Black Mirror 3x01

Nosedive aus der dritten Staffel von Black Mirror ist zwar keine Episode, die sich gezielt dem Horrorgenre verschrieben hat, wie zum Beispiel Playtest. Doch was uns hier als nicht allzu ferne Zukunft geboten wird, ist gruseliger als jeder Horrorfilm.
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In einer Welt, in der Social Media einen Schritt weiter gegangen ist, bewerten sich die Menschen nach jeder persönlichen Interaktion gegenseitig auf einer Skala zwischen eins und fünf, was einen aktuellen Durchschnittswert für jede Person ergibt, der dank des optischen Interface, das sehr verbreitet ist, für jeden sichtbar wird. Es geht jedoch nicht nur um reines Onlineprestige, sondern das hat Auswirkungen auf das reale Leben. Gewisse Scores gewähren beispielsweise Zugang zu schnellerer und besserer Bedienung im Servicebereich und einige Wohngebiete sind nur für Mieter ab einem bestimmten Wert zugänglich. Popularität als Währung und neues Klassensystem.
Die adrette Lacy - Bryce Dallas Howard in einer der treffsichersten Performances dieser Staffel - hat sich ihren aktuellen Status als 4,2 hart erarbeitet. Hier die richtige Tasse Cappuccino gepostet, dort ein geheucheltes Kompliment für die Kollegen und stets das perfekte, vor dem Spiegel einstudierte Lächeln. Ein anstrengender Lebensstil, für den sie ihr Bruder (James Norton), der mit ihr lebt und entspannt irgendwo im Dreierbereich herumdümpelt, regelmäßig aufzieht.
Doch Lacy gibt sich mit ihrem Status nicht zufrieden und blickt neidisch auf die perfekt wirkenden Menschen mit Werten im oberen Viererbereich. Als sie schließlich auf eine exklusive Wohnung hingewiesen wird, die sie sich nur durch ein Angebot leisten kann, das Mietern über 4,5 zur Verfügung steht, nimmt sie sich verbissen vor, ihren Wert zu verbessern. Doch selbst mit einem Profilcoach geht der Aufstieg nicht schnell genug voran.
Lacy benötigt einen regelrechten Boost und der könnte mit ihrer alten Schulfreundin Naomie (Alice Eve) Realität werden. Die attraktive Blondine mit dem perfekten Onlineauftritt, einem Bilderbuchleben zum Beneiden und dem dementsprechenden Wert, bittet sie nach Jahren Sendepause, ihre Ehrendame auf deren Traumhochzeit zu werden.
Ein wohl nicht ganz ohne Hintergedanken online gestelltes Bild von Mr. Rags, einer aus Flicken gemachten Stoffpuppe aus der Vergangenheit der beiden Frauen, habe Naomie plötzlich an alte Zeiten erinnert. Alles, was Lacy nun noch zu tun hat, ist eine Rede schreiben, diese auf der Hochzeit vortragen und sich von wertvollen Menschen mit Werten kurz vor dem Wert fünf positiv bewerten zu lassen. Dem sozialen Aufstieg steht fast nichts mehr im Wege... außer vielleicht der Episodentitel.
Der vorprogrammierte Abstieg beginnt auf dem Weg zur Hochzeit am Flughafen, wo Lacy die schlechte Nachricht bekommt, ihr Flug sei gestrichen worden. Sie könnte zwar mit einer 4,2 auf einen Ersatzflug gelangen, aber ein Streit mit ihrem Bruder und eine Begegnung mit einer Frau, die sie im Eifer des Auswendiglernens der Rede umrempelte, haben ihren Wert auf 4,1 fallen lassen. Als sie dann auch noch ihre Contenance verliert und das Sicherheitspersonal eingeschaltet wird, wird ihr Wert temporär um einen ganzen Punkt vor dem Komma gesenkt. Während dieser Zeit erfährt sie zudem eine double penalty - also schlägt sich jede Negativbewertung doppelt so stark nieder.
