Beef 1x10

Beef 1x10

„Beef“ gehört zu den besseren Netflix-Serien der letzten Jahre. Steven Yeun und Ali Wong spielen sich in Rage, was nicht immer lustig ist. Dafür gibt es Einblicke in die Welt der zweiten Einwanderergeneration asiatischer Amerikaner.

Ali Wong und Steven Yeun haben „Beef“ in der gleichnamigen Serie
Ali Wong und Steven Yeun haben „Beef“ in der gleichnamigen Serie
© Netflix/A24

Zwei Menschen, die - aus sehr verschiedenen Gründen - sich vom Leben ungerecht behandelt fühlen, lassen ihre Wut am jeweils anderen aus; wodurch sie neuen Lebensmut gewinnen, während ihr Leben eigentlich nur weiter den Bach runtergeht. Einem alten chinesischen Sprichwort nach soll der derjenige, der auf Rache aus ist, am besten gleich zwei Gräber ausheben. Und tatsächlich scheint ein tödlicher Ausgang auch bei Netflix' Beef im Rahmen des Realistischen zu liegen, denn schon im Pilot zur zehnteiligen Auftaktstaffel eskaliert die Lage drastisch.

Siehe auch: Beef: Review der Netflix-Pilotepisode

Alles beginnt mit einem Hupen auf einem Parkplatz vor einem Supermarkt. Der Bauarbeiter Danny Cho, der gerade einen Gasgrill reklamieren wollte, vergisst beim Zurücksetzen in den Rückspiegel zu schauen, und crasht fast in den teuren SUV der vorbeifahrenden Geschäftsfrau Amy Lau, die ihm den Mittelfinger zeigt. Dann entspinnt sich eine wilde Verfolgungsjagd durch sonst eher ruhige Vorstadtnachbarschaften. Nur durch Glück werden die zwei Raser nicht von der Polizei gefasst, doch auch sie erwischen sich nicht. Und so muss es bald in die zweite, dritte, zehnte Runde gehen, bis einer aufgibt...

Die männliche Hauptrolle wurde mit Steven Yeun besetzt, der seinen Anfängen als Glenn Rhee bei The Walking Dead längst entwachsen ist, und zuletzt in bejubelten Kinofilmen wie „Burning“, „Minari“ und „Nope“ zu sehen war. Die Stand-up-Komikerin Ali Wong (Tuca & Bertie, „Always Be My Maybe“) spielt den weiblichen Gegenpart. Beiden gelingt es großartig, den Ärger ihrer Figuren auszustrahlen, sodass die Serie von einer allumfassenden Spannung gezeichnet ist.

Der Serienschöpfer Lee Sung Jin (Dave, 2 Broke Girls) schafft es außerdem, dass „Beef“ immer unberechenbar bleibt. Vielleicht hat der Autor die Story an einigen Stellen ein wenig zu lang gestreckt, aber als Gesamtwerk funktioniert es trotzdem. Wobei viele Zuschauer:innen vom düsteren Humor wahrscheinlich abgeschreckt werden. Die ebenfalls bemerkenswerte Inszenierung haben sich die japanische Regisseurin Hikari (Tokyo Vice) und ihr US-Kollege Jake Schreier (Kidding) aufgeteilt. Wir wollen für die Netflix-Neuheit, die Anfang April erschien, eine große Empfehlung aussprechen!

Was passiert?

Das Faszinierende bei „Beef“ ist, dass wir nicht nur das Duell zwischen Danny (Yeun) und Amy (Wong) zu sehen kriegen, sondern auch die Auswirkungen auf ihre jeweiligen Beziehungen mit seinem Bruder Paul (Young Mazino, Prodigal Son) und ihrem Ehemann George (Joseph Lee, Star Trek: Picard). Da sich die zwei Streithähne nämlich da treffen wollen, wo es ihnen am meisten wehtut, werden schnell auch die Familien in die Fehde reingezogen. Danny freundet sich heimlich mit George an, während Amy eine Affäre mit Paul beginnt. Das Ganze erinnert an die dramatischsten griechischen Göttersagen...

