Black Mirror 3x04

Black Mirror 3x04

Die üblicherweise futuristische Anthologieserie Black Mirror präsentiert auf Netflix ihre dritte Staffel und mit San Junipero eine aus mehreren Gründen für die Serie untypische Retro-Story aus den 80ern, inklusive entsprechendem Soundtrack.

Mackenzie Davis in „San Junipero“ / (c) Netflix
Mackenzie Davis in „San Junipero“ / (c) Netflix

Charlie Brookers brillant-bedrückende Anthologieserie Black Mirror ist dank Netflix mit sechs neuen Folgen zurück und wer befürchtet hat, das provokante, einst beim britischen Channel 4 beheimatete Format hätte durch den Senderwechsel an Biss und Schonungslosigkeit verloren, kann sich beruhigt (beziehungsweise äußerst unberuhigt) zurücklehnen. Als jemand, der bereits alle sechs Folgen der dritten Season durchgestanden hat, blicke ich auf einige der gelungensten Stunden Fernsehen des Jahres zurück, wobei mit San Junipero die aus mehreren Gründen untypischste „Black Mirror“-Story überhaupt vorliegt, die vor allem Serienjunkies, denen die dystopischen Technnoalpträume sonst zu düster sind, nicht verpassen dürfen. Gut gemeinter Tipp: Hebt Euch die Folge als letzte der Staffel auf.

Welcome to the 80s

Anstatt uns in die Zukunft mitzunehmen, beginnt die Episode als Retrostück in den 80ern, wo die schüchterne Yorkie (Mackenzie Davis) ihre erste Nacht in der Partystadt San Junipero verbringt, deren in Neonlicht gebadetes Set mit Autos aus den 50ern an den Walter-Hill-Film „Streets of Fire“ erinnert. In einer nicht minder neonbeleuchteten Disco macht die neu angekommene Besucherin Bekanntschaft mit der extrovertierten Kelly (Gugu Mbatha-Raw), die gerade auf der Flucht vor einem aufdringlichen Verehrer (Gavin Stenhouse) ist. Die zwei verstehen sich gut, doch mit ihren Versuchen, Yorkie dazu zu bringen, aus sich herauszugehen - geschweige denn mit ihren forschen Annäherungsversuchen - kommt Kelly nicht weit.

Eine Woche später fasst Yorkie sich ein Herz, geht gezielt auf Kelly zu und die zwei verbringen doch noch eine romantische Nacht miteinander. Dabei erfahren wir auch, dass die hedonistische Partylöwin lange Zeit mit einem Mann verheiratet war und es für den zurückhaltenden Neuankömmling das erste Mal war, obwohl sie einen Verlobten namens Greg hat, den sie bald heiraten muss. Offenbar ist die Angelegenheit kompliziert. Eine weitere Woche später ist Kelly nirgendwo auffindbar. Weder in der Disco, in der sie sich kennenlernten, noch im verwegenen Club Quagmire, der für viele Berliner zwar nach einer normalen Ausgehnacht aussieht, für Yorkie jedoch eine Spur zu hardcore ist.

… I know, I know, it's serious

Aufmerksame Zuschauer werden bis zu diesem Punkt womöglich schon die Hinweise bemerkt haben. Es ist eben nicht alles 80s, was neon leuchtet und schließlich haben wir es mit dem üblicherweise futuristischen „Black Mirror“ zu tun. Wenn Yorkie zum Beispiel vor einem Autorenn-Arcade-Spiel zurückschreckt oder den Song „Girlfriend in a Coma“ von The Smiths ausstellt, der in den rundum perfekt gewählten Soundtrack passt. Auch fällt einem sicherlich spätestens beim zweiten Ansehen der Folge der mit Bedacht gewählte Wortlaut einiger Dialogstellen auf. Wie etwa der Videospiel-Nerd beinahe in Erinnerungen schwelgend von einem eigentlich für ihn aktuellen Game spricht oder wenn Kellys Verehrer die Ortsansässigen mit einem Totentanz vergleicht.

Zum Glück spart sich „San Junipero“ die unvermeidliche Wendung nicht als finale Überraschung auf, sondern benutzt sie ab der Mitte der Folge als Absprungpunkt für das Herzstück der Geschichte. Ja, wir befinden uns nicht wirklich in den 80er-Jahren, sondern in einer nostalgischen Simulation. Kelly ist in Wahrheit bereits eine alte Frau, deren Krebsleiden ihr nicht mehr viel Zeit lässt. In einer digitalen Nachbildung der 2000er-Jahre macht Yorkie sie schließlich ausfindig und stößt zunächst auf Ablehnung, denn Kelly hatte sich geschworen, sich in San Junipero für den Rest ihres bald endenden Lebens zu vergnügen - nicht, sich zu verlieben. Obwohl ihr die plötzlichen Gefühle überhaupt nicht in den Kram passen, beschließt sie, die protestierende Yorkie im realen Leben zu besuchen und plötzlich wird der Grund für deren unerfahrene Art klar.

