Hannibal 1x01

Hannibal 1x01

Die neue Serie Hannibal hat sich mit der Adaption von Thomas Harris' Kultmaterie keine leichte Aufgabe gesetzt. Dank der Ausnahmebesetzung mit Laurence Fishburne, Hugh Dancy und dem großartigen Mads Mikkelsen scheint sich das Wagnis auszuzahlen.

Hugh Dancy, Mads Mikkelsen und Laurence Fishburne in „Hannibal“. / (c) NBC
Hugh Dancy, Mads Mikkelsen und Laurence Fishburne in „Hannibal“. / (c) NBC

Es ist angerichtet. Der aus den Romanen von Thomas Harris und diversen Filmen berüchtigte Kannibale Dr. Lecter erobert in Hannibal nun auch die Serienlandschaft. In der Auftaktepisode Apéritif werden in erster Linie - und in hervoragender Weise - die Protagonisten eingeführt. Doch neben den wirklich ausgezeichneten Hauptdarstellern können auch die filmische Inszenierung und die Handlung gleichermaßen überzeugen.

Minnesota Shrike

Acht Studentinnen wurden innerhalb von acht Monaten entführt. Weil der Killer die Mädchen auf Hirschgeweihe spießt, ist er durch die Presse - in Anlehnung an die Vogelart der Raubwürger, die ihre Beute auf Dornen spießen - auf den Namen „Minnesota Shrike“ getauft worden.

Der FBI-Agent Jack Crawford (Laurence Fishburne, „Matrix“) rekrutiert zwei grundverschiedene Männer, um die Identität des Serienmörders herauszufinden.

Der begabte, aber unangepasste Profiler Will Graham (Hugh Dancy) unterrichtet sein Spezialgebiet eigentlich an der Universität.

Der Mann, der an der Schwelle zum Autismus steht, verdankt seiner Störung die Fähigkeit, sich sehr akkurat in verschiedene Menschen hineinversetzen zu können. Die Psychologieprofessorin Dr. Alana Bloom (Caroline Dhavernas, Wonderfalls) arbeitet als Beraterin für das FBI. Sie ist mit Graham vertraut und erläutert Crawford und dem Zuschauer gleichermaßen dessen Besonderheit. Bloom betrachtet Graham aus professioneller Neugierde, möchte ihn aber gleichzeitig vor den Schattenseiten seiner Gabe beschützen: „Fear is the price of imagination.

Aufgrund seiner offenkundigen Andersartigkeit und der Tatsache, dass Graham in den Profilingsequenzen auch physisch in die Rolle des Killers schlüpft, erweckt sein Charakter zu Beginn ein gewisses Misstrauen. Es gelingt dem Serienschöpfer Bryan Fuller (Pushing Daisies) aber auf feinfühlige Weise, den Zuschauer für den Protagonisten zu erwärmen. Liebevoll nimmt sich der Special Agent einem ausgerissenen Vierbeiner an. Dadurch, dass man den siebenfachen Hundebesitzer dabei beobachtet, wie er sich den Tieren gegenüber verhält, wird ein unverfälschter und ehrlicher Einblick in sein großes empathisches Potential vermittelt. Auch ein leichter Anflug von Humor („I enjoy the smell of urinal cake“) macht den Einzelgänger sympathisch.

Will Graham (Hugh Dancy) im Kreise seiner Hunde. © NBC
Will Graham (Hugh Dancy) im Kreise seiner Hunde. © NBC

Graham wirkt so verletzlich, dass man ihm gegenüber einen Beschützerinstinkt entwickelt. Man nimmt es der - zu laut erscheinenden - Spurensicherin Beverly Katz (Hettienne Park) regelrecht übel, als sie den fragilen Profiler wortreich in seinem gedanklichen Prozess unterbricht. Die visuelle Aufarbeitung von Grahams mentalen Ausflügen in andere Menschen ist dabei sehr gelungen. Dass Graham zwischenzeitlich zum Täter wird, ist ebenso innovativ wie stimmig. Der Einsatz von „zurückgespulten“ Sequenzen oder dem scheibenwischerartigen Effekt, der störende Elemente aus Grahams Wahrnehmung vertreibt, könnte auch billig wirken. Dank dem sparsamen und bedacht platzierten Einsatz verströmt die Inszenierung aber eine kühle Eleganz.

Brillantes Trio

Genau wie Hugh Dancy glänzt auch Fishburne in seiner kraftvollen Darbietung. Crawford ist zwar der Boss, dabei aber keinesfalls ein bloßer Karrierist. Anhand seiner cholerischen Anwandlungen kann man sehr gut erkennen, wie sehr ihm die Mordserie nahegeht.

Der dritte wirklich hervorragende Darsteller wird nach Grahams entsetzten Worten „He is eating them“ so explizit in die Handlung eingeführt, dass seine kannibalische Neigung von Anfang an offenkundig wird. Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen), der ebenfalls durch Crawford für den Fall angeworben wird, ist offensichtlich ein Anhänger der High Cuisine. Granatäpfel und andere rote Früchte bestimmen das Bild und lassen schnell Assoziationen zu menschlichem Fleisch aufkommen.

