American Crime Story 1x09

American Crime Story 1x09

Der am Tatort zuerst anwesende Polizist Mark Fuhrman rückt in der American Crime Story-Episode Manna from Heaven erneut in den Mittelpunkt der Geschichte - und mit ihm die Frage nach rassistischen Tendenzen innerhalb des LAPD. All das ist höchst spannend aufbereitet.

Ungläubig schaut Fred Goldman (Joseph Siravo) zu, was vor Gericht passiert. / (c) FX
Ungläubig schaut Fred Goldman (Joseph Siravo) zu, was vor Gericht passiert. / (c) FX

Als Laie in juristischen Fragen stelle ich mir stets vor, dass es vor Gericht jederzeit gesittet vorgeht. So sieht es das Gesetz vor - und so wird es uns in den meisten Justizserien auch präsentiert. Das überraschend großartige Format American Crime Story räumt mit diesem Mythos jedoch auf, in der Episode Manna from Heaven mehr als zuvor schon. Vor Gericht stehen sich Menschen gegenüber - und überall dort, wo das passiert, wird es schmutzig, wird es laut, wird es peinlich, eben: menschlich.

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Bevor uns die Drehbuchautoren und Serienschöpfer Scott Alexander und Larry Karaszewski aber in die Niederungen menschlichen Verhaltens hinablassen, stellen sie eine höchst amüsante Gegenüberstellung voran. Die Verteidigung lässt einen Arzt aussagen, dass sich OJ (Cuba Gooding Jr.) in solch schlechter körperlicher Verfassung befinde, dass er zu einem Doppelmord gar nicht fähig gewesen sein könnte. Die Staatsanwaltschaft kontert mit einem Fitnessvideo, das der Angeklagte wenige Wochen vor dem Mord aufgenommen hat und ihn als kerngesund entlarvt.

Viel zu lachen gibt es danach jedoch nicht mehr. Am Ende von A Jury in Jail war ja bereits der Hinweis beim Rechercheteam der Verteidigung eingegangen, dass es erschreckende Aufnahmen vom Kronzeugen der Anklage, Polizist Mark Fuhrman (Steven Pasquale), gebe. Wie sich herausstellt, hat er sich von Möchtegern-Drehbuchautorin Laura Hart McKinny (Marguerite Moreau) über seine Arbeit ausfragen lassen - und dabei kein Blatt vor das rassistische, sexistische, schlichtweg verabscheuungswürdige Mundwerk genommen.

Als Johnnie Cochran (Courtney B. Vance) davon erfährt, glaubt er, den goldenen Schlüssel zum Freispruch für OJ gefunden zu haben: „This is manna from heaven.“ Er und Lee Bailey (Nathan Lane) reisen zusammen nach North Carolina, wo die Aufnahmen im Gericht lagern. Was sie dort finden, ist erschreckend. Fuhrman hat ganz offensichtlich keine Probleme damit gehabt, selbst die abscheulichsten Taten vor einer Fremden breitzutreten. Das lässt darauf schließen, dass er sich keinerlei Schuld darüber bewusst ist, Schwarze zusammengeschlagen, gefoltert und Verbrechen bezichtigt zu haben, die sie nie begangen hatten.

Richter Ito (Kenneth Choi) steht vor einer schwierigen Entscheidung. © FX
Richter Ito (Kenneth Choi) steht vor einer schwierigen Entscheidung. © FX

Einen kurzen Moment des comic relief bekommen wir noch einmal, als Cochran von Bailey zwischen zwei Gerichtsverfahren zur Freigabe der Aufnahmen in die Spezifika von Dixieland eingewiesen wird: „We're in the South. Haven't you noticed the smell of mint julip and condescension in the air?“ Hernach trägt er vor dem Berufungsrichter so dick auf, dass Johnnie kaum glauben mag, was er da gerade hört. Dem Vorsitzenden gefällt jedoch sichtlich, wie Bailey ihn und seinen Bundesstaat umgarnt - er stimmt dem Antrag zu.

This whole situation is toxic

Bald darauf präsentieren sich sowohl für Anklage als auch Verteidigung neue Komplikationen. Marcia Clark (Sarah Paulson) reagiert darauf mit Galgenhumor: „There's sort of an O. Henry twist.“ Dieser Versuch kann den Ärger von Oberstaatsanwalt Garcetti (Bruce Greenwood) über die neuen Erkenntnisse jedoch nicht mildern. Die Aussagen Fuhrmans legen nämlich nahe, dass die Ehefrau von Richter Ito (Kenneth Choi), zu diesem Zeitpunkt höchstrangige Polizistin im LAPD, mehrmals mit Fuhrman aneinandergeraten war.

