American Crime Story 2x01

© iskalt drückt der mehrfache Mörder Andrew Cunanan (Darren Criss) ab. (c) FX
Knapp zwei Jahre hat es gedauert, bis wir eine weitere Staffel der mit durchschlagendem Erfolg gestarteten Anthologieserie American Crime Story von Ryan Murphy bekommen haben. Nach der Auftaktepisode The Man Who Would Be Vogue lässt sich jedoch feststellen, dass sich diese lange Wartezeit gelohnt hat. Die fiktionale Aufarbeitung des Mordes an Modezar Gianni Versace hat vielleicht nicht die gleiche Reichweite wie die des Jahrhundertfalls O.J. Simpson, aber in Look und Darstellung kann sie zu Beginn mit dem Vorgänger mithalten.
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Die Verzögerung kam zustande, weil der Ausstrahlungsplan der zwei Nachfolgestaffeln getauscht werden musste. Ursprünglich war vorgesehen, dass sich die zweite Staffel um Hurrikan Katrina dreht, der im Jahre 2005 verheerende Verwüstungen in mehreren US-Bundesstaaten angerichtet hatte. Wegen kreativer Schwierigkeiten wurde jedoch die Versace-Story schneller fertig, woraufhin beschlossen wurde, deren Ausstrahlung vorzuziehen. Vielleicht liegt es ja daran, dass man hier weniger Recherchearbeit zu leisten hatte. Die Geschichte basiert nämlich auf dem Buch „Vulgar Favors: Andrew Cunanan, Gianni Versace, and the Largest Failed Manhunt in U.S. History“ von Maureen Orth.
In dessen Titel ist bereits das größte Spannungselement des Stoffs enthalten, die Jagd nach Andrew Cunanan, dem Mörder von Gianni Versace. Man könnte nun von der Serienumsetzung erwarten, dass stringent und chronologisch vorgegangen wird, aber das ist nicht der Fall. Stattdessen wählen Drehbuchautor Tom Rob Smith und Regisseur Ryan Murphy einen zeitlich stark verschachtelten Ansatz. Der Mord geschieht gleich zu Beginn der Auftaktepisode, erst danach bekommen wir tiefere Einblicke in das Leben von Opfer und Täter.
Was gleich auffällt: Murphy gelingt es mit seiner theatralischen Regie wunderbar und in ganz wenigen Szenen, die Lebensumstände der Hauptfiguren einzufangen. Viele Szenen mit Gianni Versace (Edgar Ramirez) sind mit klassischer Musik unterlegt. Am Anfang wacht er in seinem Palast auf, der direkt am Miami Beach liegt, wandelt leichtfüßig zur Garderobe, kleidet sich in eine feine Morgenrobe, verabreicht sich seinen Medikamentencocktail, begrüßt das akkurat aufgestellte Angestelltenheer und lässt sich das Frühstück servieren, frisch aufgeschnittenes Obst und ein Glas Orangensaft.

Sein späterer Mörder Cunanan (Darren Criss) hingegen sitzt in der nächsten Szene alleine am Strand, bekleidet mit den spärlichen Klamotten, die ihm noch geblieben sind. In seinem Rucksack trägt er ein Buch über den legendären amerikanischen Verleger Condé Nast und eine Pistole mit sich herum. Am Bein hat er eine Wunde, von der wir aber nicht wissen, wie er sie sich zugezogen hat. Mit Kleidung steigt er ins Meer, um sich dort die Seele aus dem Leib zu brüllen - dabei hat er den Mord zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht vollzogen. Vielleicht ist es ja seine Art, sich selbst Mut zu machen.
You tell gay people you're gay and straight people you're straight
Wer, wie ich, keine Ahnung von dem Fall hat, dem würde ich empfehlen, sich nicht weiter darüber zu informieren. Von mancher amerikanischer Kollegin hört man zwar, man solle als Vorbereitung auf die Serie das Buch lesen, aber das würde meiner Meinung nach einen gehörigen Teil der Spannung rauben. Was treibt Cunanan zu seiner Bluttat an? Warum dieser unbändige Hass auf Versace? Diesen Fragen wollen Buch und Serie offensichtlich auf den Grund gehen. Damit öffnen sie sich aber auch der Kritik: Wird einem kaltblütigen Mörder damit nicht genau die Aufmerksamkeit geschenkt, die er sich gewünscht hat?
Nahezu alles, was wir in der Auftaktepisode über Cunanan erfahren, deutet darauf hin, dass er sich immer ein anderes Leben als das eigene wünschte. Einem befreundeten Ehepaar, bei dem er offensichtlich wohnt, erzählt er beispielsweise von der ersten Begegnung mit Versace ganz anders, als sich diese tatsächlich zugetragen hat. Im Oktober 1990, knapp sieben Jahre vor dem Mord, erhielt er dank eines Freundes Zugang zur VIP-Area des Modezars in einem Club in San Francisco. Dort blieb er so hartnäckig, bis sich Gianni erbarmte, ihn an seinen Tisch zu bitten. In Cunanans Erzählung behauptet er jedoch, Versace habe ihn angesprochen.
Es ist stets ein Mix aus Wahrheit und Lüge, den er seinen Bekannten auftischt. Denselben Freunden erzählt er auch, dass er von Versace in die Oper eingeladen wurde, was man ihm zu diesem frühen Zeitpunkt schon gar nicht mehr glauben möchte, genau wie das Ehepaar, das sich wohlweislich zuzwinkert. Später stellt sich jedoch heraus, dass diese Einladung echt war und es im Anschluss an die Aufführung zu einem heftigen Flirt zwischen Versace und Cunanan kam. Dabei wiederum erzählt Cunanan eine mutmaßlich erfundene Geschichte über seinen Vater, der angeblich auf den Philippinen als Pilot für Imelda Marcos gearbeitet hat.