Der begnadete forensische Psychiater wird bei seiner Einführung durch die Kamera noch in Dunkelheit gehüllt. Was sich im Anschluss abzeichnet, ist das Bild eines detailversessenen Mannes, der die Regeln selbst bestimmt.

Die Dialoge in Hannibal sind durchweg stimmig. Besonders Hannibals unorthodoxe Einschätzung von Will als „the mongoose I want under the house when the snakes slither by“ lädt zur Interpretation ein. Lecter erkennt in Graham hinter dessen harmloser Fassade die verbissene Kampfeslust eines flauschigen Säugetieres, das es ohne Zögern mit den tödlichsten Gegnern aufnimmt. Doch wer stellt in Hannibals Metapher wohl die Schlangen dar?

Zwei Kannibalen

Die Tatsache, dass in Apéritif gleich zwei Kannibalen ihr Unwesen treiben, ist ein Stück weit verwirrend. Das liegt in erster Linie daran, dass Lecter eingeführt wird, während eigentlich von den Essgewohnheiten des Minnesota Shrike die Rede ist. Erst im Anschluss kann der pure empath Graham eine weitere Leiche dem bislang unbekannten „Copy Cat Killer“ zuordnen - bei dem es sich wiederum um Lecter handelt. Die Bilder, die zeigen, wie Hannibal genüsslich die Lungenflügel des Opfers zubereitet, wirken trotz des verstörenden Fleisches so glanzvoll, dass sie auch aus einer Kochshow hätten stammen können.

Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) ist ein Feinschmecker. © NBC
Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) ist ein Feinschmecker. © NBC

Dadurch, dass Hannibal sich selbst als trittbrettfahrender Mörder betätigt, kann Graham das Profil der eigentlichen Zielperson verschärfen und schließlich - wie auch in der Romanvorlage „Red Dragon“ - Garrett Jacob Hobbs als Täter identifizieren.

Hannibal erhält durch seine Arbeit für das FBI die Gelegenheit, Hobbs telefonisch zu warnen. Die abgeklärte Art und Weise, in der Lecter dabei vorgeht, ist derartig mitreißend, dass man sich schon nach kurzer Zeit keinen anderen Schauspieler als Mads Mikkelsen mehr in der Rolle vorstellen möchte. Er interpretiert Hannibal samt prägnantem Dialekt zwar anders als sein Schauspielkollege Anthony Hopkins, aber nicht weniger furchteinflößend.

Gegensätze

Hannibal agiert stets durchdacht und mit einer gewissen Neugierde. Als er einen Blick auf das blutige Chaos wirft, das er durch seinen Anruf in Gang gesetzt hat, zuckt für einen Moment gar ein Lächeln über seine Lippen. Graham ist der krasse Gegenentwurf. Zitternd und verzweifelt versucht er, das Leben von Garretts Tochter zu retten, doch in seiner Panik ist er nur bedingt dazu fähig. Hannibal hingegen kann routiniert die Blutung am Hals von Hobbs' Tochter stillen.

Es erschließt sich nicht konsequent, warum Hobbs seine Opfer erst auf fast andächtige Weise mordet und dann - stümperhaft und übereilt - erst seiner Ehefrau und dann seiner Tochter jeweils die Kehle aufschneidet. Doch der Killer steht ja unter einem gewissen zeitlichen Druck - und überhaupt verblasst jegliche Kritik im Angesicht der Szene, in der Graham am Krankenbett von Hobbs' Tochter auf seinen größten Gegner trifft. Der nicht nur durch die tödlichen Schüsse auf Garrett in Mitleidenschaft gezogene Profiler betritt das Krankenzimmer nämlich aus tiefem Mitgefühl heraus. Doch was denkt sich Dr. Lecter, der über den Schlaf des Mädchens wacht, dem er das Leben gerettet hat?

Fazit

Der Regisseur David Slade hat aus einer atmosphärischen Geräuschkulisse, fabelhaften Schauspielern und einem ikonischen Antihelden ein verführerisches Gesamtwerk kreiert. Es ist sehr spannend und verströmt eine dunkle Faszination, an der Seite der Protagonisten die dunkelsten Psychen aufzuspüren, während man dem tiefsten Abgrund permanent ins Gesicht blickt.

Als Lecter und Graham sich zusammenfinden, um verstörend schmackhafte Würstchen zu verspeisen, erklärt Will, seinem Gegenüber kein Interesse entgegenzubringen. Hannibal entgegnet ein weises „You will.

Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 5. April 2013

Hannibal 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Hannibal 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Töchter
Titel der Episode im Original
Apéritif
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 4. April 2013 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 10. Oktober 2013
Autor
Bryan Fuller
Regisseur
David Slade

Schauspieler in der Episode Hannibal 1x01

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