Hannibal 1x12

Hannibal 1x12

Die Episode Relevés stellt die Weichen für ein packendes erstes Staffelfinale von Hannibal. Dr. Lecter beweist auf mitreißende Weise sein manipulatives Geschick und gewährt dem Zuschauer einen unverschleierten Blick in sein eiskaltes Innenleben.

Wie viel weiß Dr. Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson) in „Hannibal“ tatsächlich über ihren einzigen Patienten? / (c) NBC
Wie viel weiß Dr. Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson) in „Hannibal“ tatsächlich über ihren einzigen Patienten? / (c) NBC

Während in der vorangegangenen Episode von Hannibal noch der fehlgeleitete Psychopath Dr. Abel Gideon (Eddie Izzard) sein blutiges Unwesen trieb, werden in der zwölften und damit vorletzten Folge der Staffel die Handlungsstränge von gleich zwei alten Bekannten wiederbelebt. Zum einen gibt es ein Wiedersehen mit Georgia Madchen (Ellen Muth). Außerdem tritt Abigail (Kacey Rohl) wieder in Erscheinung und sucht die Nähe ihrer beiden Vaterfiguren Will Graham (Hugh Dancy) und Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen). Doch das Vertrauen in einen der beiden Männer droht, ihr zum Verhängnis zu werden.

Frieden und Inferno

Weil sich Will mittlerweile in der ärztlichen Obhut eines Krankenhauses befindet, scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bevor endlich seine Enzephalitis diagnostiziert wird. Doch die durch Lecter verheimlichte Krankheit kommt nicht ans Licht. Dennoch geht es Will besser. Sein Fieber ist gesunken und er kann - über eine köstlich anmutende Hühnersuppe - in Anwesenheit des eloquenten Dr. Lecter - verhältnismäßig - etwas Harmonie genießen.

Obwohl die zu friedlich anmutenden ersten Minuten dieser Episode den Zuschauer bereits in Alarmbereitschaft versetzt haben sollten, ist man von der Intensität der folgenden Eskalation dennoch überwältigt. Georgia Madchen, die in der Episode Buffet Froid (1x11) aufgrund ihrer geistigen Störung eine Freundin ermordet hatte, wird das Opfer eines Anschlags, der dank seiner harmlos erscheinenden Mordwaffe besonders perfide anmutet. Das Mädchen benutzt einen ungesehen deponierten Kamm, der sofort einen Funken auslöst und dadurch ihren mit Sauerstoff angereicherten „Genesungskasten“ in ein gläsernes Krematorium verwandelt. Dass Georgia noch viel zu lange leidet, ist ebenso offensichtlich wie ihr Mörder: Schließlich hatte das Mädchen Dr. Lecter beim Töten überrascht...

Gefährliche Erkenntnisse

Abigail hat sich gegen den Willen von Hannibal und Will dazu entschlossen, in Zusammenarbeit mit Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) ein Buch zu schreiben. Da dies auch Hannibal in Gefahr bringt, wird der gesamte Rest der Episode von unheilschwangeren Ahnungen in Bezug auf das Wohlergehen des Mädchens überschattet.

Nach einer Botschaft von Georgia aus dem Totenreich, in der das Hirschgeweih symbolisch auf eine Fremdeinwirkung an ihrem Tod hinweist, steht für Will fest, dass es einen Mörder gibt. Er kommt auch zu dem richtigen Schluss, dass es sich bei Nicolas Boyle nicht um den „Copycat-Killer“ handelte und dass der wahre Nachahmungstäter nun auch für Georgias Tod verantwortlich ist. Damit macht sich Will sofort auf die richtige, also auf Hannibals Spur. Doch Jack Crawfords (Laurence Fishburne) Vertrauen in seinen Profiler ist nicht länger bedingungslos. Die Skepsis in Bezug auf die Zurechnungsfähigkeit seines special agent wird durch Hannibal im Handlungsverlauf auf durchtriebene Weise genährt.

