American Crime Story 2x09

© arren Criss in âAmerican Crime Story: The Assassination of Gianni Versaceâ (c) FX
Nach dem ĂŒberragenden „American Crime Story: The People v. O. J. Simpson“ hĂ€tte die zweite Staffel von American Crime Story, „The Assassination of Gianni Versace“ unterschiedlicher nicht sein können. Beide Geschichten beschĂ€ftigen sich anhand eines konkreten Falles intensiv mit der US-amerikanischen Gesellschaft sowie sozialen, instrumentalisierten Problemen wie Rassismus oder Homophobie. WĂ€hrend „O. J.“ jedoch auf einer gröĂeren Plattform polarisierte und 2016 an einem wunden Punkt der US-Geschichte ansetzte, hat sich „Versace“ in seinen neun Episoden wesentlich intimer, schlichtweg kleiner gestaltet.
Die von Drehbuchautor Tom Rob Smith angesprochenen Themen sind weit entfernt von der Mitte der Gesellschaft. Umso löblicher ist es, dass diesen hier so ausfĂŒhrliche Aufmerksamkeit geschenkt wird und man versucht, die Zuschauer fĂŒr die LebensrealitĂ€t der LGBQT-Community zu sensibilisieren. Mit dieser etwas anderen Ausrichtung und einer ungewöhnlichen ErzĂ€hlstruktur manövrierte man sich automatisch in eine Nische, wodurch die zweite Staffel von „American Crime Story“ nicht das Aufsehen wie die erste erregen konnte. Doch das ist ein Testament fĂŒr sich selbst: Serienschöpfer Ryan Murphy und sein Team sind dieses Risiko bewusst eingegangen, um eben einen in der Popkultur immer wieder ignorierten Themenbereich intensiv zu beleuchten.
The end
Was im Laufe der Staffel dabei leider immer etwas gefehlt hat, ist VollstĂ€ndigkeit. „The People v. O. J.“ ist so mitreiĂend und aufregend gewesen, weil nicht nur der Cast in bestechender Form war, sondern weil die Zuschauer permanent mit allen vorstellbaren Perspektiven dieses einzigartigen Falles konfrontiert wurden. Es entstand ein komplexes, vollstĂ€ndiges Bild des Dramas und der involvierten Charaktere, die den Beobachter dieser unfassbaren, realen Geschichte komplett in ihren Bann ziehen konnten. Auch „Versace“ gelingt dies, jedoch vielmehr dank der ĂŒberragenden Schauspielleistungen seiner Darstellerriege als durch die ErzĂ€hlung selbst. Diese lenkt den Fokus immer wieder auf Serienmörder Andrew Cunanan, der Name Gianni Versace entpuppte sich indes mehr als ein perfides Lockmittel, um das Publikum anzufĂŒttern.
See me
Was wir in neun Episoden gesehen haben, war mitunter faszinierend, erschreckend, aufklĂ€rend, tragisch und hypnotisierend - aber war es auch erschöpfend? Haben wir am Ende der Staffel ein zufriedenstellendes Gesamtbild dieser Geschichte vor Augen, mit all seinen verschiedenen Einzelteilen? Die Beantwortung dieser Frage ist schwierig, weil Wahrnehmung bekanntermaĂen extrem subjektiv ist. Alone, das abschlieĂende Kapitel der Staffel, fĂŒhrt viele ĂŒbergreifende Themen einzelner Episoden erfolgreich zusammen und erzeugt ein GefĂŒhl des Abschlusses - fĂŒr Andrew und all diejenigen, deren Wege er gekreuzt hat. Erneut entsteht jedoch der Eindruck, dass so viel mehr in dieser bedrĂŒckenden Geschichte drin gewesen wĂ€re, dass so viele spannende Facetten dieses Vorfalls zu kurz gekommen sind.
Es ist nicht einfach, eine Balance zwischen all den interessanten Charakteren zu finden, doch Tom Rob Smith und Ryan Murphy haben sich frĂŒh auf Andrew Cunanan als Fixpunkt geeinigt, der Woche fĂŒr Woche mit Bravour von Darren Criss gespielt wurde. In „Alone“ sehen wir das Ende von Andrew, der nach dem Anschlag auf Modedesigner Gianni Versace (Edgar Ramirez) keine Chance hat, aus Miami zu fliehen und einsam auf den Tag des jĂŒngsten Gericht wartet: die Behörden, die ihm dicht auf den Fersen sind. FĂŒr Andrew erfĂŒllt sich zunĂ€chst ein âTraumâ, bekommt er nach dem Mord an Versace doch endlich die Aufmerksamkeit, die er schon immer wollte. Wir erhaschen einen weiteren Blick ins Innere dieses kranken Charakters, der in seiner eigenen RealitĂ€t lebt und sich seiner abscheulichen Taten gar nicht wirklich bewusst zu sein scheint.
