Hannibal 2x04

Hannibal 2x04

Die Episode Takiawase ist unglaublich spannend und äußerst durchdacht in Szene gesetzt. Außerdem treibt sie mit großen Schritten die Handlung von Hannibal voran. Wenn der Zuschauer so gekonnt in Geiselhaft genommen wird, was soll man denn da noch kritisieren?

In der Serie „Hannibal“ kann besonders die Interaktion zwischen / Bella (Gina Torres) und Jack Crawford (Laurence Fishburne) begeistern. / (c) NBC
In der Serie „Hannibal“ kann besonders die Interaktion zwischen / Bella (Gina Torres) und Jack Crawford (Laurence Fishburne) begeistern. / (c) NBC

Die Episode Takiawase ist so durch und durch köstlich geraten, dass die Rezensentin kaum weiß, wo sie mit ihrer Lobeshymne ansetzen soll. Die Geisteskraft, die die beiden Hauptfiguren Will Graham (Hugh Dancy) und Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) an den Tag legen, lässt die Nebencharaktere wie Dilettanten erscheinen. In dieser bislang besten Episode aus der zweiten Staffel von Hannibal rüsten sich fraglos zwei wahre Meister zum Kampfe.

Besuch von Abigail

Als man meint, einen kleinen Makel erspäht zu haben und kritisieren möchte, dass das Bild eines fliegenfischenden Wills in der Serie vielleicht etwas überstrapaziert wird, fällt einem eine wesentliche Neuerung an dem mentalen Zufluchtsort des Profilers ins Auge. So fischt Will nun in Gesellschaft von Abigail Hobbs (Kacey Rohl). Zwar lässt sich dadurch noch immer nicht klären, ob ihr interessanter Charakter vielleicht noch am Leben ist. Doch dank der Stippvisite erhält man eine etwas genauere Vorstellung davon, wie Will seinen mächtigen Erzfeind Hannibal zur Strecke bringen will. Statt ihm jägerhaft „nachzustellen“, möchte Graham ihn „ködern“. Vielleicht hätte Will jedoch statt Abigails Trugbild lieber Beverly Katz (Hettienne Park) von seiner Strategie berichten sollen...

Wie weit sich Will Graham mittlerweile von der Opferrolle entfernt hat, wird in seinem Umgang mit Dr. Frederick Chilton (Raúl Esparza) deutlich. Es ist faszinierend zu betrachten, wie geschickt er den selbstverliebten Leiter des Baltimore State Hospital for the Criminally Insane auf seine Seite zieht und ihn behutsam gegen Hannibal aufbringt.

Der Wahrheit auf der Spur

Chilton verabreicht Will per Injektion eine potente, psychoaktive Substanz, die in ihrer Wirkung einer Art von Wahrheitsserum gleichkommt. Der darauffolgende Trip bringt wieder einmal - und ganz besonders eindrucksvoll - die Kunstfertigkeit zum Vorschein, mit der die Serienverantwortlichen von Hannibal ihren Zuschauern zu Leibe rücken. Das dissonante Sounddesign geht noch müheloser unter die Haut als die Kanüle, die Will zu seinen verzerrten Uhren aus der ersten Staffel zurückbringt. Und während die Skizzen wieder an Salvador Dalís berühmtes Gemälde denken lassen, hat sich die Serie scheinbar auch noch von einem weiteren Künstler inspirieren lassen. So verschmilzt das Antlitz von Dr. Lecter in Wills Erinnerungen zu einer Fratze, die auch von Pablo Picasso hätte stammen können.

Dank dieses höchst fantasievoll gestalteten Generalangriffs auf die Sinne kann man die intensive Wirkung nachempfinden, die die vergessen geglaubten Impressionen auf Will haben. Selbst der abgebrühte Chilton ist offensichtlich geschockt von den höchst zweifelhaften Praktiken, mit denen sich Hannibal Zutritt in Wills Geist verschafft hatte.

