Fear the Walking Dead 1x02

Nach dem überlangen Auftakt von Fear the Walking Dead folgt nun mit So Close, Yet So Far die erste Episode in Normallänge. Und die macht eigentlich fast genau da weiter, wo der Auftakt zu Ende gegangen ist. Das Tempo wird aber leicht angezogen, da nun klar wird, dass die Lage eskaliert. Dabei ist besonders interessant, wie sich Madison (Kim Dickens) und Travis (Cliff Curtis) ob dieser Lage verhalten.
Teenagers in Love ... and Death?
Da Alicia (Alycia Debnam-Carey) in der vorherigen Episode von ihrem Freund Matt (Maestro Harrell) versetzt wurde, geht sie der Sache auf den Grund und besucht ihn bei sich zu Hause. Dort findet sie ein verwüstetes Haus und einen röchelnden Matt vor. Die falschen Fährten, die schon in der Pilotfolge gelegt wurden, gehen hier also konsequent weiter. Nicht nur mit Matt, auch später, als Nick im Radio nach Hinweise zu den Vorgängen sucht. Matt hat allerdings vorerst nur Fieber, wenn auch ziemlich hohes: 39.5.
Madison versucht derweil ihre Tochter zu erreichen, weil sie nun wissen, dass in der Stadt etwas Gefährliches lauert. Bald erreichen die Erwachsenen Alicia und Matt, womit auch klar ist, dass die beiden über die Beziehung der beiden Bescheid wissen. Travis bemerkt dabei recht schnell, dass Matt Opfer eines Bisses wurde und somit wohl jegliche Hoffnung verloren ist.
Es ist beeindruckend, wie rabiat Madison handelt und auf die Erhaltung ihrer Familie aus ist - auch wenn das in der Episode nicht immer konsequent durchgezogen wird. Madison will verschwinden und aus dem Auto heraus den Notarzt verständigen. Doch nur Matt selbst kann auf Alicia einreden, um sie zum Gehen zu bewegen. Dennoch weiht man sie - bis zum Ende der Episode - nicht ein. Die Gründe sind unbekannt. Vielleicht gilt sie als zu jung? Vielleicht hofft man auf Heilung oder einen Ausweg. Doch schon seit der Begegnung mit dem Untoten Calvin ist beiden eigentlich klar, dass einiges im Argen liegt.
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Smells like Teen Spirit

Travis sucht derweil seinen leiblichen Sohn Christopher (Lorenzo James Henrie), dem die Trennung seiner Eltern wohl mehr zusetzt, als er zugibt. Darum meidet er seinen Vater. Auch insgesamt scheint Christopher einen inneren Rebellen zu haben. Als er bei der Busfahrt bemerkt, dass die Polizei offenbar einen wehrlosen Obdachlosen erschießt und sich ein wütender Mob um die Szenerie formt, läuft er hin, um die Kamera draufzuhalten und mit zu protestieren.
Dabei macht sich Travis nur Sorgen um seine Ex und seinen Sohnemann. Wirkte die Beziehung zwischen Liza und Travis in der ersten Episode noch harmonischer, wird hier deutlicher, dass es doch einige kleine Problemchen gibt. Travis hat ein Anrecht auf drei Wochenenden im Monat, die aber mit Liza abgesprochen werden müssen. Da man sich darauf geeinigt hat, dieses Wochenende ausfallen zu lassen, möchte sie seinen Anruf direkt beenden und ihm gar nicht weiter zuhören. Zumal sie eigener Aussage so beschäftigt ist, für ihre Krankenschwesterausbildung zu lernen, dass sie nicht einmal die jüngsten Ereignisse mitbekommen hat. Travis muss später tricksen um Chris an den Apparat zu kriegen. Mit Hilfe des Fernsehens machen sie ihn bald ausfindig - und das kurz bevor die Situation vor der Eskalation steht. Mit Mühe und Not gelingt es, Christopher fortzuziehen, ehe die schweren Geschütze der Polizei aufgefahren werden und ein waschechter Tumult entsteht.
