Fringe 5x08

Langsam wird es kritisch für Peter: Die Observer-Technologie in seinem Kopf mag ihm zwar ungeahnte Fähigkeiten geben, aber sie kostet ihn seine Menschlichkeit, seine Beziehung zu Olivia (Anna Torv) und, oh Schreck, auch seine Haare. Sein Rachefeldzug gegen Observer-Chef Captain Windmark (Michael Kopsa) artet mehr und mehr zu einer Besessenheit aus, wegen der er das eigentliche Ziel - den Bau der Maschine, die alles wieder gutmachen soll - aus den Augen verliert. In The Human Kind muss Peter sich entscheiden - behält er das Implantat und bleibt zukunftsfähig, oder gibt er diese Macht auf, rettet seine Seele und schließt sich wieder der restlichen Fringe-Truppe an?
Zeit für die rote Pille
Dass Peter wieder normal werden würde, war schon aus zwei Gründen klar: Es gibt nicht mehr genug Folgen, um die Auswirkungen einer „Observerisierung“ auf Peter und die restliche Gruppe zu beleuchten und niemand hat Joshua Jackson in den vergangenen Wochen mit einer Glatze gesehen. Zudem kristallisierte sich in den jüngsten Folgen immer mehr heraus, dass es die Menschlichkeit unserer Helden sein wird, die zum Sieg führt. In dieser Folge wird es endlich offen ausgesprochen: Emotionen sind unsere Stärke.
Es ist allerdings schade, dass wir nicht mehr Zeit mit dem Duell zwischen Peter und Windmark verbringen. Zwar erinnert der Teleport-Kampf an „The Matrix“ und grundsätzlich kennen wir das Prinzip der Zukunftsmanipulation schon aus der Folge The Plateau in Staffel drei. Aber die Autoren bringen sehr glaubwürdig herüber, dass hier zwei ebenbürtige Gegner kämpfen - Windmark mit seinem kalten Sadismus und seiner Erfahrung, Peter mit seinem Rachedurst und einem Arsenal von dreckigen Tricks aus seinem früheren Leben. Der Zweikampf um die Zukunft versprach episch zu werden.
Peter und der Weiße Wal
Aber im zweiten Hauptstrang sehen wir, was sein Moby Dick-Trip für Olivia heißt: Sie muss auf eigene Faust das nächste Teil der Wundermaschine holen, wird dabei gefangen genommen, fast an die Observer ausgeliefert und entkommt schließlich nur durch klassisches MacGyvertum. Kurz gesagt, sie muss die Drecksarbeit erledigen, während Peter abgefahrenes virtuelles Zeugs macht. Fast mag man hier eine feministische Botschaft erahnen.
Der Kontrast wird in der Schlussszene auf dem Dach am deutlichsten, als die Stränge zusammengeführt werden. Olivia muss sich einen ausgeklügelten Zeitplan anhören, der am Ende Windmark aber nur wieder „in die Schiene“ bringen würde. Es ist schließlich (natürlich) seine verbliebene Liebe zu Etta (Georgina Haig), die ihn zurückholt, und Peter sieht (natürlich) ein, dass Emotionen wichtig sind und dass (natürlich) Rache diesen Preis nicht wert ist. Auch wenn die Szene grenzwertig pathetisch ist, bleibt sie stark. Vor allem bringt sie Peter und Olivia wieder zusammen.
Diese Szene ist aber überraschenderweise nicht der Höhepunkt der Episode.
Hey, wo sind die Kekse?
Etwas unvermittelt kommt es im Olivia-Strang zu einem Dialog zwischen ihr und einer Frau namens Simone, die ein Orakel ist und dummerweise als eine der schwächsten Figuren im ganzen Fringe-Universum gelten muss. Nicht, weil Jill Scott schlecht spielen würde, sondern weil das Drehbuch sie nicht mehr sein lässt als ein Abklatsch des Orakels aus - nochmal - „The Matrix“. Offenbar können in den USA nur schwarze Frauen aus der unteren Mittelschicht in die Zukunft sehen. Schlimmer noch, Simones Vortrag über Gefühl und Glaube, Herz und Verstand ist ein einziges Klischee.
Zum Glück ist das alles nur eine Vorlage, damit Olivia mal klar sagen kann, was Sache ist.
Science. It works, bitches.
Denn dem naiven, beinah kindlichen Verständnis der Frau für ihre Fähigkeiten setzt die aufgeklärte Veteranin von unzähligen fürchterlichen fringe events die Realität entgegen. Fangen wir damit an, dass Visionen Kinderkram sind.
„I've even moved things with my mind. I've lit things on fire. I've caught bullets mid-air. I've seen things that people only dream about. I've seen the seams between universes ripped apart.“
Die meisten Menschen mögen sich für so etwas irgendwelche Erklärungen ausdenken, weil man dann leichter damit umgehen könne, sagt Olivia. Sie könne das aber nicht.
