Fear the Walking Dead 1x01

Fear the Walking Dead eröffnet nicht mit Rick (Andrew Lincoln, sondern mit Nick (Frank Dillane). Nick ist ein junger Junkie, der gerade von einem ganz bösen Trip erwacht und seine Freundin Gloria dabei erwischt, wie sie das Gesicht eines anderen Menschen isst. Überreste des Drogentrips? Oder ist Nick einer der frühen Zeugen eines Umbruchs, der die Welt für immer verändern wird? Eindeutig Letzteres. Denn Nick wird beim Weglaufen angefahren, und erst da wird deutlich, dass wir uns eben nicht in einer Welt befinden, in der schon alles vor die Hunde gegangen ist, sondern im (noch) quicklebendigen Los Angeles.
Der kurze Exkurs mit Nick ist jedoch fast schon alles, was wir im extralangen Piloten (eine Stunde und vier Minuten!) von „FTWD“ zum Thema Untote sehen. Erst ganz zum Schluss wird das Thema erneut aufgegriffen. Dann wieder in Verbindung mit Nick.
Zwischendrin macht Fear the Walking Dead keinen Hehl daraus, was man in der Pilotfolge sein möchte: ein Familiendrama.
Unser lautes Heim
Die neuen Hauptfiguren sind Madison Clark (Kim Dickens), Sozialpädagogin und Vertrauenslehrerin, und ihr neuer Lebenspartner Travis Manawa (Cliff Curtis), ein Englischlehrer. Das Paar hat zunächst noch relativ normale Probleme: Die Teenagertochter Alicia (Alycia Debnam-Carey) braucht morgens länger im Bad und die Spüle ist kaputt. Doch vor allem der Junkiesohn beschäftigt die ganze Familie, als er im Krankenhaus landet.
Als Blickwinkelfigur ist Nick, der Süchtige vom Anfang, durchaus ein interessanter Einfall, denn er ist der perfekte unzuverlässige Erzähler. Wer glaubt schon einem Junkie?
Der Fall Nick hilft auch dabei, die mehr oder minder komplizierte Familiendynamik zu erklären: Madison hat die Hosen an, Nick akzeptiert Travis nicht als neuen Mann im Haus und die Vorzeigetochter Alicia wird durch die Eskapaden des Bruders gebremst und ist genervt, stets mit reingezogen zu werden.
Allein in den ersten 10 Minuten von FTWD reden die Figuren mehr als in mancher Folge der Mutterserie. Und was noch wichtiger ist: Sie reden nicht aneinander vorbei oder tauschen Worthülsen aus. Die Dialoge fühlen sich ehrlich an, die Figuren in gewisser Weise authentisch. Das drückt sich auch darin aus, dass der Pilot sich optisch stark von TWD unterscheidet. Auf gewisse Weise sieht er dokumentarischer aus, was auch an den Wackelkameraaufnahmen liegen könnte.
Die Probleme der Patchwork-Familie enden jedenfalls nicht hier. Travis scheint keine Awards für den Vater des Jahres zu gewinnen. Sein Sohn Christopher (Lorenzo James Henrie) - aus der vorherigen Ehe mit Liza (Elizabeth Rodriguez) - hat keine Lust auf seine Gesellschaft. Schnell wird klar: Ein Thema, das bei „FTWD“ behandelt wird, das bei der Mutterserie glücklicherweise ausgespart wurde, sind nervige Teenager. Hier haben wir mindestens schon drei Vertreter dieser Spezies. Mal sehen wie nervtötend das auf Dauer für den Zuschauer wird.
Authentisch fühlen sich jedenfalls die Beziehungen zwischen den Erwachsenen an. Travis und Madison ziehen zwar an einem Strang. Da die Beziehung aber noch frisch ist, kann es auch zu Konflikten kommen, während Travis und Liza sich des gemeinsamen Kindes wegen wohl zusammenreißen.
Aber auch Alicia ist kein Unschuldslamm. Statt zum Unterricht zu gehen, verbringt sie Zeit mit ihrem Freund Matt (Maestro Harrell) und findet es sicherlich nicht so toll, dass ihrem Bruder so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, obwohl sie ihn beim Besuch im Krankenhaus moralisch unterstützt und ihn sogar füttert. Dieses Zwischenmenschliche ist etwas, das in der verrohten Welt, die wir aus The Walking Dead kennen, deutlich zu kurz kommt. Ob die Eltern ihre Beziehung gutheißen oder nicht, wird nicht ganz deutlich. Aber dass er ihr mitteilt, er habe demnächst sturmfrei, spricht dafür, dass sie zumindest nicht ganz offen mit ihnen sind.
Die Lehrer

Ein weiterer Aspekt, der in The Walking Dead fast komplett ausgespart wurde, ist die berufliche Vergangenheit der Figuren. Wir wissen, dass beispielsweise Andrea (Laurie Holden) einmal als Anwältin gearbeitet hat oder dass Rick (Andrew Lincoln) Polizist war. Doch bei der Arbeit haben wir sie wenn überhaupt nur kurz gesehen. Der Pilot nimmt sich Zeit, das bei Fear the Walking Dead anders zu machen. Travis und Madison arbeiten an der gleichen Schule, in der es augenscheinlich notwendig ist einen Metalldetektor am Eingang zu platzieren.
