Hannibal 2x02

Hannibal 2x02

In der Episode Sakizuke kommt Will Graham weiter zu Kräften, während sich sein mächtiger Antagonist gleich mehrfach verkalkuliert. Währenddessen scheint die Serie Hannibal austesten zu wollen, wie viel Grausamkeit sie ihrem Publikum zumuten darf.

In der Serie „Hannibal“ ist Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) weiterhin auf freiem Fuß. / (c) NBC
In der Serie „Hannibal“ ist Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) weiterhin auf freiem Fuß. / (c) NBC

Zu Beginn der Episode Sakizuke zeigt sich die Serie Hannibal von ihrer schrecklichsten Seite und präsentiert sich als ausgewachsener Horror-Thriller. Wie bereits in der Auftaktepisode nehmen die Serienverantwortlichen ihre Zuschauer mit einem intensiven Einstieg in Geiselhaft, um sie erst 42 ereignisreiche Minuten später wieder sich selbst zu überlassen. Zurück bleibt ein Publikum, das ebenso verstört wie fasziniert sein dürfte. Aber definitiv hungrig nach mehr.

Zu viel des Bösen?

Das Schicksal hat es nicht gut mit Roland Umber (Ryan Field) gemeint. Der Ex-Junkie überlebt eine Überdosis Heroin und kommt als Teil eines grotesken Kunstwerks aus menschlichen Leichen in einem Kornspeicher zu sich. Was folgt, ist erst einmal Gore pur.

Die Bemühungen des mit Fäden fixierten Umber sich zu befreien sind schrecklich detailliert und unbequem realistisch in Szene gesetzt. Die Szenen gehen - nicht nur sprichwörtlich - tief unter die Haut und dauern darüber hinaus so lange an, dass es so manchem den Sehspaß verderben könnte. Doch dass man sich mit Hannibal keine romantische Komödie aufgetischt hat, sollte den Zuschauern mittlerweile klar geworden sein. Und wenn man es irgendwann wagt, sich wieder hinter den schützend vor das Gesicht erhobenen Händen hervorzuwagen, wird man dafür von der Serie immerhin wieder und wieder fürstlich entlohnt.

Welch schreckliche Welt

So auch im Falle der Episode Sakizuke, in der auf den Horror erst einmal ein packender Thriller folgt. Die Elemente Vorhängeschloss, Scheinwerfer und Maisfeld werden zwar nicht zum ersten Mal im Rahmen einer fiktiven Flucht verwendet. Dabei sorgen jedoch die durchdachte Kameraführung und der wie immer grandiose Soundtrack dafür, dass einen das Szenario dennoch in Atem hält. Doch wie sehr man sich auch wünschen mag, dass Roland für seine Tapferkeit am Ende belohnt wird - der Aufprall seines geschunden Körpers auf einen Felsen bereitet seiner verzweifelten Flucht ebenso ein jähes Ende wie seinem Leben. Hannibal ist knauserig mit den Happy Ends, die es gewährt.

Beinschmaus

Auch in Bezug auf das kulinarische Grauen, das mit den Essgewohnheiten des Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) einhergeht, setzt die Episode neue Maßstäbe. In der Vergangenheit konnten die Zuschauer Hannibal zwar schon bei der Zubereitung einer menschlichen Lunge über die Schulter schauen. Ansonsten mutete das menschliche Fleisch immer so generisch an, dass es auch von einem Tier hätte stammen können. Doch als der Psychiater nun ein Bein zubereitet, ist es so lange noch als Solches erkennbar, dass an dieser Stelle ein kleiner Ekel-Rekord gebrochen worden sein dürfte.

Neben einer gehörigen Portion Schrecken wohnt Hannibals neuestem kannibalischen Akt aber auch eine Menge Bedeutung inne. So scheint er seinem ebenfalls mordbegeisterten Opfer zwar tatsächlich einen Gefallen tun zu wollen, indem er ihn mit seinem Werk verschmelzen lässt. Gleichzeitig demonstriert Lecter durch die Amputation des Beines, dass ihm nicht einmal die mörderische Größe heilig ist, die er in der Farbpallette zu erkennen scheint. Welch ein faszinierendes Monster.

