Fear the Walking Dead 1x05

Endlich! Die Episode Cobalt, die fünfte Episode der ersten Staffel, ist eine Ausgabe ganz nach meinem Geschmack. Wir erfahren einerseits die wahren Hintergründe einiger Figuren und erleben andererseits gleichzeitig auch eine Reihe von Charaktermomenten, die es in sich haben. Außerdem gibt es das Debüt einer Figur mit viel Potential.
Buyer vs. Closer
Die Folge startet mit einem faszinierenden Cold Open und den Monologkünsten der neuen Figur Strand (Colman Domingo), der Doug (John Stewart) quasi nur mit der Kraft seines Mundwerks in die Selbstaufgabe quatscht. Denn aufgrund seines Alleingangs aus der letzten Episode wurde der Nachbar von Travis und Madison nun in diese Militärzellen gebracht und von dort gleich wieder abtransportiert und seinem endgültigen Schicksal überlassen. Der redegewaltige Strand hat mit Nick allerdings schon einen viel interessanteren Zellengenossen, für den er sogar bereit ist, kostbaren Schmuck mit Diamanten einzutauschen, damit er nicht fortgeschafft wird.
Die Soldaten wollen nämlich kein Risiko eingehen und sieben jeden mit erhöhter Temperatur beziehungsweise jeden, der als Gefahr einzustufen ist, heraus.
Da Strand allerdings weiß, dass diese Zellen nicht auf ewig da sein werden und das Militär den Rückzug plant, kommt ihm der heroinsüchtige Nick, der im Ernstfall bereit zum Stehlen und Betrügen ist, gerade recht. Strand selbst ist jedenfalls bereits in den Besitz eines Schlüssel gekommen und plant den Abgang. Wie genau kam Strand in seine Situation und was glaubt er, ist in dieser Situation möglich? Wir werden es sehen. Es braucht allerdings mehr als zwei schlaue und begabte Charmeure, um in der Zombieapokalypse zu überleben. Diese Paarung gefällt mir allerdings ausgesprochen gut und ich möchte unbedingt mehr davon sehen.
Das wahre Gesicht der Salazars
Ofelia (Mercedes Mason) erregt die Aufmerksamkeit der Soldaten, indem sie mit Flaschen auf den errichteten Zaun wirft und verlangt, ihre Mutter zu sehen. Adams (Shawn Hatosy) versucht sie vor seinen Kollegen zur Vernunft zu bringen und zu beruhigen, wobei deutlich wird, dass auch die interne Lage unter den Aufsehern mehr als angespannt ist. Die Soldaten sind überfordert, haben selbst Heimweh und sind teilweise 50 Stunden wach. Der Befehlshaber Moyers (Jamie McShane) hat jedoch kaum Mitleid und weist seine Untergebenen auch gerne mit Gewalt zurecht.
Adams jedenfalls bringt Ofelia nach Hause, was sich als Fehler erweist, denn hier schnappt die Falle Daniels (Rubén Blades) zu, der den jungen Soldaten gefangen nimmt und foltert. Offiziell, um ihn gegen seine Frau zu tauschen, doch bald wird deutlich, dass man sensible Informationen aus ihm herauspressen will. Daniel nimmt Madison (Kim Dickens) deswegen ins Vertrauen und bittet sie, Ofelia fernzuhalten, doch so einfach ist das nicht.

Im Verlauf seiner Folter kommt heraus, dass Daniel bisher mit der Wahrheit hinter dem Berg gehalten und in Wirklichkeit in seiner Heimat selbst als Folterer fungiert hat. Eine Wendung, die zumindest ich nicht auf dem Schirm hatte und sie für eine mutige und spannende Entscheidung der Autoren halte, da sie besonders Madison in eine prekäre Lage bringt. Wie weit wird sie gehen, um ihren Sohn wiederzusehen - und toleriert oder unterstützt sie dabei die menschenverachtenden Methoden Daniels? Ist dies der letzte Ausweg, um die eigene Haut zu retten?
Adams tut nämlich nur unschuldig und weiß eigentlich doch einiges über die Situation, wie wahrscheinlich viele der Soldaten. Stück für Stück gibt er mehr preis. Zum Beispiel, wohin Griselda gebracht wurde und noch viel wichtiger: was es mit dem sich wiederholenden Funkspruch „Cobalt“ auf sich hat.
Denn das ist der Code zur Evakuierung der Stadt, die schon bald erfolgen soll und wohl auch die Exekution vieler Menschen nach sich ziehen wird.
Der Zweck heiligt hier die Mittel, denn selbst der inzwischen dazugestoßene Travis (Cliff Curtis), der Daniel eigentlich ins Gewissen reden wollte, traut seinen Ohren kaum, als er das hört.
Mit nur einer Episode wird Daniel zu einem der faszinierendsten Charaktere der Serie, wenn er es nicht zuvor schon war - und mit seiner Handlung am Episodenende außerdem zu einer unberechenbaren Konstante sondergleichen.
Träumer Travis wacht auf

