American Crime Story 3x01

© eanie Feldstein als Monica Lewinsky in der Serie American Crime Story (c) FX
Fünf Jahre nach The People v. O. J. Simpson und drei Jahre nach The Assassination of Gianni Versace ging diese Woche endlich die dritte Staffel der FX-Anthologieserie American Crime Story auf Sendung, die diesmal unter dem Titel Impeachment läuft. Es war ein langes Hin und Her, ob die Affäre des früheren US-Präsidenten Bill Clinton mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky überhaupt als Kriminalgeschichte taugt. 2018 war die Adaption ganz abgesagt worden, nur um ein Jahr später wieder aufgegriffen zu werden. Und dann sorgte auch Corona für einen vorübergehenden Drehstopp.
Die Vorzeichen zur neuen ACS-Season hätten also durchaus besser stehen können. Doch hat sich die Umsetzung am Ende trotzdem gelohnt? Wir haben einen Blick in die einstündige Auftaktepisode Exiles geworfen, die vom Franchise-Schöpfer Ryan Murphy höchstpersönlich inszeniert und von der Bühnenautorin Sarah Burgess geschrieben wurde. Die Deutschlandpremiere von „Impeachment“ soll übrigens am 28. September bei Sky Atlantic stattfinden. Bei Netflix kann man derzeit noch die zwei früheren Staffeln streamen.
Worum geht's?
Die Erzählung startet 1998, als Lewinsky (Beanie Feldstein, „Booksmart“) von ihrer Arbeitskollegin Linda Tripp (Sarah Paulson - wer sonst?) in eine Falle gelockt wird. Die junge Regierungsbeamtin soll auspacken, um den mächtigsten Mann der Welt zu Fall zu bringen. Nun springen wir zurück ins Jahr 1993, um Tripp und ihre Motive kennenzulernen. Sie ist eine Veteranin im Weißen Haus, die dem früheren Hausherren Bush Senior nachtrauert. Doch ihr Verantwortungsgefühl gebietet es ihr, auch der Clinton-Administration treue Dienste zu leisten. Doch dann passiert etwas Unerwartetes...
Ihr Chef, um den sich unschöne Gerüchte ranken, begeht Selbstmord. Tripp hat ihren letzten Freund im West Wing verloren und wird bald durch Kathleen Willey (Elizabeth Reaser) ersetzt, die einen besonderen Draht zum Präsidenten hat. Sie selbst erwartet nun eine Exilantenstelle im Pentagon - scheinbar das Sibirien für amerikanische Staatsdiener. 1996 trifft Tripp dort eine neue Mitarbeiterin, nämlich Lewinsky, deren Versetzung in vielerlei Hinsicht Fragen aufwirft. Tripp wittert einen Skandal rund um die junge Frau, der ihr die Chance auf Rache und einen lukrativen Buchvertrag eröffnen könnte.

Bill Clinton (Clive Owen, The Knick), der das eigentliche Verbrechen begangen hat, indem er später unter Eid darüber log, eine sexuelle Beziehung zu Lewinsky gehabt zu haben - was ihm das titelgebende Amtsenthebungsverfahren einbrachte -, kriegen wir nur kurz am Ende der ersten Episode zu Gesicht. Und auch seine Gattin Hillary (Edie Falco, The Sopranos) taucht einmal auf. Genauso wie andere Schlüsselfiguren der damaligen Zeit, darunter die erzkonservative Kommentatorin Ann Coulter (Cobie Smulders, How I Met Your Mother).
Der wichtigste Nebenhandlungsstrang hängt an Paula Jones (Annaleigh Ashford, B Positive), die zusammen mit ihrem Mann Steve (Taran Killam) parallel Klage einreicht gegen Clinton. Auch sie kam dem Präsidenten sehr nah, wobei seine Avancen für sie vollkommen unwillkommen waren. Er soll sie sexuell belästigt haben, als er Gouverneur von Arkansas war. Sie fordert eine öffentliche Entschuldigung - und wird damit leider bald zur Witzfigur. Wie sie als sichtlich verstörtes Belästigungsopfer von den männlichen Journalisten verhöhnt wird, ist vielleicht die eindrucksvollste Szene des gesamten Auftakts...
Wie ist es?
Die Serie setzt durchaus voraus, dass es bei gewissen Namen Klick macht. Wobei sie hierzulande deutlich weniger bekannt sein dürften. Doch das gehört fest zur DNA von American Crime Story, zumal der Amerikafokus ja bereits im Namen steckt. Wie schon bei den zwei früheren Staffeln wird auch diesmal ein klares Gefühl der damaligen Zeit etabliert - die Neunziger, wie sie leibten und lebten! Das geschieht zum Beispiel über Popsongs, Frisuren, Kostümen oder mittels Requisiten wie dem guten, alten Pager, der heutzutage nur noch im Museum anzufinden wäre. Man ist sofort drin.
Andererseits wirkt manches unfreiwillig komisch, zumal dieser Eindruck schon bei den ersten Vorschauvideos entstand, die den eher als peinlich geltenden Präsidenten zu einer geheimnisvollen Gestalt verklären wollten. Auch scheinen sich nicht alle Schauspieler in der Serie einig zu sein, ob sie eine Comedy oder ein Drama spielen wollen. Vor allem Paulson wirkt auf einem schlechten Trip(p) mit ihrer Darbietung, denn sie macht aus ihrer zugegeben unsympathischen Beamtin eine bitterböse Schurkin. Einzig Feldsteins Lewinksy gibt bislang einen wirklich humanen Charakter ab, der keiner Karikatur gleicht.