Stellungswechsel

Während den Zuschauern in Sakizuke auf der einen Seite grafisch überdurchschnittlich viel abverlangt wird, werden sie auf der anderen Seite mit einem erstarkten Will Graham (Hugh Dancy) belohnt. Der völlig hilflose Kranke, der von seinen Geistern fast in den Wahnsinn getrieben wird, ist nur noch eine Fassade. Dank der Erinnerung daran, wie ihm von Hannibal Abigails Ohr eingeflößt wurde, ist Will nicht nur Herr über seine Sinne, sondern traut ihnen auch. Als Will, der doch eben noch wimmernd Dr. Lecter um Hilfe bat, in der Zurückgezogenheit seiner Zelle seine Gefasstheit offenbart, hat es fast den Anschein, als hätten er und sein Erzfeind die Plätze getauscht. So ist es nun an Will, den Psychiater zum Narren zu halten.

Verbündete

Gleichzeitig dehnt Will seine manipulativen Bemühungen auch auf Beverly Katz (Hettienne Park) aus. Im Gegenzug für seine Hilfe als Profiler hält er sie dazu an, sich seinen Fall noch einmal genauer, und vor allem auf unvoreingenommene Weise, anzuschauen. Herrlich ist es in Bezug auf die CSI'lerin im übrigen auch, wie spielerisch Dr. Lecter Will als wahren Urheber von Beverlys Farbpalletten-Theorie erkennt.

Während Katz noch weit davon entfernt ist, Will zu vertrauen, wird dem Profiler überraschenderweise aus einer anderen Richtung Unterstützung zuteil...

Lob

Die Episode Sakizuke ist prall mit Szenen gefüllt, die aus ganz verschiedenen Gründen begeistern können. Zum einen stellen gleich mehrere Mitglieder des Schauspiel-Ensembles wieder unter Beweis, dass es sich bei ihnen um Meister ihres Faches handelt: Die Eiseskälte, die Mikkelsen verströmt, als er Will trotz allem weiterhin ins Gesicht lügt („...and you can trust me!“) sorgt für Gänsehaut. Besonders gelungen ist auch die Szene, in der Lecter beim Begutachten von Umbers Leiche ins Taumeln gerät.

Humor

Ist der Psychopath derartig von dem „Projekt“ des Farbpaletten-Killers berauscht, dass ihm schwindelig wird? Oder sind die Gleichgewichtsstörungen lediglich teil seiner Fassade, in der Unbehagen heuchelt um menschlich zu erscheinen? Vieles spricht für die erste Theorie, da Hannibal auch später noch einmal die Bewunderung für die „Mordserie nach Farben“ zum Ausdruck bringt. Seinem „I love your work“ - das überaus erquicklich von pompösen Chören umsungen wird - wohnt dabei eine gänzlich unverstellte Freude inne. Wie auch so mancher von Wills trockenen Aussprüchen („pissing contest“) trägt auch dieses Paradebeispiel für den echten Lecter zudem den Humor inne, den Hannibal aller Düsternis zum trotz verströmt.

Endlich kommt es zur ersten Begegnung zwischen Will Graham (Hugh Dancy) und Bedelia De Maurier (Gillian Anderson). Doch wird es auch die letzte sein? © NBC
Endlich kommt es zur ersten Begegnung zwischen Will Graham (Hugh Dancy) und Bedelia De Maurier (Gillian Anderson). Doch wird es auch die letzte sein? © NBC

Noch mehr Lob

Auch Laurence Fishburne leistet in seiner Rolle des Jack Crawford wieder ganze Arbeit. Indem sich der FBI-Agent mit seinem Therapeuten (Martin Donovan) über Schuldgefühle austauscht wird einem zudem auf subtile Weise vor Augen geführt, wie weit sich der Kreis des Leides zieht, den Hannibal so unbedarft über sein Umfeld bringt.