Dass dieser dringend notwendig ist, zeigt der Schüler Tobias, der ein Messer in die Schule schleusen will. Madison sieht das und nimmt ihn in Schutz. Während manche das Fortbleiben vieler Schüler als Grippe abtun, glaubt Tobias online etwas Verstörendes erfahren zu haben. Madison aber meint, dass die Verantwortlichen schon etwas sagen würden, wenn etwas im Argen liegen würde. Statt mit ihr zu debattieren gibt Tobias klein bei.
Dafür ist Nick Travis gegenüber aufrichtig, hat jedoch bereits ein Glaubwürdigkeitsproblem. Sogar er selbst kann sich nicht sicher sein, ob er seinen Sinnen trauen kann.
Immerhin geht Travis der Sache auf den Grund, findet aber zunächst nur einen verstörten Junkie mit Todesangst und eine Menge Blut, was Teile von Nicks Geschichte plausibel erscheinen lässt. Travis glaubt ihm also, während Madison skeptisch bleibt, da sie so etwas sicherlich nicht zum ersten Mal erlebt.
Auch Travis sehen wir in seinem Element als Lehrer. Er darf passenderweise eine Kurzgeschichte von Jack London im Unterricht durchnehmen, in der es um „Natur vs. Mensch“ geht. Allerdings schläft sein Schüler ein und interessiert sich nicht für den Überlebenskamp, nichtsahnend, dass er selbst wohl bald darin verwickelt wird. Subtil ist jedenfalls anders.
Wie sich die beiden Lehrer in den kommenden Wochen und Monaten mit den Teens arrangieren werden und wer dabei nerviger ist, wird sich zeigen.
Nick jedenfalls nutzt die Gunst der Stunde beziehungsweise der Ablenkung durch seinen kollabierenden Bettnachbarn, um zu flüchten und zu prüfen, ob es wirklich die Drogen waren, die ihm einen Streich gespielt haben oder er wirklich Menschenfresser gesehen hat. Die Krankenschwester ist überfordert, als Madison und Travis sie nach dem Verbleib des Sohnes fragen, also nehmen sie das Heft selbst in die Hand, fragen bei ein paar alten Bekannten nach und sehen sich in der Drogenhöhle um. Allerdings ist er ihnen ein paar Schritte voraus und macht es sich später unter einer Brücke bequem - was wohl besser für ihn ist, als nach Hause zu gehen.
Nebenbei braut sich das Unheil zusammen. Die Polizei sperrt den Straßenabschnitt ab, auf dem sich Travis und Madison befinden, und fordert alle auf, in den Autos zu bleiben. Tags darauf macht ein Handyvideo die Runde, was dafür verantwortlich war. Die Polizei schießt darin auf einen Mann, wobei Körpertreffer ihm nichts ausmachen. Erst ein Kopfschuss bringt ihn zur Strecke. Das sind Regeln, mit denen wir bereits vertraut sind, die die Figuren aber erst noch lernen müssen. Der Ansatz, dass die Schüler das Video sehen und zunächst mit Polizeigewalt in Zusammenhang bringen, könnte auch ein interessanter sein, den es sich zu vertiefen lohnen könnte.
Der Pilot spielt immer wieder mit den Erwartungen der Zuschauer. Etwa als Madisons Kollege nur mit dem Rücken zum Zuschauer sichtbar ist und der Score bedeutungsschwanger dröhnt, nur um sich für den Fake-Out zu entscheiden. Als Travis in der Drogenhöhle ist, kriegen wir es auch mit einem Jump Scare zu tun. Stolperne Zombies sind sicherlich nur noch eine Frage der Zeit. Im Endeffekt gibt es aber wenig, worüber man sich gruseln oder ekeln kann.
Never Trust a Dealer
Einer von Nicks Kontakten, an den sich auch Travis und Madison wenden, ist Calvin (Keith Powers). Er wirkt auf den ersten Blick nett und zuvorkommend und will sich umhören. Später sehen wir ihn bei Nick. Plötzlich ist er nicht mehr so nett, denn was Nick von ihm wissen möchte, ist unangenehm, für beide. Nachdem Nick ihn fragt, was in den Drogen drin war, führt er ihn zu einem verlassenen Ort. Ob das wohl ein Hinweis auf den Ursprung der Zombieepidemie ist, auch wenn Kirkman sich standhaft wehrt?
