vor einem opulenten Blumengesteck wird Jack bis zum Griff zum Weinglas wie das Spiegelbild Lecters umgesetzt. Weiß Jack, dass Hannibal weiß, dass er Bescheid weiß? Wer weiß.

Von Menschen und Monstern

Obwohl die Einführung von Randall Tier samt seiner Kraft, den LKW-Fahrer so furchtbar mühelos an sich zu reißen, einen allzu übertriebenen Eindruck macht, steuert seine Figur im Handlungsverlauf doch grandiose Szenarien bei. Statt dem unterschwelligen Horror, den beispielsweise Hannibal auf so großartige Weise verströmt, kommt der Zuschauer hier in den Genuss der guten, alten „Monster lauert und zerfleischt verliebte, angetrunkene Opfer“-Thematik. Glücklicherweise sind die betreffenden Passagen so gekonnt umgesetzt, dass man den Ausflug ins Horror-Klischee durchaus genießen kann. Im Einklang mit dem bebenden weiblichen Opfer schrecken wir davor zurück, dem Grauen in sein schreckliches Gesicht zu blicken.

Doch abseits der Möglichkeit, sich durch das schaurige Spektakel berauschen zu lassen, bringt der Fall Tier auch neue Erkenntnisse über den großen Antagonisten Hannibal mit sich. Als ehemaliger Patient Lecters hat Randall ebenfalls sein „Larvenstadium“ überwunden und dient als Exempel für die Schaffenskraft des Psychopathen. Bevor Lecter seinen Schüler Randall Will auf den Hals hetzt, lobt er mit glänzenden Augen die „wundervollen Fortschritte“, die er gemacht hat. Hannibals Stolz über das Resultat seiner in Therapieform dargebrachten, erzieherischen Maßnahmen ist unverkennbar und seine Freude unverstellt.

Individuelle Therapie

Randalls tierischer Instinkt musste von Hannibal nur in die richtigen Wege geleitet werden, um ihn letztendlich zum Morden zu bringen. Vielmehr scheint sich die Arbeit des Therapeuten hier darauf konzentriert zu haben, seinem Patienten das Vortäuschen von Menschlichkeit beizubringen, damit die Bestie hinter dieser Fassade ungestört heranwachsen kann.

Bei Will sieht es jedoch etwas anders aus. Nachdem bei ihm das Bedürfnis geweckt ist, sich durch das Beseitigen der Bösen mächtig zu fühlen, könnte man Lecters zweite Lektion für Graham als „Morden für Fortgeschrittene: intimes Töten“ titulieren. Statt eine Schusswaffe zu nutzen, soll er doch lieber selbst Hand anlegen. Ob Lecter in einem dritten Schritt wohl postulieren wird, dass der Kannibalismus als Werkzeug dient, um die intime Verbindung zum Opfer zu einem Höhepunkt zu bringen?

Randall betrachtet Hannibal wie ein geglücktes Experiment. Da seine kalte Zufriedenheit über dessen Werdegang jedoch keine Zuneigung ersetzt, ist er in Hannibals Augen nun wertlos. Da es Will an Randalls „Instinkt“ zum Töten mangelt, bedient sich Hannibal bei dem Profiler der Provokation, um ihn erneut morden zu lassen. Und weil Randalls Transformation ja nun perfekt ist, kann er problemlos geopfert werden, um wiederum die Wandlung von Graham voranzutreiben. Allem Anschein nach geht der Plan auf und Will tötet erneut.

Lob

Auch bei der Episode Shiizakana handelt es sich wieder um ein kleines Kunstwerk. Die monströse Konstruktion aus Knochen und Mechanik, mit deren Hilfe sich Tier in eine übermenschliche Bestie verwandelt, wirkt ebenso beeindruckend und gruselig-verstörend wie Will, der während des Profilens mit seinem Hirsch verschmilzt. Und in einer Aneinanderreihung von kurzen Detailaufnahmen gelingt es der Serie sogar, dem Trinkschlitz eines gewöhnlichen Kaffeebechers eine mysteriöse Wirkung zu verleihen...

