Halt and Catch Fire 4x10

Halt and Catch Fire 4x10

Es war immer schon ein kleines Wunder, dass einer Serie wie Halt and Catch Fire trotz anhaltender Quotenschwäche weitere Staffeln beschert wurden. So viel Vertrauen zahlten die Serienmacher doppelt und dreifach zurück: Das Finale ist, wie die letzte Staffel, schlichtweg grandios.

Auch Cameron (Mackenzie Davis, l.) und Donna (Kerry Bishé) sind traurig über das Serienende. / (c) AMC
Auch Cameron (Mackenzie Davis, l.) und Donna (Kerry Bishé) sind traurig über das Serienende. / (c) AMC
© uch Cameron (Mackenzie Davis, l.) und Donna (Kerry Bishé) sind traurig über das Serienende. / (c) AMC

In Zeiten von Peak TV wird es immer mehr zur Seltenheit, dass man einer Serie, die in ihrer ersten Staffel noch nicht wirklich ihr volles Potential abruft, eine Chance gibt. Ein anderer Nebeneffekt dieser wahnsinnig interessanten Fernsehzeit ist, dass sich Senderverantwortliche länger Zeit lassen mit der Entscheidung, eine Serie abzusetzen. Beides trifft auf Halt and Catch Fire zu, die AMC-Retroserie, die in ihrer Auftaktstaffel weder berauschende Kritiken noch besonders viel Zuschauerzuspruch erhalten hatte, aber trotzdem verlängert wurde.

The thing that gets us to the thing

So geschah es zwei weitere Male: Die Quoten blieben im Keller, das Format erhielt stets erneut eine Chance. Die Wette zahlte sich für die Entscheider vielleicht nicht monetär aus und mündete auch nicht in einem Preisregen, aber in den Listen der besten Dramaserien des frühen 21. Jahrhunderts wird „Halt“ sicherlich aufgeführt sein. Viel zu beeindruckend war die Entwicklung von einer mittelmäßigen Serie, die zu Beginn wie ein Abklatsch der größten Einträge des Antiheldengenres wirken konnte, zu einer tiefschürfenden Charakterstudie, zu einer Betrachtung des menschlichen Strebens nach Fortschritt und Kreation.

Vielleicht wussten die Serienschöpfer Christopher Cantwell und Christopher C. Rogers am Anfang selbst noch nicht genau, wo sie mit ihrem Format hin wollten. Vielleicht geisterten Don Draper und Walter White wirklich durch ihr Unterbewusstsein, als sie entschieden, Joe MacMillan (Lee Pace) zur Hauptfigur ihrer Serie zu machen. Spätestens ab der zweiten Staffel dürften jedoch auch sie gemerkt haben, in welcher Beziehung das dramaturgische Herz ihres Werks schlummert - nämlich in der zwischen Cameron (Mackenzie Davis) und Donna (Kerry Bishe).

Dementsprechend bilden sie beide auch das Kernstück der Finalepisoden Search und Ten of Swords. Den emotionalen Höhepunkt hat zwar schon die Folge Who Needs a Guy geliefert, in der Gordon (Scoot McNairy) nach einem nahezu perfekten Tag überraschend seiner Krankheit erliegt, aber viel weit dahinter landet diese abschließende Doppelepisode nicht. In ihr begegnen wir Gordon noch zwei weitere Male - zum einen im Werbevideo für den bald darauf scheiternden Internetsuchdienst Comet, zum anderen in der Vorstellung von Joe.

Haley (Susanna Skaggs, l.) und Joanie (Kathryn Newton) wurden im Nu zu interessanten Figuren.
Haley (Susanna Skaggs, l.) und Joanie (Kathryn Newton) wurden im Nu zu interessanten Figuren. - © AMC

Die Aufarbeitung des Todes der Person, die wie eine Art Klebstoff zwischen den volatilen Gruppenmitgliedern wirkte, fand bereits in der Episode Goodwill statt. Wenngleich dieses einschneidende Ereignis im Finale immer noch nachhallt, hängt es nicht mehr wie eine dunkle Wolke über den Köpfen jeglicher Beteiligter und es bleibt genug Zeit, ihre emotionalen Reisen zu einem höchst zufriedenstellenden Ende zu führen. So wuchtig auch der Magenschlag von Gordons Ableben war, so groß ist das Glücksgefühl, das sich nach dem Finale einstellt.

Don't go

Es hält für sämtliche Charaktere die logischen nächsten Schritte bereit. Als würde Joe wissen, dass auch seine Beziehung zu Cameron beendet ist, wenn sie aufhört, aushilfsweise für Comet zu arbeiten, bittet er sie ständig, ihr Talent doch noch weiter für seine Firma einzusetzen. Am anderen Ende ihres Rockzipfels zerrt indes Spieleentwicklerin Alexa (Molly Ephraim) und wenn wir in den vergangenen vier Jahren eines von Cameron gelernt haben, dann, dass sie es nicht ausstehen kann, wenn zu viele Menschen etwas von ihr wollen. Es ist kein Zufall, dass sie sich mit dem Wohnwagen eine Residenz fernab der Stadt gesucht hat.

