Fear the Walking Dead 1x06

Die Episode The Good Man ist das erste Staffelfinale von Fear the Walking Dead. Ist es eines Finales würdig? Gibt es die Wiedervereinigung der getrennten Familienmitglieder? Und noch viel wichtiger: Gibt es neue Hoffnung?
Nichts wie raus aus El Serono
Nachdem Madison (Kim Dickens) und Travis (Cliff Curtis) nun wissen, dass die Soldaten den Rückzugsbefehl inklusive kill order haben, entwickeln sie gemeinsam mit Daniel (Rubén Blades) einen riskanten Plan. Sie packen ihr Hab und Gut zusammen und wollen ihre alte Heimat verlassen, aber zuvor Nick (Frank Dillane), Liza (Elizabeth Rodriguez) und Griselda (Patricia Reyes Spindola), von deren Tod sie noch nichts wissen, zu sich holen. Selbst Alicia (Alycia Debnam Carey) und Chris (Lorenzo James Henrie) werden diesmal über den Plan informiert.
Ihren Informationsvorteil verdanken sie Adams (Shawn Hatosy), der ihnen vom Cobalt-Befehl erzählt hatte. Während Daniel ihn nun für entbehrlich hält, meint der Soldat selbst, dass er sich nützlich machen könnte, indem er ihnen aufzeichnet, wo sie konkret im Lazarett suchen müssen. Travis argumentiert für den humanen Weg, während Madison wohl eher auf Daniels Seite steht. Daniels Tochter Ofelia (Mercedes Mason) muss derweil erst einmal verdauen, dass ihr Vater eine Vergangenheit als Folterer hat - und diese auch in der Gegenwart nicht ablegen kann.
Die Zelte werden endgültig abgebrochen und somit auch das Haus zurückgelassen, in dem Madison ihre Kinder hat großwerden sehen. Interessant ist, dass Madison beim zweiten Mal größere Gewissensbisse hat, als beim ersten Versuch. Sie sorgt sich um ihre Nachbarn, doch Ofelia wirft ein, dass die auch nichts taten, als Leute verschleppt wurden. Touché. Das wird nochmals untermalt, als sie an ihren ehemaligen Nachbarn vorbeifahren, während die weiterhin keine Ahnung haben, was wirklich vor sich geht.
Welche Opfer ist man bereits zu bringen?
Die zentrale Frage der Opferbereitschaft steht im Fokus der Episode. Im Krankenhaus muss sich Liza die Frage stellen lassen, wen sie wirklich mitnehmen wollte, wenn sie die Chance hätte. Dass Chris dabei ist, liegt auf der Hand. Aber würde sie auch Travis und seine neue Familie mitnehmen? Im Endeffekt würde sie wohl nur ihren Exmann mitnehmen, doch dazu kommt es nicht. Dr. Exner (Sandrine Holt) muss ebenfalls harte Entscheidungen treffen. Doch dazu später mehr. Einige der Soldaten und Mitglieder des Krankenhauses sollen jedenfalls in der Edwards Air Force Base unterkommen. Spannend wäre natürlich, wenn die Serie uns in Zukunft zeigt, was sich dort abspielt.

Daniel lässt derweil tatsächlich die 2000 infected aus dem Stadion, von denen Adams ihm erzählt hat. Ich hätte damit gerechnet, dass diese sehr viel schwerer kontrollieren sind, doch Daniel nutzt sie, um die Armee abzulenken, damit seine Verbündeten ins Krankenhaus kommen. Travis und Madison lassen derweil ihre Kinder im Parkhaus zurück, was aus mehreren Gründen problematisch ist. Was passiert, wenn Zombies zu ihnen durchkommen? Noch schlimmer ist allerdings, was stattdessen geschieht: Flüchtende Soldaten verlangen das Auto (inklusive Vorräte) und schrecken auch vor Gewalt nicht zurück. Wie genau die beiden aus der Situation herauskommen, wird offengelassen. Die Angreifer haben sich wohl damit begnügt, zu flüchten und mit dem Leben davonzukommen, sodass man keine Zeit mehr hatte, um Schlimmeres mit den beiden Teens anzustellen.
Als es Zeit wird, die Menschen aus dem Krankenhaus zu evakuieren, rät Dr. Exner Liza dazu, ebenfalls zu gehen. Doch sie ist mit der Gesamtsituation überfordert. Sie fungiert so als Perspektivcharakter für das Chaos, was einen mehr oder minder triftigen Grund darstellt, warum sie nicht einfach flieht. So sehen wir immerhin, wie ein Soldat gebissen wird und später in die Rotoren eines Hubschraubers läuft.
Dr. Exner bleibt derweil bei den Patienten und kümmert sich um sie. Allerdings könnte man das auch ein Aufräumen nennen: Mit dem Bolzenschussgerät geht sie von Bett zu Bett und verhindert weitere neue Untote. Sie selbst bleibt zurück, sodass man einen Suizid via Bolzenschuss vermuten kann.
Jeder nur für sich allein?
Für Nick ist der Gefängnisaufenthalt verständlicherweise schwerer als der Entzug zu Hause. Doch lange muss er nicht warten, bis sich die Fluchtmöglichkeit ergibt. Ihm gelingt es, Strand (Colman Domingo) das Schlüssel abzuluchsen, was für seinen Überlebenswillen spricht. Allerdings hat sein Zellengenossen nicht vor, den anderen Gefangenen zu helfen, denn das könnte die Chancen auf ihr eigenes Überleben schmälern. Strand hat einen Plan: Ein Fluchtwagen muss her, und damit soll es dann zu „Abigail“ gehen. Wer oder was das ist, wird ebenfalls noch verraten.

