Black Mirror 3x02

Wie bereits die Episode Shut Up and Dance leidet Playtest darunter, dass Black Mirror mittlerweile bei Netflix läuft, und nicht mehr im linearen Fernsehen. So kann sich Serienschöpfer und Drehbuchautor Charlie Brooker erlauben, seiner Hauptfigur, dem amerikanischen Rucksacktouristen Cooper (Wyatt Russell), eine ganze halbe Stunde Vorstellungszeit zu gewähren, bevor die eigentliche Geschichte beginnt. Wäre das Format keine Anthologieserie, wäre das noch halbwegs nachvollziehbar, so fühlt es sich jedoch ein bisschen wie Zeitverschwendung an.
A release of fear
Cooper unternimmt seine Weltreise, weil er so weit wie möglich weg will von seinem Zuhause. Dort ist gerade der Vater an Alzheimer gestorben, nachdem Cooper ihn gepflegt hatte. Mit der Mutter versteht er sich nicht, wobei nicht so richtig herausgearbeitet wird, was genau das Problem in ihrer Beziehung ist. All das erfahren wir, weil Cooper an seinem letzten Reiseziel Sonja (Hannah John-Kamen) kennenlernt und mit ihr eine Nacht verbringt, an deren Ende er schon bereit ist, über seine persönlichen Probleme zu sprechen.
Bevor es zurück in die Heimat geht, muss er jedoch feststellen, dass die Kreditkarte kein Geld mehr ausspuckt, weshalb er schnell mehr davon verdienen muss. Das führt ihn zur Videospielefirma Saitogemu, die von einem exzentrischen Designgenie (Ken Yamamura) angeleitet wird und Studienteilnehmer für ein besonders lebensechtes Virtual-Reality-Experiment sucht. Die Bezahlung ist viel besser als sämtliche anderen Jobs, die Cooper per App angeboten werden, was ihn nicht stutzig macht, weil er sich selbst als furchtloser Abenteurer begreift.
Im Saitogemu-Hauptquartier reiht sich jedoch eine Merkwürdigkeit an die nächste, sodass es doch etwas ungewöhnlich ist, dass Cooper nicht schon früher einen Rückzieher macht. Das Entwicklungszentrum ist in einem schlossähnlichen Gebäude angesiedelt, die Mitarbeiter schauen allesamt nicht in Computerbildschirme, sondern nur in ihre Brillen, und er muss sich einer kleinen medizinischen Prozedur unterziehen, wogegen er nur geringste Einwände anbringt. Nachdem er sich jedenfalls als würdig für ein besonderes Level erwiesen hat, wird er auch dahin geschickt.

In dem herrschaftlich eingerichteten Haus manifestieren sich schließlich die größten Ängste, die er in seinem Innersten versteckt. Das Ziel des Spiels ist es, diesen Erscheinungen zu widerstehen und die eigene Angst so lange zu unterdrücken, bis er von Assistentin Katie (Wunmi Mosaku) wieder herausgeholt wird. Ein echtes Spiel kann man das also gar nicht nennen, eher eine Gedulds- beziehungsweise Mutprobe. Am Ende erledigt sich das alles jedoch, denn es stellt sich heraus, dass Cooper schon vor Beginn des ersten Levels gestorben ist, weil er sein Handy nicht ausgestellt hat.
Layers on top of reality
Darin verbirgt sich natürlich eine große Portion Ironie, ging es doch während der ersten halben Stunde der Episode darum, dass er es nicht schafft, seine Mutter zurückzurufen. In einer Szene am Anfang wird er gar von einer Stewardess daran erinnert, sein Handy während des Fluges auszuschalten. Was will uns Charlie Brooker damit also sagen? Dass wir stets das Handy ausschalten sollen, wenn uns jemand dazu auffordert? Ebenso wie die Geschichte dieser Episode wäre das ein bisschen dünn. Viel mehr gibt es außer den vielen Twists aber leider nicht zu entdecken.
Wenig nachvollziehbar ist überdies das Verhalten der Saitogemu-Leitung. Hatten sie wirklich noch nie das Problem, dass jemand versucht hat, sein Handy in die Firma zu schmuggeln? Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass Katie es so achtlos im Proberaum liegenlässt. Und dann fehlt auch noch eine Seite des Fragebogens, was als Drehbuchkonstruktion viel zu einfach zu durchschauen ist. Ich bin ja davon ausgegangen, dass sie das Handy absichtlich hat liegenlassen, um Cooper auf die Probe zu stellen. Aber nein, es war wirklich ein Versehen, das von ihr hernach lediglich schulterzuckend festgestellt wird.
Die Nonchalance, mit der Katie und Saito den Tod Coopers hinnehmen, erweckt den Anschein, als wäre es nicht das erste Mal, dass ein Studienteilnehmer stirbt. Wie kann so etwas sein? Warum ist ihnen das so offensichtlich egal? Und warum gibt es niemanden, der dem nachgeht? All diese Fragen bleiben unbeantwortet, weil Black Mirror eine Anthologieserie ist und Playtest lieber eine halbe Stunde vertrödelt, bevor die Geschichte richtig Fahrt aufnimmt. Darüber hinweg trösten eine charismatische Darstellung von Wyatt Russell sowie die einfallsreiche Regie von Dan Trachtenberg („10 Cloverfield Lane“). Die Schauwerte übertrumpfen hier eindeutig den Inhalt.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 25. Oktober 2016(Black Mirror 3x02)
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