© Netflix
© Netflix

Vor vielen Jahren versuchte Yorkie, sich bei ihren religiösen Eltern als lesbisch zu outen, wurde verstoßen und fuhr daraufhin mit Vollgas in einen Baum. Seitdem liegt sie im Koma und ist heute ebenfalls eine alte Dame, der nun dank der Simulation einmal pro Woche ein Besuch in San Junipero gestattet wird. Heiraten soll sie den liebenswerten Pfleger Greg (Raymond McAnally), der als Ehemann endlich die von den Eltern angewiesene Lebenserhaltungsmaßnahmen überschreiben könnte, damit Yorkie nach ihrem Tod als permanente Bewohnerin in die Simulation geladen wird. Mit fünf Minuten Zeit in der Simulation, die Kelly Greg abschwatzen konnte, geht sie auf die Knie und bietet sich stattdessen als Ehepartnerin an.

Heaven is a place on earth

Über den Flitterwochen machen sich leider bald graue Wolken breit. Während Yorkie ihre neugewonnene Freiheit in San Junipero genießt, hält ihre frisch angetraute Ehefrau überhaupt nichts davon, sich nach ihrem Tod in die Cloud der Kunststadt hochladen zu lassen. Sie glaubt eigentlich nicht daran, dass ihr verstorbener Mann oder ihre tote Tochter in einer Art Nachleben auf sie warten und freiwillig aus San Junipero auszuloggen (sterben) wäre auch jederzeit möglich. Dennoch hat sie nicht das Gefühl, sich das Privileg herausnehmen zu können, wenn ihre jung gestorbene Tochter und ihr skeptischer Mann, mit dem sie fast 50 Jahre zusammen war, nie in den Genuss kamen.

So macht man sich als Zuschauer auf eines dieser zerschmetternden „Black Mirror“-Enden gefasst, das zumindest zur Hälfte als Happy End durchgehen könnte, weil Yorkie ein neues - beziehungsweise ihr erstes - Leben in San Junipero beginnt und sich Kelly friedlich mit den Worten „I'm ready. For the rest of it“, von ihrer Pflegerin in der Realität verabschiedet. Erst als mit „Heaven is a Place on Earth“ von Belinda Carlisle schon die Musik zum Abspann einsetzt und wir die Rechenzentrale der Cloud sehen, in die nun auch Kelly nach ihrem Tod hochgeladen wird, realisieren uns die wahre Bedeutung ihrer Aussage und auch, dass „Black Mirror“ das scheinbar Unmögliche vollbracht hat: ein kompromissloses Happy End, welches zur Abwechslung Techno-Joy statt -Fear verbreitet und uns mit lauter digitalen Schmetterlingen im Bauch zurücklässt.

Fazit

San Junipero“ ist glücklich machendes Serienserotonin in Reinform und stimmt von vorne bis hinten. Der poppige 80s-Soundtrack ist wundervoll eingesetzt, die komplexe Romanze ist die vielleicht schönste Liebesgeschichte seit langem, das Drehbuch von Charlie Brooker ist wie so oft zum Schreien clever und das unverhoffte Happy End wirkt umso stärker, weil wir es uns nach über zwei düsteren Staffel „Black Mirror“ umso mehr verdient und gleichzeitig kaum mehr damit gerechnet haben.

Selbst im Kontext der insgesamt extrem gelungenen Netflix-Staffel sticht die hoffnungsvoll eingestellte Anti-Black-Mirror-Folge ironischerweise als Krönung heraus und wird hoffentlich auf vielen Bestenlisten des Jahres zu finden sein. Ich persönlich würde mir nur wünschen, ich hätte sie als letzte Folge der sonst wieder ganz schön niederschmetternden Season gesehen.

Verfasser: Mario Giglio am Freitag, 21. Oktober 2016
Episode
Staffel 3, Episode 4
(Black Mirror 3x04)
Titel der Episode im Original
San Junipero
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Freitag, 21. Oktober 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 21. Oktober 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 21. Oktober 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 21. Oktober 2016
Regisseur
Owen Harris

Schauspieler in der Episode Black Mirror 3x04

Darsteller
Rolle
Gugu Mbatha-Raw

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