Hannibal 2x01

Hannibal 2x01

Bryan Fullers Hannibal knüpft in seiner zweiten Staffel ohne Abstriche an die qualitativ hochwertige Jungfernstaffel der Serie an. Neben der brillanten ersten Szene von Kaiseki kann besonders die Figur Will Grahams begeistern, die endlich erstarkt.

In der Serie „Hannibal“ hält Beverly Katz (Hettienne Park) Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) noch nicht für ein Monster. / (c) NBC
In der Serie „Hannibal“ hält Beverly Katz (Hettienne Park) Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) noch nicht für ein Monster. / (c) NBC

Im Staffelfinale Savoureux (1x13) hatte der an Enzephalitis erkrankte Will Graham (Hugh Dancy) endlich die verstörende Wahrheit über seinen Freund Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) erkannt. Doch statt nun dem gerichtlichen Prozess gegen den Serienmörder und Kannibalen beizuwohnen, befindet sich der Profiler weiterhin hinter den Gittern des Baltimore State Hospital for the Criminally Insane. Obwohl der boshafte Psychiater Lecter noch lange nicht überführt ist, tröstet doch die Tatsache, dass sein geschwächter Gegenspieler Graham endlich die Opferrolle ablegt.

12 weeks

In der packenden Anfangssequenz, die die zweite Staffel von Hannibal einleitet, lässt sich die Serie tief in die Karten schauen. In Anbetracht der Buchvorlage war es zwar nur eine Frage der Zeit, bis nach Will auch andere Lecter auf die Schliche kommen. Indem dem grimmigen Kampf zwischen Jack Crawford (Laurence Fishburne) und Hannibal hier jedoch die Zeitangabe „twelve weeks later“ zugeordnet wird, leitet die Serie quasi den Countdown ein. Auf höchst geschickte Weise können die Serienverantwortlichen im Umfeld von Bryan Fuller so die Spannung anheizen und ein Gefühl der Dringlichkeit heraufbeschwören, ohne dabei zu viel über den Fortgang der Handlung zu verraten. Denn wie - oder in welcher Episode - dem FBI-Agenten schließlich die Schuppen von den Augen fallen werden, bleibt ebenso ungewiss wie das Schicksal Crawfords, dem sein Gegner im bitteren Schlagabtausch schlimme Verletzungen zufügt.

Der neue Will

An anderer Stelle erfahren wir, dass lediglich zwei Monate vergangen sind, seit Jack in der Auftaktepisode Apéritif in Wills Hörsaal vorbeischaute. Seit diesem Tag hat sich Wills Existenz in die Hölle auf Erden verwandelt. Als Spielball des genialen Psychopathen Lecter hatte sich Graham zwischenzeitlich gar selbst für den gesuchten Mörder gehalten.

Doch die Zeiten, in denen Will seinem Erzfeind schutzlos ausgeliefert ist, haben nun endlich ein Ende. Alana Blooms (Caroline Dhavernas) Bemühungen, mithilfe von Hypnose Wills verborgene Erinnerungen freizulegen, scheitern zunächst zwar. Doch am Ende gelingt es dem Profiler selbst, seine mentale Blockade zu überwinden. Die Rückblende, in der Hannibal seinem bewegungsunfähigen Opfer nach Stopfleber-Art das Ohr von Abigail Hobbs (Kacey Rohl) „eintrichtert“, ist zum einen von fundamentaler Bedeutung für Will - er hat nun die hundertprozentige Gewissheit über die eigene Unschuld, was dem Inhaftierten hoffentlich die Kraft spenden wird, die ein Sieg über Hannibal fordern wird. Zum anderen ist die Szene ein wunderbares Beispiel für die überwältigende grafische und auch auditive Aufbereitung innerhalb der Serie. Stets haftet auch dem grausigsten Bild eine derartig ausgefeilte Eleganz an. Dass man sich dieser schrecklichen Schönheit nur schwer entziehen kann, ist fast noch verstörender als die makabere Praxis selbst.

Der Serienstar Mikkelsen leistet weiterhin ebenso gute Arbeit wie die übrigen Castmitglieder. Doch in dieser Episode stiehlt ihm sein Kollege Hugh Dancy eindrucksvoll die Show. Es gelingt dem Schauspieler ausgezeichnet, den Unterschied zum Will „von früher“ in vielen kleinen Facetten offenkundig zu machen, ohne dabei auf allzu übertriebene Gesten zurückgreifen zu müssen.

Schrecklich elegant

Die Eleganz des Schreckens, die für Hannibal so charakteristisch ist, spiegelt sich weiterhin auch perfekt in Mikkelsens Version des Lecter wider. Obwohl man sich als Zuschauer mittlerweile über das Ausmaß des Bösen in diesem Mann bewusst ist, erliegt man doch ein Stück weit seinem kultivierten Charme.