Georgia Madchen (Ellen Muth) steht die Hölle auf Erden unmittelbar bevor. © NBC
Georgia Madchen (Ellen Muth) steht die Hölle auf Erden unmittelbar bevor. © NBC

Besuche bei Du Maurier

Wir wussten nicht, dass Jack überhaupt schon von Dr. Bedelia Du Mauriers (Gillian Anderson) Existenz Notiz genommen hat. Doch sein Erkenntnisstand ist in dem entscheidenden Aspekt noch sehr, sehr weit von der schaurigen Wahrheit entfernt („It's not that I think Dr. Lecter is dangerous. I don't.“), weswegen er sich in seinen Nachforschungen auf Will konzentriert. Die Psychiaterin hält sich jedoch nicht nur an ihre Schweigepflicht, sondern legt auch eine gewisse Feindlichkeit gegen den FBI-Agenten an den Tag. Sie deutet nämlich unterschwellig an, dass Jacks Freundschaft sich weniger wohltuend auf Will auswirkt als seine Beziehung zu Lecter.

Später hält Du Maurier ihrem Kollegen Hannibal vor, im Umgang mit Will die professionelle Distanz aufzugeben, die in einem Verhältnis zwischen Patient und Therapeut so unerlässlich ist. Dass der Einwurf seiner Therapeutin Lecter tatsächlich beschäftigt, wird in seinem raubtierhaften und rastlosen Durchstreifen des Raumes angedeutet. Fühlt sich das Monster in die Enge getrieben?

Gleichzeitig werden in dieser Szene die Spekulationen darüber angeheizt, was es mit dem Übergriff durch Du Mauriers Patienten auf sich hatte, der sich seine Zunge abbiss. Die Antwort auf die Frage, welche Rolle Hannibal dabei gespielt hatte, würde auch Aufschluss darüber geben, wie viel Du Maurier tatsächlich über Hannibals wahre Natur weiß.

Auf Hannibals unheilschwangere Worte - „When the pressures of my personal and professional relationships with Will grow too great, I assure you, I will find a way to relieve them.“ - sollen noch ungleich bedrohlichere Taten folgen.

Rache eines Psychopathen

Nachdem Wills Geist wieder geschärft ist, kommt er dem tatsächlichen Killer so nahe, dass dieser versucht, seinem Patienten Paranoia einzureden. Doch Graham lässt sich nicht durch Lecters leicht verzweifelt anmutende Bestrebungen bremsen. Hannibal bestraft diese emanzipatorische Entwicklung seines Patienten hart und durchtrieben, indem er ihm Jack auf den Hals hetzt. Ihm gegenüber suggeriert Lecter nicht nur, dass Will tatsächlich geisteskrank ist. Der Psychiater bringt den Agenten außerdem zu der Annahme, dass es sich bei Will selbst um den „Copycat-Killer“ handelt, weil er in einem abgespaltenen Teil seiner Persönlichkeit als Garret Hobbs auftreten würde.

Wie Mads Mikkelsen im Anschluss an seine geheuchelte Entschuldigung den Kopf schräg legt, ist durch und durch intensiv und trägt die verspielte Gleichgültigkeit in seinem Inneren prägnant nach außen.

Fragiles Bündnis

In einer schönen bildlichen Komposition, in der Will sich in der Gestalt von Abigail spiegelt, tauschen sich die beiden über das Töten aus. Die Gemeinsamkeit, die dieser Spiegeleffekt andeutet, wird in ihrem Gespräch weiter ausgebaut: Beide fühlen sich im Angesicht ihrer Morde nicht schlecht, sondern viel mehr befreit oder gar mächtig. Weil Will sich bislang über die tatsächlichen Ausmaße von Abigails Schuld noch im Unklaren ist, verschmilzt der Profiler bereitwillig mit seinem Protegé zu einer Einheit - im Kampf gegen den „Copycat-Killer“.

