Fargo 3x05

© ay (Ewan McGregor) wird von Gloria (Carrie Coon, l.) und Winnie (Olivia Sandoval) vernommen. / (c) FX
Die Gebrüder Stussy haben sich weit mehr eingehandelt, als sie mit ihren beschränkten intellektuellen Fähigkeiten meistern können. So viel ist nach der Episode The House of Special Purpose klar. So viel war aber auch schon zu Beginn der dritten Staffel klar, als das Unheil um die brüderliche Rivalität seinen Lauf nahm. Weil sich die Kontrahenten und diverse außenstehende Kräfte seither meist nur umeinander und eben diesen zentralen Konflikt drehen, hat es zum ersten Mal den Anschein, als könnte der Geschichte frühzeitig die Luft ausgehen.
The jig is up
Aufgefangen wird das - noch - von einem weiterhin starken Dialog und guten schauspielerischen Leistungen. Jedoch beginnt der Grenzertrag dieser Rechnung bereits zu sinken. Es sieht momentan nicht danach aus, als würde sich an der Charakterzeichnung noch etwas ändern. Die Stussys sind Idioten, die sich zu viel auf den Teller geladen haben. Sy Feltz (Michael Stuhlbarg) ist ein beinahe ebenso großer Idiot. VM Varga (David Thewlis) ist der comichafte Bösewicht, der scheinbar für alles eine Antwort hat. Moe Dammik (Shea Whigham) ist der comichafte Polizeichef, den es nur gibt, um den Plot aufzuhalten.
Lediglich die weiblichen Figuren lassen noch Raum zur Interpretation, das aber nur, weil sie entweder nicht besonders viel vorkommen, wie Gloria (Carrie Coon), oder noch unklar ist, wie ihre wahre Gefühlslage ist, wie Nikki (Mary Elizabeth Winstead). Sie ist die Wildcard in diesem Spiel um Geld, Macht und Minderwertigkeitskomplexe. Und sie ist es auch, die am Ende am meisten einstecken muss, sehen wir einmal vom bemitleidenswerten Anwalt Irv Blumkin ab, der von Yuri (Goran Bogdan) und Meemo (Andy Yu) ermordet wurde.
Warum stellen sie nicht das Gleiche mit Nikki an? Zwei Mal konnte mich die Episode in ihren letzten Sekunden überraschen - einmal, als sich das Prügelopfer hinter seinem Auto hervorschleppte, und das andere Mal, als sie sich in der Badewanne ihres Verlobten Ray (Ewan McGregor) noch regte, obwohl sie schon ganz blau angelaufen war. Nikki wird also überleben und weiter mitmischen, wenngleich es ziemlich unerwartet käme, würde sie sich noch einmal trauen, sich gegenüber Sy oder Emmit (McGregor) so weit aus dem Fenster zu lehnen.

Für Sy gilt indes Ähnliches. Er schwankt zunächst zwischen einem Selbstbewusstsein, das er so gerne hätte und sich bestimmt jeden Morgen vor dem Spiegel einredet, das er aber ganz schnell verliert, wenn ihm physische Gewalt angedroht beziehungsweise angetan wird. Hier geschieht das gleich zwei Mal. Beim ersten Mal machen ihm VM und seine Schergen unmissverständlich klar, dass er nicht mit der Polizei zu sprechen hat. Er wird dabei dazu gezwungen, eine Tasse mit VMs frischem Urin zu trinken - von wegen comichaft überzeichneter Bösewicht und so. Beim zweiten Mal stirbt jemand beinahe vor seinen Augen.
Shackles off
Die Überzeichnung findet ihre Fortsetzung in den sexistischen und rassistischen Äußerungen, die VM über Sys Ehefrau - und später auch über ihn - anstellt. Bei mir macht sich da stets ein flaues Gefühl in der Magengrube breit, weil ich auch ohne diese Ausfälle längst verstanden habe, dass der big bad eben das ist. Drehbuchautor Bob DeLaurentis ist aber ganz offensichtlich davon überzeugt, dass man ihn auch noch als Antisemiten darstellen muss, um diese Figurenzeichnung abermals zu betonen. Das trifft auch auf Yuri zu, der von russischem Blut und russischer Erde schwadronieren darf, bevor er Nikki fast totschlägt.
Man könnte diese geschliffenen Dialogzeilen nun hinsichtlich ihres metaphorischen Gehalts analysieren. Inwieweit stimmen sie mit der Peter-und-der-Wolf-Allegorie überein, die in der letzten Episode eröffnet wurde - immerhin ist am Ende von The House of Special Purpose eine Wolfsmaske zu sehen? Man könnte auch noch einmal auf Vargas problembehaftete Beziehung zum Essen eingehen, nutzt er selbst doch gleich zwei Mal eine Metapher aus dem Reich des Kulinarischen. Aber würde das diese Episode besser machen? Oder ist es nur Augenwischerei, um davon abzulenken, dass die Geschichte nicht mehr hergibt und deswegen aufgepolstert werden muss?
Ich will diese Frage für mich noch nicht abschließend beantworten, aber in dieser Episode war ich zum ersten Mal von Fargo enttäuscht. Zum ersten Mal wurde ersichtlich, dass hier nach einem Rezept vorgegangen wird, das zwar immer noch ein sehr hohes Können voraussetzt, das aber längst nicht mehr so überrascht und einnimmt wie in früheren Staffeln. Wir haben erst die Hälfte der Episoden hinter uns, es kann noch passieren, dass die Figuren mehr als nur eine Charaktereigenschaft entwickeln. Nur bin ich momentan vorsichtiger, das auch auf jeden Fall zu erwarten. Alle Großen stolpern mal.
Trailer zu Episode 3x06: 'The Lord of No Mercy'
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 18. Mai 2017Fargo 3x05 Trailer
(Fargo 3x05)
Schauspieler in der Episode Fargo 3x05
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