Hannibal 1x13

Hannibal 1x13

Das Staffelfinale von Hannibal offenbart das Schicksal von Abigail und öffnet einem der Protagonisten endlich die Augen. Doch obwohl die Wahrheit ans Licht kommt, obsiegt in der Episode Savoureux am Ende die Dunkelheit.

Welche Gedanken gehen Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) in „Hannibal“ wohl gerade durch den Kopf? / (c) NBC
Welche Gedanken gehen Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) in „Hannibal“ wohl gerade durch den Kopf? / (c) NBC

Der Titel, den die letzte Episode der ersten Staffel von Hannibal trägt, eignet sich vortrefflich dafür, die Folge zu beschreiben. Denn Savoureux kann in der französischen Sprache sowohl „köstlich“ als auch „deftig“ bedeuten. Dank der wie immer detailreichen und kunstvoll anmutenden Umsetzung, der packenden Storyline und den fabelhaften schauspielerischen Leistungen kann dieses neuerliche Meisterwerk Bryan Fullers ohne weiteres als „köstlich“ bezeichnet werden. Doch auch der Begriff des „Deftigen“ ist nicht fehl am Platze. Schließlich sind einige der neusten Erkenntnisse aus der Welt von „Hannibal“ nicht leicht zu verdauen...

Hirschjagd

Will Grahams (Hugh Dancy) Zustand ist nach wie vor kritisch. Die Grenze zwischen Realität und Vorstellung ist besonders in seinen bedrohlichen Wahnvorstellungen schon längst nicht mehr auszumachen. In einer durch düstere Klänge veredelten (alb-)traumhaften Sequenz erkennt Will in seiner Hirschversion nicht nur ein Wesen mit menschlicheren Zügen, sondern müht sich auch, es zur Strecke zu bringen. Bereits jetzt ließe sich daraus ableiten, dass der Profiler seinem Antagonisten Hannibal (Mads Mikkelsen) immer zielgerichteter auf die Spur kommt. Doch die finale Erkenntnis, in der Will endlich die „Schuppen von den Augen fallen“, soll ihm erst später widerfahren, weswegen er in dem Moment größter Verstörung - als er ein menschliches Ohr erbricht - ausgerechnet Dr. Lecter zu Hilfe ruft. Der Psychiater spielt sein manipulatives Spiel weiter und suggeriert gegenüber seinem Patienten, dass er Abigail (Kacey Rohl) etwas angetan haben könnte.

Hannibal versteht sich so geschickt darauf, die Realität zu vernebeln, dass sich die Rezensentin im ersten Moment fragte, ob das Ohr überhaupt real ist. Doch zum großen Schrecken von Will liegt es nicht nur tatsächlich im Waschbecken, sondern kann auch zweifelsfrei Abigail als früherer Besitzerin zugeordnet werden. Dem Moment, in dem Will und seine Hunde gleichermaßen abgeführt werden, wohnt eine ergreifende Traurigkeit inne. Statt endlich wegen seiner Enzephalitis behandelt zu werden, wird das tragische Opfer wie ein gefährliches Tier abtransportiert.

Verderben überall

I guess you dodged a bullet with me.“ Das Lächeln, das nach Wills galgenhumorigen Worten vielleicht noch über so manche Zuschauerlippen huschte, verebbt im Angesicht des grassierenden Elends, das Lecter aus reiner Neugierde über den Profiler und dessen Umfeld hereinbrechen lässt. Alana Blooms (Caroline Dhavernas) Zugeständnis, Wills Hundeherde bei sich aufzunehmen, zeugt von ihrer großen Hingabe für den Profiler. Ihr überfälliger Satz „we have to do some tests“ und die Tatsache, dass Bloom gegenüber der Behandlungsmethodik Hannibals Verdacht zu schöpfen scheint, sorgen für verhaltenen Optimismus: Will hat kompetente Verbündete!

Jack Crawford (Laurence Fishburne) meint; den Schuldigen erkannt zu haben. © NBC
Jack Crawford (Laurence Fishburne) meint; den Schuldigen erkannt zu haben. © NBC

Abgekartetes Spiel

Doch noch sitzt das Böse am längeren Hebel: Die so harmlos anmutende Szene eines Hannibal, der in Wills Haus einen Köder für das Fliegenfischen zusammenbastelt, erstrahlt nun in ihrer diabolischen Pracht. Es offenbart sich, dass Lecter bereits seit langer Zeit geplant hat, dem „Freund“ eine Auswahl seiner eigenen Morde anzuhängen: die des Copycat-Killers.

