Fringe 5x10

Was tun mit kleinen stummen Observer-Jungs? Klar ist, dass Michael (Rowan Longworth) eine wichtige Rolle beim Bau der Wunderwaffe spielen muss. Aber seine empathische Verbindung zu Olivia (Anna Torv) ist offenbar gekappt und Walter (John Noble) kann sich nicht mehr erinnern. Ohnehin setzt sich bei ihm mehr und mehr die alte, unschöne Persönlichkeit durch. Unterdessen reißen die Observer unter Captain Windmark (Michael Kopsa) immer größere Löcher in das Netzwerk des Widerstandes. Auch ohne ein Blick auf den Kalender wird bei Anomaly XB-6783746 klar: Der Showdown von Fringe kann nicht mehr lange hinausgezögert werden.
It's all just numbers
Anomaly XB-6783746 zeigt erstmal eins: Die Autoren haben ihren Fetisch für abgefahrene Episodennamen mit Transilience Thought Unifier Model-11 noch nicht ausgelebt. Es ist kaum zu glauben, dass die Zahl keine tiefere Bedeutung haben soll - wir reden hier schließlich von Fringe - aber diese scheint sich zunächst auch der kollektiven Intelligenz des Internets nicht zu erschließen (bevor jemand fragt, die Quersumme ist 41, nicht 42).
Als Ganzes betrachtet folgt die Episode dem erwarteten Muster für die Entwicklung der Hauptfiguren in Staffel fünf: Olivia setzt weiter aus (nach vier Staffel im Mittelpunkt eine verständliche Entscheidung, denn inzwischen kennen wir sie von allen Seiten), Peter (Joshua Jackson) haben wir abgeschlossen (Stichwort missglückte Trauerarbeit mit High-Tech-Implantaten) und jetzt geht es noch darum, einen Rückfall von Walter in seines altes, rücksichtsloses Selbst zu verhindern.
Unsere wissenschaftliche Grausamkeit gib uns heute
In dieser Episode wird entsprechend ausführlich gezeigt, wie schwer das sein wird. Walter (John Noble) spricht von Michael wie von einer Laborratte. Notfalls will er mit Gewalt seinen Geist anzapfen - der Junge soll ins Koma versetzt werden, oder - Plan B - man könnte ja eine elektromagnetische Sonde in den unteren Teil des Schädels implantieren und darüber Serotonin und LSD (was sonst) hineinpumpen. Für diesen Walter ist Michael the subject, während Peter und Olivia ihn beim Namen nennen und Nina Sharp (Blair Brown) wenigstens noch von the boy spricht.
Ein Gespräch zwischen ihr und Peter scheint dann auch eine Vermutung zu bestätigen, die schon länger im Raum steht: Für Walter gibt es wohl kein Happy End. Entweder werden die bösen Gehirnteile wieder herausgenommen - aber das könnte endgültig eine Operation zu viel sein. Oder der Zeitpunkt dafür wird verpasst - dann ändert sich Walter vielleicht so sehr, dass er die Zustimmung verweigert. Diese Stelle stärkt die Spekulationen, dass Walter am Ende einen Heldentod sterben wird, ein Opfer im Sinne der Wiedergutmachung für all das Leid und die Zerstörung, die er in seinem Leben über zwei Universen und zahllose Menschen gebracht hat.
Gib mir Tiernamen, Captain Windmark
Aber zuerst ist es Nina (Blair Brown), die sich für den Aufstand opfert. Wie in den anderen Staffeln blieben ihre Loyalitäten lange Zeit eher unklar. Daher war bis zum Kopfschuss nicht wirklich ausgeschlossen, dass sie mit den Observern gemeinsame Sache machen würde. Ihr Tod dient nicht nur dazu, einen weiteren losen Handlungsstrang abzuschließen. Die Szene liefert nach viereinhalb Jahren auch endlich wichtige, lang ersehnte Hintergrundinformationen über die Observer, als sie und Captain Windmark (Michael Kopsa) sich gegenseitig vorwerfen, Tiere zu sein.