Will (Hugh Dancy) erfährt endlich Abigails (Kacey Rohl) furchtbares Geheimnis. © NBC
Will (Hugh Dancy) erfährt endlich Abigails (Kacey Rohl) furchtbares Geheimnis. © NBC

Abigails Mittäterschaft an den Morden ihres Vaters, von der Hannibal weiß und die sogar Jack mittlerweile in Erfahrung gebracht hat, wird nun auch Will bewusst. Doch vor der höchst irrealen Kulisse von Garret Hobbs' Trophäenraum werden Realität und Illusion zu einem undurchdringlichen Gemisch vermengt. Nach einem intensiven Schlagabtausch, in dem sowohl Dancy als auch Kacey Rohl eindrucksvoll ihr Schauspieltalent unter Beweis stellen können, erwacht Will von einem neuerlichen loss of time in einem Flugzeug.

Eiskaltes Geständnis

Endlich gewährt einem die Serie Hannibal Einblicke in das tatsächliche Wesen ihres Titelhelden: Hannibal spielt aus reiner „Neugierde“ mit dem Schicksal der Menschen in seiner Umgebung. Mit seinem Schuldgeständnis bei Abigail entlarvt der Kannibale sämtliche menschliche Affektionen ihr und auch Will gegenüber als Scharade. Und jetzt ist nicht nur Abigail in großer Gefahr - Lecter hat bereits die Weichen dafür gestellt, Will Graham als denunziertes Opferlamm auf die Schlachtbank zu führen. Welchen Wahrheitsgehalt können Lecters trotz allem einfühlsam erscheinende Worte „I am sorry I couldn't protect you in this life“ tatsächlich haben?

Fazit

Alle Zeichen deuten auf ein packendes Finale der ersten Staffel von Hannibal hin. Lecter hat nach dem packenden Cliffhanger die verlockende Gelegenheit, sich der gefährlichsten Mitwisserin zu entledigen. Da er mit einem Mord an Abigail zudem Jack Crawfords These stützen würde, dass Will tatsächlich der „Copycat-Killer“ ist, scheint das Schicksal des Mädchens besiegelt.

Die Tatsache, dass man Abigail trotz ihrer furchtbaren Verbrechen immer noch als Opfer betrachtet und ihr dementsprechend Mitleid gegenüberbringt, zeugt zum einen von der vielschichtigen schauspielerischen Leistung von Kacey Rohl. Zum anderen stellt Hannibal Lecter in seiner allumfassenden Bosheit solch eine gewaltige Bedrohung dar, dass er all das Böse in seiner Umgebung weniger schrecklich erscheinen lässt. Die Präsenz des Kannibalen ist derart überwältigend, dass man sich seinen Niedergang zu diesem Zeitpunkt schwerlich vorstellen kann. Doch glücklicherweise verfügt auch Will über potente Fähigkeiten. Es entsteht der Eindruck, dass der Profiler bereits unterschwellig weiß, dass sein „Freund“ Hannibal in Wahrheit sein schlimmster Gegner ist. Für diese Hypothese könnte der symbolträchtige Hirsch aus Grahams Vorstellung sprechen - schließlich steht auch in Lecters Büro die Skulptur eines solchen Tieres.

In einer wie immer gruseligen und packenden Atmosphäre dürfen wir in der Episode Relevés einen Blick in die Abgründe werfen, die Hannibals gepflegtes Erscheinungsbild stets so aalglatt verbirgt. Jetzt hat Abigail die Büchse der Pandorra geöffnet. Doch wahrscheinlich wird sie nicht mögen, was daraus emporklettert...

Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 14. Juni 2013
Episode
Staffel 1, Episode 12
(Hannibal 1x12)
Deutscher Titel der Episode
Köder
Titel der Episode im Original
Relevés
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 13. Juni 2013 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 19. Dezember 2013
Autoren
Chris Brancato, Bryan Fuller
Regisseur
Michael Rymer

Schauspieler in der Episode Hannibal 1x12

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