Fringe 5x11

Es geht auf das Ende zu bei Fringe. Und da wird es Zeit, die letzten großen Lücken in der Geschichte zu schließen, tief Luft zu holen und die Figuren für das große Finale in Stellung zu bringen. Willkommen bei The Boy Must Live - eine Episode, in der nach der üblichen Manier der Serie kurz vor Schluss einige bekannte Dinge plötzlich doch ganz anders waren.
Reden, reden, reden
Vor allem wird in der Folge erklärt, geplant, besprochen. In den vergangenen fünf Jahren dürfte es keine Episode von Fringe gegeben haben, in der die Regel show, don't tell so durchgehend gebrochen wurde wie hier. Zieht man den Wassertank-Ausflug von Walter (John Noble) ab (dessen Badehose offenbar von einem seiner LSD-Trips inspiriert wurde), gibt es eigentlich erst in den letzten fünf Minuten irgendwas, das man guten Gewissens als Action bezeichnen könnte.
Sonst redet Walter mit Peter (Joshua Jackson), Donald/September (Michael Cerveris) mit allen außer Astrid (Jasika Nicole), Captain Windmark (Michael Kopsa) mit dem Commander (James Kidnie), Peter mit Olivia (Anna Torv) und Donald dann wieder mit Walter ... am Ende ist man froh, dass wenigstens der kleine Observer-Junge Michael (Rowan Longworth) lieber „Greensleeves“ auf der Spieldose orgelt, statt sich auch noch am Gespräch zu beteiligen. Immerhin: Die Umsetzung der Folge als Hörspiel dürfte trivial sein.
He's not the one, Trinity
Tatsächlich kommt bei dem Wortschwall auch einiges rum. So wissen wir jetzt, dass der Schlüsselsatz von September - The boy is important, he must live - doch nichts mit Peter zu tun hatte, sondern mit Michael. Damit wird die Rolle von Walters Sohn im großen kosmischen Fringe-Gefüge kurz vor Ende gestutzt. Wir erfahren (endlich), wie die Observer entstanden sind und (endlich) auch den großen Plan, der sie besiegen soll.
Hier waren die allgemeinen Erwartungen nur teilweise richtig. Ja, es soll einen Zeitsprung geben, aber nicht zurück in unsere Richtung, sondern in die „Zwischenzukunft“ des Jahres 2167, um die Forschung zu stoppen, die zur Entwicklung der Observer führen wird. Dass Walter (John Noble) sich opfern soll, ist dagegen keine Überraschung, sondern folgt einer fast schon zwingenden inneren Logik von Schuld und Sühne.
Doc, about the future ...
Nur muss man leider fragen: na und? Sollte der Zeitsprung tatsächlich funktionieren, wird es nie die Observer gegeben haben, und Walter kann sich auf ein langes, fröhliches Leben mit Peter (Joshua Jackson), Olivia (Anna Torv) und mindestens einer Enkelin, Etta (Georgina Haig), freuen. Vermutlich wird sein Tod nicht sonderlich angenehm - immerhin reden wir hier von Fringe - aber der Mangel an klarem Denkvermögen an dieser Stelle ist besonders bei einer so genialen Figur etwas verstörend. Hätte Walter hier nicht eher Shakespeare zitieren sollen, irgendwas über die Welt als Bühne?
Überhaupt gibt es wieder eine Reihe von Dingen in dieser Folge, über die man im Zusammenhang mit Zeitreisen nicht zu genau nachdenken sollte. Nehmen wir den Masterplan: Wir wissen aus Transilience Thought Unifier Model-11, dass wegen des zunehmenden Kohlenmonoxids in der Luft die Zeit drängt. Wenn die Observer im Jahr 2036 (oder kurz darauf) tatsächlich gewinnen - worauf alles im Moment hinausläuft - erwartet Michael (Rowan Longworth) in 2167 nur ein Begrüßungskomitee von Glatzköpfen und ein leidensreiches Leben als Versuchsobjekt.
So wunderbar Fringe in früheren Staffeln die Logik der Sprünge zwischen den Universen hinbekommen hat, so sehr muss man sich inzwischen fragen, ob es nicht ein Fehler war, sich im großen Stil an das immer schwierige Thema der Zeitreise zu wagen. Hier ist inzwischen einfach zu viel im argen.
Wenn der Vater mit dem Sohne
Besinnen wir uns daher lieber auf die unbestrittenen Stärken der Serie: die Figuren und ihre Beziehungen zueinander. Das große Thema dieses Mal ist „Vater und Sohn“: Das Gespräch zwischen Walter (John Noble) und Peter (Joshua Jackson) mag zwar lang sein und die Handlung ausbremsen. Es bringt allerdings auch einen Abschluss für eine der wichtigsten Beziehungen überhaupt, ähnlich wie Olivias (Anna Torv) It's all just numbers-Vortrag in The Human Kind ihr persönliches Fazit der Serie war.
Großes Lob verdient Michael Cerveris, von dem man sich fragen muss, ob er mit seiner Rolle als September unter Wert eingesetzt wurde. Die Serie hätte von mehr Walter-Donald-Gesprächen profitiert.
