Hannibal 2x03

Auch in der Episode Hassun bekommen die Zuschauer von Hannibal wieder Bilder des Schreckens präsentiert. Denn während sich Will Graham (Hugh Dancy) für die Morde Hannibal Lecters (Mads Mikkelsen) vor Gericht verantworten muss, beginnt eine neue Mordserie. Egal ob eine Leiche in Flammen aufgeht oder Zeugen befragt werden - man kann sich dem Gezeigten schwer entziehen. Da die Serie dabei in der neuen Episode eher Fingerzeige als Gewissheiten präsentiert, kann sich das Publikum nach Lust und Laune in alle möglichen Theorien verstricken.
Better call Leonard
Mit dem gerichtlichen Setting halten neue Charaktere Einzug in die Welt von Hannibal. Maria Del Mar leistet in ihrer Rolle der aggressiven Staatsanwältin ebenso solide Arbeit wie Barry Flatman als bemitleidenswerter Richter, aus dem später ein morbides Kunstwerk geschaffen wird. Besonders nachhaltig bleibt einem jedoch Shawn Doyle als Wills Anwalt Leonard Brauer in Erinnerung, der in seiner abgebrühten Schlagfertigkeit fast ein wenig an Breaking Bads Saul Goodman (Bob Odenkirk) erinnert. Mal kommentiert er herrlich trocken das Ohr, das Will von seinem „Bewunderer“ geschickt wird („I think I opened your mail“). Mal sorgt er für Erheiterung, indem er die grenzenlos unsympathische Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) samt ihrer Will-feindlichen Aussage diskreditiert. Immer ist auf den gewieften Brauer Verlass, den man gerne noch öfter in Hannibal zu sehen bekommen würde.
Berechtigte Zweifel?
Was das gerichtliche Procedere angeht, mutet es doch merkwürdig an, dass der Prozess nach dem Fund des Ohres und dem Mord an dem Gerichtsdiener ungerührt weitergeht. Auch die Tatsache, dass es nicht weiter auffällt, wenn eine Mordwaffe für eine Weile aus der Asservatenkammer ausgeliehen wird, stimmt befremdlich. Hätte Lounds Aussage, dass Abigail in Will einen kannibalischen Killer vermutet habe, nicht unter dem Tatbestand des „Hörensagens“ als unbrauchbar klassifiziert werden müssen?
Chiltons Diagnose
Da es im Verlauf der Verhandlung aber immer wieder zu Highlights wie der Aussage von Dr. Frederick Chilton (Raúl Esparza) kommt, sieht man über so manche Ungereimtheit wohl gerne hinweg. So ist es faszinierend zu betrachten, wie treffsicher der Leiter des Baltimore State Hospital for the Criminally Insane unseren intelligenten Psychopathen charakterisiert, wobei er sich lediglich in der Person vertut. Dem nur 1,60m großen Schauspieler Esparza gelingt es so ausgezeichnet, die Missgunst Chiltons zu verkörpern, dass es eine Freude ist, ihm dabei zuzusehen.
Überhaupt mischt sich in der Episode Hassun verhältnismäßig oft Komik in das allgegenwärtige Grauen. So gibt es gröbere Späße wie das Gezanke der Spurensicherer über eine Stuhlprobe. Da sich der betreffende Wortwechsel in der unmittelbaren Nähe der aufgespießten Leiche des Gerichtsdieners vollzieht, wird einem wieder einmal bewusst gemacht, dass wir es in Hannibal mit einer zum Bösen hin überspitzten Variante der Realität zu tun haben.
An anderer Stelle sorgt Mr. Lecter auch für Humor der unterschwelligeren Art, indem er die Feststellung der Staatsanwältin, es handelte sich bei Will um „die intelligenteste Person im Raum“, mit einem dezenten Lächeln quittiert.
Ungewissheit
Mittlerweile wird sehr schön deutlich, dass Will den Kampf gegen Lecter insgeheim bereits aufgenommen hat. Gegenüber Hannibal mimt er weiterhin ein hilfsbedürftiges Opfer, das seinen eigenen Sinnen nicht traut. Geschickt weckt er in seinem Gegenspieler dadurch die Hoffnung, dass es zwischen ihnen doch noch eine Freundschaft geben kann.

Ungleich schwerer zu durchschauen ist Hannibal. Im Umgang mit Jack Crawford (Laurence Fishburne) hat es zeitweise den Eindruck, als würde er mit dem FBI-Agenten tatsächlich Mitleid empfinden. Doch ebenso wie im Falle seiner „Freundschaft“ zu Will ist es unmöglich zu sagen, inwieweit es sich bei der vermeintlichen Empathie lediglich um die Laune eines Puppenspielers handelt.
