Halt and Catch Fire 2x01

Halt and Catch Fire 2x01

Das Retrodrama Halt & Catch Fire startet schwungvoll in seine zweite Staffel. SETI offenbart, dass Showrunner und Autoren sehr genau verstanden haben, was in der ersten Staffel funktioniert hat und was nicht. Die Serie ist ihr Babyfett fast vollständig losgeworden.

Frauenpower, 80er und Chaos: Cameron (Mackenzie Davis) und Donna (Kerry Bishé) in „Halt and Catch Fire“ / (c) AMC
Frauenpower, 80er und Chaos: Cameron (Mackenzie Davis) und Donna (Kerry Bishé) in „Halt and Catch Fire“ / (c) AMC

Wir leben in einer Zeit, in der man sich vor hochwertigen Dramaserien kaum retten kann. Mit Halt and Catch Fire wollte der Kabelsender AMC im letzten Jahr einen Nachfolger für seine beiden auslaufenden Quality-TV-Formate Breaking Bad und Mad Men schaffen, was - wenn überhaupt - erst am Ende der ersten Staffel gelang. Eben weil es so viel Konkurrenz in diesem Bereich gibt und auch die Zeit eines Fernsehkritikers begrenzt ist, wollte ich mich nach vier Episoden bereits von dem Format verabschieden.

I'm just glad it's over

Heute bin ich froh, dass ich Geduld bewiesen habe. Die nötigen Zutaten für eine große Dramaserie waren gleich zu Beginn schon vorhanden. Die vier Hauptdarsteller brillierten, die Serie war optisch ansprechend umgesetzt, das Setting versprach eine interessante Zeitreise an den Anfang des Computerbooms. Die beiden Serienschöpfer Christopher Cantwell und Christopher C. Rogers brauchten jedoch lange, bis sie herausfanden, wo die Stärken ihres Formats lagen - und was nicht so gut funktionierte.

Gegen Ende der ersten Staffel nahmen sie ihren Fokus vom Antihelden Joe (Lee Pace) und legten ihn auf die beiden weiblichen Hauptfiguren Donna (Kerry Bishé) und Cameron (Mackenzie Davis). Überdies ließen sie ihre Geschichte gegen die Uhr antreten. Bis zum Start der Computermesse COMDEX musste das neue Gerät fertig sein, sonst wären sämtliche Unterfangen umsonst gewesen. Dies gab der Serie eine Dringlichkeit, die sie bis dahin nicht kannte. Und weil Donna und Cameron in diesem Szenario zentrale Rollen zufielen, existierten sie nicht mehr nur im Verhältnis zu ihren Männern Gordon (Scoot McNairy) und Joe. Sie waren nun eigenständige, starke Figuren.

Das Finale der ersten Staffel fühlte sich wie ein Serienfinale an, was überaus verständlich ist, denn angesichts schwacher Einschaltquoten und zurückhaltender Kritiken stand das Format kurz vor der Absetzung. Umso überraschender war es, dass AMC sich dazu entschloss, der Serie eine weitere Chance zu geben. Mit einem Quotenhit wie The Walking Dead im Rücken fällt so eine Entscheidung sicherlich leichter, trotzdem hätte man nicht damit rechnen können. Viel wahrscheinlicher war, dass die Serie wie die erste Lieferung des Giant in Flammen aufgehen würde.

Nun kehrt Halt and Catch Fire also mit der zweiten Staffel zurück und bestätigt gleich in der ersten Episode, SETI, den Eindruck, dass die Showrunner, beide im letzten Jahr Business-Newcomer, sehr genau verstanden haben, was an ihrer Serie verbesserungswürdig war. Es gibt zwar auch hier noch einige kleinere Schwächen, insgesamt gibt die Episode aber ein sehr sehenswertes Bild ab.

