Blindspot 1x03

Noch eindeutiger als die Auftaktepisode werden die Gemeinsamkeiten der NBC-Formate Blindspot und The Blacklist in den beiden darauffolgenden Episoden, A Stray Howl und Eight Slim Grins, sichtbar. Schon jetzt gefallen mir aber das Design, der Aufbau und die Umsetzung der neu gestarteten Serie besser, als das bei dem James Spader-Vehikel der Fall war. Das liegt vor allem am Umgang der Autoren mit ihrer eigenen Dramaturgie - im Speziellen mit den eigenen Geheimnissen.
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Statt diese wie in „The Blacklist“ endlos aufzuschieben und uns mit vagen Andeutungen und halbgaren Erklärungsversuchen hinzuhalten, eilt „Blindspot“ in hoher, aber angemessener Geschwindigkeit von einem plot point zum nächsten. Die dritte Episode kann dafür exemplarisch herangezogen werden. Sie knüpft dort an, wo uns der Cliffhanger der letzten Folge entlassen hatte. Jane (Jaimie Alexander) überwältigt den Eindringling, den sie aus ihren Erinnerungsfetzen als Freund zu erkennen glaubt.
Bevor er sie jedoch über ihre Vergangenheit und Identität aufklären kann, wird er erschossen. Mit letzter Kraft schafft er es, eine Warnung auszusprechen: „You can't trust them.“ Aber wer ist „them“? Und was wollen sie? Warum gehen sie über Leichen, um ihre Identität zu wahren? In diesen Fragen tappen Jane und ihr Mentor Weller (Sullivan Stapleton) genauso im Dunkeln wie bei der Suche nach Janes Entführern und Misshandlern. Erst am Ende stellt sich heraus, wer sie einen entscheidenden Schritt weiterbringen könnte, gleichzeitig aber am genauen Gegenteil arbeitet.
FBI-Abteilungsleiterin Mayfair (Marianne Jean-Baptiste) hatte schon am Ende der Pilotepisode offenbart, dass sie keine ganz reine Weste hat. Nun bekommen wir darüber weitere, wenn auch überaus enigmatische Aufklärung. Der wandelnde comic relief-Charakter Patterson (Ashley Johnson) gräbt ebenjene Akte aus, die Mayfair schon in der ersten Folge angestrengt studiert hatte. Die Spur darin führt zu einem gewissen Saul Guerrero, über den wir jedoch nichts weiter erfahren. Vielversprechender sind da schon die beiden anderen Codewörter, die uns im Laufe der Episode begegnen.
Das erste lautet „Orion“ und wird vom zweiten Sterbenden der Folge mit dem letzten Atemzug herausgepresst. Casey Robek (Michael Rogers) gehört zur Räuberbande candy men, die sich aus ehemaligen Navy SEALS zusammensetzt. Nach seiner Verletzung und Festnahme findet das FBI auf seinem Körper das gleiche Tattoo, das auch schon Jane als Elitekämpferin ausgewiesen hatte. Weitere Hinweise auf die eigene Identität kann sie Robek jedoch nicht entlocken.
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Ihre offensichtliche Verzweiflung versucht Weller hernach abzumildern, indem er von seiner Theorie erzählt. Mehrere Indizien deuten demnach darauf hin, dass sie Taylor Shaw sei, seine ehemalige Nachbarin, die vor 25 Jahren spurlos verschwand. Ein von Patterson überbrachter DNA-Test macht aus der Theorie schließlich Fakt. Sollte später nicht noch einmal eine irrwitzige Wendung dazwischenfunken, hat Jane Doe nun einen Namen - ein weiterer Beleg dafür, dass sich Blindspot nicht scheut, die eigene Handlung konsequent voranzutreiben.
Weil Network-Procedurals aber oftmals nach dem Schema „Altes Geheimnis raus, neues rein“ aufgebaut sind, darf der hervorragende Charakterdarsteller Michael Gaston am Ende sein Debüt als Mayfairs mysteriöser Einflüsterer geben. Beide erkennen eine Verbindung zwischen Janes (oder Taylors) Entführern und einer Operation namens „Daylight“, von der außer ihr nur eine weitere lebende Person wisse. Seine Marschorder ist eindeutig: „Don't manage the situation. Make it go away.“
Ähnlich könnte auch die Vorgehensweise von Showrunner Martin Gero und seinem Autorenteam beschrieben werden. Hier wird nicht lange gefackelt, hier wird gehandelt. Die Dialogarbeit kommt da zwar bisher nicht hinterher, wird aber von der ausgezeichneten Darstellerriege aufgefangen. Deren Schwachpunkt bleibt weiterhin Sullivan Stapleton, der die Rolle des leading man bislang nicht annähernd ausfüllen kann. Wohltuend auffällig ist die Verteilung der stärksten Figuren auf weibliche Charaktere - Taylor/Jane, Patterson und Mayfair übertrumpfen mit schöner Regelmäßigkeit ihre männlichen Pendants.
Blindspot gelingt es mit Eight Slim Grins, genuine Spannung um die Frage nach Janes wahrer Identität aufzubauen, ohne einmal etablierte Rätsel künstlich in die Länge zu ziehen. Gepaart mit einigen sehr guten schauspielerischen Leistungen und der ambitionierten visuellen Umsetzung von Regisseur Steve Shill gerät diese Episode zur bisher besten der noch jungen Actionserie.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 24. Oktober 2015Blindspot 1x03 Trailer
(Blindspot 1x03)
Schauspieler in der Episode Blindspot 1x03
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