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Most wanted
„American Crime Story: The Assassination of Gianni Versace“ musste sich von uns oftmals die Kritik gefallen lassen, dass es zu âAndrew-betontâ sei und dieser Psychopath als Charakter recht schnell erschöpft war. In Alone wendet man nun einen sehr guten Kniff an, Andrews verformte Wahrnehmung der RealitĂ€t zu untermauern und gleichzeitig auf die Folgen seiner Taten zurĂŒckzuschauen, was letztlich zu einem stillen Moment der Erleuchtung und Einsicht fĂŒr ihn fĂŒhrt. Er verfolgt die Ermittlungen gegen ihn ĂŒbers Fernsehen und freut sich anfangs noch ĂŒber die Berichterstattung und seinen neuen Status als eine der am meisten gesuchten Personen in den USA. „Most wanted“, nichts anderes wollte Andrew jemals sein. Doch die Illusion wird StĂŒck fĂŒr StĂŒck eingerissen.
Der Appell seiner guten Freundin Lizzie (Annaleigh Ashford), sich zu stellen, die Bilder von seiner Mutter, die von der Polizei abgefĂŒhrt und befragt wird, ein kurzes Interview mit dem Vater von Andrews groĂer Liebe David Madson, Marilyn Miglin (Judith Light), die sich von ihrer Trauer um ihren ermordeten Ehemann nicht unterkriegen lĂ€sst und weiter vor laufender Kamera auftritt - all diese kurzen Momente tragen mehr oder minder dazu bei, dass Andrew eine neue Perspektive erhĂ€lt. Ihm dĂ€mmert, was er getan hat. Aber nicht nur das. Er erkennt auch, dass alle Menschen, die er getötet hat, jemanden haben, der um sie trauert. Wen oder was hat Andrew noch am Ende in seinem Leben? Er sitzt allein in einem schicken Hausboot in Miami und ist dazu gezwungen, aus Nahrungsmittelknappheit Hundefutter in sich reinzuschaufeln. Das ist nicht glamourös, das ist kein schönes Leben. Und wenn er geht, wer wird sich dann schon noch an ihn aus Liebe und Zuneigung erinnern?
Someone special
Andrew, der stets so erpicht darauf war, seine Spuren auf dieser Erde zu hinterlassen, bleibt nur ein mörderisches VermĂ€chtnis und ein unrĂŒhmliches Ende als geistesgestörter, kaltblĂŒtiger Serienkiller. Im Zuge dieser Selbsterkenntnis sucht Andrew noch einmal den Kontakt, zu der Person, die ihn nachhaltig geprĂ€gt und geformt hat: Modesto Cunanan (Jon Jon Briones), sein Vater, der Andrew in dessen Verzweiflung sofort seine Hilfe zusichert. Bis Andrew - der fast wie ein kleiner, naiver, unschuldiger Junge (und so ist er auch gekleidet) auf die Rettung durch Modesto wartet - seinen Vater im Fernsehen sieht, wie er Kapital und Profit aus der misslichen Lage seines Sohnes schlagen will. (Hier biegt man sich ĂŒbrigens mal wieder ein wenig die wahren historischen Begebenheiten fĂŒr dramaturgische Zwecke zurecht, denn auch wenn Modesto Cunanan spĂ€ter die Filmrechte an der Lebensgeschichte seines Sohnes verĂ€uĂern wollte, hatte er im Juli 1997 kein Interview zu diesem Thema gegeben.)
Die Verfilmung seines Lebens, ist das nicht etwas, was sich Andrew nur ertrĂ€umen konnte? Aber doch nicht so! Der Vertrauensbruch seines Vaters wiegt schwer und ist der letzte Strohhalm, der Andrew genommen wird, welcher nun wahrlich komplett allein auf weiter Flur steht. Was ihm jetzt noch Zuflucht gibt, ist seine obskure Traumvorstellung von einer Beziehung zwischen Gianni Versace und ihm, so, wie wir es bereits in der ersten Episode der Staffel gesehen hatten. Auch hier konnte man bereits nicht eindeutig sagen, ob es sich um die Wirklichkeit oder ein Hirngespinst von Andrew handelt. Doch selbst in dieser von Andrew geschaffenen falschen RealitĂ€t wird er nun von seinem Idol fallen gelassen. Er hatte so viel Potential, jemand GroĂes zu sein - oder hat er sich das nur die ganze Zeit selbst eingeredet? Andrew ist instabil und sich seiner selbst unsicher, er nimmt gar auf seine eigene wahnsinnige Art am Trauergottesdienst von Versace teil. Welch tragische, bemitleidenswerte Figur er am Ende doch abgibt.

Nobody cares
Zu dieser Erkenntnis sind wir bereits am Ende der letzten Episode, Creator/Destroyer, gekommen, doch da lieĂ sich Andrews Entwicklung zu dem Menschen, der er am Ende seines jungen Lebens ist, vor allem auf die Erziehung und Einflussnahme seines ihn prĂ€genden Vaters zurĂŒckfĂŒhren. In Alone werden nun noch einmal Andrews Umwelt und die gesellschaftlichen UmstĂ€nde, in denen er aufgewachsen ist und die ebenfalls nicht zu unterschĂ€tzende Faktoren in seiner Persönlichkeitswerdung waren, thematisiert. Doch kommen diese Einblicke vielleicht ein wenig zu spĂ€t? Erneut bietet sich der Vergleich mit „The People vs. O. J. Simpson“ an. Der Fall, der Angeklagte, die Verteidigung und die KlĂ€ger waren in der ersten Staffel von American Crime Story ebenso wichtig wie das Gesellschaftsbild in den USA Mitte der 1990er Jahre.
