Hannibal 1x02

Will Graham (Hugh Dancy) wird als vollwertiger Agent in den Reihen des FBI willkommen geheißen. Nicht zuletzt weil der Profiler von Trugbildern des von ihm erschossenen „Minnesota Shrike“-Killers heimgesucht wird, geht mit dem Dienstantritt eine psychologische Untersuchung einher. Und wer wäre besser als Therapeut geeignet als Dr.Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen)?
Bilder im Kopf
Seine Schüsse auf den Serienkiller Garrett Jacob Hobbs aus der Auftaktepisode Apéritif lösen im Geiste von Will Graham verstörende Halluzinationen aus. So liefert der Leichnam des Toten, der Graham im Schießstand statt der üblichen Pappscheibe entgegenschwebt, einen gelungen schaurigen Einstieg in die zweite Folge. Die Einblicke in Grahams Seelenqual sind zwar verstörend, dabei aber gleichzeitig so professionell inszeniert, dass sie eine gewisse Ästhetik innehaben. Ein gutes Beispiel hierfür ist auch das blutige Intro der Serie, das uns in Amuse-Bouche erstmals präsentiert wird.
Die grafischen Stilmittel, die bereits in der Pilotepisode von Hannibal die Denkweise des Profilers veranschaulichten, kommen auch in dieser Folge wieder schön zur Geltung. Zudem gewährt uns Graham anhand seines Lehrvortrags an der FBI-Akademie auch verbal Zutritt in seinen - durch Intuition gespeisten - Prozess der Schlussfolgerung.
Bilder in der Realität
Auch außerhalb von Wills Kopf bietet Hannibal unheilvolle Bilder: In Garrett Hobbs Waldhütte stoßen die Ermittler auf einen Raum voller Geweihe, der in seiner gruseligen Ausstrahlung sofort ein Gefühl der Beklommenheit hervorruft. Dank dem Fall des „Minnesota Shrike“ ist neben dem „Mörder der Woche“-Konzept auch eine episodenübergreifende Mordermittlung in die Handlung integriert. Kann Hobbs wirklich alleine gearbeitet haben? Wo befinden sich die verbliebenen sieben Mädchenkörper? Hat der Killer sie tatsächlich vollständig verspeist - oder hat Garrett tatsächlich mit seiner eigenen Tochter Abigail (Kacey Rohl) zusammengearbeitet?

Freddie Lounds
In einer cleveren Andeutung von Nacktheit wird kein Zweifel daran gelassen, dass die aus „Red Dragon“ bekannte Figur des sensationslüsternen Journalisten Freddy Lounds in Hannibal eine Frau ist. Fredricka „Freddie“ Lounds (Lara Jean Chorostecki) veröffentlicht auf der Internetpräsenz „tattlecrime.com“ tiefgehende Insiderinformationen über die Arbeit des FBI und deren Wunderkind Will Graham. Durch ihren Artikel „Takes one to know one“, in dem sie auch auf die Abgründe im Inneren von Will zu sprechen kommt, zieht Lounds den Zorn von Jack Crawford (Laurence Fishburne) auf sich - und erregt zudem die ungleich gefährlichere Aufmerksamkeit von Dr. Lecter...
Therapie
Ob beim geschmackvollen Essen mit Crawford oder im kritischen Zwiegespräch mit Freddie Lounds - stets ist Lecter der Herrscher über die Dinge. Er gibt den Ton an und kann sich - je nach Bedarf - charmant oder aber auch ausgesprochen bedrohlich präsentieren: Mads Mikkelsen leistet großartige Arbeit.
Wie alles an Hannibal ist auch sein Therapiezimmer sehr stilvoll und edel. Auf eloquente und hochintelligente Weise analysiert er darin Wills Bedürfnisse: „What you need is a way out of dark places, when Jack sends you there.“
Lecters beachtliches Einfühlungsvermögen kann schließlich auch zutage bringen, dass Graham sich für die komatöse Abigail aus dem Grund verantwortlich fühlt, weil er den Mord an ihrem Vater insgeheim genossen hat. Das damit einhergehende Schuldgefühl überlagert nun seine Profilingfähigkeiten, weswegen er auch weiterhin auf Lecters therapeutische Hilfe angewiesen sein wird. Bei dem Fachmann ist er auch definitiv an der richtigen Adresse: Wenn sich irgendein Mensch mit dem Reiz auskennen sollte, der das gottgleiche Töten innehat, dann Hannibal Lecter.
Der Fall: Pilze, die verbinden
Auch im Elk Neck State Forest offenbaren sich mit den von Pilzen bewachsenen, menschlichen Kadavern schreckliche Bilder. Damit geht auch ein beträchtlicher WTF-Moment einher, als eine der vermeintlichen Leichen nach Graham greift. Es ist zwar nicht nachvollziehbar, warum der überzuckerte Diabetiker überhaupt aus dem Koma erwachen sollte. Hätte es außerdem nicht der obligatorische erste Akt der Ermittler sein müssen, den Tod von jedem einzelnen Opfer festzustellen? Für den kräftigen Adrenalinschub und das betäubende Ekelgefühl, das die Sequenz auslöst, kann man die unstimmigen Details aber verschmerzen.

