American Crime Story 2x07

American Crime Story 2x07

Nach dem Fall ist vor dem Aufstieg: Ascent zeigt nicht nur, wie Andrew neue Sphären erklimmt, auch Donatella Versace nimmt in der Episode eine prominente Rolle ein. Der Blick auf ihre Beziehung zu Bruder Gianni ist das Highlight der Folge. An anderer Stelle dreht man sich jedoch im Kreis.

Gianni (Edgar Ramirez) und Donatella Versace (Penelope Cruz) in „Ascent“ (c) FX
Gianni (Edgar Ramirez) und Donatella Versace (Penelope Cruz) in „Ascent“ (c) FX
© ianni (Edgar Ramirez) und Donatella Versace (Penelope Cruz) in „Ascent“ (c) FX

Es ist eine ganze Weile her, als wir uns das letzte Mal in dieser zweiten Staffel von American Crime Story mit Gianni Versace und seinen Nächsten beschäftigt haben. Fast schon mit einer Art trojanischem Pferd hat man die Zuschauer gelockt, die eine detaillierte Aufarbeitung des Mordes an dem weltberühmten Modedesigner erwartet haben. „The Assassination of Gianni Versace“ hat jedoch recht schnell eine andere Wendung genommen und sich allen voran Versaces Mörder Andrew Cunanan gewidmet, der weiterhin einen essentiellen Teil der Erzählung ausmacht. Dieser Charakter kann sich auf Dauer aber auch erschöpfen, was in Ascent so deutlich wie selten zuvor wird.

Nachdem wir in der letzten Episode Andrews unsanften Absturz miterlebt haben, erfahren wir nun, wie er es überhaupt geschafft hat, in den elitären Kreis des Unternehmers Norman Blackford (Michael Nouri) aufzusteigen. Abermals manipuliert sich der durchtriebene Andrew bis an die Spitze, von wo aus er schlussendlich am liebsten all den Neidern seiner Vergangenheit unter die Nase reiben will, wo er letztlich gelandet ist. Sein perfider Egoismus treibt ihn unermüdlich an, keine noch so unbedeutende Alltagssituation kann er ohne die nächste lächerliche Lügengeschichte bestreiten. Er hat sich ein Bild von sich selbst aufgebaut, dass er nicht mehr einreißen kann und fast schon zwanghaft am Leben erhalten muss.

Outcast no more

Es bleibt faszinierend, Andrew bei seinem realitätsfremden Verhalten zu beobachten. Wie sich ein Mensch derartig durch eine Gesellschaft manövrieren kann und jedermann um den Finger wickelt, um etwas zu bekommen, was ihn persönlich weiterbringt, ist sagenhaft. Es ist jedoch auch ein Thema, dass die zweite Staffel von „American Crime Story“ mittlerweile umfangreich beleuchtet hat. Die Darbietung von Darren Criss ist nach wie vor überzeugend und gespenstisch zugleich, nur eben der Charakter Andrew Cunanan tritt vermehrt auf der Stelle. All diese Informationen und Einblicke sollen uns letztlich dabei helfen, die Persönlichkeit Andrews besser verstehen zu können. Mitunter kommt es einem jedoch so vor, als würde man ihn schon viel zu gut kennen und als würden wir uns, was seine Figurenzeichnung betrifft, ein wenig im Kreis drehen.

Where do you go

Hinsichtlich Andrew wird es in „Ascent“ eigentlich nur spannend, als er - wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben - ausnahmsweise mal nicht bekommt, was er will. Am tiefsten Punkt angekommen bewirbt er sich bei einer Escort-Agentur, bei der er prompt auf oberflächliche Attribute reduziert und zu einem reinen Objekt gemacht wird. Sein Intellekt, sein Charme, seine Eleganz bringen ihn dieses Mal nicht weiter - was Andrew wiederum vor Augen führt, wie falsch sein riskantes Lügengebilde doch eigentlich ist und dass er nicht wirklich über eine eigene Identität verfügt. Doch anstatt sich zu verändern, schaltet er einen Gang höher und feilt noch mehr an seiner ausgedachten Persona, was ihn tatsächlich zum Ort seiner Träume bringt. Für den Moment wohlgemerkt, denn auch dieses Gebilde ist fragil, wie die vorangegangene Episode gezeigt hat.

Es gibt in dieser Episode immer wieder Momente, in denen sich Andrew scheinbar einsichtig zeigt, ob er nun allein gelassen in einer Schwulenbar sitzt oder aber verträumt fantasiert, wie schön das Leben doch mit David (Cody Fern) sein könnte, den er in einem Restaurant aufgabelt. Es gibt scheinbar diese Augenblicke, in denen Andrew sein falsches Leben hinter sich lassen könnte, es aber nicht tut, weil er einfach nicht genug davon kriegen kann. Dafür stößt er gar seine eigene Mutter von sich ab, der Platz bei den Sternen gehört einzig und allein ihm, er will ihn um keinen Preis teilen. Dies ist eine spannende Facette des Charakters, doch, bis wir dahin kommen, verliert sich die Handlung von Andrew etwas zu oft in Szenen, die repetitiv und ein wenig abgenutzt erscheinen. Eben, weil wir Andrew Cunanan inzwischen extrem gut kennen und seine psychopathischen Tendenzen eine erzählerische Grenze haben.