Spät, aber gewaltig geht es auch mit Captain Windmark (Michael Kopsa) zur Sache, dessen langsame Menschwerdung sich zwar angedeutet hat, aber nie so deutlich wurde wie hier. „Is there something wrong with you?“, fragt sein Commander (James Kidnie) im Jahr 2609 brutal direkt. Wir wissen jetzt, dass Windmark keine Deckung durch seinen Vorgesetzten hat und auch nicht auf neue Ressourcen aus der Zukunft hoffen kann. Der erzählerische Preis für diese Szene ist, dass sie etwas die Spannung herausnimmt, denn bislang stand immer die Furcht im Raum, unsere Helden könnten mit einem „tieferen“ Zeitsprung der Observer oder mehr Zukunftstechnologie besiegt werden.
V-J Day für den V-O Day
Und bei einem weiteren Punkt spielt diese Episode die Stärken der Serie aus: den Kulissen und den damit verbunden Verweisen auf frühere Folgen. Windmark inspiziert eine Schneekugel, Michael schaut sich Eidechsen an und in Donalds Garage sehen wir eine Schreibmaschine, um nur drei zu nennen.
Andere sind subtiler: Das große Foto hinter Donald in seinem Haus, von dem meist nur weiße Frauenbeine zu erkennen sind, ist für jeden Amerikaner auch als Ausschnitt unverkennbar V-J Day in Times Square von Alfred Eisenstaedt. Es zeigt einen US-Matrosen, der in New York zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine Krankenschwester küsst - ein Symbol für Donalds Hoffnung auf ein Ende des Krieges, einem Victory over the Observers Day (V-O Day), bei dem die Liebe triumphiert.
Allerdings bricht The Boy Must Live an einer Stelle auffällig mit der Mythologie der Serie. Bislang blieb Fringe fest im christlich-jüdischen Raum, ob mit der umgewandelten Schöpfungsgeschichte in Staffel vier oder Walters ständigen Gedanken über Gott (rührend hier sein Festhalten an dem Glauben, die weiße Tulpe aus White Tulip sei ein himmlisches Zeichen).
Listen to the voice of Buddha
Aber wenn Walter beschreibt, wie sein Geist durch Michael (Rowan Longworth) verändert wurde, klingt das verdächtig nach einer Art buddhistischer Erleuchtung. Das Erkennen der großen Zusammenhänge, die Sicht auf frühere (hier: andere) Leben, die vergrößerte Fähigkeit, zu lieben, die geheilte, von Verunreinigungen gesäuberte Persönlichkeit - das ist nicht mehr die klassische christliche Verzückung. Die Menschheit soll von jemanden gerettet werden, der durch Berührungen wenigstens Teil-Erleuchtungen auslösen kann, vielleicht selbst eine Art Buddha ist.
Es wäre verlockend, hier eine übergeordnete Botschaft zu sehen. Walter und William Bell (Leonard Nimoy) haben sich am christlich-jüdischen Gott gemessen, haben versucht, in seine Fußstapfen zu treten und haben schließlich selbst Gott gespielt. Das hat fast das Universum zerstört. Das glücksbringende Heil, der Weg zur tieferen Liebe, die eigentliche Lösung besteht aber in einer persönlichen Einsicht, einer klaren Sicht der Dinge, die eher dem Buddhismus und dessen Vorstellung von einem „Ende der Verblendung“ zuzuordnen ist.
The Boy Wonder
Für eine derartige - gewagte - „Buddhismus schlägt Christentum“-Interpretation ist es allerdings noch zu früh. Unter anderem ist nicht klar, warum nur Todgeweihte wie Nina Sharp (Blair Brown) und Walter in den Genuss der Erweckung kommen. Klar ist, dass Michael die letzte große Unbekannte in der Serie ist, sieht man von Randfragen ab, was Donald macht, wo eigentlich Phillip Broyles (Lance Reddick) geblieben ist und wann endlich die Kuh Gene aus dem Bernstein befreit wird.
Daher ist es nur passend, dass die einzige große, wirklich überraschende Wendung der Folge durch Michael ausgelöst wird. Dass er von sich aus einfach aus dem Zug steigt und damit scheinbar alle Mühen unserer Helden zunichte macht, zeigt, wie wenig wir oder die Figuren über ihn wissen. Genau, wie mächtig ist dieses glatzköpfige Balg eigentlich und was passiert, wenn er Windmark (Michael Kopsa) berührt? Vielleicht wäre der Captain gut beraten, ihm sofort und noch auf dem Bahnsteig eine Kugel in den Kopf zu jagen.
Fazit
The Boy Must Live ist keine gute Folge. Als Fringe-Junkie kann man zwar eine Wertschätzung entwickeln für die Art, wie die Autoren Stränge aus fünf Jahren zusammenführen und noch einmal Schlüsselszenen uminterpretieren. Für den Gelegenheits-Zuschauer sind mehr als 30 Minuten durchgehendes Gerede dagegen eine Zumutung. Vielleicht ist es am besten, von einer „notwendigen“ Folge zu sprechen, um jetzt im Finale richtig loslegen zu können.
Verfasser: Lenka Hladikova am Montag, 14. Januar 2013(Fringe 5x11)
Schauspieler in der Episode Fringe 5x11
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