An diesem Punkt sehen wir erneut die Qualität der Serie. Die Observer machen seit Anfang an die komischen Kopfbewegungen, aber erst etwa viereinhalb Jahre später erfahren wir, warum. Die Kombination aus primitiver Psyche und hochentwickelter Technologie erklärt auch - endlich, will man sagen - einige Besonderheiten der Invasoren, die sich, sagen wir mal, nicht immer sonderlich geschickt anstellen. Es beweist sich wie so oft bei Fringe, dass man den Autoren vertrauen kann, auch wenn einige Dinge zunächst schlicht keinen Sinn ergeben.
Haarausfall? Für diesen glücklichen Kunden kein Problem mehr
(Als weiteres Bonbon für den Fringe-Junkie sehen wir die Anwendung des „LQ-7“-Geräts, das eigentlich nichts anderes ist als eine Weiterentwicklung der Technologie aus The Road Not Taken. Erneut wird unterstrichen, dass die Geräte der Observer nicht jenseits unseres Verständnisses sind, sondern nur sehr viel weiterentwickelt. Wie Olivia in The Human Kind sagte: They are just better at math than we are.)
Was uns schließlich wieder zu Michael (Rowan Longworth) bringt. Wir werden vielleicht nie erfahren, was er Nina gezeigt hat, aber damit wissen wir endlich - und zwar ohne Walters LSD-Gehirnspülung - was seine Fähigkeiten sind. Dass Michael nicht September (Michael Cerveris) ist, beruhigt etwas, denn das wäre zu einfach gewesen und hätte selbst bei einem Observer die Frage nach diversen Paradoxen gestellt. Allerdings hilft die Erkenntnis erstmal nicht weiter, dass Donald und September dieselbe Person sind: War er ein Mensch mit Gefühlen und Haaren, bevor er zum Observer wurde, oder ist er ein Observer, der bewusst wieder zur Menschheit zurückgekehrt ist, vielleicht dadurch, dass auch er sich den Chip herausgerissen hat?
But we only have 14 hours to save the Earth!
Septembers Haare bringen uns zur Meckerliste. Direkt am Anfang dieser Episode erfahren wir, dass Michael keinen Chip im Kopf hat. Allerdings wissen wir durch Peters (Joshua Jackson) Selbstversuch, dass genau der für den Haarausfall bei den Observern verantwortlich ist. Hier scheint etwas nicht ganz durchdacht worden zu sein.
Zum letzten Mal zählen wir hier auf, wie unfassbar dämlich die Observer sein können: Sie lassen Labore und Lagerhallen mit hochsensibler Technologie unbewacht; sie übersehen die Videokameras im schwarzen Labor, die Peter sofort entdeckt; sie kommen nicht auf die Idee, dort Soldaten aufzustellen oder es einfach zu zerstören. Aber jetzt haben wir mit den neuen Informationen über die Observer wenigstens ein Feigenblatt einer Erklärung: Die Eidechsen-Hirne sind halt so doof und ihr Stolz erlaubt es ihnen nicht, einen menschlichen Verwalter einzusetzen. Und dabei hätte sich bestimmt irgendwo in Nordkorea noch ein Kim gefunden.
Der Tiefpunkt der Folge war diesmal ein Requisit. Die Gedankenlese-Helme mit den nach innen gerichteten LEDs sehen so billig aus, dass man sie eher in einer 60er Jahre „Flash Gordon“-Verfilmung vermuten würde. Dass die Schauspieler nicht jedes Mal vor Lachen vom Stuhl gefallen sind, kann nur mit ihrem hohen Grad an Professionalität und einer übermenschlichen Selbstbeherrschung erklärt werden. Sogar zwei Metall-Eimer mit angeklebten USB-Kabeln wären glaubwürdiger gewesen.
Fazit
Das ist allerdings wieder Jammern auf hohem Niveau. Anomaly XB-6783746 beantwortet wichtige Fragen, die wir uns schon die ganze Serie gestellt haben, lässt uns mit neuen und unerwarteten zurück, erhält durchgehend die Spannung, schiebt die Entwicklung der Figuren glaubwürdig voran und erkämpft sich damit die volle Punktzahl. Die Wochen bis zur nächsten Episode dürften sehr lang werden.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Sonntag, 23. Dezember 2012(Fringe 5x10)
Schauspieler in der Episode Fringe 5x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?