Steven Yeun und Ali Wong haben wirklich sehr viel „Beef“
Steven Yeun und Ali Wong haben wirklich sehr viel „Beef“ - © Netflix/A24

Als Zuschauer:in fühlt man sich sehr hilflos, dabei zuzusehen, wie Danny und Amy einen Eskalationsschritt nach dem nächsten wagen. Man wird geradezu selber wütend, weil man ja bei jeder neuen List ahnen kann, welcher Schaden im Gegenzug entsteht. Sie wollen sich wirklich gegenseitig in den Ruin reißen, was eine Leidenschaft beinhaltet, die nur auf unzählige psychische Projektionen zurückzuführen sein kann - denn die beiden kennen sich gar nicht. Nur selten spielt die Serie damit, dass vielleicht auch eine Art Liebe oder sexuelle Anziehung zwischen den Erzfeinden herrscht. Das wäre dann eher „Mr. & Mrs. Smith“. Es funktioniert aber auch ohne diese Ebene sehr gut.

Am spannendsten ist Beef tatsächlich immer dann, wenn wir Danny und Amy separat begleiten dürfen. So comichaft die Charaktere im rasanten Auftakt noch gezeichnet werden, kriegen sie zunehmend immer mehr Facetten. Vor allem Danny darf sich öffnen, besonders mit Blick auf seine Rolle als ältester Sohn von Eltern, zu denen die Welt nicht gerecht war. Er will es für sie wiedergutmachen, gleichzeitig tyrannisiert er seinen kleinen Bruder, der ihm leider viel zu sehr vertraut. Der Schauspieler Yeun kann später auch die eigenen Jugenderfahrungen seiner evangelikalen Erziehung einbringen. Und er darf sogar sein musikalisches Talent vorführen. Er wird zunehmend auch der versöhnliche Part im Streit.

Amy hat einen anderen Lebenskonflikt mit sich selbst auszutragen - oder an Danny auszulassen. Als Kind hat sie gelernt, dass es unartig sei, die eigenen Gefühle zu thematisieren. Also hat sie immer nur gelächelt und genickt - und dabei jede Frustration runtergeschluckt. Dadurch schlitterte sie in eine Existenz, die sie nie gewollt hat. Sie mag zwar den liebevollsten Ehemann der Welt haben, die süßeste Tochter und ein im wahrsten Sinne des Wortes florierendes Pflanzengeschäft, doch die Fassade täuscht. Bildlich ausgedrückt wird diese Doppeldeutigkeit durch ihr schickes Designerhaus, das vermeintlich mit friedlichen Feng-Shui-Mustern verziert ist, die aber eigentlich wie die Gitterstäbe in einem Gefängnis aussehen.

Abschließend noch ein paar Worte zum Finale: Nach einem für einige Figuren tödlichen Showdown mitsamt Geiselnahme landen Danny und Amy letztendlich gemeinsam in der Wüste und erleben dabei einen kathartischen Drogentrip, der an die legendäre The Simpsons-Episode Homers merkwürdiger Chili-Trip (8x9) erinnert. Yeun und Wong können schauspielerisch hier noch mal alles zeigen. Die Dialoge sind absolut brillant, weil sie gleichzeitig lustig und auch bewegend sind. Ein perfekter Abschluss für den Vendetta-Wahnsinn, den wir hier bezeugen durften...

Wie ist es?

Alles in allem handelt es sich bei der düsteren Netflix-Dramedy „Beef“ vermutlich um eines der Serienhighlights 2023. Auch wenn der Einstieg in die zehnteilige Auftaktstaffel nicht ganz leicht ist, kommt das Werk des vielversprechenden jungen TV-Autors Lee Sung Jin schnell in Fahrt. Steven Yeun und Ali Wong nutzen das ungewöhnliche Vehikel, um ihr ganzes Können unter Beweis zu stellen. Und sie leisten dabei sogar einen bemerkenswerten Schritt in Sachen Repräsentation asiatisch-amerikanischer Einwandererfamilien. Die Beziehungsgeflechte sind gleichzeitig sehr lebensnah und absolut übertrieben. Nichts ist je vorhersehbar und doch auf wunderbare Weise nachfühlbar.

Viereinhalb von fünf Lenkrädern vergeben wir für die erste Season der überraschend sehenswerten Road-Rage-Reise...

Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Netflix-Serie „Beef“:

Verfasser: Bjarne Bock am Samstag, 22. April 2023
Episode
Staffel 1, Episode 10
(Beef 1x10)
Titel der Episode im Original
Figures Of Light
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 6. April 2023 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 6. April 2023
Autoren
Sonny Lee, Jean Kyoung Frazier, Marie Hanhnhon Nguyen
Regisseur
Sonny Lee

Schauspieler in der Episode Beef 1x10

Darsteller
Rolle
Young Mazino
David Choe
Patti Yasutake
Remy Holt

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?