Hannibal 2x08

Hannibal 2x08

In Su-zakana agieren Will Graham und Dr. Lecter wieder in Freiheit miteinander. Ihre neue Beziehung ist dabei so faszinierend wie facettenreich. Besonders Pferdefreunde sollten Hannibal an dieser Stelle jedoch mit Vorsicht genießen.

In der Serie „Hannibal“ geht der Schalgabtausch zwischen Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) und Will Graham (Hugh Dancy) in eine köstliche nächste Runde. / (c) NBC
In der Serie „Hannibal“ geht der Schalgabtausch zwischen Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) und Will Graham (Hugh Dancy) in eine köstliche nächste Runde. / (c) NBC

Nach den mehr als dramatischen Entwicklungen der Vorgängerepisode Yakimono (2x07) lässt ein erstarkter Will Graham (Hugh Dancy) seinen Worten Taten folgen, indem er sich Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) als Köder auf dem Silbertablett präsentiert. Obwohl sich die Hannibal-Episode Su-zakana dabei wieder dem altbewährten „Killer der Woche“-Schema zu bedienen scheint und sich dadurch ein Stück weit von der zentralen Jagd nach dem Kannibalen distanziert, ist das Resultat nicht minder verlockend.

Frische Fische fischt...

Fast hat es den Eindruck, als habe Will statt Abigail Hobbs nun dem Agenten Jack Crawford (Laurence Fishburne) Zugang in die Wintervariante seines mentalen Rückzugsorts gewährt. Wieder stehen dabei die Angel-Metaphern in voller Blüte: Als von gesättigten Raubfischen und „lebendiger Beute“ die Rede ist, könnte man sich beinahe über einen Mangel an Subtilität echauffieren. Doch damit würde man das Wesentliche außer Acht lassen: Zwischen den Zeilen der köderlastigen Code-Sprache schimmert recht eindringlich hervor, dass Jack Hannibals Unschuld vielleicht doch nicht so arglos geschluckt hat: „You hook him. I'll land him“ (ungefähr „Du lockst ihn an den Haken. Ich ziehe ihn aus dem Wasser“).

Später äußert Crawford zwar wieder seine Skepsis über Wills Schuldzuweisung gegen den Psychiater - „You pointed in the wrong direction“ („Du hast in die falsche Richtung gedeutet.“) - doch dies geschieht schließlich in der Anwesenheit Lecters. Ist dementsprechend alles, was noch fehlt, um die packende Einstiegssequenz aus dem Staffelauftakt Kaiseki (2x01) geschehen zu lassen, der wiedererweckte Appetit des Raubfisches?

Das perfekte Dinner - Wahnsinnsedition

Im Vergleich zur ersten Staffel von Hannibal spielen alle Protagonisten mit sehr viel offeneren Karten - ohne dass dies auf Kosten der Vielschichtigkeit geht. Als Hannibal, Jack und Will gemeinsam ihre Forellen verspeisen, ist dies im Grunde genommen noch fast wahnsinniger als die Idee, einer toten Frau Rechenschaft zukommen zu lassen, indem man sie in die Gebährmutter eines Pferdes einnäht und zuvor einen Vogel in ihrem Brustkorb positioniert.

Während Will eine unverschleierte Dreistigkeit an den Tag legt („It was my turn to provide the meat“; „Ich war an der Reihe, das Fleisch beizusteuern“), ist so auch Jacks fast makelloses Pokerface bemerkenswert. Die Tatsache, dass Lecter im Gegenzug schmunzelnd darüber hinwegsieht, von seinen Gästen zuvor des Kannibalismus beschuldigt worden zu sein, macht die surreale Wirkung des Szenarios perfekt.

Ein bisschen Sex

Die Rolle der Alana Bloom (Caroline Dhavernas) beschränkt sich in dieser Episode von Hannibal leider auf die Partizipation in einer - wenn auch sehr kreativ inszenierten - Sexszene und dem anschließenden Bettgeflüster. Immerhin erhält sie dabei die Gelegenheit, das Offensichtliche auszusprechen. Ihren Worten - wie auch vielen anderen Aspekten von Su-zakana - wohnt eine überdurchschnittliche Portion kohlrabenschwarzen Humors inne: „The only thing stranger than finding a woman inside a horse is seeing Will Graham back in therapy with you.

Ein altes, neues Gesicht

Weitaus faszinierender geraten ist die Einführung von Lecters Patientin Margot (Katherine Isabelle). Aus der Rolle, die eine gleichnamige Figur auch im Thomas-Harris-Universum spielt, und dem höchst surrealen Einblick in Margots Misshandlung durch ihren Bruder lassen sich zwar einige Rückschlüsse ziehen. Doch da Bryan Fullers Wege glücklicherweise zuweilen unergründlich sind, kann man ebenso gut von Spekulationen und Möchtegern-Spoilern absehen und sich einfach darauf freuen, welche Rolle die Frau in der Serienadaption einnehmen wird.

Doppelgänger

Die beiden anderen Neuzugänge der Episode werden von den routinierten Schauspielern Jeremy Davies (Lost, Justified) und Chris Diamantopoulos (Arrested Development) so exzellent zum Leben erweckt, dass man sie liebend gern über mehrere Episoden hinweg kennenlernen möchte.

In der Beziehung zwischen dem labilen Sonderling Peter Bernardone (Davies) und dessen psychopathischem Sozialarbeiter Clark Ingram (Diamantopoulos) spiegelt sich die Vergangenheit zwischen Will und Hannibal vielleicht etwas zu maßgeschneidert wider: Wieder nutzt ein Mordsüchtiger die Schwäche (Huftritt vs. Enzephalitis) seines Schutzbefohlenen aus, um ihn auf grausame Weise zu instrumentalisieren.