Travis, der bislang als reichlich naiver und gutgläubiger Mensch dargestellt wurde und die Hoffnung auf Besserung oder ein Heilmittel nicht aufgeben wollte, erhält in dieser Episode einen weiteren Realitätscheck. Nicht nur, dass er nicht einmal seinen eigenen Sohn Chris (Lorenzo James Henrie) unter Kontrolle hat, der seine Lebensgefährtin Madison zurechtweist. Auch als „Bürgermeister“ hat er gegenüber Moyers keinen guten Stand. Der Militär nimmt ihn und seine Anfragen nicht so recht ernst, doch seine halbe Drohung bezüglich eines Aufstandes der Bewohner der Sicherheitszone zeigt dann doch Wirkung. Moyers bietet ihm leichtsinnig an, ins Lazarett zu fahren, obwohl seine Männer ihn vehement davon abraten, da sie übermüdet sind und zuletzt schon Leute verloren haben. Er möchte ihm wohl auf seine ganz eigene Art die Augen öffnen und fährt mit ihm und einer Truppe nach außerhalb.
What happened to your face? - Momentary lapse of patriotism.
Auf dem Weg zu ihrem Ziel fällt den Soldaten in der Ferne eine Untote ins Auge. Demonstrativ wird ein Scharfschützengewehr aufgestellt und Moyers verhöhnt Travis nahezu, den Schuss zu nehmen. Nach der heftigen Provokation will er es zumindest versuchen, doch, als er das Namensschild der Untoten sieht, bricht er den Versuch ab.
Diese Szene stellt für mich ein Highlight der Episode dar. Auf der einen Seite das kühle technische, arschlochhafte Verhalten von Moyers und einigen seiner Männer, die sich gedanklich mit der Situation abgefunden haben und die infected nicht mehr als menschlich begreifen, und auf der anderen Seite Travis, der die Hoffnung nicht aufgeben will, jedoch langsam, aber sicher einsehen muss, dass die Welt um ihn verroht. Außerdem wird in dieser Sequenz nicht an Details zur Waffe und der Schusstechnik gespart, was ich sehr informativ finde. Die Tatsache, dass man bei einem Schuss mit einem solchen Gewehr etwa den Mund aufmachen sollte, ist ein willkommener Bonus und auch das Kamerateam hat bei der Inszenierung ein paar ungewöhnliche Stilmittel benutzt, die die Szene optisch aufwerten.
Das bleibt jedoch nicht die einzige Komplikation auf dem Trip und der Trupp will sich um eine größere Gruppe von Untoten kümmern, während Travis um jeden Preis im Truck verweilen soll. Manche werden sich sicherlich beschweren, dass hier kein Untotengemetzel gezeigt wurde, doch Travis' blanken Horror zu bezeugen, während er die Schreie aus dem Funkgerät hört, ist vielleicht noch effektiver als der Splatter, der in der Mutterserie womöglich gezeigt worden wäre.
Zudem kehrt der draufgängerische Moyers nicht aus dem Zombieintermezzo zurück. Was passiert jetzt mit der Organisationsstruktur in der Sicherheitszone? Übernimmt Travis das Kommando oder muss er sich mit Daniel darüber streiten? Der Weg zum Finale wird somit sofort explosiver und spannender.
Fortbildung für Liza

Liza (Elizabeth Rodriguez) muss im Lazarett Akkordarbeit mit Dr. Exner (Sandrine Holt) leisten. Denn sie kann jede helfende Hand sehr gut gebrauchen. Von den sieben Krankenschwestern, die ihr am Anfang des Ausbruchs zur Seite standen, sind nämlich nur noch drei übrig, weil mehrere davon kurzsichtigerweise zum Einsatz mitgenommen wurden, als das Militär noch keine Ahnung hatte, womit man es zu tun hat.
Natürlich interessiert Liza auch das Schicksal ihrer Bekannten. Griselda (Patricia Reyes Spindola) etwa wurde der Fuß abgenommen, während die Doktorin zu Nick (Frank Dillane) ausweicht. Liza kann drigend benötigte Hilfe leisten, muss aber auch lernen, dass in manchen Belangen eine Rettung unmöglich ist. Sobald etwa Bisswunden vorhanden sind, greift das Personal zum Bolzenschussgerät, um eine Wandlung zu einem Untoten zu unterbinden. Das wird auch in Bezug auf Griselda noch einmal wichtig, denn, nachdem sich Liza um die wichtigsten Patienten gekümmert hat, forscht sie nach und findet Griselda, sie sich aber laut der Doktorin in einem septischen Schock befindet. Daniels Frau merkt offenbar, dass es für sie zu Ende geht und gibt auf Spanisch eine Art Geständnis ab, das nur Liza versteht, wobei deutlich wird, dass die als gläubige Christin präsentierte Figur nun meint, ihre gerechte Strafe für ihre Mitwisserschaft in ihrer Heimat zu bekommen.
Liza erlöst sie dann mit dem Bolzenschussgerät, so dass sie sich nicht umwandelt. Somit haben wir unser erstes Todesopfer aus dem Maincast, wenngleich das bei weitem nicht so spektakulär vonstattenging wie in der Mutterserie. Liza - und die Zuschauer, die die Regel vergessen oder die Originalserie nicht geschafft haben - erhalten somit das Wissen, dass alle Toten wiederauferstehen. Wird sie das Wissen mit dem Rest ihrer Wegbegleiter teilen können?
Positiv bewerte ich außerdem, dass Dr. Exner nicht zur Horrordoktorin mit Hang zu Experimenten wurde, sondern tatsächlich ihrem hippokratischen Eid nachgeht. Gedanklich ist sie harte Entscheidungen gewohnt und hilft eben nur da, wo es wirklich sinnvoll erscheint. Ob Liza das ebenfalls gelingt, muss sich zeigen.
The Kids Are All Right?

