Hannibal 1x08

Hannibal 1x08

Die ausgezeichnete Episode Fromage bietet psychologische Kriegsführung für Fortgeschrittene und liefert Einsichten in das Denken von Psychopathen. Außerdem beschert Hannibal seinen Zuschauern einen kunstvollen Kampf und einen Hauch von Romantik.

Der Profiler Will Graham (Hugh Dancy) flirtet in „Hannibal“ mit Alana Bloom (Caroline Dhavernas). / (c) NBC
Der Profiler Will Graham (Hugh Dancy) flirtet in „Hannibal“ mit Alana Bloom (Caroline Dhavernas). / (c) NBC

Zwischen Begierde und Hilferufen

Der Profiler Will Graham (Hugh Dancy) kann seine außergewöhnliche Situation trotz allem noch mit Humor nehmen. So bezeichnet er sich im Gespräch mit der Psychologin Alana Bloom (Caroline Dhavernas) in dieser Episode von Hannibal als „too broken to date“. Nichtsdestotrotz bricht sich die offensichtliche Spannung zwischen den beiden Bahn und resultiert endlich in einem „großartigen“ Kuss. Doch aufgrund ihrer „professionellen Neugier“ in Bezug auf den Profiler bereitet Bloom der aufkeimenden Romanze - zumindest vorerst - wieder ein schnelles Ende. Aus dem Verhalten der beiden spricht jedoch eine derartig ausgeprägte Anziehungskraft, dass ein neuerliches Entflammen ihrer Leidenschaft nicht ausgeschlossen scheint.

Will imaginiert die „Hilferufe“ von in Not geratenen Tieren, worin sich wieder einmal seine überdurchschnittliche Empathie manifestiert. Es ist kaum verwunderlich, dass der sensible Mann zu Tabletten greifen muss, um den „Fall der Woche“ aufzuklären. Schließlich bekommt es das FBI in Fromage mit einem Killer zu tun, der seine ausgeprägte Musikalität dadurch auslebt, dass er einen - vermeintlich nur bedingt begabten - Musiker in ein grausiges Stillleben verwandelt.

Musik eines Teufels

Das Opfer von Tobias Budge (Demore Barnes) musste nicht lange leiden. Doch was nach dem Tod mit seinem Körper geschieht, wirkt wie ein Bild aus der Hölle: Die Stimmbänder der Leiche sind freigelegt und in einer Art und Weise präpariert, dass sie wie die Saiten eines Streichinstrumentes gespielt werden können.

Die Töne, die das diabolische Konstrukt in Wills Vorstellungskraft hervorbringt, lassen einem die Nackenhaare zu Berge stehen. Verkomplettiert wird das unwirtliche Szenario von Garret Jacob Hobbs (Vladimir Jon Cubrt), der Wills virtuosem Spiel am Stimmband huldigt.

Über seinen psychopathenaffinen Patienten Franklin (Dan Fogler) hatte Hannibal (Mads Mikkelsen) den Mörder des Musikers bereits in der Episode Sorbet (1x07) kennengelernt. Dabei hatte es fast den Anschein, als hätte Lecter erst aus dieser Begegnung die Inspiration für seine aufwändige Kocheinlage gefunden. Als die beiden in dieser Folge erneut aufeinandertreffen, ist ihr Gespräch von einem faszinierenden Subtext geradezu durchtränkt. Die Psychopathen scheinen einen Artgenossen instinktiv zu erspüren: „It seems we are both comfortable playing between conventional notes.

Die Agentin Beverly Katz (Hettienne Park) mit einem Beweisstück © NBC
Die Agentin Beverly Katz (Hettienne Park) mit einem Beweisstück © NBC

Psychopathen unter sich

Wie selbstverständlich sich Lecter und Tobias über das Töten unterhalten, ist in der Natur der Sache recht verstörend. Gleichzeitig manifestiert sich aber auch ein gewisser humoristischer Effekt, wenn Hannibal in dem gleichen Tonfall „don't kill Franklin“ sagt, als würde er Tobias bitten, ihm noch etwas Salat übrig zu lassen. Während die beiden Psychopathen in vertraulichem Plauderton über das Töten fachsimpeln, ist es unglaublich spannend, dass die Situation sowohl mit einem Mord als auch mit dem Beginn einer engeren Freundschaft enden könnte. Es herrscht ein mitreißendes Klima der kompletten Empathielosigkeit, in dem sich aufseiten der menschlichen Monster dennoch ein Bedürfnis nach Nähe - oder eher nach Verständnis - bemerkbar macht. Statt Tobias jedoch an seiner Seite zu akzeptieren, hetzt Hannibal ihm lieber den Bluthund Will auf den Hals.