Think of it as trickle-down electricity

Die deutlichste Neuerung ist die weitere Fokusverlagerung auf Cameron und Donna. Sie hatten ja bereits im Finale der ersten Staffel beschlossen, eine eigene Videospielefirma zu gründen. Zum Auftakt der neuen Staffel, der einen Zeitsprung von zwei Jahren macht, sehen wir nun beide in Aktion. Ein minutenlanger tracking shot folgt Donna in Camerons Mietshaus, wo sich das hoffnungslos chaotische Hauptquartier von Mutiny befindet.

Dort geht es hoch her: Das überwiegend männliche Programmiererteam ist nicht nur fieberhaft mit der Weiterentwicklung des Onlinespiels „Parallax“ beschäftigt, es muss auch an mehreren Stellen Brände löschen, denn das Netzwerk ist völlig überlastet und deswegen von dauernden Ausfällen bedroht. Yo-Yo (Cooper Andrews) gehört genauso zum neuen Team wie Lev (August Emerson) - wie schon bei Cardiff zanken sie sich unerbittlich um die geringfügigsten Kleinigkeiten.

Mittendrin stehen Cameron und Donna, deren unterschiedliche Führungsstile bald zu einer ersten heftigen Auseinandersetzung führen. Cameron verfolgt ein anarchisches Geschäftsmodell - ohne Chef, ohne festen Arbeitszeiten, ohne Top-down-Ansatz. Donna scheut ebenso davor zurück, die typischen Aufgaben einer Chefin zu übernehmen, erkennt aber die unumgängliche Notwendigkeit einer solchen Führungsfigur. Ihr Streit darüber ist überaus sehenswert, offenbart aber auch eine Schwäche, unter der die Serie bisweilen leidet: Manche Dialoge sind zu offensichtlich formuliert. Am Ende der Diskussion platzt aus der frustrierten Donna heraus, dass sie nicht das Mütterchen der Firma sein will. Zu diesem Zeitpunkt haben wir das aber längst verstanden - es muss nicht noch einmal extra ausgesprochen werden.

Der weitere Verlauf ihrer Auseinandersetzung ist dann jedoch umso sehenswerter. Gemeinsam lassen sie sich von einem Hehler gefälschte Hardware andrehen, die sie nicht benutzen können, weil die Programme auf Chinesisch installiert sind. In einer Bar wollen sie diese Sorgen erst einmal vergessen, treffen aber wieder auf ebenjenen Händler. Gemeinsam beklauen sie ihn und rächen sich für dessen Betrug.

Something's coming, and it's gonna be big

Donna kommt daraufhin nach Hause, wo Gordon schon ungeduldig auf sie wartet. Sie hat die Feierlichkeiten zum Verkauf von Cardiff sausen lassen, worüber Gordon nicht verärgert, aber doch pikiert ist. Hier ist es in unserer Abwesenheit zu einem radikalen Rollentausch gekommen. Früher war Gordon derjenige, der einfach nicht nach Hause kommen wollte. Nun ist es Donna, die ihre Karriere über das Familienleben stellt. Mit einer Spitze gegen Gordon bestätigt sie außerdem, dass sie davon überzeugt ist, jetzt endlich auch mal an der Reihe zu sein. Die Konversation in dieser Szene ist übrigens ein Beispiel für gutes, weil subtiles Drehbuchschreiben.

Der erste Auftritt von Gordon erfolgt in einer Fernsehshow, wo er ein Interview zum Verkauf von Cardiff an ausländische Investoren gibt. Nach der erfolgreichen Markteinführung des Giant ist er ins Management der Firma aufgestiegen. Das Nachfolgemodell Giant Pro war aber nur noch eine „laterale“ Weiterentwicklung des alten Modells. Der Verkauf macht ihn nun zum Beinahe-Millionär. Was jetzt kommen soll, weiß er noch nicht wirklich, wenngleich er behauptet, in seiner Garage eine neue Firma gründen und mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu wollen.

