Black Mirror 2x04

Black Mirror 2x04

Charlie Brooker erzÀhlt im Weihnachtsspecial von Black Mirror eine weitere Horrorgeschichte aus der digitalen, nicht allzu weit entfernten Zukunft. Darin können sich Menschen an White Christmas klonen, gegenseitig blocken und in alternative RealitÀten (oder so) eintauchen.

Ein Klon, der aussieht wie Oona Chaplin, fĂŒhrt in „Black Mirror“ eine jĂ€mmerliche Existenz. / (c) Channel 4
Ein Klon, der aussieht wie Oona Chaplin, fĂŒhrt in „Black Mirror“ eine jĂ€mmerliche Existenz. / (c) Channel 4
© (c) Channel 4

Die dystopische Anthologieserie Black Mirror geriert sich zunĂ€chst als Science-Fiction-Format, im Verlaufe ihrer Episoden wird aber schnell deutlich, dass wir von den vielen kleinen, furchteinflĂ¶ĂŸenden Ideen, die uns Serienschöpfer Charlie Brooker prĂ€sentiert, in der RealitĂ€t gar nicht mehr so weit entfernt sind. Im Weihnachtsspecial White Christmas wird das besonders schmerzlich offenbar.

Seeing something was better than nothing

ZunĂ€chst erzĂ€hlt uns Brooker darin mehrere scheinbar zusammenhanglose Geschichten, die am Ende aber zu einem großen Schreckensszenario ineinanderfließen. Die Episode beginnt mit einer Unterhaltung zwischen Matt (ein herausragender Jon Hamm) und Joe (ein ebenso herausragender Rafe Spall), die an Weihnachten in einer einfachen HĂŒtte im verschneiten Nirgendwo sitzen. Wir wissen nicht, wie sie dorthin gekommen sind, und erfahren nicht, woher sie sich ĂŒberhaupt kennen. All das wird uns erst am Ende offenbar.

WĂ€hrend Matt das Weihnachtsessen (Braten, Kartoffeln, Rosenkohl) zubereitet, versucht er, Joe in eine Unterhaltung zu verwickeln. Obwohl es den Anschein hat, dass die beiden bereits fĂŒnf Jahre gemeinsam in dieser HĂŒtte verbracht haben, gab es in dieser langen Zeit offensichtlich keine Kommunikation zwischen ihnen. Nur langsam gelingt es Matt, seinen vermeintlichen Schicksalspartner zu einem GesprĂ€ch zu bewegen. ZunĂ€chst erzĂ€hlt er aber seine eigene Geschichte.

Seine Freizeit verbringt Matt damit, anhand einer Technik namens Eye-Link das Liebesleben junger, unsicherer MĂ€nner aufzumöbeln. Die Technik ermöglicht es ihm, auf seinem Bildschirm alles zu sehen, was Harry (Rasmus Hardiker) gerade durch seine Augen sieht. So kann er ihn auf eine fremde Weihnachtsfeier schicken und ihm dort minutiös erklĂ€ren, wie er das Herz des MĂ€dchens erobert, das ihm am besten gefĂ€llt. Gleichzeitig verkauft Matt diesen Livestream an Onlinevoyeure, die per Livechat miteinander kommunizieren und die Bilder aus Harrys Gehirn verfolgen können. Dank Matts professioneller Hilfe klappt es fĂŒr Harry sofort mit dem ersten MĂ€dchen, Jennifer (Natalia Tena), die ihn gleich mit zu sich nach Hause nimmt.

