Hannibal 1x10

Die Episode Buffet Froid verlangt Will Graham (Hugh Dancy) ebenso viel ab wie dem Zuschauer: In einer verstörenden Welt zwischen Wahn und Realität ist die Spannung kaum zu ertragen, während sich in dem packenden Fall der Woche eindrucksvoll der Leidensweg des Profilers widerspiegelt. Der Manipulationskünstler Lecter (Mads Mikkelsen) darf in der neuen Folge von Hannibal ganz besonders perfide walten...
Bogieman, Hannibal-Style
Die junge hübsche Beth LeBeau (Hilary Jardine) lebt scheinbar alleine in einem abgelegenen Haus. Dort wird sie das Opfer eines mordsüchtigen Monsters, das die Frau unter ihr Bett zieht. Das Motiv des Bösen, das der Schlafenden in unmittelbarer Nähe auflauert, ist wohl so alt wie die Erfindung des Bettes. Doch die Art und Weise, wie die altehrwürdige Geschichte in Hannibal inszeniert wird, ist dank der detailgetreuen Kulisse (der Schimmel am Vogelkäfig!), dem überzeugenden Spiel aller Beteiligten und - vor allem - aufgrund der wirklich überraschenden Auflösung trotzdem so mitreißend, als wäre sie erst von Bryan Fuller erfunden worden. Während der hysterische letzte Schrei des Mädchens und die großzügigen Blutspritzer noch wie eine Hommage an klassische Horror-Schocker erscheinen, vollbringt es die rührselige Interaktion zwischen Will und der vermeintlichen Bestie am Episodenende, wirklich zu berühren.
Wills Wahnsinn
Abigails (Kacey Rohl) Mord an Nicholas Boyle hat Will Graham schwer zugesetzt. Dadurch, dass seine „Tochter“ ihr inneres Monster entfesselt hat, wird der Profiler noch stärker in die Schattenwelt des Bösen gezogen, in der er sich ohnehin schon aufzulösen droht: „I feel like I am fading.“
Als Will von einem Blackout aus seinem Haus gerissen und an den Tatort katapultiert wird, geht er gänzlich in dem Mörder der jungen Frau auf. Das führt zum ersten Mal dazu, dass der Profiler so weit die Beherrschung verliert, dass er die Spuren am Tötungsort verwischt. Selbst Jack Crawford (Laurence Fishburne), der - Wills Einschätzung nach - Hannibal gerade aus dem Grund zu Wills Therapeuten gemacht hat, um dadurch das Ausmaß von Grahams mentalen Problemen zu verschleiern, zeigt sich von dessen Entgleisung besorgt: „have I broken you?“
In der Tradition von Goethes Zauberlehrling wirkt es dabei, als würde der FBI-Agent langsam selbstkritisch realisieren, welche Geister er durch die Berufung des labilen Mannes freigesetzt haben könnte. In seiner anklagenden Aussage „your fear makes you rude, Will“ manifestiert sich in Crawfords unbehaglichem Gesichtsausdruck zugleich die Ahnung, über diese Geister längst die Kontrolle verloren zu haben.

Unterlassene Hilfeleistung
Wie schlimm es um Will tatsächlich bestellt ist, offenbart sich auf sehr innovative und beunruhigende Weise in der Übung, mit der Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) seinem Patienten eigentlich eine solidere Verbindung zur Realität ermöglichen wollte: Das von Graham skizzierte Uhrblatt reflektiert eine ausgeprägte seelische Verzerrung. Doch es gibt eine sehr greifbare Erklärung für Wills Leiden: Wie Hannibal bereits erschnüffelt hatte, und sich nun durch seinen alten Bekannten Dr. Sutcliffe (John Benjamin Hickey, The Big C) mit Hilfe eines Kernspintomografen bestätigen lässt, leidet Will an Enzephalitis - einer infektionsbedingten Entzündung des Hirns.
In dem Moment, in dem der Kranke am stärksten auf seinen „Freund“ Lecter angewiesen wäre, sticht dieser ihm eindrucksvoll ein metaphorisches Messer in den Rücken. Der Psychiater verschweigt Will die potenziell heilbringende Diagnose, wobei ihm der Neurologen Sutcliffe zu Hilfe kommt.
Humor
Einen hörbaren - und dabei sicherlich nicht unhysterisch klingenden - Lacher gab die Rezensentin bei Sutcliffes Einschätzung Hannibals als „one of the sanest men I know“ und Lecters ungleich verrückterer Antwort „I would agree“ von sich. Auch sonst speist sich der zaghafte Humor in Buffet Froid ausschließlich aus diesem verbalen Versteckspiel des Psychopathen. Die wendungsreiche Handlung, die in ihrer vertrackten Natur kaum zu überbieten ist, wird immer wieder kurz durch Doppeldeutigkeiten aufgelockert. Was genau es zu bedeuten hat, dass Lecter an dem befreundeten Neurologen „Opportunity“ wittert, offenbart sich zum einen in dessen Mittäterschaft bei Wills Täuschung. Zum anderen aber manifestiert sich diese Möglichkeit aber auch in der bestechend abgeklärten Weise, in der Lecter das Gesicht seines früheren Kollegen mit einer Schere bearbeitet. Wohl das beste Beispiel für haarsträubend-doppelte Bedeutungen schwingt allerdings in dem Satz „I sincerely hope for her sake she doesn't remember much“ mit, durch den Lecter gleichzeitig Empathie heuchelt und dabei eine düstere Warnung für Georgia (Ellen Muth, Dead Like Me) ausstößt. Schließlich gehört nun in gewisser Weise auch sie zu denjenigen, die den eiskalten Mörder entlarven könnte.
Kunstvolle Beklemmung
Der Regisseur John Dahl macht sich in dieser Episode von Hannibal die ohnehin schon klaustrophobische Wirkung eines Kernspintomografen zu nutze, indem er Wills Scan im Zuge einer Parallelmontage mit der Lauerstellung der psychisch gestörten Georgia verschmelzen lässt. Als groteskes Sahnehäubchen für das Horrorszenario dient erneut das entstellte Gesicht ihres Opfers Beth in all seiner schrecklichen Pracht.
Am I alive?
Stets ist man in Bezug auf Georgia zwischen Grauen und Mitleid hin und hergerissen, bis man am Ende - dank Wills grenzenloser Einfühlsamkeit - tatsächlich noch eine Art von Zugang zu dem Mädchen erhält. Allem Anschein nach wird sich dieser gelungene „Fall der Woche“ auch noch auf weitere Episoden erstrecken.

