Hannibal 1x09

Hannibal 1x09

Die neue Episode von Hannibal räumt dem schockierenden Totempfahlmörder erstaunlich wenig Spielzeit ein. Stattdessen konzentriert sich die Serie auf die Hauptfiguren, deren Beziehungsgeflecht sich immer weiter verkompliziert.

Der Profiler Will Graham (Hugh Dancy) begutachtet in „Hannibal“ mit Jack Crawford (Laurence Fishburne) die schaurige Skulptur. / (c) NBC
Der Profiler Will Graham (Hugh Dancy) begutachtet in „Hannibal“ mit Jack Crawford (Laurence Fishburne) die schaurige Skulptur. / (c) NBC

Gleich zu Beginn der Episode Trou Normand (1x09) überrumpelt Hannibal seine Zuschauer wieder mit einem Horrorszenario, das direkt aus der Hölle zu stammen scheint. So überragt ein schauriger Totempfahl aus menschlichen Körperteilen die Ermittler um Will Graham (Hugh Dancy) und Jack Crawford (Laurence Fishburne).

Der Fall

Der Anblick der schaurig-kunstvoll drapierten Leichen veranlasst ausnahmsweise gar Beverly Katz (Hettienne Park) dazu, sich mit ihren Geschmacklosigkeiten zurückzuhalten. Abseits des ersten Schockeffekts, den das Mahnmal - das direkt im Anschluss an idyllische Strandbilder gezeigt wird - fraglos mit sich bringt, setzt die neue Episode ihren Fokus eher auf die Hauptfiguren von Hannibal. So wird in „Trou Normand“ insbesondere das komplexe Verbindungsgeflecht beleuchtet, das sich zwischen ihnen entspinnt.

Fast schon spielerisch gelingt es Will und Jack, den „Totempfahlkiller“ ausfindig zu machen: Über 40 Jahre hinweg hat Lawrence Wells (Lance Henriksen) unerkannt 17 Menschen ermordet. Unter seinen Opfern befindet sich auch sein leiblicher Sohn, von dessen tatsächlicher Abstammung Wells keine Kenntnis hatte. Statt sich ein Denkmal zu setzen und die Welt von einem Menschen zu befreien, der „niemals hätte existieren sollen“, hat Wells sich so in Wahrheit um sein - genetisches - Erbe gebracht. Die hilflose Geste, die der großartige Lance Henriksen im Moment der bitteren Erkenntnis ausführt, verleiht der Verzweiflung über ein verpfuschtes Lebenswerk sehr eindrucksvoll Ausdruck.

Wells Figur wohnt dank Henriksens schauspielerischer Expertise ein hohes bedrohliches Potential inne. Deswegen ist es schade, dass nicht mehr Zeit verwendet wird, um seine Beweggründe für die Morde an den anderen Opfern weiter auszuführen. Auch die Frage danach, wie der alte Mann die erhebliche körperliche Anstrengung, die mit dem Errichten einer derartigen Skulptur einhergehen würde, bewältigen konnte, hätte gern ausführlicher erklärt werden können. Zum Glück ergeben sich in Hannibal an anderer Stelle signifikante Entwicklungen, die die Mankos im Fall des „Killers der Woche“ wieder wettmachen.

Wills Leidensweg

Die Lage von Will Graham verschlimmert sich gleich an mehreren Fronten. Zum einen eröffnet ihm Alana Bloom (Caroline Dhavernas) in einer einfühlsamen Szene, dass es zwischen ihnen keine romantische Zukunft geben könne - solange sich sein Zustand nicht stabilisiert habe. Zudem verschwimmt die Grenze zwischen Will und den Rollen, in die er für seine Arbeit im Dienste des FBI schlüpft, noch weiter. Er „verliert“ immer wieder „die Zeit“. Während dieser Perioden scheint er sich zwar unauffällig zu verhalten. Sein temporär „ausgeschaltetes“ Bewusstsein ist in Anbetracht der diabolischen Einflüsse durch die verschiedenen Killer jedoch nicht nur in den Augen Hannibals (Mads Mikkelsen) besorgniserregend: „I don't want you to wake up and see a totem of your own making.

Welche Hintergedanken hat Hannibal (Mads Mikkelsen); während er Abigail (Kacey Rohl) tröstet? © NBC
Welche Hintergedanken hat Hannibal (Mads Mikkelsen); während er Abigail (Kacey Rohl) tröstet? © NBC

Abigails Fluch

Auch seine Beziehung zu Abigail Hobbs (Kacey Rohl) wird Will immer mehr zum Verhängnis. So stellt sich heraus, dass das junge Mädchen seinem Vater Garret Jacob Hobbs (Vladimir Jon Cubrt) tatsächlich dabei geholfen hatte, die Morde zu verüben. In einer Albtraumsequenz werden dem Zuschauer noch einmal Abigails immense Schuldgefühle verdeutlicht, ohne dabei jedoch die Wucht aus ihrem späteren Geständnis gegenüber Hannibal zu nehmen: „I knew it was them or me.

I know what monsters are - you are a victim.“ Bemüht sich der Psychiater schlichtweg darum, Abigail durch das Spenden von Trost vor dem mentalen Zusammenbruch zu bewahren? Oder versucht er gar, die Schuldgefühle des Mädchens auf eine perfide Weise zu neutralisieren, um Abigail noch weiter ins Böse abgleiten zu lassen?