Jon Hamm spielt als Matt den Angestellten einer ominösen Klonfirma. © Channel 4
Jon Hamm spielt als Matt den Angestellten einer ominösen Klonfirma. © Channel 4

Dort nimmt jedoch ein Alptraum seinen Lauf, der nicht nur fĂŒr Harry, sondern auch fĂŒr Matt, und schließlich fĂŒr Joe zum Alptraum werden wird. Harry wird von Jennifer per Giftcocktail ermordet, sie scheint ebenfalls einen Eye-Link eingebaut zu haben und will sich nun per Selbstmord von den Stimmen in ihrem Kopf befreien. Ab diesem Zeitpunkt fĂ€llt Matts Leben auseinander. Seine Ehefrau erwischt und konfrontiert ihn mit seinen heimlichen unmoralischen AktivitĂ€ten. Als er keine vernĂŒnftige ErklĂ€rung vorweisen kann, beschließt sie kurzerhand, ihn aus ihrem Leben zu blocken. Fortan ist sie fĂŒr ihn nur noch ein grauwabernder Schatten ihrer selbst, er fĂŒr sie genauso. Sie können nun nicht mehr miteinander kommunizieren, die Ehe ist am Ende.

Price of progress, I suppose

Bevor wir aber von weiteren Konsequenzen erfahren, erzĂ€hlt Matt seinem nun weitaus interessierteren und mit kritischen Zwischenfragen nachhakenden Zuhörer von seinem eigentlichen Job. Im Namen der Firma Smartelligence stellt er fĂŒr zahlende Kunden Klone ihrer selbst her, damit diese lĂ€stige Alltagsaufgaben ĂŒbernehmen - wecken, Kaffee kochen, FrĂŒhstĂŒck zubereiten, solche Sachen. Illustriert wird dies am Beispiel von Greta (Oona Chaplin). Ihr wird ein Teil des Gehirns extrahiert, das dann in einem kleinen weißen Ei mit blauem Lichtpunkt zum Leben erweckt wird. Auf Wunsch bekommt diese geklonte Seele den gleichen Körper wie ihr Spender, um sich wenigstens ein bisschen orientieren zu können.

Dann macht sich Matt daran, den Klon zu brechen. In der Parallelwelt des „Cookies“ - so wird das Ei genannt - kann er nĂ€mlich sĂ€mtliche Ă€ußere EinflĂŒsse steuern. Er kann den Ton abstellen, das Wetter und die Umgebung verĂ€ndern, vor allem aber kann er den Ablauf der Zeit beliebig manipulieren. Um Mini-Greta zu brechen, lĂ€sst er im Cookie einfach ein halbes Jahr vergehen, was in der RealitĂ€t keine Minute dauert. Weil der Klon außer einem weißen Raum nur einen Tisch mit eigentlich bedeutungslosen Knöpfen kennt, hat dies die gleiche Wirkung wie eine Isolationshaft. Danach ist man zu allem bereit, wenn man nur nie wieder nichts zu tun haben wird.

Die geklonte Greta fungiert fortan also als Arbeitssklave fĂŒr die echte Greta. Hier lĂ€sst Brooker via Joe die Frage stellen, wo menschliches Leben anfĂ€ngt. Ist ein Klon ein Mensch, wenn er ĂŒber die gleichen Sinne wie sein Original verfĂŒgt? Oder ist er einfach nur ein Gegenstand, den man bedenkenlos foltern und versklaven kann? Lange können wir uns mit diesen Fragen nicht verweilen, denn die Geschichte verlĂ€sst schon wieder den Teil mit Greta und wendet sich endgĂŒltig Joes Lebenslauf zu.

Joe (Rafe Spall) durchlebt seinen ganz eigenen Alptraum. © Channel 4
Joe (Rafe Spall) durchlebt seinen ganz eigenen Alptraum. © Channel 4

Joe fĂŒhrt eine oberflĂ€chlich ĂŒberaus glĂŒckliche Beziehung mit Beth (Janet Montgomery). Als er eines Abends nach einer Dinnerparty mit dem befreundeten PĂ€rchen Tim (Dan Li) und Gita (Zahra Ahmadi) im MĂŒll aber einen positiven Schwangerschaftstest seiner Freundin findet, eskaliert die nachfolgende Konfrontation mit ihr, weil sie sofort deutlich macht, dass sie das Kind nicht behalten will. Angesichts eines bedrohlich sich aufbauenden und wild schimpfenden Joe sieht sich Beth schließlich dazu gezwungen, ihn zu blocken.