Gemäß seines prahlerischen Charakters kann es Chilton nicht lassen, Hannibal mit seinen neuen Erkenntnissen zu konfrontieren. Überraschend schnell kommt es gar zu einer Schuldzuweisung. Dabei kommt die Befürchtung auf, dass sich Chilton hiermit unwissend in des Teufels Küche bringt - im wahrsten Sinne des Wortes.

Wechselbad der Gefühle

Ebenso wirkungsvoll wie der Ausflug in Wills Erinnerungen ist der Übergang zur nächsten Szene geraten. Hier „steht“ Jack Crawford (Laurence Fishburne) seiner krebskranken Frau Bella (Gina Torres) „bei“, indem er sich einen Zug aus deren Vernebler genehmigt. Obwohl man eigentlich ungehalten darüber sein sollte, dass das nervenzehrende Gespräch zwischen den Psychiatern Chilton und Lecter unterbrochen wird, macht die Interaktion der Crawfords doch einen so authentischen und warmen Eindruck, dass man sofort auch in diesem Handlungsstrang verloren geht.

So dankbar man für einen kiffenden Jack Crawford ist, der einem eine dringend benötigte Prise Leichtigkeit verschafft, so ergriffen wird man von dem, was folgt. Jack bringt nämlich auf so wunderbar berührende Weise Liebeserklärungen über seine Lippen, dass man dem Schauspieler dafür am liebsten postwendend seinen nächsten Emmy zusenden würde.

Die Bienenkönigin

Während alles, was Graham oder Lecter betrifft, in dieser Episode geradezu makellos anmutet, macht der menschliche Bienenstock namens Duncan zunächst einen übertriebenen, wenn nicht gar überflüssigen Eindruck.

Doch nicht nur dank Amanda Plummer („Pulp Fiction“), die die durchgedrehte Imkerin Katherine Pims auf eine sehr stimmige und mitreißende Art und Weise verkörpert, sondern auch aufgrund des fabelhaft präparierten Leichnams möchte man diesen „Fall der Woche“ trotzdem nicht missen.

Nicht nur ist das Grauen immens, als Pims das Auge ihres Opfers bei vollem Bewusstsein attackiert. Auch der „wandelnde Tote“, in den sie ihren nächsten Patienten verwandelt, stimmt betroffen. Entscheidender ist jedoch die Tatsache, dass der Fall Pims gekonnt mit dem Rest der Handlung verwoben ist.

Jack Crawford (Laurence Fishburne) und seine Kollegen Price (Scott Thompson) und Zeller (Aaron Abrams) begutachten eine süße Leiche. © NBC
Jack Crawford (Laurence Fishburne) und seine Kollegen Price (Scott Thompson) und Zeller (Aaron Abrams) begutachten eine süße Leiche. © NBC

Zum einen liefert eine Feststellung des Forensikers Jimmy Price (Scott Thompson) - „The bee stings are hiding the needle marks“ - seiner Kollegin Katz den nötigen Fingerzeig, um wiederum Hannibals Hinweis bezüglich der Leiche des Farbpalettenkillers verstehen zu können. Gleichzeitig stellt die geistig verwirrte Mörderin Plum in ihrem Glauben, den Männern durch ihre lobotomen Eingriffe geholfen zu haben, einen hübschen Kontrast zum Mörder Hannibal dar, welcher ausschließlich zu seiner persönlichen Unterhaltung mordet. Und zur Nahrungsbeschaffung, versteht sich.

Das Monster Hannibal

Im therapeutischen Gespräch macht es den Eindruck, als würde Hannibal tatsächlich etwas an Bella Crawford liegen. Auch scheint er das Leid seiner Patientin wirklich zu mildern, indem er ihr wortgewandt die Angst vor dem Selbstmord nimmt.

Doch alles Mitgefühl, jegliche menschliche Regung ist nicht mehr als Fassade. Wie Hannibal im Gespräch mit Katz selbst verlauten lässt, darf man sich von einer menschlich anmutenden Hülle nicht täuschen lassen. Für Hannibal ist der perfide Umgang mit Bella ebenso ein Spiel wie alles andere in seinem Leben. Dies manifestiert sich geradezu perfekt darin, dass Lecter allem Anschein nach eine Münze darüber entscheiden lässt, ob er Bella den eigenen Tod gestatten sollte.