Vielleicht ist Lewinskys Echtheit einfach darauf zurückzuführen, dass die echte Monica Lewinsky tatsächlich sehr viel mitzureden hatte bei der Adaption. Sie soll angeblich jede Dialogzeile persönlich abgesegnet haben (wir berichteten). Damit ist klar, dass die Serie eher dazu einlädt, mit ihr mitzufühlen. Obwohl eine unparteiische Positionierung bei der Aufarbeitung solcher Skandale sowieso unmöglich wäre. Dann lieber Lewinskys Version als die von Bill Clinton, der „Impeachment“ wegignorieren wird, so gut es geht.
Bevor ich abschließend ein ganz generelles Problem des Stoffes ansprechen will, noch ein Wort der Empfehlung: Wer allgemein auf Politdramen steht, wer wissen will, wie es sich in den engen Büros im Weißen Haus anfühlt und wie Regierungsarbeit hinter den Kulissen abläuft, sollte die neue Staffel von American Crime Story definitiv schauen. Auch, wenn man nicht jede reale Persönlichkeit kennt und sich nicht an jede politische Krise der damaligen Zeit erinnert, wirkt der Gesamteindruck dank Murphys Regie doch sehr überzeugend. Wie eine Zeitkapsel hat er die Clinton-Ära eingefangen. Das ist ihm gelungen.
Was stimmt nicht?
Eine große Frage schwebt hier aber über allem: Ist die neue „Impeachment“-Staffel wirklich eine würdige Vertreterin dieses bislang so brillanten Anthologie-Formats American Crime Story? Nachdem uns zwei der kulturell aufgeladensten Mordfälle in der Geschichte der modernen USA präsentiert wurden, folgt nun ein Fall, der im direkten Vergleich schlichtweg nicht mithalten kann. Mit dieser Aussage soll keinesfalls heruntergespielt werden, dass Clinton sein Amt missbraucht und wahrscheinlich mehrere Frauen sexuell belästigt hat. Es wirkt wie gesagt nur albern, ihn quasi auf dieselbe Stufe zu stellen wie einen O. J. Simpson oder den Versace-Mörder. Gerade diese Unverhältnismäßigkeit könnte die diffuse Atmosphäre in der Season erklären, die spürbar mitschwingt.
Außerdem kommt hinzu: Die neue „ACS“-Staffel „Impeachment“ erscheint nicht im luftleeren Raum, sondern in einem Zeitgeist, doch noch immer stark von vier Jahren Trump geprägt ist. Die amerikanische Gesellschaft muss sich erst von dem ganzen Wahnsinn erholen, den sie erlebt hat. So populistisch das auch klingen mag: Donald Trump hat in einem Monat viermal mehr Skandale verzapft als Clinton in acht Jahren. Auch in Sachen Amtsenthebungsverfahren steht es zwei zu eins für Trump.
Trotzdem noch mal zur Klarheit: Clinton war kein Chorknabe und natürlich sollten seine Fehltaten kritisch aufgearbeitet werden. Ich frage mich nur, ob nüchterne Dokus und Bücher dafür nicht den besseren Rahmen bieten als eine auf Effekt polierte Prestige-Dramaserie.
Hier abschließend noch der aktuelle Trailer zur Staffel Impeachment der Serie American Crime Story:
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Verfasser: Bjarne Bock am Donnerstag, 9. September 2021American Crime Story 3x01 Trailer
(American Crime Story 3x01)
Schauspieler in der Episode American Crime Story 3x01
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