Continuum 1x01

Die Showcase-Serie Continuum wählt für die Zuschauer den denkbar günstigsten und direktesten Einstieg: Sie erzählt uns, was bisher geschah. Ein barfüßiger Mann in einer futuristischen Umgebung erklärt uns, dass 20 Jahre zuvor die Regierungen der Welt gescheitert sind. Die Führung der Menschheit übernahmen Konzerne, die die notwendigen (Finanz-)Mittel beisteuern konnten. Allerdings hat die Bevölkerung dafür den Preis zahlen müssen: Ihre persönlichen Freiheiten wurden beschnitten, und ihre Abhängigkeit von den Großkonzernen wurde im Laufe der Zeit noch verschlimmert.
Nun schreiben wir das Jahr 2076, und eine zu allem entschlossene Organisation schickt sich an, mit gnadenloser Gewalt gegen die Herrschaft der Konzerne anzugehen. In einer gewagten Anspielung auf historische Ereignisse fällt erneut ein Wolkenkratzer in sich zusammen.
Einige Monate später sollen die führenden Terroristen ihrer drastischen Strafe überantwortet werden. Die Zuschauer erfahren, dass bei einen Anschlag auf 20 Konzernbosse mehr als 30.000 Menschen während des anfangs gezeigten Wolkenkratzer-Anschlag starben. Wir erfahren aber auch, dass die grundsätzliche Position der später als Liber8 benannten Terroristen durchaus Widerhall in der Bevölkerung findet. Nur eben nicht in der Konsequenz, für den Kampf gegen die Konzernregierung tausendfach unschuldige Menschenleben zu opfern.
In mehreren Szenen zu Beginn des Serienpiloten von Continuum werden den Zuschauern verschiedene Aspekte der Zukunft des Jahres 2077 mit der Konzernherrschaft, der Arbeit der dortigen Gesetzeshüter und auch der unterschiedlichen politischen Ansichten vorgeführt. Keine ideale Welt ist es, aber eine, in der der angepasste Bürger anscheinend seinem persönlichen Glück nachgehen und „gut leben“ kann.
Vieles von dieser Einführung in die Handlung erleben wir durch die Augen von City Protective Services (CPS) Protector Kiera Cameron (Rachel Nichols). Sie dient als exzellente Identifikationsfigur: Eine junge, berufstätige Ehefrau und Mutter, eine couragierte Gesetzeshüterin mit Augenmaß. Letzteres sogar bionisch implantiert: Denn Gesetzeshüter der Zukunft kommen mit einigen dezenten Implantaten daher, die die Arbeit erleichtern. Aufgepeppte Körperkraft, Retina-Displays und Augenkamera für perfekte Beweisaufnahme sind nur einige der Spielzeuge. Dazu kommt ein feiner Kampfanzug, wenn dieser auch dem Körper der Hauptdarstellerin nicht gerade schmeichelt.
Durch eine Verkettung von verschiedenen verdächtigen Umständen wird Kiera zu einer Aufpasserin der Exekution der Hauptterroristen von Liber8 bestimmt. Als diese durch Helfer versuchen, eine Flucht durch die Zeit anzutreten, stört Kiera den Vorgang vermutlich entscheidend: Die Flucht endet für alle knapp 50 Jahre weiter in der Vergangenheit als eigentlich geplant, im Jahr 2012.
Dort kennen wir uns gut aus. Wie sich später herausstellt, die Flüchtlinge ebenfalls. Zumindest doch deutlich besser als wir uns mit der Geschichte, Wirtschaft und Tagespolitik des Jahres 1947 auskennen würden. Nur Kiera kennt sich nicht aus. Gut für sie, dass sie schnell einen Verbündeten finden kann: Alec Sadler (Erik Knudsen), das junge Genie, das für einen Großteil der ihr als CPS-Protector zur Verfügung stehende technische Gerät verantwortlich sein wird.
Mit eben jenem Spielzeug gelingt es Kiera auch, sich in die zeitgenössische Polizeiarbeit einzuschleusen und so Detective Carlos Fonnegra (Victor Webster) von der Special Investigation Unit der Polizei von Vancouver kennen zu lernen. Mit einigen Tricks und Alecs Einflüsterungen gelingt es Kiera, die Polizei von ihrer Legitimität als Gesetzeshüterin im Jahr 2012 zu überzeugen. Und gleichzeitig mit einigen „white lies“ (Lügen, die niemandem weh tun) die entkommenen Terroristen als zeitgenössische Gefahr für die Sicherheit der Bevölkerung darzustellen. Dass einige der Liber8-Mitglieder einen Armee-Hintergrund haben, ebenfalls mit Implantaten aufgepeppt sind und absolut kompromisslos ihre Ziele verfolgen, tut ein übriges um die Polizei von Kieras Darstellungen zu überzeugen.
You had us at William B. Davis
Es gibt bei vielen guten Serien den einen Punkt in der Handlung, an denen es ihnen gelingt, den Zuschauer gefangen zu nehmen. Bei Continuum dürfte das für zahllose Zuschauer das Auftauchen von William B. Davis gewesen sein, Eingeweihten bekannt als der geheimnisvolle Cigarette Smoking Man aus The X-Files. Als der dann auch noch wissend lächeln darf, wenn für die Identifikationsfiguren der Serie erstmalig das Chaos beginnt, sind die Nerds gefangen genommen.