Obwohl Cynthia Nixon in ihrer Rolle der Kade Prurnell auch in ihrem zweiten Auftritt nur sehr wenig Spielzeit eingeräumt wird, möchte man ihren Charakter doch unbedingt näher kennenlernen. Tränen manifestieren sich bei dem Gedanken an eine Todesstrafe für den Gefangenen in ihren Augen. Könnte aus Prurnell trotz ihrer Skepsis eine weitere Verbündete für Graham werden?

Auf nimmer wiedersehen?

Bedächtig werden dem Zuschauer in Bezug auf die rätselhafte Beziehung zwischen Lecter und seiner Psychiaterin Dr. Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson) neue Hinweise gegeben. So erkennt Du Maurier scheinbar Parallelen zwischen ihrem eigenen Attentäter und dem Verhalten ihres Patienten Lecter. Aus einer moralischen Perspektive ist es zwar nicht unstrittig, dass die Psychiaterin ihre eigene Haut rettet, ohne sich zumindest gegenüber Jack zu warnenderen Worten über Hannibal hinreißen zu lassen. Schließlich scheint sie doch erkannt zu haben, dass eine sehr konkrete, auch physische „Gefahr“ von Lecter ausgeht, was Anderson schauspielerisch vorbildlich umsetzt. Bevor ihre Figur jedoch - zumindest vorerst - die Flucht ergreift, lässt es sich die Psychiaterin nicht nehmen, Will ein „I believe you“ entgegen zu hauchen. Indem sie ausgerechnet Graham unterstützt und ihm die so dringend benötigte Selbstsicherheit spendet, hat die clevere Frau ihrem Patienten Hannibal einen empfindlichen Schlag versetzt...

Fazit

Mit der Episode Sakizuke ist Bryan Fuller und seinen Kollegen eine weitere Glanzleistung gelungen. Es lässt sich zwar darüber streiten, wie viel Grausamkeit selbst in einem Horror-Thriller wie Hannibal verträglich ist. Doch gleichzeitig hat die Episode, deren Titel übrigens als japanisches Pendant zum französischen Amuse-Bouche (1x02) ebenfalls einen kulinarischen Appetitanreger bezeichnet, so viel mehr zu bieten, dass die schreckliche Anfangssequenz darüber fast vergessen werden könnte.

Obwohl die Handlung in wichtigen Punkten voranschreitet und der Zuschauer Stück für Stück in die Geheimnisse der verschiedenen Figuren eingeweiht wird, besteht die wahre Kunst der Serie darin, dem Publikum bestimmte Sachverhalte vorzuenthalten. Dadurch, dass nicht alles eindeutig ist und dem Zuschauer wiederholt und unmissverständlich vorgekaut wird, kann man die mannigfaltige Welt von Hannibal erst richtig genießen.

Die Dialoge sind in diesem Sinne ebenfalls ausgezeichnet, lassen viel Raum für eigene Interpretationen und erweisen sich den verschiedenen und teils hochkultivierten Protagonisten stets als würdig. Nach fantastischen Sätzen wie „I have had to draw a conclusion based on what I glimpsed through the stitching of the person-suit that you wear. And the conclusion that I have drawn is that you are dangerous.“ stimmt der Gedanke an ein „Hannibal“ ohne Gillian Andersons Dr. Bedelia Du Maurier zwar traurig. Doch selbst, wenn von dem verlockenden Charakter am Ende tatsächlich nicht mehr bleiben sollte als ihr Parfüm, sollte man sich über den Fortgang der Serie nicht all zu große Sorgen machen. Denn eines ist in den bisherigen 15 Episoden klar geworden: Die Macher von Hannibal wissen ganz genau, was sie da tun.

Verfasser: Thordes Herbst am Samstag, 8. März 2014

Hannibal 2x02 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 2
(Hannibal 2x02)
Deutscher Titel der Episode
Maisstaub
Titel der Episode im Original
Sakizuke
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 7. März 2014 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 18. Juli 2014
Autoren
Jeff Vlaming, Bryan Fuller
Regisseur
Tim Hunter

Schauspieler in der Episode Hannibal 2x02

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