Also macht sie sich nach getaner Arbeit bereit, die nächste Flucht anzutreten. Gegenüber Joe muss sie gar nicht viele Worte verlieren, er weiß nach einem Streit sogleich, dass das Gesagte auch auf ihre Beziehung zu übertragen ist. Also verabschiedet er sich wortlos, nur bei Donna schaut er vorbei und seiner ehemaligen Geschäftspartnerin Haley (Susanna Skaggs) schreibt er einen Brief. So sehr das auch zu ihm passt, so enttäuscht ist Cameron darüber, sich nicht richtig verabschieden zu können. Immerhin bleibt dadurch mehr Raum für den Abschied von Donna.

Seit sich die beiden in der zweiten Staffel für Mutiny zusammengetan haben, reifte ihre problembeladene Beziehung zum interessantesten Teil der Serie heran. Am Ende der dritten Staffel kam es dann zum großen, freundschaftszerstörenden Streit zwischen ihnen, was bis zum Schluss Auswirkungen hatte. Die Szene, in der Cameron zum ersten Mal versucht, sich von Donna zu verabschieden, trieft nur so vor Peinlichkeit und einer ungelenken Unauffindbarkeit der richtigen Worte. Zum Glück kommt da Haleys Computerproblem dazwischen, das sie zu einer vermeintlich letzten Kooperation zwingt - Cameron an der Soft-, Donna an der Hardware, ganz so, wie es schon immer war.

Wie die erste der gesamten Serie gehört auch die letzte Szene Joe (Lee Pace).
Wie die erste der gesamten Serie gehört auch die letzte Szene Joe (Lee Pace). - © AMC

Aus diesem Abend, an dem auch noch eine von Donna organisierte Party für Frauen in der Techindustrie stattfindet, wird eine gemeinsame Nacht, in der nicht nur die richtigen Worte gefunden werden, sondern Donna endlich auch einleuchtet, dass ihre Tochter lesbisch ist. Und dann liefern uns die Serienmacher eine ganz besondere Szene, die eigentlich den Abschluss der Serie hätte bilden sollen. Danach „Solsbury Hill“ von Peter Gabriel und ich wäre wahrscheinlich am Schreibtisch in lautes Schluchzen ausgebrochen. Donna hat eine Idee. Sie erzählt Cameron davon.

Jet packs and robot overlords

Zusammen werden sie diese Idee umsetzen. Ob sie damit erfolgreich sein werden oder nicht, spielt keine Rolle. Die wenigsten Produkte, die Donna, Cameron, Gordon und Joe entwickelten, waren es. Es ging ihnen und es ging der Serie viel mehr um das, was Donna in ihrer Ansprache vor den Kolleginnen ganz einfach so zusammenfasst: „I've done things.“ Das kreative Erschaffen, das Arbeiten, das Stürzen auf eine wie auch immer geartete Idee, mag sie noch so schwer umzusetzen sein, bildeten den idealistischen Nukleus dieser wunderbaren, optimistischen, zukunftsfreudigen Serie.

In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich heute meilenweit von dem Format, das als düsteres Antiheldenstück gestartet war. Ganz davon ablassen konnten Cantwell und Rogers davon wohl aber nicht, sonst hätten sie die letzte Szene nicht Joe und einer der vielen Referenzen an die Pilotepisode geschenkt. Aber das ist leicht zu verzeihen, denn es ist der einzige Schwachpunkt eines grandiosen, gebührenden Finales, das vollgestopft ist mit bewegenden, völlig verdienten Szenen emotionalen pay-offs. Haley nach der Abfuhr durch ihren Schwarm, Haley beim Hören des Meditationstapes ihres Vaters, die ausgestreckte Hand von Joanie (Kathryn Newton) an ihre Mutter, die sie ihr über den Telefonhörer reicht.

Und nicht zuletzt natürlich Bos (Toby Huss), der heimliche Publikumsliebling. Ihm gesteht Daisy von Scherler Mayer, Regisseurin des ersten Teils der abschließenden Doppelepisode, vielleicht die erhebendste, weil triumphalste Szene des gesamten Finales zu. Als er von seinem Arzt erfährt, dass er sich bester Gesundheit erfreuen kann, dass er seine Leidenszeit überstanden hat und er sehr wahrscheinlich das 21. Jahrhundert erleben wird, stolziert er aus dem Gebäude, als hätte er gerade eigenhändig den Super Bowl gewonnen. Passend dazu erklingt die „Fanfare of the Common Man“.

Ein neugierig nach vorne gerichteter Blick in die Zukunft - viel besser lässt sich das Credo dieser wunderbaren Serie wohl nicht zusammenfassen. Halt and Catch Fire vollbrachte ein ums andere Mal ein kleines Wunder und schenkte uns dafür eine Geschichte, die wir so schnell nicht vergessen werden. Danke.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 17. Oktober 2017
Episode
Staffel 4, Episode 10
(Halt and Catch Fire 4x10)
Deutscher Titel der Episode
Zehn Schwerter
Titel der Episode im Original
Ten of Swords
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Samstag, 14. Oktober 2017 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 30. November 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 30. November 2017
Autoren
Christopher Cantwell, Christopher C. Rogers
Regisseur
Karyn Kusama

Schauspieler in der Episode Halt and Catch Fire 4x10

Darsteller
Rolle
Scoot McNairy
Toby Huss
David Wilson Barnes

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?