Fargo 3x04

© ester Wintermantel oder allerbester Wintermantel? Nikki „Swaggo“ (Mary Elizabeth Winstead, l.) trifft Gloria (Carrie Coon). / (c) FX
Die letzte Episode nutzte Fargo für einen ungewöhnlichen Ausflug nach Kalifornien, wo Noch-aber-irgendwie-auch-nicht-mehr-Polizeichefin Gloria Burgle (Carrie Coon) einer toten Spur folgte. Auch in The Narrow Escape Problem weicht die Serie von der üblichen Erzählstruktur ab, indem sie einen alten Bekannten - zumindest stimmlich - zurückbringt. Billy Bob Thornton lässt sich als Erzähler einer Parabel engagieren, die den Hauptakteuren ihre entsprechenden Figuren aus dem Musikmärchen „Peter und der Wolf“ von Sergei Prokofjew zuweist.
Happy trails
Diese Verknüpfung bringt keine besonderen Überraschungen mit sich - Emmit und Ray (beide gespielt von Ewan McGregor) sind Vogel und Ente, Varga (David Thewlis) ist der böse Wolf und Gloria der Held Peter -, sorgt aber doch für eine willkommene Abwechslung, nun, da die Serie wieder auf gewohntes Terrain zurückgekehrt ist. Damit geht nämlich immer auch die Gefahr einher, dass die Geschichte der dritten Staffel allzu ähnlich gerät zu der ihrer Vorgänger. In Teilen ist das bereits hier zu beobachten. Anderswo gelingen Autorin Monica Beletsky indes Ausbrüche vom gewohnten Schema.
Zunächst zum Altbekannten: Entgegen der Ansage ihres neuen Chefs Moe Dammik (Shea Whigham) - der hier leider sehr comichaft dämlich daherkommt - folgt Gloria weiter ihrem Instinkt und ermittelt im Fall des Mordes an ihrem Stiefvater. Ihre Spuren führen sie nicht nur zur von der Maske sehr ansehnlich präparierten Leiche von Maurice LeFay (Scoot McNairy), sondern auch ins Büro von Ray Stussy, dessen Nachname bei ihr sogleich weitere Alarmglocken angehen lassen. Unterstützung erhält sie im Laufe der Episode von ihrer sehr redseligen Kollegin Winnie Lopez (Olivia Sandoval).
Die geht einem Zeugenhinweis zur Parkplatzauseinandersetzung aus der Episode The Principle of Restricted Choice nach, was sie ins Büro von Stussy Lots Inc. führt. Dort trifft sie auf Sy Feltz (Michael Stuhlbarg), dessen Reaktion auf ihre sehr simplen Fragen schon ausreichen dürfte, um ihren Ermittlersinn zu wecken. Nahezu alle Szenen, in denen Sy auftaucht, sind zwar wunderbar skurril und witzig - man siehe auch diejenige, in der es ihm nicht gelingen will, Ray eine deutliche, wortlose Warnung zu hinterlassen -, leiden aber am selben Problem, das auch die Charakterzeichnung von Moe Dammik belastet. Das Porträt der beiden gerät zu einseitig.

Ähnlich verhielt es sich bisher mit den Gebrüdern Stussy. Sie erschienen in den ersten beiden Episoden wie zwei Idioten, die von äußeren Kräften gelenkt werden und dabei nur zuschauen können. Emmit wurde von Varga scheinbar so sehr eingeschüchtert, dass er sich nicht mehr traute, die Polizei einzuschalten, und Ray war die Marionette seiner Freundin Nikki Swango (Mary Elizabeth Winstead), die ihm nach Belieben diktieren konnte, welche Untat er als nächstes anstellen sollte. Hier gelingt es jedoch beiden zumindest ein bisschen, aus dieser statischen Figurenzeichnung auszubrechen.
That's the way the cookie crumbles
Erstmals gewährt Emmit einen Einblick in sein Seelenleben, das wohl trotz seines angehäuften Reichtums immer noch nicht wirklich befriedigt ist. Jedenfalls hört er ganz genau hin, als ihm Varga ein Bild vom wahren Reichtum zeichnet, sollte er zustimmen, ihn zum Partner zu machen und damit ins „billionaire business“ einzusteigen. Nur so könne er sich gegen die aufbegehrenden Horden schützen, die all jene mit ihren Mistgabeln als Erste aufspießen würden, die ihren materiellen Reichtum nach außen tragen. Emmit jedoch solle seinen Reichtum nutzen, um am Tag der Revolution unsichtbar zu sein.
Ray gelingt es ebenfalls, sein Schicksal zumindest teilweise wieder in die eigene Hand zu nehmen, auch wenn das eine Reihe unkluger Entscheidungen nach sich zieht. Von Nikki angestachelt und als sein Bruder verkleidet, verschafft er sich Zugang zu dessen Bankschließfach, wo er aber nichts weiter findet als die Asche von Emmits verstorbenem Hündchen Luverne*. Immerhin ist Ray so geistesgegenwärtig, die Emmit-Verkleidung zu nutzen, um eine größere Barabhebung zu machen, wobei sich Nikki darüber wundert, dass er nicht mehr hat mitgehen lassen.
*So hieß auch der Ort in Staffel zwei, in dem die meisten Handlungsbögen stattfanden. In der Bank arbeitet außerdem Millie, die laut Aussage ihres Chefs erst kürzlich aus Bemidji übersiedelte, wo Molly Solverson in Staffel eins wohnte.
Wie tief Nikki weiterhin ihre Krallen in Ray vergraben hat, beweist seine Reaktion auf die Vorwürfe seiner Vorgesetzten, er unterhalte eine Beziehung zu seiner Klientin. Es dauert nicht lange, bis er sich dafür entscheidet, zu seiner Freundin zu stehen und die Kündigung in Kauf zu nehmen. Das Treffen mit dem potenziellen Bridge-Investor lässt er dann allerdings wieder sausen, um seinen Frust stattdessen im Alkohol zu ertränken. Leicht nachvollziehbar ist keine dieser Handlungen, aber wenigstens ist Ray nicht mehr nur Zuschauer seiner eigenen Geschichte.
Mit der Schärfung der Bruderprofile geht ebenjene des big-bad-Charakters einher. Erschien V.M. Varga zum Auftakt noch allmächtig und seinen Opfer hoffnungslos überlegen, offenbart er nun wenigstens eine kleine, wenn auch reichlich skurrile Schwäche. Auf das gierige Fressen folgt beim Wolf nämlich stets das große, selbstauferlegte Kotzen. Wo uns das noch hinführt, bleibt abzuwarten. Die Hoffnung ist jedenfalls groß, dass sich Fargo auch in der dritten Staffel zu altbekannten Höhen aufschwingt.
Trailer zu Episode 3x05: 'The House of Special Purpose'
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 11. Mai 2017Fargo 3x04 Trailer
(Fargo 3x04)
Schauspieler in der Episode Fargo 3x04
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