Die Bilder, die die „FTWD“-Macher hier bemühen, erinnern nicht nur an die Riots der 90er Jahre, sondern auch an die Polizeiübergriffe jüngerer Zeit. Ein heißes Eisen, was hier im Zusammenhang mit den wandelnden Toten angefasst wird, aber durchaus auch ein interessanter Ansatz um die Gewaltbereitschaft und die Verbreitung der Untoten zu erklären. Denn besonders gut wird hier von Seiten der Offiziellen nicht kommuniziert.
Der Junkie mit dem Durchblick

Der Junkie Nick (Frank Dillane) hat von den Teens wohl noch am ehesten den Durchblick, hat er doch aus erster Hand miterlebt, wie sich die Menschen verändern können. Allerdings macht ihm der kalte Entzug sichtlich zu schaffen. Schwester Alicia gibt Mutter Madison die Idee, die konfiszierten Medikamente aus der Schule zu plündern und ihm so vorerst über die Runden zu helfen. Also bricht diese dorthin auf, während sie Alicia bittet, auf Nick achtzugeben - und nicht etwa zu Matt zu gehen. In gewisser Weise lässt man Alicia also nur im Dunkeln tappen, um einen Spannungsbogen für die Episode zu schaffen. Kann man machen, hätte man aber womöglich auch eleganter lösen können.
So kümmert sich Alicia zwar um ihren Bruder, plant aber insgeheim einen Abstecher zu ihrem fieberleidenden Freund. Ihrem Bruder Nick bringt sie eine Suppe, womit sie auch Matt aufpäppeln will. Doch just da erreicht Nick einen Tiefpunkt - ob gespielt oder nicht, ist schwer abzuschätzen. Jedenfalls muss er sich übergeben und verkrampft, sodass Alicia zum Bleiben gezwungen wird.
School's out forever?
Madisons Ausflug in die Schule wird derweil von Tobias (Lincoln A. Castellanos) begleitet. Die Lehrerin holt sich aus dem Zimmer des Direktors den Schlüssel für das Lehrerzimmer, um an die beschlagnahmten Waren zu kommen. Genau dort überrascht Tobias sie, er würde gerne sein Messer wieder haben. Inzwischen wissen beide, was Sache ist, und reden nicht mehr um den heißen Brei. Tobias fungiert hier ein wenig als laufende Exposition, weil er sein Wissen aus dem Internet weitergibt, etwa was Plünderungen und so weiter angeht. Warum genau Tobias aber genau in diesem Moment in der Schule ist? Er will sich wohl für den Ernstfall ein paar Lebensmittel sichern, weil die üblichen Quellen schnell von den Plünderern überrannt werden und niemand an die Schule denkt. Madison verzichtet aber vorerst auf eigene Vorräte, könnte aber vielleicht dem Rat ihres Schülers folgen, wir werden sehen.
Tobias hat zwar von den Untoten gelesen, bisher aber noch keinen gesehen, was sich ändert, als die beiden die schon im Piloten eingeführte Abhörvorrichtung sehen und ein unheimliches Stöhnen vernehmen. Das lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Da ist ein Untoter in der Schule, und es ist ausgerechnet Artie (Scott Lawrence), den es erwischt hat. Zum Anfang der Episode sehen wir ihn noch mit einem Walkie-Talkie durch die Schule streifen. Wir erfahren nicht, was ihn erwischt hat, nur, dass es ihn erwischt hat. Madisons Rationalität und Vorsicht verabschiedet sich beim Anblick ihres Kollegen und weicht dem Drang, ihm zu helfen. Doch Arts Verstand hat sich ebenfalls verabschiedet - und was bleibt, ist nur der Hunger und der Tötungsinstinkt. Zum zweiten Mal in Folge ist Madison also durch einen der infected in direkter Todesgefahr und entkommt wieder mit etwas mehr Glück als Verstand.
Tobias nutzt nämlich sein Messer zum Angriff, sucht sich aber den Brustbereich aus, der keine Wirkung zeigt. Ein Angriff auf den Kopf will nicht so recht gelingen, also greift Madison zum Feuerlöscher und schlägt Arts Kopf damit platt. Nach dem traumatischen Vorfall bringt sie Tobias Heim und bietet ihm Zuflucht bei sich an. Er meint allerdings, gut alleine klar zu kommen - auch das muss sich erst beweisen. Essen hat er für den Anfang genug.