Bedauerlicherweise drängen sich in diesem Zusammenhang aber auch kritische Fragen auf: Wie kann ein unterversorgtes und geschwächtes Mädchen derartige Kräfte freisetzen? Wie kann eine auffällige Frau wie sie solche Distanzen überwinden? Ist sie mit dem Bus in das Krankenhaus gekommen? Wieso ist Georgia in ihrer offensichtlichen Fremdgefährdung überhaupt auf freiem Fuß? Da diese Unstimmigkeiten der generellen Unterhaltsamkeit und dem mitreißenden Flair der Episode jedoch keinen Abbruch tun, sollen die sich auch nicht auf die Bewertung von Buffet Froid niederschlagen. Zudem profitiert Georgias Storyline davon, dass sich in dem Selbst-und Realitätsverlust des Mädchens auf sehr stimmige Weise der momentane Zustand von Will reflektiert.
Verhängnisvolle Verbindung
Die Art und Weise, in der Hannibal von Will und dessen „purer Empathie“ schwärmt, scheint schon fast einer Liebeserklärung gleichzukommen. Trotzdem sieht der Psychiater nicht davon ab, mit Will wie mit einem Versuchskaninchen zu verfahren. Die große Frage besteht darin, was sich Lecter von seinem perfiden Plan erhofft. Ob er seiner Aussage gegenüber Sutcliffe - „We will put out the fire when it is necessary“ - tatsächlich Taten folgen lassen wird? Während man dem Psychopathen Hannibal alles zutrauen würde, gibt auch Sutcliffes Komplizenrolle ein Rätsel auf. Doch der ist ohnehin tot, und nun ist Dr. Lecter wieder der einzige, der die wahre Ursache von Wills Leiden kennt.
Fazit
Wills Untergang ist grandios inszeniert. Genau wie der Profiler wird auch der Zuschauer dazu verdammt, nicht länger den Unterschied zwischen Realität und Wahnvorstellung zu erkennen. Die damit einhergehende Desorientierung ermöglicht uns einen direkten Zugang zu Wills beängstigender Hilflosigkeit. Es wird spannend, zukünftig noch genauere Antworten auf Crawfords entscheidende Frage an Will zu bekommen: „Why are you still here when the both of us know that it is bad for you?“
Auch das Grübeln nach Hannibals Motivation sorgt für quälende Ungewissheit. Ob Sutcliffe wohl auch aus dem Grund sterben musste, weil er Will - der für Lecter tatsächlich einen übergeordneten Stellenwert einnimmt - indirekt als „Schwein“ bezeichnet hatte? Oder wollte Hannibal nur sicher gehen, dass Will nicht durch eine andere Quelle von seiner tatsächlichen Krankheit erfährt?
Die Rezensentin blickt den verbleibenden drei Episoden aus der ersten Staffel von Hannibal mit gemischten Gefühlen entgegen. Zum einen erhofft sie sich sehnlichst ein paar Antworten, zum anderen fürchtet sie die lecterfreie Zeit. Doch glücklicherweise ist ein Ende der bislang wirklich großartige Serie nicht in Sicht: So ist das fürchterliche Format durch seinen amerikanischen Heimatsender NBC ENDLICH für eine weitere Staffel verlängert worden... Bon courage!
Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 31. Mai 2013(Hannibal 1x10)
Schauspieler in der Episode Hannibal 1x10
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