Fargo 3x03

© n dieser Episode bekommt Carrie Coon mit Ray Wise einen von mehreren starken Szenenpartnern. / (c) FX
Der Fargo-Episode The Law of Non-Contradiction gelingt etwas Bemerkenswertes: Sie ist die beste der noch jungen dritten Staffel, obwohl sie gar keiner typischen „Fargo“-Episode entspricht. Sie spielt weder im schneebedeckten Norden noch bringt sie die Handlungsbögen merklich voran. Trotzdem versprüht sie mehr Leben als die beiden Auftaktfolgen, die ganz einfach daran krankten, dass Carrie Coon darin zu wenig zu sehen war. Das wird nun korrigiert, und zwar ordentlich. Gloria Burgle wird mit einer eigenen Episode bedacht.
Nothing but a dream
Los geht es allerdings mit einer Rückblende ins Jahr 1975. Thaddeus Mobley (Thomas Mann aus „Me and Earl and the Dying Girl“) hat gerade einen Preis für seinen Science-Fiction-Roman „The Planet Wyh“ (sic!) gewonnen. An der Bar spricht ihn der Filmproduzent Howard Zimmerman (Fred Melamed) an, der ihm hochtrabende Versprechungen macht, seinen Stoff auf die große Leinwand zu bringen. Bald darauf lernt er auch noch die Schauspielerin Vivian Lord (Francesca Eastwood) kennen, die ihn schneller um den Finger wickelt als ein feuchtes Kaugummi.
Übrig bleibt ihm von diesen verhängnisvollen Bekanntschaften ein Drogenproblem und kein Geld. Darüber ist er so erzürnt, dass er voller Wut mit dessen eigenem Gehstock auf Howard eindrischt, was dem einen jahrzehntelangen Krankenhausaufenthalt beschert. Kotzend über der Kloschüssel seines ranzigen Motelzimmers hängend, beschließt Thaddeus, eine neue Identität als Ennis Stussy anzunehmen - den Namen entlehnt er dem Toilettenhersteller - und im hohen Norden darauf zu hoffen, dass ihn keiner sucht. Erst 35 Jahre später gibt es mit Gloria jemanden, die sich auf seine Spuren macht, das allerdings aus anderen Gründen.
Die „Fargo“-typischen Merkwürdigkeiten lassen in Los Angeles nicht lange auf sich warten. Glorias zwiegespaltenes Verhältnis zur Technik nimmt dieses Mal eine andere Form an. Wo sich bislang elektrische Türen weigerten, sich für sie zu öffnen, signalisiert ihr nun das Mietauto auf dem menschenleeren Parkplatz via Hupe, wo es steht. An ebenjenem Motel angekommen, wo Thaddeus seine traurige L.A.-Existenz fristete, wird ihr sogleich der Koffer geklaut - und das offenbar von einem Teilnehmer der Santa Con, die unerklärlicherweise gerade stattfindet. Um dem Ganzen die Krönung aufzusetzen, findet sie in ihrem Zimmer eine Kiste, die keinem erkennbaren Zweck dient, außer dem, sich selbst abzuschalten.

Dieser Widerspruch in sich, den die Episode bereits im Titel trägt, zieht sich durch sämtliche Handlungsstränge. Überdies beschreibt er die Figur Gloria Burgle sehr treffend. Sie ist eigentlich Polizeichefin von Eden Valley, aber irgendwie auch nicht mehr. Sie ist zwar noch verheiratet, aber nicht mehr mit ihrem Ehemann zusammen, weil der realisiert hat, dass er auf Männer steht. Und schließlich sieht Gloria ein, dass ihre Reise nach Kalifornien sowie die gesamte Episode ein Widerspruch in sich ist, da sie nichts zum Plotfortschritt beiträgt: „It's just a story.“
You're the cheddar
Wie meta. Um dorthin zu kommen, verschlägt es Gloria zunächst zur gealterten Vivian (gespielt von Francesca Eastwoods Mutter Frances Fisher), dann zur Autorengewerkschaft WGA und schließlich ans Krankenbett des senilen Zimmerman, der einem in diesem Moment sogar leid tut, obwohl man weiß, was für ein schmieriger Betrüger er früher war. Ihm gehört denn auch der philosophisch tiefgreifendste Monolog der Episode, in dem er darüber sinnieren darf, dass wir Menschen uns ja nur echt fühlen, wenn wir miteinander kollidieren: „For one minute, we're real. And then we float off again, as if we don't even exist.“
Solche existentialistischen Betrachtungen sind Hauptbestandteil des eingangs erwähnten Sci-Fi-Romans, der in dieser Episode in einen animierten Kurzfilm übersetzt wird, in dem der arme Androide Minsky jedem helfen will, dazu aber keine Chance bekommt. Der nächste Widerspruch. Wer hier also Ewan McGregor und David Thewlis vermisst hat, der bekommt sie wenigstens als Stimmen in diesem wunderbaren kleinen Einschub. Überhaupt hat die Fargo'sche Castingabteilung einmal mehr ganze Arbeit geleistet: In Gastrollen sind nicht nur die bereits Erwähnten, sondern auch Ray Wise (Twin Peaks) und Rob McElhenney (It's Always Sunny in Philadelphia) zu sehen.
Beide dürfen Teil einer von vielen witzigen Szenen in The Law of Non-Contradiction sein. Officer Hunt (McElhenney) gelingt es zwar, Glorias Koffer wiederzufinden, dafür aber nur mit leerem Inhalt. Weil er glaubt, sie so auch zu seiner Bettgespielin machen zu können, fragt er nach einem Date. Das will Gloria eigentlich nur nutzen, um weitere Informationen zu bekommen, muss sich dann aber die vermeintlichen Vorzüge einer Facebook-Mitgliedschaft erklären lassen: „I got 352 friends.“ Das Horrordate wird hernach galant von ihrem Mitreisenden Paul (Wise) unterbrochen, der ihr mit einer widerspruchsgeschwängerten Parabel wieder gute Laune macht.
So klein der Fortschritt auch gewesen sein mag, den die dritte Staffel von Fargo in dieser Episode gemacht hat, so viel Spaß macht er. Über Carrie Coons Schauspielkunst muss man seit The Leftovers eigentlich kein weiteres positive Wort mehr verlieren, immerhin war bislang der größte Kritikpunkt an dieser Staffel, dass sie darin zu wenig vorkam. Das Drehbuch von Matt Wolpert und Ben Nedivi liefert indes genauso viele Punchlines wie Regisseur John Cameron gelungene Einstellungen. Gekrönt wird das alles von der animierten Kurzgeschichte um den traurigen Roboter. Auch abseits gewohnten Terrains kann „Fargo“ glänzen.
Trailer zur Episode 3x04 der US-Serie „Fargo“, „The Narrow Escape Problem“:
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 4. Mai 2017Fargo 3x03 Trailer
(Fargo 3x03)
Schauspieler in der Episode Fargo 3x03
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