Der Gefahr, dass Lecter als Inbegriff einer perfekten, gefühllosen Mordmaschine zu eindimensional erscheinen könnte, wird wirkungsvoll durch seine Sitzungen mit Dr. Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson) vorgebeugt. Irgendwo in Lecters Reptilienhirn spuken Bewunderung für Will und sogar der Begriff der „Freundschaft“ herum. Doch wie kann das zusammenpassen?

Neben dem wandelnden Paradox namens Lecter selbst schürt auch seine Verbindung zu Du Maurier die Neugierde. Immer wieder wird angedeutet, dass sie weit mehr über das Treiben ihres Patienten weiß als jeder andere. Die Preisfrage lautet, warum Bedelia Hannibal nicht aufhält. Meint Lecter mit seinem „you are not only lying for me“ lediglich, dass seine Therapeutin auch für sich lügt? Oder steht hier vielleicht noch das Wohlergehen einer dritten Person auf dem Spiel?

Bald wird Jack Crawford (Laurence Fishburne) das Monster in Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) erkennen. © NBC
Bald wird Jack Crawford (Laurence Fishburne) das Monster in Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) erkennen. © NBC

Für die Theorie, Du Maurier könnte Hannibal nicht nur aus Dank für eine Gefälligkeit in der Vergangenheit helfen, spricht die Tatsache, dass Lecter im Umgang mit der Frau nicht auf Drohgebärden verzichtet. Zur gleichen Zeit könnte Lecters Aussage, dass Bedelia eben nicht genau wisse, wozu er fähig ist, aber auch bedeuten, dass Du Maurier eben doch nicht die ganze Wahrheit kennt. Zwischen den gewohnt hochgestochenen Dialogzeilen der beiden ist der Nährboden für Ungewissheit weiterhin höchst fruchtbar.

Aufklärung verkommt zur Nebensache

Obwohl der Auftritt von Cynthia Nixon in ihrer Rolle der Kade Prurnell nur kurz weilt, hinterlässt die Schauspielerin doch einen bleibenden Eindruck. Aufgrund von Blooms störrischer Loyalität gegenüber Will bleibt Prurnell nichts anderes übrig, als zu klären, inwieweit sich Jack dadurch schuldig gemacht hat, dass er Will für den FBI-Dienst rekrutierte. Im Anbetracht der vielen Handlungsstränge, in denen es - gelinde gesagt - etwas heikler zugeht, macht dieser Erzählstrang jedoch fast schon einen langweiligen Eindruck. Neben dem zentralen Dilemma um den inhaftierten Serienhelden Will wird in diesem Staffelauftakt schließlich auch noch ein neuer Fall eingeleitet...

Fazit

Endlich ist Hannibal zurück! Die Euphorie über den Beginn von Staffel zwei wird während der wirklich fantastischen Einstiegssequenz sogar noch gesteigert. Als sich die sonst oft unterschwellige Spannung der Serie in einem gekonnt durchchoreografierten Kampf entlädt, wird man dadurch ebenso überrascht wie begeistert. Jede Nuance dieser Passage ist perfekt aufeinander abgestimmt und erfreut durch den charakteristischen Hannibal-Look.

Auch der Rest der Episode ist so makellos ausgearbeitet, dass auch die Szenen in den Bann ziehen, in denen sich der Adrenalinspiegel wieder auf ein verträglicheres Maß einpendelt. Nach dem Kochen werden dabei auch das Angeln und selbst die Entnahme einer Speichelprobe zur Kunstform erhoben. Obwohl die eine oder andere Gesprächspassage vielleicht etwas zu lang geraten ist, kommt zu keiner Zeit Monotonie auf. Dafür sorgen neben den bereits gewürdigten schauspielerischen Leistungen auch die Spezialeffekte, die genau in der richtigen Dosis Verwendung finden.

Graham ist zwar gefangen, doch hat er sich endlich zum ernstzunehmenden Gegner gemausert. Lecters Tage in Freiheit sind gezählt, doch er wird sie sicherlich noch effektiv zu nutzen wissen. In Kaiseki wird man clever mit einem Blick auf die unvermeidliche Eskalation geködert, während man gleichzeitig auf die Gegenwart eingeschworen wird.

Der Konservierer sorgt mit seiner grauenerregenden Praxis, eine Art von Farbpalette aus Menschen zu kreieren, für eine Extradosis Schrecken. In der Serie wimmelt es zudem nur so vor verlockenden Charakteren wie beispielsweise Gideons Opfer Dr. Frederick Chilton (Raúl Esparza). Und wenn dann auch noch Köstlichkeiten wie Hannibals schelmisches „I never feel guilty eating anything“ geboten werden, wird man den Hals wohl nicht so schnell voll bekommen... und damit sind keine Ohren gemeint.

Verfasser: Thordes Herbst am Samstag, 1. März 2014

Hannibal 2x01 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 1
(Hannibal 2x01)
Deutscher Titel der Episode
Farbtöne
Titel der Episode im Original
Kaiseki
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 28. Februar 2014 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 18. Juli 2014
Autoren
Bryan Fuller, Steve Lightfoot
Regisseur
Tim Hunter

Schauspieler in der Episode Hannibal 2x01

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