Halt and Catch Fire 1x10

Halt and Catch Fire 1x10

Die erste Staffel der AMC-Serie Halt & Catch Fire fand vor einigen Wochen ihren Abschluss. Die Verlängerungsnachricht kam in diesen Tagen überraschend, da weder Quoten noch kritische Rezeption überzeugt hatten. Gegen Ende entwickelte die Serie aber einen eigenen, interessanten Ton.

Ein großartiges Team: Donna (Kerry Bishé) und Gordon Clark (Scoot McNairy) bei der Arbeit. / (c) AMC
Ein großartiges Team: Donna (Kerry Bishé) und Gordon Clark (Scoot McNairy) bei der Arbeit. / (c) AMC

In meiner Review zum Piloten von Halt and Catch Fire hatte ich geschrieben, dass sich die Episode so anfühlt, „als hätte man sich im AMC-Geschichtenpool bedient und diverse Elemente in ein originelles Setting verpflanzt.“ Dieses Gefühl hielt lange an. Und nach vier oder fünf Episoden wusste ich immer noch nicht genau, warum ich diese Serie überhaupt noch weiter verfolgte. Zuviel war offensichtlich aus anderen, erfolgreicheren Serien des Senders abgekupfert.

Behäbiger Start

Der zentrale Protagonist Joe MacMillan (Lee Pace) war ein Don Draper der frühen 80er Jahre - nur mit weniger Charisma und kaum ausreichender Charakterzeichnung. Bei Don Draper wussten wir sehr schnell, warum er zum Antihelden wurde. Joe MacMillan war einfach von Anfang an dieser Antiheld, weil die Serienschöpfer Christopher Cantwell und Christopher C. Rogers - beide Neulinge im Seriengeschäft - wohl glaubten, sie bräuchten einen solchen Anker, um Interesse und Konflikte zu generieren.

Zu Beginn war es tatsächlich so, dass die zentralen Konflikte alle von dieser einen Figur ausgingen. Je länger die Staffel jedoch lief, desto deutlicher wurde, dass es keine echten oder nur fadenscheinig erklärte Motivationen (wie der Vaterkomplex) für Joes Handlungen gab. Dies gipfelte darin, dass Joe im Staffelfinale gar die erste Ladung des Computers, um den er monatelang gerungen und gekämpft hatte, in Flammen aufgehen ließ. Die Aktion war so voraussehbar wie langweilig. Vor allem auch, weil sein Partner Gordon Clark (Scoot McNairy) ihn kurz zuvor mit dem Computer verglichen hatte - ein Vergleich, der ihm vor Augen führte, dass er eben nicht der Visionär war, für den er sich selbst hielt.

Die Installation eines Antihelden funktioniert nur, wenn er nicht als reiner Selbstzweck verwendet wird, sondern eigene Motivationen, eigene Ängste und Träume hat. Bis zu einem gewissen Grad hatte Joe all das - nur waren die Eigenschaften eben nicht nachvollziehbar genug ausgearbeitet. Dies führt uns wieder zurück zur Grundproblematik, die die Serie zu Beginn (eigentlich bis zu den letzten drei Episoden) hatte: Sie fühlte sich jederzeit wie der Versuch einer Melange des Besten an, was AMC in den letzten Jahren hervorgebracht hat - und was den Sender überhaupt erst zu einem ernstzunehmenden, konkurrenzfähigen Player im Seriengeschäft gemacht hatte.

Joe MacMillan (Lee Pace) war in seinem Antiheldentum eine Schwäche der Serie. © AMC
Joe MacMillan (Lee Pace) war in seinem Antiheldentum eine Schwäche der Serie. © AMC

Nicht nur Joe MacMillan kam wie eine günstigere Version Don Drapers daher, auch Gordon Clark atmete die Luft, die zuvor von Walter White ausgestoßen wurde. Er war der kleine Angestellte in einer Computerfirma, der sein Genie nicht gewürdigt sah, weil er einst mit einem großen Projekt gescheitert war. Ganz so, wie er, Joe und ihre Mitstreiterin Cameron Howe (Mackenzie Davis) zu Beginn versuchen, einen Computer des großen Rivalen IBM nachzubauen, versuchten auch die Autoren, Versatzstücke aus anderen erfolgreichen Serien zu einem großen Ganzen zu verschmelzen.

Überzeugendes Ende

Erst gegen Ende der ersten Staffel fand die Serie ihren eigenen Ton. Dies könnte vielleicht damit zusammenhängen, dass der Sender den beiden unerfahrenen Showrunnern nach der Pilotepisode mit Jonathan Lisco (Southland) einen weitaus erfahreneren Produzenten zur Seite stellte. Vielleicht haben die beiden aber auch einfach nur selbst realisiert, dass sie eine eigene Geschichte erzählen wollen - und nicht einfach nur die der anderen nacherzählen. Am Ende war es eben keine reine Abfolge von Konflikten mehr zwischen Joe und Gordon, zwischen Cameron und Joe, zwischen Gordon und Cameron oder zwischen allen dreien und ihrem Arbeitgeber John Bosworth (herausragend gespielt von Toby Huss).