Das wiederum bedeutet, dass es wegen möglicher Befangenheit Itos zum mistrial kommen könnte, was für beide Seiten katastrophal wäre. Die Staatsanwaltschaft müsste sich Vorwürfe verheerender Inkompetenz gefallen lassen und für ein neues Verfahren weitere Millionen an Steuergeldern berappen. Die Verteidigung hingegen befürchtet, dass die Anklage während eines neuen Verfahrens die alten Fehler nicht noch einmal machen würde. Irgendwie wollen also alle, dass das Verfahren weitergeht - das aber natürlich mit unterschiedlichen Vorzeichen.

Und so kommt es zu mehreren emotionalen Auseinandersetzungen vor Gericht, vor allem zwischen Christopher Darden und Johnnie Cochran, was Brown und Vance einmal mehr emmywürdige Performances abverlangt. Bevor aber im Gerichtssaal ein emotionales Feuerwerk abgebrannt wird, drohen beide Seiten, sich gegenseitig zu zerfleischen. Während die Verteidigung weiterhin befürchtet, dass es zu einem fehlerhaften Prozess kommen könnte, bekommt Darden gegenüber Marcia einen Wutanfall, weil er von Beginn an davor gewarnt hatte, Fuhrman in den Zeugenstand zu rufen: „You never wanted a black voice.

Vor der endgültigen Entscheidung hält Marcia Clark (Sarah Paulson) ein emotionales Plädoyer. © FX
Vor der endgültigen Entscheidung hält Marcia Clark (Sarah Paulson) ein emotionales Plädoyer. © FX

Es sind diese kurzen Augenblicke und kleinen Einwürfe, die American Crime Story so einzigartig machen. Aus dem Stoff hätte spielend leicht eine trashige Soap werden können, hätten sich die Autoren nicht darauf konzentriert, die Menschlichkeit der beteiligten Akteure zu beleuchten. So aber bekommen wir Woche für Woche tiefe Einblicke in die geschundenen Seelen dieser Akteure, die mit wenigen Ausnahmen (die Kardashian-Kids oder OJ selbst) als komplexe, widersprüchliche Charaktere gezeichnet sind.

Release the tapes!

Die besten Beispiele dafür sind Darden, Cochran und Clark. Ihre Entwicklung kulminiert in einer fantastischen Szene vor Gericht, in der Richter Ito zunächst im Sinne der Verteidigung entscheidet. Darden wirft Cochran darin zum wiederholten Male vor, eine Verblendungstaktik zu verfolgen: „This case is a circus, and the defense has made it into a circus.“ Er redet sich dabei so sehr in Rage, dass Ito ihn zur Vernunft ermahnen muss, woraufhin er sich den Rat seiner Kollegin erbittet. Doch auch Marcia Clark lässt sich vom Furor ihres Kollegen anstecken und wirft Ito unterschwellig Sexismus vor: „Shall I take off my watch and jewelery?

Hernach gelingt es allen an diesem Streit Beteiligten, sich zu mäßigen. Darden und Ito entschuldigen sich beieinander, und später entschuldigt sich Chris auch bei Marcia für seinen Wutausbruch. Sie nimmt das wohlwollend auf: „I guess we should've listened to each other.“ Die sympathische Betrachtung dieser beiden Protagonisten wird von einer ebensolchen für Johnnie Cochran komplementiert, der echte Erschütterung über die Aussagen Fuhrmans ausdrückt - und das Gefühl der Niederlage über Itos endgültige Entscheidung, der Jury lediglich zwei Sätze aus den 13-stündigen Aufnahmen vorzuspielen.

Schließlich tritt Fuhrman erneut in den Zeugenstand, wobei die Jury allerdings nicht anwesend ist. Bailey kommentiert das mit angewiderter Hochachtung: „It's hard to be hated by both sides. It takes a man of certain character.“ Darden verlässt daraufhin den Saal, weshalb er nicht mitbekommt, dass sich Fuhrman auf sein Schweigerecht beruft - auch bei der Frage, ob er die Beweise gegen OJ platziert habe. Es ist der Sieg, den sich die Verteidigung von der Entdeckung der Aufnahmen erwünscht hat. Am Ende ist es jedoch nur OJ, der so richtig feiert. Im Gesicht seines - wahrscheinlich ehemaligen - Freundes Bob Kardashian (David Schwimmer) ist nur eines zu erkennen - blanker Horror.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 6. April 2016
Episode
Staffel 1, Episode 9
(American Crime Story 1x09)
Deutscher Titel der Episode
Manna vom Himmel
Titel der Episode im Original
Manna from Heaven
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 29. März 2016 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 3. März 2017
Autoren
Scott Alexander, Larry Karaszewski
Regisseur
Anthony Hemingway

Schauspieler in der Episode American Crime Story 1x09

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