I want to see my daughter

All seine Versuche, die Blockade aufzulösen oder mit Beth in Kontakt zu treten, scheitern. Als er eines Tages ihren grauen Schatten sieht, wird ihm bewusst, dass sie das Kind nicht wie angekĂŒndigt abgetrieben hat. Nach einem erneuten Versuch der Kontaktaufnahme landet er im GefĂ€ngnis. Nun darf er Beth nicht nur nicht mehr sehen, er darf sich auch nicht mehr ihr nĂ€hern. Da er aber weiß, dass sie an Weihnachten immer zu ihrem Großvater Gordon (Ken Drury) in eine einsame HĂŒtte im verschneiten Nirgendwo fĂ€hrt, macht er ein Ritual daraus, sie einmal im Jahr dort aufzusuchen und aus der Ferne zu beobachten.

Nach etlichen Jahren des Aufwachsens stellt sich heraus, dass das vermeintlich gemeinsame Kind ein MĂ€dchen ist - auch von ihr kann er wegen einer bestimmten Gesetzesregelung nur den graugefĂŒllten Umriss sehen. SpĂ€ter sieht er in einem Fernsehbericht, dass Beth bei einem ZugunglĂŒck ums Leben gekommen ist. Zum ersten Mal seit Jahren sieht er wieder ihr Gesicht (Bilder von geblockten Personen werden nĂ€mlich ebenfalls geblockt, nach dem Tod aber wieder entblockt). Das bedeutet nun auch, dass er das Gesicht seiner Tochter sehen kann. Und dann nimmt das UnglĂŒck endgĂŒltig seinen Lauf: Joe erfĂ€hrt, dass May (Leanne Li) nicht seine Tochter ist, sondern die seines Freundes Tim.

In einem Wutanfall ermordet er Mays Urgroßvater - ausgerechnet mit der Schneekugel, die er May schenken wollte. Anschließend ĂŒberlĂ€sst er das MĂ€dchen sich selbst. Bei ihrem Versuch, auf eigene Faust Hilfe zu holen, stirbt sie. Vor Matt bricht Joe in TrĂ€nen aus, nachdem er seine Geschichte zu Ende erzĂ€hlt hat. Schlussendlich kommt es zum großen Twist der Episode, der sich leise ankĂŒndigt, als Matt von Joe verlangt, endlich auszusprechen, dass er Gordon ermordet hat. Joe lĂ€sst sich nicht lange bitten: „I confess.

Nun, nach getaner Arbeit, lĂ€sst sich Matt wieder aus der Klonwelt in die RealitĂ€t zurĂŒckholen. Er hat mit der Polizei einen Deal ausgehandelt: Sollte es ihm gelingen, Joe ein GestĂ€ndnis zu entlocken, wĂŒrde er von den eigenen Straftaten (Voyeurismus, Verschweigen eines Mordes) freigesprochen werden. Es gelingt, der Deal steht - jedoch mit einer EinschrĂ€nkung: Matt wird fortan von allen anderen Menschen geblockt. Er sieht sie nur noch als graue Wolkenmenschen, und sie ihn als roten.

Matt und Joe (beziehungsweise sein Klon) leben nun bis zu ihrem Tod in einem Alptraum, aus dem sie nie wieder erwachen werden - ein Alptraum, der fĂŒr uns gar nicht so weit weg ist wie es vielleicht scheint.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 17. Dezember 2014

Black Mirror 2x04 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 4
(Black Mirror 2x04)
Titel der Episode im Original
White Christmas
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Dienstag, 16. Dezember 2014 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 24. November 2015
Regisseur
Carl Tibbetts

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