Hannibal 1x03

Hannibal 1x03

In der neuen Folge von Hannibal wird ein Bogen zum Serienauftakt geschlagen. Graham und Lecter begleiten die Tochter des Minnesota-Shrike auf ihrer Reise in eine verstörende Vergangenheit. Dieser spannende Ausflug ist so gut wie perfekt geraten!

Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) neben Abigail Hobbs (Kacey Rohl) in „Hannibal“. / (c) NBC
Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) neben Abigail Hobbs (Kacey Rohl) in „Hannibal“. / (c) NBC

Auch mit der dritten Portion Hannibal wird den Zuschauern ein gar köstliches Stückchen Serie aufgetischt. Keine Sequenz aus der Episode Potage erscheint überflüssig: Während sich Will Graham (Hugh Dancy) und seine Kollegen auf die Suche nach der Wahrheit begeben, werden - wie in dem titelgebenden Eintopfgericht - Erzählstränge aus Apéritif mit der Gegenwart vermengt und appetitanregend verdichtet. Das furchtbare Schicksal von Abigail Hobbs (Kacey Rohl), der Tochter des „Minnesota Shrike“-Killers, wäre an sich schon spannend genug. Der „doppelte Boden“ aber, den Hannibal Lecters (Mads Mikkelsen) düstere Machenschaften zur Handlung beisteuern, verhelfen der Serie zu einem außergewöhnlich verlockenden Flair, dem man sich bereits jetzt kaum noch entziehen kann.

Verlockender Einstieg

Bereits der Auftakt zur dritten Episode von Hannibal ist hervorragend gelungen. Abigail Hobbs, deren Augen vor Schreck geweitet sind, als sie aus dem Koma erwacht, wird von gruseligen Traumbildern heimgesucht. Wir erhalten Einblicke in die Jagdausflüge mit ihrem Vater. Durch die Tatsache, dass die tote Hirschkuh durchweg als „her“ bezeichnet wird, und weil sich das Tier im letzten Moment in eines der menschlichen Opfer von Garret Hobbs (Vladimir Cubrt) verwandelt, wird geschickt Abigails Beteiligung an den Morden angedeutet.

Jack Crawford (Laurence Fishburne) möchte so schnell wie möglich ausschließen können, dass Abigail als Komplizin ihres Vaters tätig war. Deswegen entscheidet er sich auch gegen den Rat von Dr. Alana Bloom (Caroline Dhavernas) und gestattet, dass das hoch traumatisierte Mädchen in ihr Elternhaus zurückkehrt. Damit folgt er der Meinung von Hannibal Lecter. Der Psychiater gibt an, dass Abigails Konfrontation mit dem Tatort ihr dabei helfen könnte, die Traumata zu verarbeiten. In Wirklichkeit hat der Künstler der Manipulation aber etwas anderes im Sinn...

Falsches Spiel

Weil Will Graham Abigail für unschuldig hält und der „Minnesota Shrike“-Killer tot ist, konzentriert er sich in seinen Profilingbemühungen nun auf den „Copycat-Killer“. In seiner Interpretation von Hannibals Beweggründen und der Charakterisierung des Mörders als „intelligenten und sadistischen Psychopathen“ liegt er so richtig, dass sich sein größter Gegenspieler zu einem weiteren Mord gezwungen sieht. Hannibal selbst gibt Will den Hinweis, dass Mr. Copycat sich „provoziert“ gefühlt habe.

Es ist mehr als beunruhigend, dass Dr. Lecter durch die enge Zusammenarbeit mit dem Profiler so gut mit dessen Theorien vertraut ist, dass er sein Verhalten darauf ausrichten kann. So tötet Lecter Larissa - die einzige Freundin, die Abigail die Treue hält - wieder nach dem „Shrike-Schema“. Damit kann Hannibal Grahams Theorie als fehlerhaft entlarven und gleichzeitig Abigails Psyche einen weiteren schweren Schlag versetzen.

