Hannibal 1x11

Hannibal 1x11

Die Hannibal-Episode RĂŽti stĂŒrzt die Zuschauer in einen Strudel der tiefsten menschlichen AbgrĂŒnde. Sie vermag sowohl zu schockieren als auch Mitleid heraufzubeschwören und begeistert durch eine wahrlich meisterhafte Inszenierung...

Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) spielt mit dem Profiler Will Graham (Hugh Dancy) in „Hannibal“ ein perfides Spiel. / (c) NBC
Dr. Lecter (Mads Mikkelsen) spielt mit dem Profiler Will Graham (Hugh Dancy) in „Hannibal“ ein perfides Spiel. / (c) NBC

Eine Welt voller Monster

Es ist schön, dass wir in dieser Episode von Hannibal wieder in den Kontakt mit einem alten Bekannten kommen. Je weniger die Procedural-typischen Elemente wie ein bis dato unbekannter „Killer der Woche“ zum Einsatz kommen, desto tiefer wird man in die RealitĂ€t der Serie hineingesogen. Und diese prĂ€sentiert sich besonders in der Folge RĂŽti finster wie die Nacht, wĂ€hrend sich gleich eine Reihe von Monstern in Menschengestalt zum blutigen Stelldichein treffen. Neben den offensichtlichen Psychopathen Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) und Dr. Abel Gideon (Eddie Izzard) wird auch das Böse in Figuren nach außen getragen, die vermeintlich zu den „Guten“ gehören.

So wird zu Beginn der Episode Dr. Frederick Chilton (Raúl Esparza), dessen Charakter auch aus „Das Schweigen der LĂ€mmer“ und „Red Dragon“ bekannt ist, seiner Sympathie gĂ€nzlich beraubt, indem wir an seinen skrupellosen und selbstsĂŒchtigen Umgang mit Gideon erinnert werden. So hatte Chilton sich dem psychic driving bedient, um seinen Patienten davon zu ĂŒberzeugen, dass es sich bei ihm um den berĂŒchtigten „Chesapeake Ripper“ handelte. Nun wird der Psychiater selbst zu einem Versuchsobjekt. Lecters EinschĂ€tzung, „The subject mustn't be aware of any influence“, bezieht sich dabei nicht nur auf den krĂ€nkelnden Will Graham, sondern auch auf Chilton selbst. Dessen drakonische Strafe besiegelt Hannibal nach einer symboltrĂ€chtigen Mahlzeit, indem er ihn durch einen letzten wohl platzierten Ratschlag mutwillig ins Verderben treibt.

Gideons Rache

Eddie Izzard nimmt seine Rolle des Gideon nach der Episode EntrĂ©e (1x06) wieder auf und sorgt von Beginn an fĂŒr ein höchst beklemmendes GefĂŒhl. Der Schauspieler vermag es, den belanglosen Worten „How do you keep those whites so clean?“ eine derartige Bedrohlichkeit anzuheften, dass man sich im Geiste bereits hier von seinem WĂ€chter im Gefangenentransporter verabschiedet. Es steht weder fest, wieso die VerstĂ€rkung von der Polizei so lange auf sich warten lĂ€sst, bis Gideon die Gehirne der MĂ€nner „verrĂŒhren“ konnte, noch, woher er die Schnur hatte, um aus den Innereien das schaurige Mobile herzustellen. Der schrecklichen Wirkung dieser Bilder tut dies jedoch keinen Abbruch.

Doch das Grauen hat seinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht. Einem seiner belesenen Peiniger verpasst der Psychopath kurzerhand The Columbian Necktie. Bei dem Mord an Dr. Paul Carruthers (Todd Dulmage) erweist sich besonders die Tatsache als verstörend, dass sich dessen Brustkorb noch viel zu lange hebt und senkt. Der außergewöhnliche Schrecken, der mit einer VerstĂŒmmlung bei lebendigem Leib einhergeht, wird von Gideon bei seinem nĂ€chsten Opfer noch auf die Spitze getrieben. Es ist schwer, in einer Serie wie Hannibal den Superlativ der schrecklichsten Szene zu platzieren. Die Organentnahme, die Gideon an dem lokal betĂ€ubten Dr. Chilton durchfĂŒhrt - wĂ€hrend Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) ihm ungeheuer tapfer „assistiert“ - gehört aber sicherlich zu den aussichtsreichsten Kandidaten. Die Rezensentin musste den Konsum des Formates an dieser Stelle unterbrechen, um sich von den einschneidenden Bildern zu erholen, die besonders diejenigen ĂŒberrumpelt haben sollten, die auch mit den Romanen von Thomas Harris vertraut sind...