Der Aufstieg ins Management hat Gordon überdies eine veritable Kokainabhängigkeit eingebracht, die von ersten Erinnerungslücken begleitet wird. Genügend Konfliktpotenzial ist also vorhanden, wobei man durchaus auf die Koksnummer hätte verzichten können. Allein die Frage, wie Gordon mit seiner nach Unabhängigkeit strebenden Ehefrau und der derzeitigen Ziellosigkeit umgeht, hätte genug Stoff für eine Staffel geliefert. Und dann gibt es ja auch noch Joe und John Bosworth (Toby Huss), die wieder in die Geschichte zurückkehren.

John sehen wir erst in der letzten Szene, als er von Cameron vor dem Gefängnis abgeholt wird. Dorthin musste er am Ende der ersten Staffel wandern, weil er Gelder der Firma veruntreute, um Projekt Giant am Leben zu halten. An seiner Figur kann ebenfalls die positive Entwicklung der Serie abgelesen werden. Er hätte in seiner einstmaligen Zeichnung als sturköpfiger Managertyp verharren können, wurde aber behutsam zu einem partner in crime der Helden und sogar Freund von Cameron aufgebaut. Spannend ist nun die Frage, wo er landen wird.

Don't play all day

So sehr ich mich auf die Rückkehr der Serie gefreut habe, so wenig habe ich ein Wiedersehen mit Joe MacMillan vermisst. Er wirkte von Beginn an wie eine Kreuzung aus Don Draper und Walter White, was wohl dem Wunsch der AMC-Programmverantwortlichen nach einem Nachfolger für ihre beiden Superstars entsprach. Doch Joe konnte sich nie wirklich aus dem Klischee eines Antihelden befreien und zu einem wirklich interessanten Charakter werden. Das bestätigte auch seine allerletzte Aktion, als er die erste Lieferung der neuen Computer einfach anzündete, weil er nicht damit leben konnte, wie durchschnittlich das Endprodukt war.

Diese Szene reihte sich ein in eine lange Reihe an Antiheldenattitüden, die Joe an den Tag legte. Auch zu Beginn der neuen Staffel hat es den Anschein, als wäre er immer noch der bad boy früherer Tage - angetrieben von Selbstmitleid, Arroganz und einem Vaterkomplex. Auch er will in Silicon Valley eine eigene Firma gründen, weiß wohl aber auch noch nicht so genau, was genau diese produzieren soll. Er hat eine neue Freundin, Sara (Aleksa Palladino), die er auf der Suche nach seiner Mutter kennengelernt hat. Seine Erwartung baldigen Reichtums wird indes enttäuscht, weil ein fuchsteufelswilder Nathan Cardiff (Graham Beckel) den Abfindungsscheck vor seinen Augen zerreißt.

Erst am Ende der Episode zeigt sich, wo die Reise für Joe hingehen könnte. Da zockt er online das Spiel von Cameron und Donna, nach der Partie chatten beide noch über die mitgelieferte Funktion. Eigentlich sollte diese nur ein nettes Feature sein, doch Donna hat bereits dessen enormes Potential erkannt. Sie will zwar zukünftig mehr Zeit in Manageraufgaben investieren, aber auch Möglichkeiten neuer und besserer Chatfunktionen erforschen. Cameron und Donna (und vielleicht auch Gordon und Joe) erfinden das Internet! Diese Prämisse alleine ist schon so awesome, dass all die anderen positiven Entwicklungen gar nicht nötig gewesen wären, um mich als Zuschauer zu halten. Die zweite Staffel von Halt and Catch Fire beginnt überaus vielversprechend - hoffen wir, es geht genau so weiter.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 1. Juni 2015
Episode
Staffel 2, Episode 1
(Halt and Catch Fire 2x01)
Titel der Episode im Original
SETI
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 31. Mai 2015 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 31. Mai 2015
Regisseur
Juan José Campanella

Schauspieler in der Episode Halt and Catch Fire 2x01

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