American Crime Story 2x08

© ndrew (Darren Criss) und Modesto Cunanan (Jon Jon Briones) in âCreator/Destroyerâ (c) FX
Nach all den bizarren, gespenstischen, blutrĂŒnstigen Episoden aus dem Leben von Serienmörder Andrew Cunanan (Darren Criss), die uns die zweite Staffel von American Crime Story bis dato prĂ€sentiert hat, ist es in der Folge Creator/Destroyer nun offenbar an der Zeit, einen groĂen Schritt zurĂŒck in der anachronistischen ErzĂ€hlstruktur zu machen. So steht die Persönlichkeitswerdung der Hauptfigur im Fokus sowie die Ursachen und GrĂŒnde dafĂŒr, warum Andrew ist, wie er ist und warum er sich verhĂ€lt, wie er sich eben verhĂ€lt. Mittlerweile kennen wir den Charakter und seine Eigenheiten nur zu gut, was vor allem daran liegt, dass die Macher nicht mĂŒde werden zu wiederholen, wie Andrew Cunanan funktioniert und was ihn antreibt. Doch das alles hatte einen Anfang, der nun ausfĂŒhrlich offengelegt wird.
So aufschlussreich und immer wieder auf sonderbare Art faszinierend der Abstecher ins Leben des jungen Andrew ist, so sehr trauert man am Ende der von Matt Bomer (ja, der Matt Bomer, bekannt aus White Collar, American Horror Story und mehr) kraftvoll inszenierten Episode einer verpassten Chance nach. Der Titel der Folge sowie die ersten Minuten suggerieren, dass man uns eine Geschichte voller Kontraste zwischen Andrew Cunanan und seinem prominenten Mordopfer Gianni Versace (Edgar Ramirez) bieten wird. Diese beiden Charaktere stehen in „The Assassination of Gianni Versace“ in einem speziellen VerhĂ€ltnis zueinander und narrativ scheint nun der geeignete Moment gekommen zu sein, sie zu vergleichen und ihre unterschiedlichen Wege zu beleuchten, die sie letzten Endes an den tragischen Punkt gebracht haben, mit dem die ErzĂ€hlung endet: mit dem Mord an Versace.
What are you?
Doch eine derartige Auseinandersetzung bleibt leider aus. Den Machern reicht ein kurzer Augenblick im Leben des jungen Gianni Versaces Ende der 1950er Jahren in seiner Heimat Kalabrien, der geschickt illustriert, unter welchen Voraussetzungen und mit welcher MentalitĂ€t Versace groĂ geworden ist. Seine Mutter ermutigte ihn in frĂŒhen Jahren, seiner Leidenschaft zu folgen und auf sein Herz zu hören. Mit viel Arbeit, FleiĂ und Mut kann und wird Gianni eines Tages seine TrĂ€ume verwirklichen und erfolgreich sein. All dies muss genĂŒgen, um den Bogen zu Andrew zu spannen, dessen Erziehung gegensĂ€tzlicher nicht hĂ€tte verlaufen kann. TatsĂ€chlich lĂ€sst man sich in der Folge in den Bann dieser eigentlich furchtbar tragischen Geschichte eines jungen Menschen ziehen, der frĂŒh dazu verdammt war, eine bestimmte Entwicklung zu nehmen. Es entsteht aber auch der Eindruck, dass man einiges an Potential ungenutzt lĂ€sst und so viel mehr möglich gewesen wĂ€re.
How to dream
Es ist ein Meckern auf hohem Niveau, aber ich komme nicht umher, wĂ€hrend der Sichtung von „Creator/Destroyer“ gedanklich immer wieder einen Schwenk zu Versace zu machen, dessen Leben mich ebenso sehr interessiert wie Andrews Erwachsenwerden. Doch wir bleiben weiterhin bei der âAndrew-Cunanan-Showâ, was in diesem konkreten Fall aber nicht allzu abwertend gemeint ist. Ganz im Gegenteil, es erschlieĂen sich hier neue, spannende Facetten des Charakters, die Licht ins Dunkel bringen und mitunter unverstĂ€ndlich erklĂ€ren, was mit ihm nicht stimmt und warum er nicht anders kann, als permanent ein LĂŒgenmĂ€rchen zu leben und fast schon krankhaft andere Menschen zu manipulieren.
Den entscheidenden Anteil an dem Andrew Cunanan, der letztlich zum Serienmörder wurde, hatte sein Vater Modesto Cunanan (Jon Jon Briones). Oder auch Pete, ein Name, den er sich selbst gegeben hat, um seine Herkunft zu verbergen und seine Chancen in der amerikanischen Gesellschaft zu wahren. Modesto wirkt zunĂ€chst wie ein Mann, der den amerikanischen Traum mit voller Ăberzeugung und Inbrunst lebt, der anpackt und groĂe Freude daran hat, der Schmied seines eigenen GlĂŒckes zu sein. Unter dieser optimistischen, opportunistischen Fassade versteckt sich jedoch ein pathologischer LĂŒgner, ein Scharlatan und ausfallender Ehemann. Und ein Vater, der nahezu besessen von seinem jĂŒngsten Sohn Andrew ist und der nur das Beste fĂŒr diesen will. Durch Modestos Lektionen und Lebenseinstellung entspinnt sich ein verzerrtes Bild der RealitĂ€t fĂŒr den jungen Andrew, dem von klein auf eingetrichtert wurde, wie besonders und einzigartig er doch ist. Und dass ihm diese Einzigartigkeit all seine TrĂ€ume und WĂŒnsche erfĂŒllen wird. Der Erfolg kommt von ganz allein, weil er so besonders ist. Von harter Arbeit und dem dazugehörigen verdienten Lohn kann keine Rede sein...
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Anything to hide?