In „The Assassination of Gianni Versace“ fasst man nun am Ende noch einmal zusammen, wie tief homophobes Verhalten und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Ausrichtung in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt sind, dass jemand wie Andrew Cunanan ein Niemand war, bis er plötzlich eine berĂŒhmte Persönlichkeit umbrachte. Dass er zuvor vier weitere Menschen tötete, darunter drei Opfer, die homosexuell waren, schien fĂŒr die zustĂ€ndigen Behörden keine Bedeutung gehabt zu haben. Diese kaputten, sozialen Strukturen, diese Probleme in einer der auf dem Papier fortschrittlichsten Gesellschaften der Welt, geben so viel her - und dennoch entsteht am Ende der Eindruck, dass nicht genug aus diesen Themen herausgeholt wurde und man vielmehr eine Einzelgeschichte erzĂ€hlt hat, als den Bogen zu allgemeineren, universellen Problemen in der US-Gesellschaft zu spannen.
Beauty will save the world
Ja, die zweite Staffel von „American Crime Story“ befasst sich sehr subtil mit Homophobie, latentem Rassismus und Milieu- sowie Klassenunterschieden. Manchmal darf es aber auch gerne direkter sein, um sein Publikum wachzurĂŒtteln. Siehe zum Beispiel die Rolle der staatlichen Behörden bei der Verfolgung von Andrew. Entweder, der Fall wurde wirklich strĂ€flich vernachlĂ€ssigt, bis es zum Tod von Gianni Versace kam. Oder aber, man hat in der Serie sich einfach nicht die Zeit genommen, die Perspektive der Verfolger von Andrew Cunanan zu ergrĂŒnden. Diversen Berichten zufolge wurden in etlichen Episoden dieser Staffel immer wieder minutenlange Szenen rausgeschnitten, weil die Laufzeit sonst den Rahmen gesprengt hĂ€tte. Persönlich wĂ€re ich gern tiefer in die BemĂŒhungen der GesetzeshĂŒter eingedrungen. Dieser Aspekt ist es auch im Staffelfinale, von dem so viel Aufregung und Anspannung ausgeht.
Ohnehin zeigt „Alone“ eindrucksvoll auf, dass die Schicksale abseits von Andrew Cunanan so reich an Emotionen und erzĂ€hlenswerten Inhalten sind, dass es eine Schande ist, wie selten sie doch behandelt wurden. Judith Light kommt genau richtig zum Einsatz und brilliert erneut als trauernde, starke Witwe, die es sichtbar quĂ€lt, dass der Mörder ihres geliebten Mannes immer noch nicht gefasst ist. Wo wiederum sehr viel verschenktes Potential liegt, ist der innere Kreis von Gianni Versace. Ăber dezente Andeutungen ruft man uns abermals die problematische Beziehung zwischen Giannis Schwester Donatella (Penelope Cruz) und seinem Partner Antonio D'Amico (Ricky Martin) in Erinnerung. Letzterer stellt - wie so viele - eine unbeschreiblich tragische Figur dar, der fĂŒr seine innige Liebe fĂŒr Giovanni abgestraft und geĂ€chtet wird. Doch auch der Schmerz von Donatella hallt spĂŒrbar nach, die ihren Bruder, ihr Idol und stĂ€rksten UnterstĂŒtzer, zu Grabe tragen muss.
Wenn man sieht, was Drehbuchautor Tom Rob Smith und Regisseur Daniel Minahan aus diesen wenigen Augenblicken herausholen, wird man fast etwas wehmĂŒtig, dass es in der zweiten Staffel von American Crime Story nicht mehr davon gegeben hat. Was am Ende bleibt, ist ein feinfĂŒhlig inszenierter (der Auftakt der Staffel wird mit der pompösen Montage zum Ende und dem Einsatz der gleichen Musik hervorragend gespiegelt), abschlieĂender Teil einer Geschichte, die herausragende Darbietungen und eine schockierende Charakterstudie zu bieten hatte. Bei all den StĂ€rken wird zum Schluss aber dennoch der Wunsch nach mehr laut. Nach mehr HintergrĂŒnden und mehr Umfang. Aber vielleicht ist genau das die Absicht hinter „American Crime Story: The Assassination of Gianni Versace“: Manchmal kann auch eine verhĂ€ltnismĂ€Ăig kleine Geschichte gewaltige Zwischentöne erzeugen. Das trifft auf „Versace“ durchaus zu. Wenn nur die vielen verpassten Chancen und Möglichkeiten nicht gewesen wĂ€ren...
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 22. MÀrz 2018American Crime Story 2x09 Trailer
(American Crime Story 2x09)
Schauspieler in der Episode American Crime Story 2x09
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