Zu diesem Zeitpunkt hatten sämtliche Haupt- und Nebencharaktere genug eigene Figurenzeichnung erfahren, damit sich die Geschichte nicht mehr nur am Konfliktpotenzial Joe MacMillans abarbeiten musste. Gordon und Cameron waren sowieso schon interessantere Charaktere als er, nun kamen auch noch John Bosworth und Gordons bezaubernde Ehefrau Donna (gespielt von der ebenso bezaubernden Kerry Bishé) hinzu. Selbst unbedeutende Sidekicks wie Yo-Yo Engberk (Cooper Andrews) generierten in ihren wenigen Szenen mehr Interesse als Joe mit seinem gequälten Antiheldendasein.

Vor allem Donna Clark fungiert als erfrischende Abwechslung zum üblichen Ehefrauen-Syndrom, das so oft mit Skyler White (Anna Gunn) und Betty Draper (January Jones) assoziiert wird. Sie ist eben nicht die „nervige“ Hausfrau, die ihren larger-than-life-Ehemann davon abhält, Großes zu leisten. Donna ist die Stärkere in der Beziehung, ohne sie hätte Gordon das gesamte Projekt nicht zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht. Das Schöne, erfrischend Neue und dabei so Einfache an Halt and Catch Fire ist, dass Gordon genau dies erkennt und auch wiederholt zur Sprache bringt. Die Ehe der beiden ist eben keine dysfunktionale (auch wenn es manchmal gewaltig kracht), die beiden halten zusammen - für sich, ihre Kinder und ihre Lebensträume. Seit Eric und Tami Taylor aus Friday Night Lights hat man kein Ehepaar mehr gesehen, das als Team so gut funktioniert.

Cameron Howe (Mackenzie Davis) entwickelte sich zu einer der stärksten Figuren in %26bdquo;Halt and Catch Fire%26ldquo;. © AMC
Cameron Howe (Mackenzie Davis) entwickelte sich zu einer der stärksten Figuren in %26bdquo;Halt and Catch Fire%26ldquo;. © AMC

Und genau das ist es, was Halt and Catch Fire trotz aller Schwächen zu etwas Besonderem macht: Die Serie hat im Kern eine positive Ausrichtung. Hier wird etwas erschaffen, hier arbeiten die Charaktere an etwas Kreativem, an etwas Neuem und Schönem. Hier wird nicht ständig gemordet, hier stapeln sich keine Leichenberge. Vielleicht ist das ja auch ein Grund dafür, dass so wenige Zuschauer eingeschaltet haben. Für mich ist die Serie jedenfalls eine erfrischende Abkehr vom düsteren Antiheldendrama, das mit The Sopranos, Breaking Bad und Mad Men seinen Zenit sowieso schon erreicht zu haben scheint.

Der Tod des Antihelden?

Außerdem bedeutet diese positive Ausrichtung nicht, dass das Format nicht auch düstere und tieftraurige Momente zu bieten hätte. Überhaupt ist das gesamte Ende (inklusive der Finalepisode 1984, die eher als Epilog dient) ein trauriges: Zwar haben es unsere Helden geschafft, einen konkurrenzfähigen Computer zu entwickeln, zu bauen und auf den Markt zu bringen. Der Erfolg hat jedoch einen faden Beigeschmack, denn eigentlich bekommt kaum jemand, was er oder sie wirklich wollte: Cameron kann sich mit ihrem intelligenten Betriebssystem nicht durchsetzen, und Joe erkennt, dass bei Apple viel größere Visionäre arbeiten. Nur Gordon kann einigermaßen zufrieden sein - wenngleich er noch nicht weiß, was seine Ehefrau im Schilde führt.

Das Staffelfinale hätte ebenso gut als Serienfinale dienen können. Und trotzdem hätte ich mich geärgert, wenn Halt and Catch Fire nicht verlängert worden wäre. Denn die Situation am Ende der ersten Staffel ist weitaus interessanter als zu Beginn. Cameron und Donna - zwei der coolsten weiblichen Seriencharaktere überhaupt - haben sich zusammengeschlossen, um das Internet zu erfinden, Gordon ist in einer Position, die er sich zuvor nie erträumt hätte, und - am allerwichtigsten - Joe wandert irgendwo in den Bergen herum, um sich selbst zu finden.

Wenn es nach mir ginge, dürfte Joe gerne im Wald bleiben, während Donna und Cameron die zentralen Hauptrollen übernähmen - mit Gordon als Sidekick. Obwohl es dazu wohl nicht kommen wird, freue ich mich doch riesig über die Verlängerung und eine zweite Staffel, die hoffentlich wieder mit einem tollen Soundtrack teilweise unbekannter 80er-Jahre-Perlen unterlegt ist. Es ist schön zu sehen, dass in der Chefetage eines profitorientierten Senders immer noch Menschen sitzen, die ein Auge für das kreativ Gewachsene haben; die beurteilen können, wenn sich eine Serie trotz Anfangsschwierigkeiten positiv entwickelt. In Anlehnung an Joes vielzitierten Spruch („It's the thing that gets us to the thing!“) könnte Halt and Catch Fire die Serie sein, die dazu beiträgt, ein neues Kapitel der Seriengeschichte aufzuschlagen.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen...

Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 24. August 2014
Episode
Staffel 1, Episode 10
(Halt and Catch Fire 1x10)
Titel der Episode im Original
1984
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 3. August 2014 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 4. März 2015
Autoren
Christopher Cantwell, Christopher C. Rogers
Regisseur
Juan José Campanella

Schauspieler in der Episode Halt and Catch Fire 1x10

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