Statt Jack in seinen Plänen zu bestärken, mit seiner schwerkranken Ehefrau nach Italien zu gehen, rät Hannibal ihm dazu, weiterzuarbeiten: „When Bella is lost to you, the FBI could still be there.“ Warum verzichtet Lecter auf die Chance, sich eines Feindes zu entledigen, der schon in wenigen Wochen sein wahres Ich durchschauen wird? Hat er den Agenten schlichtweg unterschätzt oder gehört es vielleicht gar zu Hannibals Masterplan, irgendwann von Jack als Killer überführt zu werden?
Ein neuer Mörder?
Eigentlich ist es schwer denkbar, dass ein anderer Killer als Hannibal selbst den Gerichtsdiener und den Richter ermordet haben sollte. Wer sonst hätte ein Interesse daran, Will durch den erzwungenen Neubeginn der Verhandlung vor dem Schuldspruch zu bewahren? Zudem dürfte kaum ein anderer Mensch über alle nötigen Informationen und überhaupt den Mumm zum Morden verfügen, um Wills vermeintliche Verbrechen nachzuahmen. Warum, auf der anderen Seite, würde Lecter die Opfer aber erschießen und dadurch wiederum verhindern, dass Will vollends rehabilitiert wird? Möchte er seinen „Freund“ zwar vor der Todesstrafe retten, nicht aber aus der Gefangenschaft entlassen? Oder gibt es am Ende vielleicht doch einen weiteren Mörder, der von Will fasziniert ist?
Spekulationswahn
Für diese sehr viel abwegigere Theorie spricht zum einen, dass Hannibal von den neuen Geschehnissen ernsthaft überrascht zu werden scheint: „It hadn't occurred to me to send you an ear.“ Zudem gibt es in Hassun keine Szene, in der Lecter die Trophäe verspeisen würde, die sich der Killer aus dem Fleisch des Richters herausgeschnitten hat.
In Hannibal gibt es so viele Geheimnisse und falsche Fährten, dass die Rezensentin sich zeitweise auch in Hypothesen verrennt, die die Grenze zur Verschwörungstheorie überschreiten dürften. So scheint die Tatsache, dass Abigail Hobbs noch lebte, als ihr das Ohr abgetrennt worden ist, recht auffällig betont zu werden. Wäre es möglich, dass in Savoureux (1x13) tatsächlich Kalbsfleisch auf Lecters Tellern gelandet ist, und Abigail noch lebt?
Fazit
Obwohl es sich bei der Rezensentin nicht um eine Expertin der amerikanischen Rechtslage handelt, machen einige Passagen in dem Prozess gegen Will selbst in ihren Laienaugen einen etwas fragwürdigen Eindruck. Glücklicherweise schmälern diese und andere Begebenheiten der unrealistischeren Art die Sehfreude von Hassun nur unwesentlich. Schließlich sieht man - zumindest als Gore-Freund - gerne über die ausufernde Unwahrscheinlichkeit hinweg, einen Richter zu ermorden und unentdeckt im Gerichtsgebäude ausstellen zu können, wenn man im Gegenzug in den Genuss seines derartig kunstvoll entstellten Leichnams kommen darf. Besonders, wenn das Ganze dann auch noch eloquent von Hannibal in Worte gefasst wird: „Not only is justice blind, it's mindless and heartless.“
An anderer Stelle nutzen Bryan Fuller und sein Team Dialogzeilen, um subtil und fast ehrfürchtig auf „Das Schweigen der Lämmer“ zu verweisen. So beschreibt Chilton Will fast mit den gleichen Worten, die Clarice Starling im Film wählt, um Hannibal Lecter zu klassifizieren: „They don't have a name for what he is.“
In der japanischen Haute cuisine ist der Gang „Hassun“ dafür verantwortlich, das Thema für die folgenden Gerichte vorzugeben. Wenn dies auch für die Serie gilt, kann man auch den kommenden Episoden von Hannibal optimistisch begegnen. Denn dank der erstklassigen Darsteller, von denen sich in dieser Episode insbesondere auch Laurence Fishburne hervortut, und der komplexen Handlung, bietet sich auch hier wieder Fernsehen auf erstklassigem Niveau. So darf es gerne weitergehen.
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 17. März 2014Hannibal 2x03 Trailer
(Hannibal 2x03)
Schauspieler in der Episode Hannibal 2x03
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