Mit Bella und Chilton erweitert sich der Kreis derjenigen, die langsam etwas Abartiges in Hannibal zu erkennen glauben. Katz kommt dem intelligenten Psychopathen schließlich gänzlich auf die Schliche. Dabei übersieht sie bedauerlicherweise, dass der Verdacht gegen Lecter ihren ganz persönlichen Köder darstellt, mit dem Hannibal sie in eine Falle lockt. Und damit ist die Arbeit, die Will in eine potentielle Verbündete investiert hat, in doppelter Hinsicht für die Katz.

Fazit

Will findet immer weiter zu sich selbst und kann Stück für Stück Zweifel in seinem Umfeld verbreiten, was die Unbescholtenheit Hannibals betrifft. Dies bedeutet jedoch in keinem Fall, dass Lecter sich bereits jetzt ernsthafte Sorgen machen müsste.

Im Umgang mit Katz, die in Takiawase zwar einen fast schon dämlichen Leichtsinn an den Tag legt, sonst aber nicht gerade auf den Kopf gefallen ist, manifestiert sich eindringlich seine Fähigkeit, Mitmenschen zu lesen. Bereits als er auf Beverlys Lüge über Will - „I am just relieved he is not saying the killer is you anymore“ - den schlichten Satz „At least not to me“ entgegnet, macht man sich große Sorgen um die Forensikerin. Gleichzeitig legt Hannibals Antwort zusätzlich nahe, dass man Will und seinem Täuschungsversuch vielleicht doch nicht so bereitwillig Glauben schenkt, wie es doch den Anschein hatte...

Der Regisseur David Semel leistet in seinem Regiedebüt für Hannibal von der ersten bis zur letzten Minute ganze Arbeit. Kleine, humorige Details wie ein Chilton, der sich ängstlich aus Wills Reichweite manövriert, setzt er ebenso genial in Szene wie den Schrecken, der beispielsweise mit einem Hannibal einhergeht, der in seinem Keller blitzschnell das Licht ausschaltet.

Im Lichte des angsteinflößenden Cliffhangers sieht es nicht gut für Katz aus. Doch obwohl die FBI-Agentin einen durch ihren Leichtsinn ein Stück weit gegen sich aufgebracht haben könnte, stimmt ihr vermeintlicher Verlust für die Serie doch betroffen. Zu diesem Zeitpunkt ist es nämlich schwer vorstellbar, dass es ihren noch recht blassen Kollegen Price und Brian Zeller (Aaron Abrams) gelingen wird, sie zu ersetzen.

Besonders tief wird man in dieser Episode auch durch Bellas furchtbares Schicksal und ihre Interaktion mit Jack berührt. Fraglos stammt die äußerst authentische Wirkung ihrer gemeinsamen Passagen auch daher, dass sich Torres und Fishburne tatsächlich ein Ehebett teilen. Doch auch die wunderschön ausgearbeiteten Dialogzeilen tragen einen großen Teil dazu bei, dass diese Szenen so zauberhaft wirken.

Große Gefühle. Eine Anspannung, die einen dazu bringt, den Fernseher anzubrüllen. Ein anspruchsvolles Drehbuch, das einer prall gefüllten Schatztruhe gleichkommt. Ein Schauspielerensemble ohne schwächstes Glied. Und eine Aufmachung, die die Schwelle zur Kunst leichtfüßig überschreitet. Das alles fügt sich in Hannibal zu einer praktisch makellosen und unglaublich berauschenden Episode zusammen. Danke dafür.

Verfasser: Thordes Herbst am Samstag, 22. März 2014
Episode
Staffel 2, Episode 4
(Hannibal 2x04)
Deutscher Titel der Episode
Honig
Titel der Episode im Original
Takiawase
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 21. März 2014 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 25. Juli 2014
Autoren
Scott Nimerfro, Bryan Fuller
Regisseur
David Semel

Schauspieler in der Episode Hannibal 2x04

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