Der Fall des „Pilzzüchters“ übt aufgrund der beängstigenden Vorstellungskraft, die für die Erfindung einer derartigen Perversion nötig ist, einen dunklen Sog aus. Im Zuge der Recherchen über den mordenden Apotheker Eldin Stamets ist die Rezensentin über den renommierten Pilzforscher Paul Stamets gestolpert. Der Mykologe hatte das Wissen über sein Fachgebiet bereits auf der berühmten TED-Konferenz zum Besten gegeben. Neben der Namensähnlichkeit zwischen dem Forscher und dem Psychopathen legen auch Stamets Worte „Mycelium is Earth's natural Internet“ nahe, dass sich Bryan Fuller und Jim Danger Gray (Pushing Daisies) durch seine Arbeit inspirieren ließen. So geht es Eldin Stamet in seiner verdrehten Weltsicht darum, die Menschen - mithilfe der Pilze - über das Individuum hinaus miteinander zu verbinden.
Atempausen
In den überzeugenden Mix aus klassischen Grusel- und Erschreckpassagen und ruhigeren Sequenzen, in denen man in Hannibal psychologischen Input bekommt, mischen sich auch immer wieder humorige Einschübe. Sie ermöglichen kurze mentale Verschnaufpausen und stechen aus dem düsteren Gesamtwerk intensiv hervor. Sei es Hannibals herrlich doppeldeutiges Bekenntnis gegenüber Crawford und dessen Frau („I'd love to have you both for dinner!“) oder Beverly Katz' (Hettienne Park) bahnbrechende Geschmacklosigkeit im Angesicht des Grauens („Did you find any Shiitakes?“) - stets wird man durch den Witz regelrecht überrumpelt.
Wiedervereinigung
Nachdem Serienerfinder Bryan Fuller bereits seiner Figur der Mary Ann Marie Beetle (Beth Grant) einen Auftritt in Pushing Daisies verschafft hatte „20055“, folgt nun das nächste Cross-over:
Caroline Dhavernas, die als Dr. Alana Bloom einen so sympathischen wie einfühlsamen Eindruck macht, läuft in Hannibal ihrer Wonderfalls-Kollegin Chelan Simmons zwar nicht über den Weg. Dennoch kommen sich die Universen der beiden Fuller-Formate sehr nahe, als Simmons in ihrer „Wonderfalls“-Rolle der Gretchen Speck-Horowitz auf der Bildfläche erscheint. Als Leckerbissen für die Fans der kurzlebigen Dramedy verkündet Speck zudem, sich von Robert scheiden gelassen zu haben.
Fazit
Die zweite Episode von „Hannibal“ beleuchtet das Innenleben von Will Graham und liefert gekonnte Schockmomente. Ständig wird der Zuschauer dabei durch wohl überlegte Kameraführung auf falsche Fährten geführt, und auch die Fortsetzung des „Minnesota Shrike“-Falls ist dem Spannungspotential der Serie sehr zuträglich.
Die unspektakuläre Auflösung des Pilzzüchtererzählstrangs birgt eine gewisse Arroganz in sich. Es ist, als würden die Macher von Hannibal selbstbewusst andeuten, dass den Zuschauern mit Amuse-Bouche (dank Nachforschungen als appetitanregendes Miniportiönchen aus der Haute Cuisine identifiziert) lediglich ein kleines Häppchen auf Kosten des Hauses präsentiert wurde - und das tatsächliche Menü erst noch kommt...
Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 12. April 2013(Hannibal 1x02)
Schauspieler in der Episode Hannibal 1x02
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?