Profiler Will Graham (Hugh Dancy) neben Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen). © NBC
Profiler Will Graham (Hugh Dancy) neben Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen). © NBC

How about you tell me what you know?

Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) hat sich durch Hannibals Rüge aus der Folge Amuse-Bouche (1x02) nicht längerfristig zur Raison bringen lassen und gelangt auf ihrer Spurensuche - wohl mithilfe ihrer eindrucksvollen Überredungskunst - bis in Abigails Krankenzimmer. Im Gespräch mit der abgebrühten Journalistin beweist zwar auch die Patientin ihr manipulatives Geschick, von dem Alana Bloom zuvor bereits Jack Crawford berichtet hatte. Dennoch bleibt Lounds die Königin der Intrigen und treibt durch ihr selbstsüchtiges Vorgehen unschuldige Menschen ins Verderben - ohne jegliche Skrupel.

Genauso wie Lounds Nicholas Boyle, den Bruder des ersten Copycat-Opfers, gezielt in seinem Rachewahn anstachelt („He pulled out her loungs while she was still breathing - there is no comfort in that.“), ist sie auch nicht ernsthaft am Wohlergehen von Abigail interessiert. Vielmehr tut sie ihr Bestes, um die Geschichte noch weiter eskalieren zu lassen und sie später in ihrem Blog zum Besten zu geben.

Auch gelingt es Lounds, Graham so weit zu provozieren („By special agent he means not really an agent... Too unstable.“), dass er sich zu einer - für ihn ungewöhnlichen - Drohgebärde herablässt. „It's not very smart to piss off a guy who thinks about killing people for a living“, erklärt Will. Dank ihm erhält so auch der Humor sein Plätzchen in dieser Episode - trotz der Abwesenheit von Beverly Katz (Hettienne Park). Freddie nutzt Grahams Worte unbeirrt für „tattlecrime.com“. Vielleicht verhält sie sich in ihrer kompromisslosen Art tatsächlich nicht sonderlich „smart“, doch einschüchtern lässt sich die Journalistin auch nicht. Noch nicht.

Verbale Leckerbissen, grafische Delikatessen

Die ruhigeren Passagen von Hannibal, in denen sich zum Beispiel Crawford mit Bloom und auch Hannibal austauscht, sind durchgehend anspruchsvoll gehalten. Sie versorgen die Zuschauer mit interessanten psychologischen Hintergrundinformationen. Auch der scharfe Kontrast, der sich in dem Dreiergespann aus dem durchweg guten Graham, dem abgrundtief bösen Lecter und der undurchsichtigen Abigail abzeichnet, trägt einen ausgeprägten Reiz in sich.

Aufgrund von Hannibals unterschwelligem Masterplan kann man sich zu keiner Zeit dem Gefühl der Hilflosigkeit erwehren: Was will der große Strippenzieher wohl in diesem Moment mit exakt dieser Äußerung bezwecken? Berieseln lassen kann man sich mit der Materie Hannibal auf keinen Fall.

Ganz nebenbei gibt es auch noch etwas über das Procedere der Spurensicherung zu lernen: So werden nur die Umrisse von überlebenden Menschen auf dem Untergrund festgehalten. Authentisch wirkende Details wie die Familienfotos, die von den Reinigungskräften des Tatortes umgedreht werden, lassen die Geschichte noch schauriger erscheinen. Im Gegenzug steuern die wieder großartig umgesetzten Traumsequenzen von Will, in denen der gefiederte Hirsch sein Unwesen treibt, einen hohen symbolischen Gehalt bei.

Madness shared by three?