Isolation

Damit ist der Psychopath allerdings einen Schritt zu weit gegangen. Denn während er Will schon fast dazu gebracht hatte, sich als Mörder von Abigail zu akzeptieren („According to the evidence I killed Abigail Hobbs“), schöpft er nun Misstrauen: Will ist sich sicher, die anderen Menschen nicht umgebracht zu haben. Während er langsam die richtigen Schlüsse zieht, geht Hannibals Plan jedoch in anderen Aspekten auf. Es gelingt ihm, einen Keil zwischen Will und seine wahren Vertrauten zu treiben.

Verzweiflung und ein Hoffnungsschimmer

Lecter hat verschiedene Indizien in der Art und Weise drapiert, dass selbst Alana Will die Taten des Copycat-Killers zutraut. Die Schuld für Wills Entgleisung sucht sie sowohl bei Hannibal als auch bei Jack Crawford (Laurence Fishburne) - doch vor allem bei sich selbst. Caroline Dhavernas gelingt es in ihrer Darstellung vortrefflich, den Schmerz ihrer Figur nach außen zu tragen. Die Tatsache, dass ihre Schreie durch die Karosserie des Wagens abgeschottet werden, tut der Intensität der Szene keinen Abbruch, sondern verstärkt sie sogar noch.

Doch es manifestiert sich auch ein zaghafter Hoffnungsschimmer: Will vertraut sich selbst noch mehr als den Indizien und erkennt, dass ihn jemand als Sündenbock missbraucht.

Geradezu hilflos muss der Zuschauer mit ansehen, wie Will aus dem Gefangenentransporter ausbricht - und dadurch umso schuldiger erscheint. In dieser kriminellen Aufwallung profitiert er davon, dass er sich im Zuge seiner Arbeit ein paar Tricks von dem Psychopathen Dr. Abel Gideon (Eddie Izzard) abschauen konnte...

Falscher Schluss und Schuss

Über die gesamte Episode hinweg häufen sich die Hinweise und immer ausdrücklicher werdenden Fingerzeige für Lecters Schuld: So war er der vermaledeite „man on the phone“, der einst Abigails Vater vor den Gesetzeshütern gewarnt hatte! „Will, denk' doch mal nach“, möchte man den Profiler anschreien, während man an seinen Schultern rüttelt. Doch dann schafft es Graham in Minnesota auch ohne Hilfe von außen, den wahren Lecter zu erkennen. Die Spannung kommt zu einem furiosen Höhepunkt, als auch Jack Crawford in dem Haus der Familie Hobbs erscheint: Was wird er hören, wem wird er glauben?

Was sich nun abspielt, setzt gänzlich neue Möglichkeiten in Gang. Crawford richtet seine Dienstwaffe nicht auf Hannibal, dem somit der Abtransport in Handschellen (vorerst) erspart bleibt. Doch für die verdiente Inhaftierung bliebe ja ohnehin noch genug Zeit, wenn Fuller seine Serie tatsächlich über sieben Staffeln ausdehnen darf „39576“.

Der Kreis schließt sich

Will kollabiert nach dem Schuss des FBI-Agenten nicht nur an der gleichen Stelle, an der einst auch Garret Jacob Hobbs (Vladimir Jon Cubrt) zusammengebrochen war, sondern bedient sich auch an dessen letztem Wort: „See!“ Retrospektiv wird auf höchst stimmige Weise darauf verwiesen, dass auch Hobbs in seinem Tod auf Lecter verwiesen hatte.

Will Graham (Hugh Dancy) muss sein Dasein nun auf der falschen Seite der Gitterstäbe fristen. © NBC
Will Graham (Hugh Dancy) muss sein Dasein nun auf der falschen Seite der Gitterstäbe fristen. © NBC

Gelogene Gefühle?