Helfen oder nicht?

Travis ist derweil bei Salazars Cuts untergekommen, wo man das Schlimmste des Tumults aussitzen kann. Christopher wird zunächst auch nicht über den Ernst der Lage informiert, sodass er neugierig durch die Schlitze der heruntergezogenen Rollos schaut. Daniel Salazar (Rubén Blades), seine Frau Griselda und Tochter Ofelia (Mercedes Mason) wissen zunächst nicht, was ihnen geschieht, sind aber eventuell doch dankbar, dass sie den Laden rechtzeitig zugesperrt haben.
Nun stellt sich allerdings die Frage, wie Travis Familie wieder zusammenkommt. Denn auch die Telefonleitungen und die Stromversorgung spielen verrückt. Wie auch Tobias schon angemerkt hat, kann der Zusammenbruch schneller passieren, als einem Lieb ist. Also müssten Travis und Madison eigentlich Pläne schmieden, wie es weitergehen soll.
Madison hat ihrem Sohn jedenfalls Oxycodon besorgt, damit er sich behutsamer von den harten Drogen lossagen kann. Ob das hilft, muss sich zeigen. Sie verheimlicht jedenfalls die Tatsache, dass sie von Artie angegriffen und dabei mit Blut besudelt wurde. Und auch Alicia lässt sie im Dunkeln tappen. Sogar noch dann, als sie sieht, dass die Nachbarn, die zuvor den neunten Geburtstag ihres Kindes gefeiert haben, angegriffen werden. Alicia möchte helfen, doch Madison blockiert die Tür.
Ein gutes Episodenende, das entweder die Verrohung Madisons explizit verdeutlicht oder am Ende der nächsten Episode obsolet wird, weil sie doch nachgibt und Alicia so eingeweiht wird. Ich würde hier die erste Variante bevorzugen, wobei die Variante rund um das Bewahren der Menschlichkeit auch nicht ohne Reiz wäre. Vielleicht ist ja auch die „unterlassene Hilfeleistung“ überhaupt daran schuld, dass die Anzahl der infected wächst. Kleine Gruppen lassen sich bekanntlich noch leicht in Schacht halten. Doch sobald die Gruppe größer wird, ist auch die Gefahr für alle Mutigen immens. Ebenfalls interessant: Während Travis auf die Hilfe anderer angewiesen ist, verwehrt Madison die Hilfe. Das könnte noch zu Problemen zwischen den beiden führen.
Schön eingearbeitet ist auch die latente Paranoia: Jeder, der nun hustet, gilt als potentielle Gefahr. Als Wesen, das auf Selbsterhaltung geeicht ist, kann einen das in den Wahnsinn treiben.
Ein Kompliment gebührt an dieser Stelle auch Frank Dillane, dessen Drogenabsturz in dieser Episode ziemlich glaubhaft dargestellt wurde.
Fazit
So Close, Yet So Far ist schon eine kleine Steigerung zur Auftaktepisode und vertieft die Mythologie und die Familienkonflikte auf interessante Weise. Weiterhin gibt es ein paar fake outs, die bemüht wirken. Aber die schauspielerische Leistung bleibt dennoch auf konstant überdurchschnittlichem Niveau und die realpolitischen Implikationen rund um Los Angeles üben ebenfalls einen gewissen Reiz aus. An das eher gemächliche Erzähltempo gewöhnt man sich wahrscheinlich recht schnell, ohnehin wirkte diese Episode für mich kurzweiliger.
Wer eine Serie sucht, in der es ständig Zombieattacken gibt, schaut wahrscheinlich lieber Z Nation. Wer aber daran interessiert ist, wie die Anfänge der Zombieapokalypse normale Leute verändern können und zu schwierigen Entscheidungen zwingen, der ist bei Fear the Walking Dead gut aufgehoben. Diejenigen, die etwas mehr Aufregung und Splatter brauchen, können außerdem jederzeit die Mutterserie schauen.
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 31. August 2015Fear the Walking Dead 1x02 Trailer
(Fear the Walking Dead 1x02)
Schauspieler in der Episode Fear the Walking Dead 1x02
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