Hannibal 2x05

Viele der Gegebenheiten, die sich in der Episode Mukozuke ereignen, stellen im Grunde genommen kaum eine Überraschung dar. Zudem kann man die Tatsache, dass in Hannibal nun ein weiterer psychotischer Killer in Erscheinung tritt, kaum als eine realistische Wendung verbuchen. Nichtsdestotrotz bleibt einem in Anbetracht dieser weiteren Glanzleistung Bryan Fullers jegliche Kritik im Halse stecken.
Katz ist mausetot
Die dürftige Hoffnung darauf, dass Beverly Katz (Hettienne Park) noch am leben sein könnte, verpufft spätestens, als Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) dem Agenten Jack Crawford (Laurence Fishburne) die Worte „she is one of yours“ entgegen raunt. Doch obwohl man somit vorgewarnt ist, trifft einen der Fund von Katz' Leiche mit voller Wucht. Die Kombination aus Jacks gequältem Gesichtsausdruck, dem wuchtigen Sounddesign und der schrecklichen Präsentation ihres Körpers - Gunther von Hagens lässt grüßen - ist zutiefst verstörend.
Im Angesicht dieses unermesslichen Grauens lässt sich selbst die chronische Unsympathin Lounds einen Hauch von Menschlichkeit entlocken. Und obwohl sich die Journalistin im Fortgang der Handlung wieder als grenzenlos karriereorientiert und berechnend zu erkennen gibt, sammelt ihre Figur dennoch Sympathiepunkte. Schließlich ist es ihr und ihrer fragwürdigen Website zu verdanken, dass sich zwischen Will Graham (Hugh Dancy) und seinem „Bewunderer“ eine mitreißende Zusammenarbeit entfalten kann.
Mord als letzte Wahl
Der Tod von Beverly Katz sorgt dafür, dass sich der hoch empathische Will auf das Level seines Erzfeindes herablässt. Lecter hat sich durch seine Rettung von Jack Crawfords (Laurence Fishburne) Ehefrau Bella (Gina Torres) kalkuliert weitere Pluspunkte bei dem Agenten gesichert. Während Will sich weiterhin darum bemüht, Dr. Frederick Chilton (Raúl Esparza) mit der Aussicht auf Ruhm für sich zu instrumentalisieren, scheint er begriffen zu haben, dass er Jacks hohe Meinung über Lecter nicht trüben kann. Statt Hannibal (Mads Mikkelsen) neuerlich zu beschuldigen oder sich auf die Kunst der Manipulation zu beschränken, um Lecter zu Fall zu bringen, schreckt er nach dem Mord an Katz nicht davor zurück, sich selbst mit Blut zu besudeln - zumindest in passiver Form, schließlich ist der ehemalige Profiler nach wie vor unfreiwillig im Baltimore State Hospital for the Criminally Insane zu Gast.
Mörder ist nicht gleich Mörder
Die Kehrtwende zum Bösen, die Will durchlaufen soll, wird in gewisser Weise bereits durch sein Anthony Hopkins-Gedächtnisoutfit angekündigt, in dem Graham stilecht zum Fundort von Beverlys Leiche gehievt wird. Doch trotz aller Gemeinsamkeiten, die Will nun mit Lecter verbinden, überwiegen doch die gravierenden Unterschiede zu dem Kannibalen: Will zieht das Töten nur als allerletzten Ausweg in Betracht. So scheint er letztendlich die Meinung Abel Gideons (Eddie Izzard) zu teilen, dass man dem „devil“ höchstpersönlich schlichtweg nicht anders beikommen kann. Lecter hingegen tötet aus reinem Vergnügen. Und dies wird den Zuschauern wieder auf wahrlich meisterhafte Weise in der Szene vor Augen geführt, in der Lecter die Nieren von Katz verspeist. Sein genussvolles Lächeln geht unter die Haut. Der perfide Spieltrieb des Kannibalen manifestiert sich zudem in der Teigtasche für die Überreste der Agentin, die auffällig an den neuen Mundschutz von Will Graham erinnert.

Der Zweck heiligt die Mittel
Es fällt nicht leicht zu akzeptieren, dass es in der Welt von Hannibal nur so von hochbegabten Killern zu wimmeln scheint. So stellt sich heraus, dass der Mord an dem Gerichtsdiener aus der Episode Hassun (2x03) auf das Konto des bislang unbekannten Psychopathen Matthew Brown (Jonathan Tucker) geht. Doch zumindest gesteht der starr dreinblickende Angestellte von Dr. Chilton, mit dem mörderischen Procedere gewisse Schwierigkeiten gehabt zu haben. Außerdem kann man über den in der Serie chronisch überstrapazierten Realismus gerne hinwegsehen, wenn er zu einer derartig spannenden Handlung führt, wie es in Mukozuke der Fall ist.