Die beiden sind ein gutes Paar, das ohne viele Worte funktioniert. Strand rettet Nick vor dem Entdecktwerden. Strands Begleiter nach draußen wurde allerdings Opfer einer Zombieattacke, sodass er sich seine Manschettenknöpfe wiederholt, ihn aber die Uhr behalten lässt. Allerdings hat der mysteriöse Mann nicht jede Eventualität bedacht, und so drohen die beiden eingesperrt und von Untoten gefressen zu werden. Wenn da nicht gerade - welch Zufall! - Madison und Co. kommen würden, die anders als Strand tatsächlich etwas Zeit für die Rettung einiger Gefangener aufgewendet haben. Das böse Karma von vorhin wird also zumindest wieder etwas ausgeglichen. Für einen kurzen Moment hatten mich die Macher. Denn ich dachte, es könnte tatsächlich Nick erwischen, der seiner Mutter sagt, dass sie ohne ihn gehen soll. Als Lizas Magnetkarte dann doch funktioniert, gibt es noch einmal Entwarnung.
In einer Küche kommen dann die Zombiekillerinstinkte in einem Großteil der Figuren durch. Nick, Ofelia, Daniel, Strand und Madison legen alle jeweils einen Untoten um. Nebenbei bleibt noch Zeit, Daniel und Ofelia über den Tod ihrer Mutter einzuweihen. Die Tochter verkraftet das nicht so gut und will sie gerne trotzdem noch sehen, doch Liza wirft ein, dass es nichts mehr zu sehen gibt.

Home on the Water - Wer ist Abigail?
Doch wohin nun? Strand widerspricht Madisons Plan und schlägt die Gegenrichtung vor. Er hat eine Option, die auf dem Wasser liegt und mit Vorräten ausgestattet ist. Im Parkhaus treffen sie wieder auf ihre Kinder, die Wohlauf sind, wenn auch die Soldaten ihren SUV geklaut haben. Außerdem ist Adams noch da, der nur auf die Chance gelauert hat, es Daniel heimzuzahlen. Er richtet seine Waffe zwar auf Daniel, schießt dann aber auf Ofelia, die versucht ihn mit Worten zum Niederlegen der Waffe zu kriegen. Wir sehen den zweiten Fast-Tod der Episode. Travis hat allerdings offenbar genug und bereut seine Naivität. Sein Vertrauen in Adams rächt sich nun also auch: Er verletzt ihn mit seinen Schlägen so stark, das kaum noch Hoffnung auf sein Überleben bestehen sollte.
Danach macht sich die Gruppe auf, um Strands Plänen nachzugehen. Sie durchqueren erneut den LA River, wo es einen netten kleinen Rückbezug zum ersten Walker gibt, den Madison und Travis gesehen haben, nämlich den Drogendealer, der Nick umbringen wollte und der nun sein Dasein im Autowrack fristet.
Strands Anwesen ist ziemlich beeindruckend und würde sich wunderbar als geschützter Zufluchtsort anbieten. Doch er ist anderer Meinung und meint, dass man immer in Bewegung bleiben sollte. Abigail entpuppt sich als Kreuzfahrtschiff/Yacht, die mit einem Fernrohr gesehen werden kann. Doch wie kommt die Gruppe dorthin und wer sagt, dass an Bord keine Untoten herumirren?
RIP