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FX
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Legacy

Dies kann man von der Geschichte um Gianni Versace und seiner Schwester Donatella nicht behaupten, spielte diese bisher doch eher eine Nebenrolle. Umso besser, dass wir nun gezielt in das Verhältnis der beiden Geschwister eintauchen, dem man als Zuschauer so viel entnehmen kann. Getragen von zwei hervorragenden Schauspielleistungen durch Penelope Cruz (trotz nach wie vor eigenwilligem Akzent) und Edgar Ramirez erleben wir hautnah mit, welch Tribut Giannis Krebserkrankung Anfang der 1990er Jahre forderte. Für ihn, für seine Schwester und für das Unternehmen Versace. Doch es ist vor allem Donatellas Geschichte, die hier eindringlich und besonders kraftvoll vorgetragen wird.

Ob beabsichtigt oder nicht, die Erzählung passt thematisch hervorragend zum heutigen Weltfrauentag. Denn so sehr Donatella Versace aufgetragen wird, wer oder was sie zu sein hat, am Ende ist es sie selbst, die bestimmt, wer sie ist. Wir erfahren zunächst über Nuancen und kleine Details, was Donatella Versace für ein Mensch ist: Sie ist ihrem Bruder treu ergeben, sie liebt ihn und sie verfügt über großes Potential, von dem sie selbst nicht überzeugt zu sein scheint. Nun wird sie das erste Mal in ihrem Leben vor die Herausforderung gestellt, selbst zu kreieren und zu erschaffen. Sie zweifelt jedoch an sich selbst und an ihren Visionen, während ihr Bruder sie fast schon dazu zwingt, sich ihren Ideen hinzugeben und mit Leidenschaft ihren eigenen Stil zu designen. Es prallen zwei Welten aufeinander. Donatella wirkt kühler, wirtschaftlicher. Gianni präsentiert sich gewohnt leidenschaftlich und wie eine kreative Kraft, die kaum zu halten ist.

Be great

Er will in seiner Schwester das wecken, was sie nicht zulässt. Er will sie auf die Zeit nach seinem Tod vorbereiten, er will, dass sie aufsteigt. Doch wer ist Gianni Versace, dass er so etwas einfach diktieren kann? Donatella stand stets im Schatten ihres Bruders und, so sehr er ihr auch hilft, ins Licht (und wortwörtliche Blitzgewitter) zu treten, es ist immer noch ihre eigene, persönliche Entscheidung, ob sie diesen Schritt wagen will oder nicht. Gianni fungiert als Antreiber, als jemand, der über Donatella und dem gesamten Modelabel wie eine übernatürliche Macht schwebt - eine tolle Aufnahme, die einzig Gianni während eines Meetings in einem Spiegel an der Wand zeigt, unterstreicht dies. Erzwingen kann er die Weiterentwicklung von Donatella aber nicht. Diese genießt für den Moment den Auftritt in ihrem kriegerischen, aggressiven Outfit und weiß die ungewohnte Aufmerksamkeit zu schätzen. Aber sie ist viel mehr Giannis Kreation als ihre eigene.

Creator

Er will nur das Beste für seine Schwester, die er über alles liebt. Diese muss aber ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigene Identität und ihren eigenen Stil finden, so schwierig das auch sein mag, denn die äußeren Faktoren wie ihr Verantwortungsbewusstsein für das Vermächtnis von Versace nehmen natürlich großen Einfluss auf sie. Es ist ein Fest, Donatella bei diesen komplizierten Entscheidungen und ihrer neuen Persönlichkeitswerdung zu beobachten, wie sie hier und da einen kleinen Anstoß braucht, um sich zu entfalten, an anderer Stelle aber ihrem schwächelnden Bruder bewusst Kontra gibt, der mit seinen Visionen immer wieder über das Ziel hinausschießt. Donatella könnte den einfachen Weg gehen und Gianni das geben, was er will - so, wie Andrew sich stets anpasst, um an das zu kommen, was er will. Sie muss aber sie selbst sein. Wer wäre sie sonst?

Wir sehen zwei Charaktere, die einander alles bedeuten und nicht ohne den anderen können, sich jedoch auf das Schlimmste gefasst machen müssen. Der innige Bund der Geschwister wird subtil aufgezeigt, ebenso wie deren großen Unterschiede, wenn es darum geht, wie sie an das Leben herangehen. Dieser spannende Aspekt kam in der zweiten Staffel von American Crime Story bisher leider viel zu kurz, weil der Fokus sehr stark auf Andrew Cunanan lag. Diesen umgibt eine komplexe Geschichte, die sich nicht nur mit einem außergewöhnlichen Charakter, sondern auch mit tief in der Gesellschaft verankerten Problemen wie Homophobie befasst. Schaut man sich aber Ascent und das Zusammenspiel von Donatella und Gianni Versace an, dann wünscht man sich ein bisschen, dass „The Assassination of Gianni Versace“ viel öfters Geschichten abseits von Andrew Cunanan erzählen würde.

Trailer zu Episode 2x08: „Creator / Destroyer“

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 8. März 2018

American Crime Story 2x07 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 7
(American Crime Story 2x07)
Deutscher Titel der Episode
Aufstieg
Titel der Episode im Original
Ascent
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 7. März 2018 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 12. März 2018
Autor
Tom Rob Smith
Regisseur
Gwyneth Horder-Payton

Schauspieler in der Episode American Crime Story 2x07

Darsteller
Rolle
Edgar Ramirez
Penelope Cruz
Annaleigh Ashford

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