Auch abseits der grafischen Komponente bietet Hannibal wieder viele, kleine Highlights. Es ist faszinierend, Mikkelsens Hannibal dabei zu lauschen, wie er Gott und die Welt betrachtet. Zudem kann man sich auch wieder an dem bezeichnend düsteren Humor der Serie erfreuen, als in Lecters Analyse( „a rabid animal attacks victims at random and doesn't eat any part of them“) fast so etwas wie das Bedauern einer nicht nachvollziehbaren Verschwendung mitzuschwingen scheint.

Auch die Interaktion zwischen Will und der durch und durch scharfsinnigen Margot Verger (Katherine Isabelle) ist unterhaltsam. Indem sich die Nicht-Erbin einer Schacht-Dynastie auf abgeklärte Weise mit Graham über ihren Psychiater und dessen fragwürdige Methodik austauscht, kristallisiert sich in ihrer Figur eine potentiell mächtige, weil wissende, Verbündete für Will heraus. In einer Offenheit, die das Herz schneller schlagen lässt, berichtet sie Graham so auch davon, wie sie durch Lecter zum Töten angetrieben wird. Sofort brennt man regelrecht darauf, mehr über diese verlockende Figur zu erfahren, die dem Grauen mit einer derartigen Neugier begegnet.

Fazit

Zwischen Will und Margot herrscht eine ausgezeichnete Chemie, was besonders auch Hugh Dancy und Katherine Isabelle zu verdanken ist. Die Tatsache, dass sich die beiden austauschen, scheint Hannibal fast so unangenehm zu sein wie der Moment, in dem Will auf seinen fleischgewordenen, wunden Punkt Bedelia Du Maurier zu sprechen kommt... Glücklicherweise betrachtet Hannibal seine Patientin Margot mit einer ähnlichen Faszination wie Will, was sie zumindest vorerst in Sicherheit wiegen dürfte.

In der Episode Shiizakana verwischt auf mitreißende Weise noch weiter, wer hier der Jäger ist - und wer der Gejagte. Es ist unwahrscheinlich, dass ein hyper-intelligenter Psychopath wie Lecter nicht zumindest in Erwägung zieht, dass Will ihn in eine Falle locken möchte. In logischer Konsequenz würde er diese Strategie zu seinem Vorteil nutzen, ohne dass dies dem Profiler bewusst wäre. Die Preisfrage besteht darin, inwieweit Will sich als überzeugender Köder präsentieren kann, ohne dass ihn sein mordlüsterndes Handeln nicht gleichzeitig tatsächlich verändert? Er tötet Randall zwar aus Notwehr, aber er tötet ihn. Und der Preis, den Will dafür bezahlen muss, ist sicher höher als nur die Tatsache, dass er seinen selbstgewählten Spitznamen des „Typen, der die ganzen Leute nicht getötet hat“ bald nicht mehr guten Gewissens verwenden kann.

Statt eines Canis dirus der auszog, um die verblichenen Mitglieder der Familie Stark zu rächen, bekommen wir es in Hannibal mit einem gestörten Menschen zu tun. Dabei ist nicht nur sein gnadenloses Wüten, das einen ansehnlichen Gruselfaktor beisteuert. Randalls Existenz lässt gleichzeitig die Frage aufkommen, wie vielen seiner Patienten Lecter wohl noch auf seine ganz spezielle Weise geholfen hat, sich selbst zu finden. In Anbetracht seiner langjährigen Karriere können wir uns im Verlauf von Hannibal wohl noch auf so manchen geheilten Charakter freuen. Während dieser Gedanke eine verstörende Wirkung innehat, kann man sich zumindest an einer guten Nachricht erfreuen: Jeremy Davies werden wir wohl noch öfter in seiner großartigen Rolle des Peter Bernadone zu sehen bekommen. Und Buster scheint es auch gut zu gehen.

Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 28. April 2014
Episode
Staffel 2, Episode 9
(Hannibal 2x09)
Deutscher Titel der Episode
Raubtier Mensch
Titel der Episode im Original
Shiizakana
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 25. April 2014 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 8. August 2014
Autoren
Jeff Vlaming, Bryan Fuller
Regisseur
Michael Rymer

Schauspieler in der Episode Hannibal 2x09

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