American Crime Story 1x10

Wie es der Dramaturgie eines Staffelfinales geziemt, erreicht die Dramaserie American Crime Story ihren Höhenpunkt in der letzten Episode, die den selbsterklärenden Titel The Verdict trägt. Genüsslich arbeiten sich die Serienschöpfer Scott Alexander, Larry Karaszewski und Ryan Murphy in ihren Funktionen als Drehbuchautoren und Regisseur zur Urteilsverkündung vor - und spannen uns Zuschauer dabei auf die Folter, wie es kaum eine andere Serie in diesem Jahr geschafft hat.
He's a murderer
Der Wahnsinn rund um das Verfahren erreicht scheinbar auch OJ (Cuba Gooding Jr.) selbst, obwohl der davon gar nicht so viel mitbekommen dürfte. Trotzdem wünscht er sich bei seinem Statement, das ihn Richter Ito (Kenneth Choi) entgegen des Widerspruchs von Marcia Clark (Sarah Paulson) machen lässt: „I just want this trial to be over.“ Dieses Gefühl dürfte er wohl mit den meisten Prozessbeteiligten teilen - vor allem den Juroren. Medienmacher hingegen könnten sich wohl nichts Schöneres vorstellen als ein weiter in die Länge gezogenes Verfahren.
Wir werden zu Beginn noch einmal an die Perversion des Spektakels erinnert, als ein Reporter darüber berichtet, welche Quote die Wettanbieter aus Las Vegas für den Prozessausgang angesetzt haben - sie erwarten eine Schuldigsprechung. Das erwartet weiterhin auch das Team von der Staatsanwaltschaft um Marcia Clark und Christopher Darden (Sterling K. Brown), die beide eindrückliche Abschlussplädoyers halten. Während Marcia die erdrückende Beweislage zurück in die Erinnerung der Juroren ruft, konzentriert sich Chris darauf, die Tatnacht zu rekonstruieren und sie mit den vergangenen Gewalttaten OJs gegen Nicole in Verbindung zu bringen.
Er kommt zu einem eindeutigen Schluss: „It was a ticking time bomb.“ Das von ihm gezeichnete Bild ist so eindrücklich, dass OJ plötzlich anfängt, zu weinen. Danach scheint der Gerichtssaal für einige Augenblicke komplett stillzustehen. Es folgt der mitreißende Auftritt von Johnnie Cochran (Courtney B. Vance), der - wie zu erwarten war - die Konzentration der Jury alleine auf die Tatsache lenkt, dass innerhalb des LAPD eine rassistische Kultur grassiere, die es einem Polizisten wie Mark Fuhrman erlaubt habe, OJ einen Doppelmord anzuhängen. Er nennt Fuhrman sogar „the personification of evil.“

Und dann packt er einen Slogan aus, der ihm in der Nacht zuvor erst eingefallen ist: „If it doesn't fit, you must acquit.“ Gemeint ist natürlich der Handschuh, der unweit des Tatorts gefunden worden war und den sich OJ vor den Augen der Jury überstreifen musste. Damals hatte es so ausgesehen, als würde ihm der Handschuh nicht passen, was in der anschließenden Juryberatung aber gar keine große Rolle mehr spielt. Die Entscheidung der Geschworenen bewegt sich ganz offensichtlich noch viel näher entlang einer ethnischen Grenzlinie, als bisher angenommen.
In search of justice
Die erste geheime Abstimmung geht eindeutig aus - zehn zu zwei für einen Freispruch. Die beiden Stimmen für einen Schuldspruch kommen tatsächlich von den einzigen beiden weißen Jurymitgliedern. Und dann passiert etwas vollkommen Unerwartetes - die Jury erreicht in Rekordzeit ihr Urteil. Laut Serienversion sind das vier Stunden, in diesem lesenswerten Interview mit Vulture gibt Marcia Clark jedoch an, dass es tatsächlich nur zwei Stunden gewesen seien.
Beide Seiten wissen hernach einmal mehr nicht, was sie mit dieser Information anfangen sollen. In heller Aufregung sind sie jedenfalls: „They've discussed this case less than anybody in America.“ Während innerhalb der Verteidigung ein Streit über den Schutz von Johnnie durch Vertreter der antijüdisch eingestellten Nation of Islam tobt, versucht Darden gegenüber Marcia, optimistische Miene zum bösen Spiel zu machen: „What if we won?“ Diese Dialogzeile hat mich unweigerlich an eine der bekanntesten aus The Wire erinnert - nicht nur wegen des beinahe gleichen Wortlauts, sondern auch, weil sich Darden und Herc (Domenick Lombardozzi) ähnlich leichtgläubig äußern.
Am Tag der Urteilsverkündung knistert die Luft vor Spannung, woran sich Murphy und Konsorten mit spürbarer Wollust laben. Die Kamera fährt die Gesichter der Beteiligten ab, jede Formalität wird kleinlich ausgeleuchtet, dazwischen werden Originalaufnahmen von den Liveübertragungen geschaltet. Dann endlich liest die Gerichtsdienerin das Urteil vor - inklusive kurzem Versprecher, wie hier nachzusehen ist. Neben OJ freut sich Cochran am meisten über den Freispruch, während Bob Kardashian (David Schwimmer) nur schweigend vor sich hin starrt.