Alicia (Alycia Debnam Carey) muntert derweil den schmollenden Chris auf. Zum wiederholten Male spielt Alicia also die Seelsorgerin und wird hier endgültig zur Königin der Prokrastination. Diesmal findet ihre Storyline sogar Anklang bei mir, denn die Jugendlichen versuchen mit der Realitätsflucht, nicht den Verstand zu verlieren und schleichen sich in das Haus einer wohlhabenden Familie, wobei sie deren Kleidung anziehen und mit deren Sachen, wie einem ferngesteuerten Hubschrauber, spielen. Nebenbei wird hier ein Fass aufgemacht - das ein wenig an Soaps der Marke Reich & schön erinnert. Denn beim Posen im Spiegel wirft Chris seiner Stiefschwester einen recht eindeutigen Blick zu.
Dampf lassen sie aber auf andere Weise ab, greifen zum Alkohol und zerstören das Mobiliar. Ohne sich unmittelbar um Nick sorgen zu machen, verdient Alicia auch einmal eine Atempause, während Chris den Stress und den Frust abbauen kann, den das unerklärte Verschwinden seiner Mutter verursacht hat. Immerhin bemerken die beiden Jugendlichen nach ihrem Exzess, dass etwas ganz schön im Argen liegen muss, als sich die Militärfahrzeuge aus dem Staub machen.
Das Stadion
Gesonderte Aufmerksamkeit verdient die Geschichte, die Adams rund um das Stadion erzählt. Als sich hier eine Massenpanik entwickelte, hatte das Militär die Entscheidung getroffen, diese Bedrohung vorerst zu minimieren, indem man Ketten um die Ausgänge befestigte. Damit hat man 2000 Menschen ihrem Schicksal überlassen und das eigentliche Problem nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben.
Am Ende der Episode marschiert Daniel zum besagten Stadion und schaut sich dort um. Plant er etwa, die Untoten herauszulassen? Wir wissen es noch nicht, aber es ist eine Möglichkeit, die im Raum steht. Allerdings würde er damit nicht unbedingt zielgerecht dem Militär Probleme bereiten, sondern allen, die sich im Wege der Herde befinden würden.
Fazit
Ob der Zweck die Mittel heiligt, ist zu diskutieren. In der Episode Cobalt kommen die Figuren so jedenfalls an zentrale Informationen zur weiteren Taktik und Absicht des Militärs. Allerdings sollte manche Information wohl eher nicht in die falschen Hände geraten. Denn das, was Daniel mit der Armee der Untoten anstellen könnte, wäre mit Sicherheit der Untergang der ganzen Stadt, wenn nicht sogar etwas noch Größeres.
Die Macher problematisieren in dieser Episode auf vortreffliche Weise mehrere Beziehungen. Die Bewohner der Sicherheitszone haben genug von der Militärwillkür und bäumen sich auf, im Gefängnis werden Vorkehrungen getroffen und für den Ernstfall Allianzen geschmiedet und Travis erkennt vielleicht endlich den Ernst der Lage und startet ein Umdenken. Denn plötzlich schweben alle in Gefahr.
Für mich stellt diese Episode mit ihrer bereits angedeuteten Mischung aus Offenbarungen, neuen Figuren und Charaktermomenten die bisher beste Episode der ersten Staffel dar und ich bin gespannt, was das Staffelfinale bereithält. Kommt es nach zwei relativ zombiearmen Folgen nun zum Overkill?
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 28. September 2015(Fear the Walking Dead 1x05)
Schauspieler in der Episode Fear the Walking Dead 1x05
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