Viele Hinweise deuten subtil an, dass es sich bei Hannibal selbst um den Copycat-Killer handelt. So könnte auch das „See!“ des sterbenden Hobbs dementsprechend verstanden werden. Doch während die Zuschauer - nicht zuletzt dank der cleveren Kameraführung - immer wieder auf den wahren Mörder hingewiesen werden, bleibt für Graham, Bloom und Co. die Wahrheit verborgen. Und da sich Nicholas Boyle nun vorzüglich dafür eignet, die Verantwortung für Hannibals zwei aktuelle Morde zu übernehmen, scheint Lecters Enttarnung sogar noch unwahrscheinlicher zu werden. Umso erstaunlicher - und gleichzeitig verheißungsvoller - ist es, dass Abigail dem diabolischen Genie auf die Schliche kommt: „You are the man on the phone!

Irgendwie hat es Freddie (Lara Jean Chorostecki) bis an Abigails (Kacey Rohl) Krankenbett geschafft. © NBC
Irgendwie hat es Freddie (Lara Jean Chorostecki) bis an Abigails (Kacey Rohl) Krankenbett geschafft. © NBC

Abigail

Abigail schwankt stets zwischen blankem Entsetzen („He was feeding them to us, wasn't he?“), den damit einhergehenden Schuldgefühlen („He killed those girls so he wouldn't have to kill me.“) und einer dunkleren Seite, die sie dem Einfluss ihres Vaters zu verdanken hat. Als Abigail plötzlich mit Nicholas Boyle konfrontiert wird, bringt sie ihn nicht nur um, sondern bricht fachmännisch seinen Leichnam auf. Dies tut sie wohl in ebenjenem Affekt, den Bloom zuvor als mögliche Nebenwirkung ihrer Rückkehr in Erwägung gezogen hatte. Abigails düsteres Potential ist Hannibal nicht entgangen, weswegen er für sie nun - wie auch immer - Boyles Körper verschwinden lässt.

I'll keep your secret.“ „And I'll keep yours.“ Welch grandioser Abgang. Wird sich Hannibal - der in seinem Übergriff auf Alana Bloom erstmals auch seine physische Schlagfertigkeit unter Beweis stellen durfte - der gefährlichen Mitwisserin entledigen, sobald sie ihm nicht länger nützt? Fördert er nur aus dem Grund das Böse in dem Mädchen, um dem hoch empathischen Will auf perfide Weise zuzusetzen? Oder hat der Killer in Hobbs Jr. gar einen vielversprechenden Protegé gefunden? Auch wenn sich die Wege von Hannibal und Abigail bereits jetzt wieder trennen sollten, sind die möglichen Konsequenzen von Lecters Einflussnahme verheerend: „I didn't honor any part of him. So it is just murder?“ Statt den Mordakt an sich zu verurteilen, beginnt Abigail, sich an den kranken Denkmustern ihres psychopathischen Vaters zu orientieren...

Fazit

Das einzige, was die Rezensentin an Potage ernsthaft bemängeln würde, ist die Ungereimtheit, warum Hannibals warnender Anruf an Hobbs nicht zurückverfolgt werden kann. So hatte Lecter doch einfach das Telefon aus dem Bürowagen von Garrets Arbeitgeber benutzt. Die Nummerunterdrückungsfunktion dürfte das FBI wohl kaum derartig überfordern...

Wenn man aber bedenkt, wie verlockend sich die Serie Hannibal bislang in ihrer Gänze präsentiert, muss man keinen weiteren Gedanken an diese Unklarheit verschwenden. Großartige Schauspieler (Mads!!!), spannende und doppelbödige Entwicklungen, die zwischenzeitliche Abkehr vom killer of the week-Schema, stimmige Konversationen und die liebevolle Inszenierung fügen sich zu einem verheißungsvollen Spektakel des Grauens zusammen.

Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 19. April 2013
Episode
Staffel 1, Episode 3
(Hannibal 1x03)
Deutscher Titel der Episode
Hirschgeweih
Titel der Episode im Original
Potage
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 18. April 2013 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 17. Oktober 2013
Regisseur
David Slade

Schauspieler in der Episode Hannibal 1x03

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