Zum einen ist Browns Figur an sich schon faszinierend genug, während sie schwärmerisch über das Potential für psychopathisches Teamwork philosophiert: „Imagine if the hawks started working together!“
Zum anderen klatschte die Rezensentin tatsächlich freudig in die Hände, als Will seinen neuen Verbündeten mit den Worten „I want you to kill Hannibal Lecter“ um einen vielversprechenden Freundschaftsdienst bittet. Zwar besteht nicht der Hauch einer Chance, dass Lecter zu diesem Zeitpunkt tatsächlich aus der Serie scheiden sollte. Doch alleine der Gedanke daran, dass dem unnahbaren Monster dank Brown einige Unannehmlichkeiten bereitet werden könnten, stimmt euphorisch.
Ein hoher Preis
Sowohl die Szenen im Schwimmbad als auch Lecters „Kreuzigung“ durch Brown sind wie gewohnt meisterhaft inszeniert und verzaubern durch eine düstere Ästhetik. Obwohl der Anblick eines derartig verwundbaren Hannibal wohl nicht wenigen Zuschauern eine gewisse Genugtuung bereitet haben dürfte, ist der Preis dafür doch gewaltig.
Zum einen hat Will einen Teil seiner Menschlichkeit eingebüßt, und wird nun von schauerlichen Wahnvorstellungen gepeinigt. So ließe sich das Geweih, das sich in Grahams Vorstellung durch seinen Rücken bohrt, in der Weise interpretieren, dass er nun auch selbst vom Bösen durchdrungen wird. Aus dem blutüberströmten Waschbecken sprechen dabei zweifellos die Schuldgefühle des Gefangenen.
Auf der anderen Seite könnte der Auftragsmord Will jedoch auch das Vertrauen von zwei wichtigen, potentiellen Verbündeten im Kampf gegen Hannibal kosten. Denn sowohl Alana Bloom (Caroline Dhavernas) als auch Crawford dürften sich nun darüber bewusst sein, dass Will durchaus über Leichen gehen kann...
Fazit
Eigentlich wartet die Episode Mukozuke abseits der überraschenden Offenbarung, dass Brown den Gerichtsdiener ermordet hat, mit einer ganzen Reihe von Vorhersehbarkeiten auf: Katz ist - erwartungsgemäß - Hannibal zum Opfer gefallen, und ihr Henker kommt am Ende dank Bloom und Crawford mit dem Leben davon. Dennoch ist die neueste Portion Hannibal wieder so packend und faszinierend geraten, dass man darüber fast das Atmen vergessen könnte.
Abseits der üblichen Verdächtigen (sprich Mikkelsen, Graham und Fishburne) sind dafür in dieser Episode besonders auch Eddie Izzard und Jonathan Tucker samt der von ihnen porträtierten Charaktere verantwortlich. Während Gideon durch seine verborgenen Beweggründe und seinen Einsatz als Spielverderber und Retter Hannibals die Neugierde schürt, kann auch Tucker in seiner Rolle des Neulings auf Anhieb überzeugen. Obwohl in Hannibal ja beim besten Willen kein Mangel an durchtriebenen Psychopathen besteht, würde sich die Rezensentin doch über die Gelegenheit freuen, diesen einfallsreichen Teamplayer noch etwas näher kennenzulernen.
Indem Crawford Will zu Beginn der Episode von seinen kultigen Fesseln befreit, demonstriert er seine wachsende Bereitschaft, seinem Ex-Profiler zu vertrauen. So hat er am Ende nicht mal mehr seine Waffe im Anschlag. Wie wird er wohl die Tatsache interpretieren, dass Graham - zumindest im Falle von Lecter - dem Morden wohlgesonnen ist?
Verblüffende Wendungen wie die Nieren des Farbpaletten-Killers James Gray im Körper der bemitleidenswerten Katz, die liebevollen Anspielungen an das Werk von Thomas Harris und ein unterschwelliger Humor der bösesten Sorte sorgen dafür, dass einem hier trotz allen Grauens ganz sicher nicht so schnell der Appetit vergeht...
Verfasser: Thordes Herbst am Samstag, 29. März 2014Hannibal 2x05 Trailer
(Hannibal 2x05)
Schauspieler in der Episode Hannibal 2x05
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