Die Version von Hannibal Lecter, die Bryan Fuller für seine Serie erschafft, hat sich mittlerweile als das Böse in seiner bedrohlichsten Vollkommenheit manifestiert. Obwohl man dem brillanten Psychiater zweifelsohne eine gewisse Bewunderung entgegenbringen kann, sorgen die nicht minder verheißungsvollen Charaktere in seinem Umfeld dafür, dass mit dieser Bewunderung zu jeder Zeit auch eine stetig wachsende Abneigung einhergeht. Diese schlägt im Angesicht von Wills Leidensweg - zumindest aufseiten der Rezensentin - gar in Hass um. Als man Lecter nun im Gespräch mit seiner Psychiaterin Dr. Bedelia Du Mauriers (Gillian Anderson) erlebt, fällt es demnach schwer, in seinen Gefühlswallungen mehr zu sehen als einen neuerlichen Beweis für seine makellose Fassade. Trotzdem vollbringt Mads Mikkelsen das Kunststück, sein Bedauern über Abigails Tod und eine verpasste „opportunity to guide and support“ integer erscheinen zu lassen. Ob er am Ende tatsächlich um die verlorene Tochter geweint hat oder ob wir doch die Tränen eines Krokodils gesehen haben... das weiß (wohl nur) der Teufel.

In dem zweiten Aufeinandertreffen der beiden Psychiater scheut sich Du Mauriers sichtlich davor, Hannibals kulinarische Erzeugnisse zu kosten. Da so inmitten ihrer teils kryptisch anmutenden Kommunikation der Verdacht genährt wird, dass die Frau weiß, dass das Fleisch auf ihrem Teller wohl nicht von einem Kalb stammt, wirken Du Mauriers Worte „You have to be careful, Hannibal. They're starting to see your pattern.“ zunächst wie ein Schock. Bedelia ist doch in Hannibals diabolische Machenschaften eingeweiht? Obwohl dieser Eindruck umgehend wieder entschärft wird - die Psychiaterin hatte nur von Lecters Bedürfnis nach Nähe zu gewalttätigen Patienten gesprochen -, bleibt ein flaues Gefühl in der Magengegend zurück. So scheint der Verbleib von Abigails Körper nun nicht länger ungewiss...

Fazit

Wie bereits bei den vorangegangenen Episoden von Hannibal ist die Inszenierung auch beim Staffelfinale Savoureux bis ins kleinste Detail durchdacht und formvollendet umgesetzt. Geschickt werden frühere Begebenheiten - wie der Tod von Mr. Hobbs oder Wills Angelköder - neuerlich aufgegriffen, die dem filmischen Gesamtkonzept zu einer verlockenden Verdichtung verhelfen.

Der Score von Hannibal sorgt mit seinen tiefen Klängen schon allein für Gänsehaut. In Kombination mit den übrigen Faktoren und den fantastisch besetzten Figuren fügen sich die einzelnen Bestandteile der Serie zu einem mitreißenden Sehvergnügen zusammen.

Hannibals schwere Schuld starrt den Zuschauern während des gesamten Staffelfinales so penetrant ins Gesicht, dass dies gegenüber den Ermittlern, Psychiatern (und ihrer Ignoranz) regelrechte Aggressionen wachruft. Doch die größten Emotionen beschwört fraglos der eiskalte Dr. Lecter. Immerhin ist nun endlich das „Zauberwort“ Enzephalitis gefallen und man kann hoffen, dass Will in dem schweren Kampf, der ihm ab dem Beginn der zweiten Staffel von Hannibal bevorsteht, auf ein gesundes Gehirn zurückgreifen kann.

Die erste Staffel endet damit, wie Lecter durch die Gänge des Baltimore State Hospital for the Criminally Insane schreitet - wobei Assoziationen zu einer gewissen Clarice Starling aus „Das Schweigen der Lämmer“ geweckt werden - nur dass sich das Monster hier auf der falschen Seite der Gitterstäbe (beziehungsweise Glasscheibe) befindet.

Möge der zweite Gang von Hannibal genauso savoureux werden wie der erste!

Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 21. Juni 2013
Episode
Staffel 1, Episode 13
(Hannibal 1x13)
Deutscher Titel der Episode
Minnesota
Titel der Episode im Original
Savoureux
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 20. Juni 2013 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 20. Dezember 2013
Autoren
Steve Lightfoot, Bryan Fuller, Scott Nimerfro
Regisseur
David Slade

Schauspieler in der Episode Hannibal 1x13

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