Gefährliche Geständnisse

Abigails Mittäterschaft ist jedoch nicht die einzige große Offenbarung dieser Episode. So erfährt Will nun von Hannibal, dass er nicht nur von Abigails Jungfernmord wusste, sondern auch, dass er ihr bei der Beseitigung des Leichnams von Nicholas Boyle (Mark Rendall) geholfen hatte. Die in düsteren Tönen gehaltene Sequenz lässt beide Darsteller in ihrer schauspielerischen Brillanz erstrahlen.

Besonders Mikkelsens Spiel ist in der Mischung aus scheinbar ehrlichem Wohlwollen gegenüber Abigail („If you go to Jack you will murder Abigails future.“) und fleischgewordener Bedrohlichkeit spektakulär. Als Lecter Will fragt, ob er wohl seinen Anwalt anrufen müsse, erhält man unweigerlich das Gefühl, dass der erste Griff des Kannibalen nach einer „falschen“ Antwort des Profilers sicher nicht in Richtung Telefon gehen würde... Obwohl man für die neunte Episode von Hannibal wohl kaum mit einem physischen Kampf zwischen Will und dem Kannibalen gerechnet hätte, stiften auch eine Reihe von Schatten und die Fokussierung von Hannibals Zeichenmesser dabei eine beachtliche Spannung.

Was will Lounds?

Zusammen mit Abigail erscheint auch die Schmuddelreporterin Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) wieder auf der Bildfläche und bringt durch ihr undurchschaubares Wesen einen schwer zu berechnenden Faktor in die Handlung. Ist die Journalistin nur am Profit interessiert, den eine Veröffentlichung von Abigails Lebensgeschichte auch für sie bedeuten würde? Oder ist Lounds bereits einem Geheimnis auf der Spur, das selbst die Gräueltaten des Jacob Hobbs in den Schatten stellen würde? In diesem Zusammenhang sind sowohl ihr Blick in Richtung Hannibal bei den Worten „We are all pathological in our own ways“ als auch ihr Vegetarismus am Tisch von Hannibal bemerkenswert.

Der schaurige Turm ist das Werk des Mörders Lawrence Wells (Lance Henriksen). © NBC
Der schaurige Turm ist das Werk des Mörders Lawrence Wells (Lance Henriksen). © NBC

Gespür für die Schuld

Jack Crawford (Laurence Fishburne) zeichnet sich in Trou Normand besonders durch sein kriminologisches Gespür aus. Gegen die ausdrückliche Meinung von Alana Bloom konfrontiert er Abigail mit ihrem eigenen Opfer. Jack legt dabei neben seinem richtigen Riecher für ihre Schuld auch eine ausgesprochene Härte an den Tag. Um die Wahrheit ans Licht zu bringen, nimmt der Agent auf den geistigen Gesundheitszustand des - potentiell unschuldigen - Mädchens ebenso wenig Rücksicht wie auf das geistige Wohlbefinden seines Profilers Will.

Mit seiner Einschätzung, dass Abigail stärker sei, als irgendjemand vermute, beweist Hannibal in Bezug auf sein Protegé jedoch gute Menschenkenntnis: Statt beim Anblick ihres Opfers zusammenzubrechen oder Jack gar ihre Schuld zu gestehen, kann Abigail an ihren Unschuldsbeteuerungen festhalten.

Fazit

Die unheilvolle Dreiecksverbindung zwischen den „Vätern“ Lecter und Graham und ihrer „Tochter“ Abigail verfestigt sich weiter, seit sie sich zu dritt das Geheimnis um den wahren Mörder von Nicolas Boyle teilen. Dabei manifestiert sich Hannibals Einfluss auf alle Beteiligten: Der fragile Will wird besonders hart getroffen, obwohl er noch nicht einmal von Abigails Partizipation bei den Mädchenmorden erfahren hat. Wie ein Spielball wird der Profiler durch Hannibals immer komplexer werdendes Lügengeflecht geschleudert.

Wills hohe Empathie gegenüber Abigail steht zudem seinem Glück mit Alana im Wege. Ein kompletter Rückzug aus dem Profiling würde sich zwar positiv auf seine geistige Stabilisierung auswirken. Gleichzeitig wäre sein Schützling Abigail in diesem Falle aber dem bohrenden Auge des Jack Crawford preisgegeben - ohne weitere Einflussmöglichkeiten für Will. Nicht zuletzt droht auch Bloom selbst eine hohe Gefahr durch eine Demaskierung Hannibals. So hegt sie zwar gewisse Zweifel über Abigail - doch das Vertrauen in ihren Dr. Lecter ist nach wie vor unerschütterlich: „Any reservations I have about Abigail don't extend to Hannibal!

Vielleicht schwingt in Alanas wütendem Ausbruch gegenüber Crawford jedoch noch mehr mit als bloße Loyalitätsbekundung. So könnte es das Gesagte dem FBIler im Nachhinein erleichtern, die Verbindung zwischen Abigails vertuschter Schuld und Hannibals Einfluss herzustellen...

Der Apfelbrandy, nach dem diese Episode von Hannibal benannt ist, soll den Appetit der Essenden wiederbeleben. Trotz der Makel von Trou Normand ist der Hunger nach neuen Folgen des Formats ungebremst...

Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 28. Mai 2013
Episode
Staffel 1, Episode 9
(Hannibal 1x09)
Deutscher Titel der Episode
Vermächtnis
Titel der Episode im Original
Trou Normand
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 23. Mai 2013 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 28. November 2013
Autor
Steve Lightfoot
Regisseur
Guillermo Navarro

Schauspieler in der Episode Hannibal 1x09

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