Blindspot 1x09

Es ist bezeichnend, wenn in der dreiminütigen Schlussmontage einer Episode mehr Aufregendes passiert als im großen Rest zuvor - so geschehen in der Blindspot-Folge Authentic Flirt. Darin wird uns schmerzlich bewusst, wie langweilig die einzelnen Ausgaben eines Procedurals sein können, wenn sie sich kaum mit der Serienmythologie beschäftigen. Stattdessen präsentiert uns die Serie hier einen vergessenswerten Fall, der nicht nur die Ideenlosigkeit des Autorenteams offenlegt, sondern auch den Unwillen zur tiefgreifenden Recherche.
Yes, we can
Die gute FBI-Laborantin Patterson (Ashley Johnson) - der nun wirklich einmal ein Vorname zugestanden werden könnte - findet unter den Tattoos von Jane Doe (Jaimie Alexander) den Hinweis auf einen bevorstehenden Handel mit strenggeheimen Dokumenten, in denen die Namen von Teilnehmern des Zeugenschutzprogramms enthalten sind. Die von einem Mafiaboss beauftragten bulgarischen Auftragsmörder sollen diese Liste gegen einen Millionenbetrag von einem Hacker namens Gord Enver auslösen, der sich seit seinem persönlichen Goldrausch im „Darknet“ nur noch „Rich Dotcom“ nennt. Was wohl eine Anspielung auf Kim Dotcom sein und beweisen soll, wie nah sich die Autoren am Puls der Zeit bewegen. Spoiler: nicht sehr nahe.
Hierzu mehrere Fragen: Wenn ein inhaftierter Mafiaboss über mehrere Millionen Dollar verfügt, warum will er sie dann einsetzen, um seinen Verräter zu finden? Zweitens: Wenn er zwei bulgarische Auftragsmörder delegieren kann, warum beauftragt er sie dann nicht damit, sich die Liste von diesem koksverballerten Über-douchebag einfach mit Gewalt anzueignen? Und drittens: Was ist die Motivation von Mister Dotcom, sich dieser tödlichen Gefahren auszusetzen? Wenig überraschend bekommen wir auf diese Fragen keine Antworten. Und zwar ganz einfach deshalb, weil es dann keine Geschichte mehr gäbe.
Nachdem sich bei einer Razzia zufällig herausgestellt hat, dass Jane Bulgarisch spricht, liegt es nun nahe, sie als verdeckte Ermittlerin bei Enver einzuschleusen. Begleitet wird sie dabei von Kurt Weller (Sullivan Stapleton), mit dem sie nun ein mehr als nur freundschaftliches Verhältnis verbindet. Wenn man sich jedoch die unbeholfenen Versuche anschaut, zwischen den beiden so etwas wie romantische oder auch nur erotische Anziehung aufzubauen, wünscht man sich glatt eine mutmaßliche Vater-Tochter-Beziehung wie in The Blacklist (wie ist da eigentlich der Stand?) zurück.

Vor und nach dem Einsatz - der natürlich glimpflich verläuft und als voller Erfolg gewertet werden kann - entwickelt sich eine äußerst unbequeme Eifersüchtelei zwischen Jane und einer neu aufgetauchten US Marshal namens Allison Knight (Trieste Kelly Dunn), die mich völlig ratlos zurückließ. Knight bringt die Ermittlungen überhaupt erst ins Laufen, indem sie offenbart, dass die WitSec-Datenbank gehackt wurde. Dann jedoch taucht ihre Figur überhaupt nicht mehr auf, außer um am Schluss ihrer vermeintlichen Rivalin Mut zuzusprechen.
Not the only one with hidden talents
Nun wissen wir Banshee-Fans, dass Dunn eine talentierte Schauspielerin ist, der man unbedingt mehr zu tun geben sollte als einen solch bedeutungslosen Auftritt. Aber selbst wenn sie noch einmal auftauchen sollte, steht zu befürchten, dass sie nur wieder in die Handlung geschrieben wird, um der unheilvollen Romanze zwischen Jane und Weller neuen Zunder zu geben. Tatsächlich frage ich mich, warum wir die derzeit überhaupt brauchen. Eigentlich müsste Jane eher die Rolle von Patterson einnehmen, die standfest behauptet, ihren Job nicht mit einer Beziehung vereinbaren zu können.
Diese Standfestigkeit wird für ihren Exfreund David (Joe Dinicol) zum tödlichen Verhängnis, als er versucht, sie mit eigener Spionagearbeit zurückzugewinnen. Es ist ziemlich schade, dass sich ausgerechnet diese Figur so früh aus der Serie verabschieden muss, gehörte ihr Hin und Her mit Patterson doch zu den Auflockerungsmomenten, die das Format gut beherrschte. Die traurige Nachricht erreicht seine Exfreundin beim fröhlichen Dinner mit ihren Kollegen, zu dem nur Zapata (Audrey Esparza) nicht erscheint, weil sie gerade einen inneren Konflikt darüber ausficht, ob sie Jane nun aushorchen soll oder nicht.
Sie trifft die moralisch richtige Wahl, was man von Mayfair (Marianne Jean-Baptiste) nicht behaupten kann. Auf Druck von CIA-Vizechef Carter (Michael Gaston) - dem auch Zapata unterliegt - ordnet sie den Mord von Saul Guerrero (Lou Diamond Phillips) an, womit eine der letzten Verbindungen zu Operation Daylight ausgemerzt wäre. Ein weiteres Puzzleteil gibt uns die letzte Rückblende in Janes Vergangenheit mit auf den Weg. Der mysteriöse Mann mit dem Baumtattoo auf dem Arm - laut IMDb heißt er schlicht „Man with Tree Tattoo“ (Francois Arnaud) - war wohl mit Jane verlobt, bevor sie ihm den entsprechenden Ring zurückgab. Da war er gerade mit der Zeichnung ihres Halstattoos beschäftigt.
Ist er also der Tätowierer? Oder nur der Zeichner? Wer ist sein Auftraggeber? Oder handelt er auf eigene Rechnung? Auf diese milde spannenden Fragen sollte wir keine allzu schnellen Antworten erwarten. Wenn sich zukünftige Episoden aber mehr als nur drei Minuten dafür Zeit nehmen würden, wäre das ein großer Fortschritt gegenüber Authentic Flirt.
Auf der nächsten Seite findet Ihr den Trailer zur nächsten Episode und die Auflösung des Anagramms im Episodentitel.
Trailer zu Episode 1x10: 'Evil Handmade Instrument'
Bedeutung des Anagramms im Episodentitel
Authentic Flirt = Lift the curtain
Daraus ergibt sich also ingesamt: Who Is Jane Doe? Taylor Shaw, the missing girl - or maybe not. Will the past cloud our eyes? Trust no one, suspect everyone, lift the curtain.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 18. November 2015Blindspot 1x09 Trailer
(Blindspot 1x09)
Schauspieler in der Episode Blindspot 1x09
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?