Doch zunächst zurück zum Anfang. Man kann den Serienpiloten von Continuum vermutlich gar nicht genug Lob zollen. Und nicht wenig davon hat er der Tatsache zu verdanken, dass er nicht in den USA entstand. Denn als kanadische Produktion wurde „Continuum“ vom Drehbuch weg für eine erste Staffel mit zehn Folgen bestellt. Damit musste der Serienauftakt nicht als klassischer Serienpilot funktionieren, mit dem die Serie erst beim Sender verkauft werden muss. Nein, er kann sich gleich um das Publikum kümmern und nutzt die erzählerischen Freiheiten, die ihm seine Rolle als simpler Beginn der Erzählung gibt.
Brave new World
Continuum beginnt gleich mit nahezu allem, was das Herz des Serial- und Mystery-Fans begehrt, gemischt mit einer ordentlichen Priese Sciene-Fiction. Die Welt um das Jahr 2077 wird kurz und prägnant vorgestellt, wir erleben nette technische Gimmicks und Kiera als Kick-ass-Chick. Daneben gibt es genug Andeutungen, die unser paranoides Serienfan-Hirn beschäftigen. Insbesondere macht sich Kieras Ehemann von Anfang an verdächtig, an der Befreiung der Liber8-Führer nicht unbeteiligt zu sein, ebenso sein Boss.
Die Leistung des Serienauftaktes von Continuum ist es, von Anfang an so voller Möglichkeiten zu sein. Zunächst gibt es da die sehr interessante Hauptfigur, mit der man durchaus gern mal einen geselligen Abend verbringen möchte: Kiera ist grundlegend sympathisch, auch wenn sie als „Kind ihrer Zeit“ manch merkwürdige Ansicht haben mag. Daneben gibt es die Mitglieder von Liber8, die im Serienpiloten in Sachen Gruppendynamik noch etwas kurz kommen, aber bei denen durchaus bekannte Namen wie Lexa Doig, Stephen Lobo, Tony Amendola und Roger Cross auftauchen, die „mehr“ erwarten lassen.
Dazu kommt die Polizeitruppe von Vancouver, die als Hintergrund für die Handlung einfach funktioniert. Weiterhin auffällige, mysteriöse und neugierig machende Geschehnisse sowohl in der Zukunft (mit dem Verhalten von Kieras Ehemann im Umfeld der Hinrichtung) wie auch in der Gegenwart bei Alec und den merkwürdigen Bewohnern auf der Farm sowie ein geschicktes Anreißen der beiden Theorien zu den Auswirkungen von Zeitreisen auf die Gegenwart der Zeitreisenden, was genau das richtige Maß trifft: Der Zuschauer wird für den Aspekt sensibilisiert, aber es wird so beiläufig eingeflochten, dass der Zuschauer nicht durch eigenes Philosophieren aus der Handlung aussteigt.
Gewagt
Neben all den unterhaltsamen Aspekten besitzt Continuum aber noch eine weitere Ebene, die dann doch zum Mit- und Nachdenken nach der Episode auffordert: „Continuum“ bringt verschiedene Aspekte auf den Tisch, die allesamt mit dem Thema Terrorismus zusammenhängen.
Die Metapher des einstürzenden, futuristischen Hochhauses gleich zu Beginn ist harter Tobak, eigentlich „zu real“, um in einer Unterhaltungssendung verbraten zu werden. Der Umgang mit dem Thema Terrorismus ist ein heißes Eisen, allerdings eines, das es wert ist, geschmiedet zu werden. Im Serienauftakt geht es zunächst darum, den Gegensatz zwischen den für den Zuschauern durchaus nachvollziehbaren und sympathischen Motiven der Terroristen von Liber8 als „Freiheitskämpfer“ in der von Überwachung und dem Verlust der Menschenrechte geprägten Zukunft einerseits und den inakzeptablen Methoden des ungezielten Massenmordes andererseits aufzuspannen.
I Suspend my Disbelive
Auf der Gegenseite zu all diesen gelungenen Aspekten stehen bei Continuum allerdings einige Zufälle, ohne die die Handlung nicht funktionieren würde, die allerdings ein wenig konstruiert erscheinen. Während die recht offensichtliche Involvierung von Kieras Ehemann in die Verschwörung um die Befreiung der Liber8-Anführer letztendlich durch die Enthüllung aufgefangen wird, dass sein Boss eben der gealterte Alec ist, bleiben zwei große, „zu zufällige“ Punkte über, die der Zuschauer eben einfach schlucken muss.
Einerseits wäre das die Tatsache, dass Kieras Anzug im Jahr 2012 die Kommunikation zum jungen Alec ermöglicht. Und andererseits die Tatsache, dass in dessen Küche sich gerade etwas versammelt, was nach einer frühen Keimzelle für Liber8 aussieht.
Fazit
Der Serienpilot von Continuum ist ein Glanzstück, das sich in Sachen Fessel-Faktor nicht vor Alias, Lost und 24 verstecken muss. Die Motive des Serienpiloten sind spannend, zahlreich und unterschiedlich. Wie bei einem guten Mahl ergänzen sich die Zutaten aber zu etwas, was zusammen noch besser wird als dass der Gegensatz der einzelnen Teile den Gesamteindruck schmälert.
Man kann es nicht anders sagen: Da haben „die Kanadier“ mal wieder eine echte Serienperle ausgebrütet. Wenn hier etwas zur Perfektion fehlt, dann höchstens ein US-Budget für bessere Effekte.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Mittwoch, 20. Juni 2012Continuum 1x01 Trailer
(Continuum 1x01)
Schauspieler in der Episode Continuum 1x01
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