Im Rahmen dieser Konfrontation wird stilistisch meisterhaft ein Spieß fokussiert - bei dem es sich wohl um eine Art Celloständer handelt - und der das Schicksal der Polizeibeamten besiegelt.

Clash of the Titans

Demore Barnes kann seine skrupellose Figur des Tobias sehr überzeugend porträtieren. Im Vergleich zu Mikkelsens Hannibal wirkt er trotzdem eher wie die Beute als dass er eine ernsthafte Bedrohung darstellt. Lecters kühler Intellekt ist einfach zu einschüchternd: „I wouldn't poison you Tobias. I wouldn't do that to the food.

Wills Jagd nach dem flüchtigen Tobias ist grandios in Szene gesetzt und lässt den Puls schneller schlagen. Besonders begeistert zeigte sich die Rezensentin durch die Soundkulisse, die durch ein tinitusartiges Piepen geprägt wird, nachdem Graham in dem Kellergewölbe einen Schuss abfeuert. Ebenso packend ist das finale Aufeinandertreffen zwischen Lecter und Tobias: In einer unvorhersehbaren Wendung bricht Hannibal Franklin das Genick. Er hätte seinen Patienten zwar gerne überleben lassen - doch sein Tod bricht dem Feinschmecker auch nicht gerade das Herz. Im Anschluss entspinnt sich eine der ersten intensiven physischen Auseinandersetzungen Hannibals, die so stimmig koordiniert ist, dass sie anmutet wie ein Tanz. Als Hannibal nach dem errungenen Sieg ein paar Tasten an einem Cembalo anschlägt, möchte man sich - trotz aller Grausamkeit - vor ihm verneigen.

Hannibal (Mads Mikkelsen) kann sich gegen einen anderen Psychopathen durchsetzen. © NBC
Hannibal (Mads Mikkelsen) kann sich gegen einen anderen Psychopathen durchsetzen. © NBC

Ungleiche Freunde

Im therapeutischen Gespräch zwischen Hannibal und Dr. Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson, The X-Files) wird deutlich, dass die Frau einmal von einem Patienten angegriffen wurde. Sofort formulieren sich Fragen im Zuschauerhirn: Wer hat die attraktive Psychiaterin attackiert? Hatte Hannibal etwas damit zu tun?

Als Hannibal seiner Therapeutin davon berichtet, dass er sich - trotz der gravierenden Unterschiede - zu Will hingezogen fühlt, deutet sich an, wie viel Du Maurier tatsächlich über ihren Patienten weiß. Obwohl der Killer sie beispielsweise über seinen Mord an Franklin im Unklaren belässt, scheint sie sich doch über seine kriminelle Veranlagung im Klaren zu sein.

Hannibals Verrat an Tobias erscheint dank der Einblicke aus seinen Sitzungen in einem anderen Licht. So befreit Lecter sich nicht lediglich von einer potentiellen Bedrohung. Gleichzeitig testet er auch Wills Vermögen, „über die Wände zu klettern“, die Tobias errichtet hat. Damit kann Hannibal überprüfen, inwiefern Will sich seiner Freundschaft als würdig erweist.

Fazit

Wenn man davon absieht, dass der junge Musikschüler von Tobias nicht tatsächlich Cello spielt, ist die Episode Fromage stimmig bis ins kleinste Detail. Die grausige Thematik des menschlichen Streichinstrumentes reflektiert sich in der musikalischen Untermalung dieser Folge.

Die Gespräche zwischen den verschiedenen Charakteren sind nicht nur wegen der ausgezeichneten Schauspieler ein Hochgenuss: Jedes Wort lädt zur tieferen Interpretation ein - allem scheint eine Bedeutung innezuwohnen. Geschickt werden - beispielsweise in Bezug auf Madame Du Maurier - neue Geheimnisse angedeutet, die den Sog des glänzend umgesetzten Formates noch verstärken. Auch nach der achten Folge der Serie hat man sich an dem Gesamtwerk namens Hannibal noch lange nicht satt gesehen.

Verfasser: Thordes Herbst am Donnerstag, 16. Mai 2013
Episode
Staffel 1, Episode 8
(Hannibal 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Dunkler Klang
Titel der Episode im Original
Fromage
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 16. Mai 2013 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 21. November 2013
Autoren
Jennifer Schuur, Bryan Fuller
Regisseur
Tim Hunter

Schauspieler in der Episode Hannibal 1x08

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