Calvin jedenfalls hat die Absicht, den auskunftsfreudigen Nick ohne Zeugen loszuwerden. Die Pistole bemerkt Nick aber und kann Calvin im chaotischen Kampf überwältigen. Obwohl es Notwehr war, wird Nick verständlicherweise panisch. Er ruft Travis an und versucht seine Tat zu erklären. Doch dann ist die Leiche nicht mehr da. Das Virus hat sich also schon ausgebreitet. Das wissen aber weder Nick, Madison noch Travis und sind entsprechend überrascht, als sie Calvin auf sich zukommen sehen. Nur knapp entwischt Madison dem Biss. Erst als Nick, der im Auto verblieben ist, voll draufhält und Zombie-Calvin danach erneut aufsteht, begreifen die Anwesenden wohl, dass ihr Sohn sich das nicht ausgedacht hat. Was ist hier los?
Fear the annoying Teens?

Die erste Episode von Fear the Walking Dead nimmt sich Zeit, die wichtigsten Charaktere einzuführen. Dabei laufen die Macher Gefahr, die Serie auf zu viele nervige Teenager auszurichten. So zumindest der Eindruck nach dem Auftakt.
Ansonsten hat die Serie die Aufgabe, neue Fans anzulocken und ihnen den Einstieg in die Welt von The Walking Dead so bequem wie möglich zu machen, aber auch alten Hasen einen Grund zu geben, sich für dieses Prequel aus einer alternativen Sichtweise zu interessieren.
Das man dabei nicht auf die Comicvorlage zurückgreifen kann oder muss, könnte sogar von Vorteil sein, weil es so keine Besserwisser - mich eingeschlossen - gibt, die sagen, dass die Geschichte so und so verlaufen müsse. Allerdings besteht trotzdem die Gefahr, dass man bereits Gesehenes einfach noch einmal recycelt oder aufwärmt. Wie lange es genau dauern wird, bis die Untoten in der Mehrzahl sind, wird dabei wahrscheinlich mitentscheiden, wie anders die Serie sein kann. Denn die volle Zombieinvasion erleben wir nun schon seit bald sechs Staffeln bei „TWD“.
Als Rick in The Walking Dead aufwachte, war die Welt bereits vor die Hunde gegangen. Rick hat schon in den ersten Minuten einen Zombie erledigt (das Teddy-Mädchen) und hatte quasi im Blut, was zu tun ist. Diese Figuren müssen dieses Skillset erst noch lernen. Das Tempo im Piloten ist bisher noch gemächlich, das war es zum Anfang in der Mutterserie aber auch, und ist es bisweilen immer noch.
Ein großer Vorteil von „FTWD“ ist das Ensemble, das aus sehr fähigen Schauspielern, allen voran Dickens und Curtis, besteht. In der ersten Staffel sind sechs Episoden quasi als Vorgeplänkel möglich, ehe man eine Kurskorrektur vornehmen könnte.
Sehr interessant ist die Wahl, Nick zunächst als POV-Figur zu wählen. Sollte man ihm nun eine ähnlich große Bedeutung wie Rick zumessen? Oder könnte es ihn trotzdem treffen? Wie kann ein Junkie überhaupt überleben, wenn die Untoten wüten? Was bedeutet der Entzug für seine Überlebenschancen, oder wird es vielleicht sogar ein Thema sein, ihn den nächsten Kick zu besorgen? Wird er womöglich zu einem Anführer?
Der Faktor Los Angeles als Handlungsort wird ihm Piloten zwar angeschnitten, aber kaum richtig ausgespielt. Es hätte gefühlt eigentlich auch fast jede andere größere amerikanische Stadt sein können. Vielleicht meckere ich aber auch zu früh in diesem Bereich.
Was mir momentan noch fehlt, ist die beklemmende Atmosphäre (man denke an Ricks Ritt nach Atlanta), die Frank Darabont im Walking-Dead-Piloten so hervorragend eingefangen hat, wofür es hier aber noch deutlich zu früh ist. Dafür wurde hier mehr Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen und die Patchwork-Komponente gelegt.
Ich wünsche mir, dass man sich die Eigenständigkeit bewahren kann und die Macher für die ein oder andere Überraschung gut sind. Vielleicht durch das frühe Ableben einer zentralen Figur.
Fazit

Der Pilot von Fear the Walking Dead verläuft gemächlich und ruhig. Wie im Vorfeld versprochen, spielen die Untoten vorerst noch keine allzu große Rolle. Dafür ist die Serie deutlich mehr auf Familienkonflikte ausgelegt, was entweder spannend werden könnte oder aber schnell anstrengend. Dadurch, dass wir überdurchschnittlich viele launische Teenager im Cast haben, während zwei der zentralen erwachsenen Figuren Lehrer sind, dürfte ein hohes Konfliktpotential bestehen.
Das Tempo darf in Zukunft gerne etwas mehr anziehen, nun da die wichtigsten Beziehungen und Grundregeln jedoch etabliert sind. Kein Knaller, aber auch kein Rohrkrepierer also, dieses „Fear the Walking Dead“.
Trailer zu „Fear The Walking Dead“
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 24. August 2015Fear the Walking Dead 1x01 Trailer
(Fear the Walking Dead 1x01)
Schauspieler in der Episode Fear the Walking Dead 1x01
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