Dr. Abel Gideon (Eddie Izzard) lĂ€sst sich von der Journalistin Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) bei seiner grausigen Rache an Dr. Frederick Chilton (RaĂșl Esparza) assistieren. © NBC
Dr. Abel Gideon (Eddie Izzard) lĂ€sst sich von der Journalistin Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) bei seiner grausigen Rache an Dr. Frederick Chilton (RaĂșl Esparza) assistieren. © NBC

Wills innere Überflutung

Die gute alte „Traum-im-Traum-Passage“ ist ein gebrĂ€uchliches Element in der fiktiven Welt. Die Umsetzung in Hannibal ist von der Ideengebung und der grafischen Umsetzung her aber so innovativ und ĂŒberwĂ€ltigend, dass die Szene trotzdem eine faszinierende Wirkung innehat. Sehr eindrucksvoll wird dem Zuschauer anhand der Wellenmetapher vor Augen gefĂŒhrt, wie der Profiler Will Graham (Hugh Dancy) von seiner eigenen Vorstellungskraft ĂŒberwĂ€ltigt wird.

WĂ€hrend Will beim Anblick von Carruthers schrecklicher Krawatte noch zu verkrampftem Humor fĂ€hig ist („Let's hope he got some satisfaction from being proved right“), schreitet seine Selbstauflösung im Handlungsverlauf immer weiter voran:„I fear not knowing who I am.“ In Wills Worten und dem GestĂ€ndnis an seinen Therapeuten Hannibal, sich verrĂŒckt zu fĂŒhlen, manifestiert sich zum einen seine unbehandelte Enzephalitis (die EntzĂŒndung seines Hirns). An der Tatsache, dass Will immer wieder von seinem Opfer Garret Jacob Hobbs (Vladimir Jon Cubrt) heimgesucht wird, lassen sich zudem aber auch die Auswirkungen belegen, die mit seiner Arbeit als Profiler einhergehen. Grahams IdentitĂ€tsverlust wird sehr geschickt auch in Gideons Geisteszustand reflektiert, dem sein wahres Ich ebenfalls geraubt wurde.

Die Kunst der Manipulation

I may be crazy but you look ill.“ Nicht nur Gideon ist in der Lage, in Bezug auf Will den richtigen Schluss zu ziehen. Man möchte sowohl Jack Crawford (Laurence Fishburne) als auch Alana Bloom (Caroline Dhavernas) förmlich ohrfeigen, als sie sich zwar von dem angeschlagenen Erscheinungsbild des Profilers besorgt zeigen, jedoch von jeglichen weitergehenden Maßnahmen absehen. Als Alana Wills Stirn befĂŒhlt, wĂŒnscht man sich sehnlichst, dass sie spontan die Diagnose „EntzĂŒndetes Hirn“ stellt. Der einzige, der von Wills Krankheit weiß, ordnet dem Hippokratischen Eid bedauerlicherweise keine PrioritĂ€t zu. Anstatt Will die so dringend benötigte Hilfe zuteil werden zu lassen, zieht Dr. Lecter es vor, sein manipulatives Spiel voranzutreiben. Er nutzt erst einen amputierten Arm als Fingerzeig (Verzeihung!), um Crawford und die anderen FBI-Agenten dem falschen „Chesapeake Ripper“ auf den Hals zu hetzen. Dann bedient er sich Wills, um Gideon - der Hannibal nun demaskieren könnte - zu beseitigen.

Lecter ist als Meister der Manipulation auch ein ausgezeichneter Menschenkenner. So riskiert er zwar, dass Alana durch Gideon ermordet wird, indem er den wirren Serienmörder auf ihre Spur lenkt. In dem Moment, in dem er Wills SchlĂŒssel und Dienstwaffe quasi fĂŒr den Ermittler bereitlegt, scheint Hannibal jedoch bereits zu wissen, dass die tiefe Zuneigung des Profilers fĂŒr Alana ihn dazu bringen wĂŒrde, Gideon - fĂŒr ihn - zu erschießen. Selbst, wenn Will zu spĂ€t gekommen wĂ€re, hĂ€tte Lecter noch in dem Sinne gewonnen, dass eine Konkurrentin im Kampf um die Einflussnahme auf sein liebstes Versuchskaninchen beseitigt wĂ€re.