Es geht auch bei Peter und Clark um Vertrauensbrüche und den irreperablen Schaden, den diese Fremdeinwirkung verursacht: „I used to have a horrible fear of hurting anything. He helped me get over that“ („Ich hatte früher furchtbare Angst davor, etwas anderem Schaden zuzufügen. Das habe ich mit seiner Hilfe überwunden“).

Wieder einmal bietet sich in %26bdquo;Hannibal%26ldquo; ein grausiges Spektakel. © NBC
Wieder einmal bietet sich in %26bdquo;Hannibal%26ldquo; ein grausiges Spektakel. © NBC

Im Rausch der schauspielerischen Brillanz und der verzückend verstörenden Bilder kann man jedoch nur zu gerne über den allzu günstigen Zufall hinwegsehen, dass unsere Protagonisten ihren nicht ganz so brillanten Zwillingen gerade zu diesem Zeitpunkt über den Weg laufen.

Schreck lass nach!

Wieder ist es der unterschwellige Witz, der das makabre Schauspiel mit den Pferdekadavern erträglich macht. So fragt Graham sein Gegenstück Bernardone mit nur einem Hauch von Tadel in der Stimme: „Is your social worker inside that horse?“ Hannibal hingegen streichelt gedankenverloren ein schweigendes Schäfchen, während sich Ingram - als Höhepunkt der verqueren Wiedergeburtsthematik - seinen Weg durch die Bauchdecke bahnt.

Die Originale

Wie weit geht Will darin, sich Hannibal als Appetitanreger zu präsentieren? Auf der einen Seite lässt er Lecter unmissverständlich spüren, dass er die Wahrheit kennt. Doch auf der anderen Seite sät Hannibal auf höchst verstörende Weise den Eindruck, dass es vielleicht doch Lecter sein könnte, der momentan die Oberhand hat. So ist Will - stellvertretend für Peter - drauf und dran, Ingram zu erschießen.

Falls dies lediglich Teil seiner dreisten Scharade ist, hat Will überaus hoch gepokert. Denn er hätte kaum mit Lecters ninjaartigem Reflex am Abzug rechnen können, oder? So oder so ist das Ziel erreicht und Hannibal betrachtet „seine Kreatur“ mit uneingeschränkter Faszination: „I can feed the caterpillar, I can whisper through the chrysalis but it hatches, it follows its own nature and that's beyond me“ (ungefähr: „Ich kann die Raupe nähren und der Larve zuflüstern. Doch wenn sie schlüpft, folgt sie ihren eigenen Impulsen und darauf kann ich keinen Einfluss nehmen“).

Fazit

In Gestalt seines Gegenstücks Bernardone präsentiert sich für Will in der Episode Su-zakana eine Art Lehrstück. Obwohl Peters Antagonist den Tod nach sechzehn Frauenmorden vielleicht „verdient“ hat, würde diese Art der Vergeltung doch im Gegenzug einen vernichtenden Einfluss auf Peter selbst haben. Vielleicht wird Graham diese Lektion in seiner neuen Strategie bestärken, Lecter am Ende lieber von seinem Verbündeten Crawford „an Land ziehen“ zu lassen. Wills Adoption der manipulativen Charakteristika seines Antagonisten wird nicht nur grafisch mit Hife einer hübschen Überblendung nach außen getragen. Auch in Grahams gepflegterem Erscheinungsbild und seiner Kleidung scheint sich diese Verwandlung niederzuschlagen.

Obwohl die vergangenen Episoden von Hannibal viel Klarheit gebracht haben, gelingt es den Serienverantwortlichen, die Ungewissheit am Leben zu erhalten: Was könnte Jack dazu bewogen haben, nun doch wieder an Wills Theorie zu glauben? Manifestiert sich in Lecter zwischenzeitlich tatsächlich eine Art von „Freund“ für Graham, indem er den Profiler erst einmal davor bewahrt, vollends die Kontrolle zu verlieren? Wer spielt hier mit wem, verdammt?!

Während die Charaktere Jimmy Price (Scott Thompson) und Brian Zeller (Aaron Abrams) nach wie vor im Hintergrund verharren, wird zumindest Brian etwas lebendiger, indem er sich als empathisches Wesen zu erkennen gibt - und dabei gleichzeitig an die verblichene Beverly erinnert. Doch glücklicherweise besteht in Hannibal ohnehin kein Mangel an verlockenden Figuren. So kann auch Margo, die bekennend „merkwürdige“ Anhängerin der Haute Couture, auf Anhieb in ihren Bann ziehen. In ihr scheint sich zudem - im Gegensatz zu Peter - eine Variante des verpuppten Will zu reflektieren. Dieser Eindruck wird noch durch Hannibals doppelter Verwendung von „Doing bad things to bad people makes you feel good“ verstärkt.

Als leckere Zugabe weckt in Hannibal ein kleines Wörtchen Hoffnung für die Freunde von Raúl Esparzas Dr. Frederick Chilton: „Chilton HAS many victims besides the dead“ („Chilton HAT neben den Toten viele weitere Opfer“). Bei dem Gedanken an die nächsten fünf Gänge der Serie läuft mir bereits jetzt das Wasser im Munde zusammen...

Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 22. April 2014

Hannibal 2x08 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 8
(Hannibal 2x08)
Deutscher Titel der Episode
Pferde
Titel der Episode im Original
Su-zakana
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 18. April 2014 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 8. August 2014
Autoren
Scott Nimerfro, Bryan Fuller, Steve Lightfoot
Regisseur
Vincenzo Natali

Schauspieler in der Episode Hannibal 2x08

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