„I know too much. It's all just numbers. And the invaders, as you call them, they are just better at math than we are.“
Die Science-Fiction-Website io9 hat vor einigen Jahren einen Artikel über die „Fuck-Yeah“-Momente in den Medien geschrieben. Das sind die Augenblicke in einer Geschichte, wo alles zusammenkommt und man vor Begeisterung auf den Tisch springen, die Faust in die Luft recken und halt fuck, yeah! schreien möchte. Olivias kurze, musikalisch dezent untermalte Rede ist genau einer dieser Momente.
Olivias Welt
Zum einen sehen wir hier das Weltbild, das Olivia als Folge ihrer Erlebnisse aufgebaut hat, quasi ihr Fazit der vergangenen viereinhalb Jahre: Es gibt keine Magie, keine Zauberei und nichts Übersinnliches, sondern nur Naturwissenschaft, die wir noch nicht verstehen. Nicht jeder wird mit dieser Sicht einverstanden sein, aber es passt zu Olivia. Sie hat ihre Erklärung gefunden.
Zweitens ist es ein Vergnügen - ein richtiges Spring-auf-den-Tisch-Vergnügen - zu sehen, wie eine Figur in einer Science-Fiction-Serie klar Stellung gegen Pseudowissenschaft und dem Geschwafel über unerklärliche Mysterien des Universums bezieht. It's all just numbers könnte auf einem T-Shirt des Internet-Zeichners xkcd stehen. Es gehört zu den stärkten Sprüchen der Serie.
Und es gibt eine dritte Ebene. Die Autoren von Fringe liefen hier ein klares Bekenntnis zur härteren Science Fiction der alten Schule, die wenigstens so tut, als gäbe es eine logische Erklärung für alles, auch wenn wir und die Figuren sie nicht verstehen. Damit erneuern sie zum Ende der Serie den Pakt, den sie am Anfang mit dem Zuschauer geschlossen haben: Wir machen keinen Fantasy-Kram, und ihr traut uns, auch wenn es zunächst doch nach Wunder aussieht. Was oft genug der Fall war.
Von Weisheit und poetischer Gerechtigkeit
Was diese Passage noch stärker macht, ist, dass die Rede nicht von einem Observer, Vulkanier oder Androiden ohne Emotionschip gehalten wird, sondern von einer Frau, die kurz darauf ihren Mann auf dem Dach anfleht, nicht seine Gefühle zu opfern. Olivia (Anna Torv) weiß sehr genau, wie mächtig die Technologie in Peters (Joshua Jackson) Kopf ist und was für eine Waffe das Implantat in einer von Zahlen beherrschten Welt darstellt. Aber sie versteht auch, wie wichtig es ist, die Menschlichkeit nicht zu verlieren, eben nicht den Pakt mit dem Teufel einzugehen. Hier sehen wir ein Stück der Belohnung, die Olivia in Fringe für all ihre Anstrengungen, Qualen und Opfer bekommt: Sie ist weise geworden.
(Oberflächlich betrachtet könnte man jetzt meinen, das Orakel (Jill Scott) habe doch Recht behalten mit ihrem Spruch, dass Etta (Georgina Haig) bei Olivia ist. Simone meint das allerdings mystisch, während Olivia - etwas romantischer verpackt - die Liebe im Herzen beschreibt: „She is alive inside us.“ Nur wenn die Gefühle für Etta verschwinden, ist sie wirklich tot. Ein Satz, für den es sich lohnt, sich schnell mal den Nacken aufzuschneiden und die Power-Tech aus dem Kopf zu ziehen.)
Fazit
Moment, ist es nicht zu früh für Bilanzen und Belohnungen? Überhaupt, ging das mit der Chipektomie nicht auch etwas zu schnell? Vielleicht. Aber den Autoren läuft die Zeit davon. In den wenigen verbliebenen Folgen ist noch viel zu tun. Wir können davon ausgehen, dass das letzte größte Beziehungsproblem innerhalb der Gruppe sein wird, Walter nicht auf die Dunkle Seite abgleiten zu lassen. Damit können wir uns auf den äußeren Feind konzentrieren. Vielleicht haben wir sogar endlich genug Teile, um mit dem Bau der Maschine zu beginnen.
Am Ende sind die Action-Szenen in The Human Kind gut gemacht. Aber sie ist eine der Folgen, deren gesamte Tiefe sich eigentlich nur dem Zuschauer erschließt, der über Jahre hinweg die Figuren begleitet hat. Was als ein vorhersehbarer Abschluss für den Superpeter-Handlungsstrang beginnt, bekommt durch einige wenige Sätze von Olivia eine sehr viel tiefere Bedeutung. Die uninspirierte Figur des Orakels verhindert zwar, dass die Episode die volle Punktzahl erhält. Aber sie gehört eindeutig zu den stärksten der Staffel. Jetzt muss die Serie nur noch ähnlich stark zu Ende gebracht werden.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Sonntag, 16. Dezember 2012(Fringe 5x08)
Schauspieler in der Episode Fringe 5x08
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