Der Tote mit der schaurigen %26bdquo;Necktie%26ldquo; ist ein Opfer des wahren %26bdquo;Chesapeake Ripper%26ldquo;; aka Hannibal (Mads Mikkelsen). © NBC
Der Tote mit der schaurigen %26bdquo;Necktie%26ldquo; ist ein Opfer des wahren %26bdquo;Chesapeake Ripper%26ldquo;; aka Hannibal (Mads Mikkelsen). © NBC

Im therapeutischen GesprĂ€ch zwischen Hannibal und seiner Psychiaterin Dr. Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson) erhalten wir einen entscheidenden Hinweis darauf, aus welchem Grund sich Lecter ausgerechnet fĂŒr den Profiler so sehr interessiert - und ihn dennoch einer erheblichen Gefahr aussetzt. Dadurch, dass er Wills Krankheit unbehandelt lĂ€sst, wird Graham nĂ€mlich immer stĂ€rker zu einer dunklen Version seiner selbst, in der Lecter einen potentiellen Freund erkennt. Zum Leidwesen von Will zeigen Lecters BemĂŒhungen bereits jetzt ihre Wirkung: Der special agent kann sich immer „prĂ€ziser“ in die Killer hineinversetzen („Gave you something better to do with your tongue than wag it“). Wills fortschreitende Tendenz zum Bösen, die ihn fĂŒr Hannibal immer attraktiver werden lĂ€sst, wird von Hugh Dancy wahrlich meisterhaft portrĂ€tiert. Besonders in der Profilingszene, in der Graham Gideons Morde in dem Transportfahrzeug nachstellt, ist seine Mimik regelrecht angsteinflĂ¶ĂŸend. Hannibal sollte allerdings nicht zu lange warten, bis er Wills Enzephalitis Einhalt gebietet. Unbehandelt kann die Krankheit tödlich enden...

Die Frauen

Keiner der weiblichen Charaktere darf in dieser Episode eine entscheidende Rolle spielen und besonders Dr. Bloom wirkt ein wenig blass. Du Maurier und Lounds hingegen bleiben trotzdem in Erinnerung und bringen sich eindrucksvoll fĂŒr die letzten Episoden der ersten Staffel in Position. Lounds' enorme Selbstbeherrschung im Angesicht eines wahr gewordenen Albtraums weckt die Neugier, ihre umtriebige Figur genauer kennenzulernen. Gleiches gilt fĂŒr den mysteriösen Flair, der stets Hannibals Privatpsychiaterin Bedelia umgibt: Die gĂ€nzlich ungezwungene Weise, in der Hannibal mit der attraktiven Frau kommuniziert, zeugt von einer intimen NĂ€he, die man dem Monster so wohl schwer zugetraut hĂ€tte...

Fazit

Die vorvorletzte Episode der ersten Staffel von Hannibal ist ein kleines Kunstwerk, an dem man fast nichts kritisieren möchte. Angefangen von den anspruchsvollen psychologischen HintergrĂŒnden ĂŒber einen herrlich toughen Jack Crawford samt Schrotflinte bis hin zu der wahrlich fantastischen grafischen Gestaltung von Wills feuchten Halluzinationen - RĂŽti vermag zu begeistern. „Hannibals Elfte“ stellt eine kunstvolle Symphonie des Grauens dar, der einige der verstörendsten Passagen innewohnen, die eine amerikanische Networkserie je hervorgebracht hat.

Fast ist es schade, dass Gideons Auftritte nun gezĂ€hlt sind. Es ist faszinierend, wie es der Figur gelingt, selbst in die furchtbarste Szenerie einen Hauch von Humor einfließen zu lassen: „I might be slightly fuzzy in that area but there is no need to patronize me!

WĂ€hrend Mads Mikkelsen uns als kannibalischer Teufel wieder in einen grausamen Zwiespalt aus Hass und unfreiwilliger Bewunderung stĂŒrzt, beschwört Wills tragische Figur grenzenloses Mitleid herauf. Zwar hat es zwischenzeitlich kurz den Anschein, dass Will seinem Psychiater kein uneingeschrĂ€nktes Vertrauen entgegenbringt („Don't lie to me!“), doch im Grunde genommen ist er ihm nach wie vor fast grenzenlos ausgeliefert...

Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 10. Juni 2013
Episode
Staffel 1, Episode 11
(Hannibal 1x11)
Deutscher Titel der Episode
Fieber
Titel der Episode im Original
Rôti
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 6. Juni 2013 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 12. Dezember 2013
Autoren
Steve Lightfoot, Bryan Fuller, Scott Nimerfro
Regisseur
Guillermo Navarro

Schauspieler in der Episode Hannibal 1x11

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