Es gibt unzĂ€hlige Faktoren, die Andrew bei seiner persönlichen Entwicklung beeinflusst haben. Zum Beispiel die Diskriminierung aufgrund seiner sexuellen Ausrichtung, die sich in alltĂ€glichen homophoben Kommentaren widerspiegelt. Oder aber die groĂe Schere zwischen Arm und Reich in der US-Gesellschaft, was Andrew dazu bringt, mit aller Macht dagegen anzukĂ€mpfen, ein mittelloser Niemand zu werden und in Vergessenheit zu geraten. Dieses toxische Gesellschaftskonstrukt befeuert seinen Geltungswahn nur noch umso mehr und formt ihn dementsprechend. Doch nichts davon hat ihn so sehr geprĂ€gt wie sein Vater. Er ist es sogar gewesen, der Andrew erst auf einige dieser Faktoren indirekt aufmerksam gemacht hat, die sich dann tief in ihm verankert haben.
Die Privilegien, die Andrew in jungen Jahren genossen hat, haben ihn zu einer bemitleidenswerten Gestalt mit perverser Eigenwahrnehmung gemacht, die selbstverstĂ€ndlich nur das Beste verdient und sich um niemand anderen schert als um sich selbst. „AprĂšs moi le dĂ©luge!“ - Nach mir die Sintflut. Bezeichnender kann ein von ihm selbst gewĂ€hltes Zitat in seinem Jahrbuch nicht sein. Aber Andrew liebt es auch, anzuecken und so besonders zu sein, wie es ihm von seinem Vater immer wieder gesagt wurde. Er liebt die Aufmerksamkeit und die Blicke der anderen (sein Auftritt auf einer Party in einem roten, ledernen Overall ist unbezahlbar), denen er es eines Tages schon zeigen wird. Sein Vater hat es ja genauso getan, er hat sich hochgearbeitet und sĂ€mtlichen Herausforderungen getrotzt. Modesto Cunanan hat bei Null angefangen und ist heute ein erfolgreicher Börsenmakler, der mit seinem Charme und Charisma einen Deal nach dem anderen eintĂŒtet.
Out of reach
Wenn es doch nur so wĂ€re. Wie sich herausstellt, ist Modesto ein egozentrisches Ekel, der seine Frau schlĂ€gt und jahrelang andere Menschen ausgetrickst und bestohlen hat. Als es hart auf hart kommt, nimmt er feige ReiĂaus und lĂ€sst seine Familie im Stich, um seine eigene Haut zu retten. FĂŒr Andrew bricht eine Welt zusammen, diese rosarote Traumwelt, die fĂŒr ihn geschaffen wurde und an der irgendwann selbst eifrig mitgebastelt hat. Es war alles nur Schein. Und jetzt? Kann Andrew je ein anderes Leben fĂŒhren, ein Leben, auf das er nie wirklich vorbereitet wurde? Wir kennen die Antwort nur zu gut, weil es uns in den bisherigen Folgen immer wieder eindringlich aufgezeigt wurde: Nein. Andrew ist zu einer Version seines trĂŒgerischen, egoistischen Vaters geworden. Aber wessen Schuld ist das nun? Die seines Vaters? Oder seine eigene?
See what has become of me
Drehbuchautor Tom Rob Smith seziert den Charakter vollends und zeigt dem Publikum den Punkt, ab dem Andrews zukĂŒnftiger Werdegang in Stein gemeiĂelt wurde. Als er seinen Vater auf den Philippinen besucht, scheint es so, als hĂ€tte Andrew noch eine finale Chance, das Ruder rumzureiĂen. Aber wie, wenn ihm die Mittel dafĂŒr nie gegeben wurden? Wie, wenn seine Erziehung ihm nicht die Werkzeuge gereicht hat, um sich von seiner ScheinidentitĂ€t zu lösen? In einem starken, wenn auch absurden Moment gibt Modesto seinem eigenen Sohn die Schuld daran, dass dieser nun am Boden ist. Er wollte doch stets all die Privilegien und das ganze Geld, das sein Leben so einfach gemacht hat. Er hat es angenommen und geglaubt. Dass Andrew aber zu dieser Person gemacht wurde, die jetzt gar nicht mehr anders kann, als so zu leben, wie man es ihm von Kindesbeinen an aufgezeigt hat, zeigt sich in der Machtlosigkeit und lĂ€hmenden EnttĂ€uschung Andrews sich selbst und seinem Vater gegenĂŒber.
Creator/Destroyer, ein Episodentitel, der offensichtlich auf die Rolle von Andrews Vater in seinem Leben anspielt, gibt der Hauptfigur der zweiten Staffel von American Crime Story neue Tiefen und stellt erfolgreich die Frage, wie entscheidend es sein kann, unter welchen UmstĂ€nden ein Mensch aufwĂ€chst. Andrew, letztlich völlig desillusioniert, kennt am Ende nur eine Möglichkeit, sein böses Erwachen vergessen zu machen: die Flucht in die nĂ€chste Traumwelt. Und so beginnt sie, die AbwĂ€rtsspirale voller LĂŒgen und krankhafter Manipulation, was auf lange Sicht nicht gutgehen kann. Sein Vater ist ein mahnendes Beispiel, doch der Glaube daran, dass Andrew nach wie vor so besonders ist - aus Selbstschutz vor der bitteren Wahrheit -, versetzt Berge, wenn auch nur fĂŒr ihn allein. Man empfindet schlussendlich fast schon Mitleid fĂŒr Andrew. Und wer hĂ€tte das fĂŒr möglich gehalten...
Trailer zu Episode 2x09: âAloneâ
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 15. MÀrz 2018American Crime Story 2x08 Trailer
(American Crime Story 2x08)
Schauspieler in der Episode American Crime Story 2x08
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