In den Zuschauerreihen bricht Ron Goldmans Schwester Kim (Jessica Blair Herman) in den Armen ihres Vaters Fred (Joseph Siravo) zusammen. Richter Ito bedankt sich bei der Jury und entlässt sie. Einer der Juroren dreht sich beim Verlassen des Gerichtssaals noch einmal zu OJ um, reckt die rechte Faust in die Höhe und nickt dem von ihm Freigesprochenen zu. OJ ist darüber verblüfft, bedankt sich aber rasch seinerseits mit einem Nicken. Wer nun jedoch geglaubt hat, dass der beste Teil der Episode vorüber ist, der wird zu seiner oder ihrer Freude mit vielen weiteren hervorragenden Szenen belohnt.
Out of the shadows
Zunächst versucht das Anklageteam, seine Fassungslosigkeit (die in dieser Form laut Clark nie bestand) in Worte zu fassen. Darden will nicht vor die Presse treten, Marcia schämt sich, Garcetti (Bruce Greenwood) versucht, sie zu trösten. Ihnen allen stehen die Tränen in den Augen, bei der anschließenden gemeinsamen Pressekonferenz mit Familie Goldman können sie diese kaum unterdrücken. Am wenigsten kann das Chris, der seine Ansprache einfach abbricht, um die Goldmans schluchzend zu umarmen.
Wie zentral er für diese Geschichte war, beweisen die nachfolgenden Szenen. Auf die Respektsbekundung von Johnnie Cochran reagiert Chris äußerst reserviert: „You haven't changed anything for black people here.“ Angesichts des derzeitigen Zustandes der amerikanischen Gesellschaft könnten seine Worte glatt als Prophezeiung eingestuft werden. Aber auch Cochran hat nicht ganz unrecht, wie ihm sogar US-Präsident Bill Clinton bescheinigt - wenigstens wurde nach dem Verfahren öffentlich über die Rassenproblematik diskutiert.
Den Rücktrittswunsch, den Chris danach gegenüber Marcia äußert, kann diese nur halbherzig zurückweisen (beide sind in Wirklichkeit zurückgetreten). Sie honoriert lieber die zwischen ihnen gewachsene Freundschaft, indem sie Darden in ein dunkles Kapitel aus ihrer Vergangenheit einweiht. Auch über den Echtheitsgehalt dieser Aussagen hat Clark in besagtem Interview viel Interessantes zu sagen - die Kernaussage, die ihre fiktionalisierte Version trifft, lehnt sie jedoch rundheraus ab: „Vengeance for victims, that's what justice is for me.“
Die Freude über seine Entlassung währt bei OJ indes nur kurz. Glaubt man der Serienversion, gibt es außer seinem engsten Familienkreis kaum noch jemanden, der etwas mit ihm zu tun haben möchte. Auf seiner Freilassungsparty fehlen die besten Freunde, und der allerbeste, Bob, hält es dort keine halbe Stunde aus: „I'm done.“ Ob unschuldig oder nicht (an ihrer Einstellung dazu lässt die Serie kaum einen Zweifel) - er ist ein geschlagener Mann. Heutzutage sitzt der echte OJ im Gefängnis, allerdings für eine andere Tat. Der Mord an Nicole Brown und Ron Goldman bleibt ungesühnt.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 6. April 2016(American Crime Story 1x10)
Schauspieler in der Episode American Crime Story 1x10
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