Bevor das versucht werden kann, muss sich die Gruppe von einem Mitglied verabschieden. Liza wurde gebissen und entfernt sich mit einer Pistole von der Gruppe, was Madison jedoch bemerkt. Hier gibt es eine Invertierung eines Gesprächs, das die beiden Frauen bereits zuvor geführt haben. Damals hat jedoch noch Madison Liza gebeten, sie zu töten, sollte sie sich zu einer Untoten wandeln. Lizas Plan ist zunächst selbstsüchtig, weil sie Madison die Waffe reicht, ohne ihre wichtigste Information weiterzugeben. Erst als ihr Exmann Travis erscheint, teilt sie ihm mit, was sie von Dr. Exner erfahren hat: Bisse sind unheilbar, führen zum Tod, und alle Toten verwandeln sich. Travis schafft jedoch, was die Frauen an seiner Seite ihm nicht zutrauen: Er erschießt sie.
Der Schock sitzt tief, auch bei Chris, der natürlich nichts Schlimmes vermutet hatte und nun ohne seine Mutter auskommen muss - und die Gruppe ohne Person mit medizinischer Kompetenz.
Das abschließende Bild rund um Travis und Madison in der Brandung ist schön eingefangen, der Zoom auf die Klippen und das Wasser deutet an, wo die Gruppe ihr Glück versuchen wird.
Fazit

The Good Man liefert den Zuschauern viele Momente, auf die die Autoren hingearbeitet haben. Die große Walker-Herde dürfte von der bloßen Masse her selbst die Mutterserie The Walking Dead in den Schatten stellen, hätte aber vielleicht noch etwas effektiver genutzt werden können. Dass so eine große Herde einfach so genau das macht, was Daniel plant, ist eine etwas zu bequeme Lösung.
Der Ausraster von Travis, obwohl er überfällig war, trifft gefühlt das falsche Opfer. Hätte ein Streifschuss etwa Chris statt Ofelia getroffen, wäre seine Aktion noch etwas nachvollziehbarer gewesen.
Strand bleibt weiterhin faszinierend und wird noch für einiges Kopfkratzen sorgen. Wie konnte er überhaupt in Gefangenschaft geraten? Woher hat er seine Ressourcen und sind es wirklich seine? Welchen Vorteil verspricht er sich von einem Zufluchtsort auf hoher See? Die Idee an sich begrüße ich schon allein der Abwechslung wegen sehr. Doch wo soll es hingehen? Außerdem wird das Gruppengefüge durch ihn sicherlich durchmischt. Daniel, Strand, Madison und Travis müssen sich irgendwie zusammenraufen, wenn sie überleben wollen. Oder hat Strand bereits die Führung für sich verbuchen können?
Dass es von allen Figuren nach den multiplen fake outs Liza trifft, war wohl vorprogrammiert. Das Drama, das sich durch ihr Ableben nun einstellt, trifft mehrere Figuren und die Auswirkungen sind noch nicht abzusehen. Nicht nur, weil damit nun eine Person mit medizinischen Sachverstand fehlt, sondern auch, weil dadurch die Beziehung zwischen Madison und Travis auf die Probe gestellt wird und Chris nun keine richtige Alternative zu seinem Vater hat. Nick wird sicherlich auch zum Problem werden, denn wo findet er nun seinen Kick? Ein Entzug auf offener See scheint weitaus gefährlicher als ein kontrollierter in den eigenen vier Wänden.
Die Schuldfrage ist ebenfalls interessant. Ist die Armee mit den 2000 Untoten fertig geworden? Oder haben Daniel - und in gewisser Weise auch Travis und Madison als Mittäter - dafür gesorgt, dass noch viel mehr Leute in Gefahr geraten? Ohne große Bewaffnung haben die Stadion-Zombies vielleicht die einzige Möglichkeit dargestellt, dem Tod aller in der Sicherheitszone zu entgehen. Ist der Rest der Menschen nun ebenfalls dem Tode geweiht? Was ist mit den Gefängnisinsassen und den Nachbarn?
Das sind einige Fragen, die man bis zum Start der zweiten Staffel diskutieren und bedenken kann.
Die erste Staffel von Fear the Walking Dead hat die Zombie-Apokalypse von einer anderen Warte aus aufgerollt und sich dazu entschieden, darin die Komponenten eines Familiendramas zu verflechten. Das ist in den sechs Folgen mal mehr und mal weniger gelungen. Untote waren dabei oft nur ein Hintergrundelement, um die Urängste der Figuren zu begleiten.
Schauspielerisch liegt die Serie im Vergleich zur ersten Staffel der Mutterserie wohl vorn, spannungstechnisch aber muss man sich wohl The Walking Dead geschlagen geben. Dennoch ist der Cliffhanger, den die Staffel hinterlässt, einer, dessen Auflösung ich mit Spannung erwarte.
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 5. Oktober 2015(Fear the Walking Dead 1x06)
Schauspieler in der Episode Fear the Walking Dead 1x06
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