Mit keiner anderen Wahl, als die lange Strecke zur Hochzeit per Wagen hinzulegen, was sie die ganze Nacht kosten wird, macht sie sich auf den Weg, doch das Modell, das ihr mit ihrem aktuellen Wert zusteht, ist nicht mehr mit aktuellen Energieladestellen kompatibel, wie sie auf der Mitte der Strecke feststellen muss. Eine Truckerin (Cherry Jones) mit skandalösen 1,5 nimmt sie schließlich mit und erzählt von der Zeit, als sie auch noch hinter dem Ansehen eines sich der Fünf annähernden Scores her war. All das änderte sich, als ihr krebskranker Mann sterben musste, weil er nicht den nötigen Wert für die Sonderbehandlung vorweisen konnte.

Das letzte Stück lässt sich Lacy von einer Fangruppe im Cosplay einer Sci-Fi-Serie kutschieren, indem sie vorgibt, ebenfalls auf dem Weg zur Convention zu sein. Eine humorige Verschnaufpause in dieser eher bedrückenden Folge. Mit ihrem derzeitigen Score, der mittlerweile unter 3,0 gefallen ist, schlägt die Stimmung aber schlagartig um, als Naomi anruft und sie von der Hochzeit auslädt. Eine alte Freundin mit einer bereits zu belächelnden 4,2 als Brautjungfer hätte einen gewissen bodenständigen Charme gehabt, doch der aktuelle Wert sei angesichts der hochkarätigen Gäste keinesfalls vertretbar.
Lacy tickt komplett aus, flucht links und rechts und nimmt keine Rücksicht mehr, um ihren bereits desaströsen Wert zu schonen. Wenn sie doch nur auf die Hochzeit könnte, um die rettenden Bewertungen der hochwertigen Partygesellschaft zu bekommen. So macht sie sich trotz der Ausladung auf den Weg und stürmt komplett verdreckt, aber immerhin mit ihrem sinnbildlichen Spiegelbild Mr. Rags im Arm, den Empfang.
Während der folgenden verurteilenden Ansprache Richtung Naomi, rutscht sie immer wieder in die eigentlich geplante Rede zurück und ist hin- und hergerissen zwischen dem großen Ausraster und einem womöglich rehabilitierenden Punktesammeln. Naomis Verlobter wird von ihr schließlich mit einem Messer bedroht, woraufhin die Polizei auf der Bildfläche erscheint und die auf die Null zugehende Frau am Ende ihrer Nerven abtransportiert.
Auf seltsam befriedigende Weise endet „Nosedive“ mit einer düsteren Version eines vorsichtig zuversichtlichen Happy Ends. Ohne Interface und Mobiltelefon zum Bewerten in der Zelle wird Lacy auf einen Mitgefangenen aufmerksam, mit dem sie anfängt, sich verbal anzulegen. Gegenseitig werfen sie sich immer derber werdende Beleidigungen an den Kopf, bis uns beide in einem befreienden Schrei aus der Episode herausbrüllen.
Fazit
Nosedive aus der Feder von Rashida Jones und Michael Schur ist eine sehr typische und gleichzeitig gelungene Folge von Black Mirror, die auch gut als Einführung in die Serie funktioniert und einen treffenden Eindruck davon vermittelt, wofür die Serie steht.
Wie einige vorausgehende Geschichten aus der dystopischen Anthologieserie ist sie nicht nur als warnender Zeigefinger bezüglich einer möglichen Zukunft, sondern auch als Reflexion der heutigen Zustände zu verstehen, deren logische Konsequenz ohne viel Fantasie in die präsentierte Realität der Episode münden könnte. Der utopisch cleane Look dieser Zukunftsvision unterstreicht dabei nur die Oberflächlichkeit und Falschheit der zwischenmenschlichen Beziehungen, indem es an die entlarvenden Heile-Welt-Kulissen aus Filmen wie „The Stepford Wives“ oder „Pleasantville“ erinnert.
Bryce Dallas Howard gibt eine perfekte Performance als verbissen-sonnige Lacy ab, mit der man ab einem gewissen Punkt nur noch Mitleid haben kann. Applaus ist aber auch für Alice Eve fällig, die glaubwürdig vermittelt, wie leicht jemand wie ihre Serienfigur zu großer Popularität kommen könnte, auch wenn hinter der Fassade absolutes Kalkül bezüglich des Zahlenspiels vor sich geht.
Verfasser: Mario Giglio am Samstag, 22. Oktober 2016Black Mirror 3x01 Trailer
(Black Mirror 3x01)
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