Einem weiteren Freund, der eindeutige amouröse Absichten gegenüber Andrew hat, erläutert er seine Lebensphilosophie und den Grund dafür, warum er sich nur vor Homosexuellen als solcher ausgibt: „I tell people what they need to hear.“ Ständig schlüpft er in neue Rollen, wobei er fest davon überzeugt ist, dass er von niemandem durchschaut wird. Die wissenden Blicke und Kommentare seiner Freunde und Bekannten sprechen jedoch eine andere Sprache. So wird Cunanan eindeutig als Bösewicht gezeichnet, womit wohl einer Glorifizierung vorgebeugt werden soll.
A family company
Versace hingegen ist der tragische Held dieser Geschichte. In kommenden Episoden wird seine Vorgeschichte noch mehr beleuchtet, hier darf er einem Model aber schonmal seine Mode-Philosophie erklären: „It's all about you.“ Die Person, die seine Kleider trägt, solle sich einfach nur wohlfühlen. Das habe er von seiner Mutter gelernt. Überhaupt spiele die Familie die wichtigste Rolle in seinem Leben, wie er zu einem anderen Zeitpunkt gegenüber Andrew postuliert. Sein erstes Kleid habe er für seine Schwester Donatella geschneidert.
Ebenjene Donatella taucht in Form von Penelope Cruz erst sehr spät in der Auftaktepisode auf, aber dann mit voller Wucht. Cruz scheint diese Rolle auf den Leib geschrieben zu sein, es ist eine wahre Freude, ihr beim Spielen zuzusehen. Nach Donatellas Ankunft in Miami lässt sie sich nicht allzu viel Zeit für stille Trauer, schließlich gibt es Geschäftspartner, die informiert werden wollen. Das bedeutet nicht, dass sie nicht zutiefst schockiert wäre; es bedeutet nur, dass sie schon zu diesem frühen Zeitpunkt an das Erbe ihres bereits zu Lebzeiten legendären Bruders denkt.
Noch vor ihrer Ankunft gelingt Andrew die Flucht vor der Polizei, wobei entweder ein glücklicher Zufall oder eine besonders schlaue Finte seinerseits - genau wird das nicht erläutert - eine wichtige Rolle spielt. Aus Miami haut er jedoch nicht ab, viel eher suhlt er sich wohlig im zweifelhaften Ruhm, der ihm hernach zuteil wird. Schließlich stellt sich heraus, dass der Mord hätte verhindert werden können, hatte die Polizei doch bereits eine Woche vor der Tat einen eindeutigen Hinweis auf den bereits für vier andere Morde gesuchten Cunanan, ja sogar eine genaue Adresse.
Die verschachtelte Erzählstruktur stellt in der Auftaktepisode von „The Assassination of Gianni Versace: American Crime Story“ noch keine allzu große Herausforderung dar, wenngleich manche Fragen ungeklärt bleiben. Ich gehe stark davon aus, dass diese Lücken in den kommenden acht Episoden geschlossen werden, andernfalls würde ich diese unorthodoxe Vorgehensweise als Negativpunkt werten. Anderswo gibt es indes nichts zu meckern: Ryan Murphy scheint am Miami Beach voll in seinem Element zu sein und liefert regietechnisch alles ab, was man an seinem Stil liebt, während er auf seine bekannten, eher anstrengenden Stilmittel verzichtet. Die Serie ist außerdem glänzend besetzt, bis auf Nebenrollen wie die von Max Greenfield, den man erst auf den zweiten Blick erkennt. Diese erste Episode macht jedenfalls sofort Lust auf mehr.
Trailer zu Episode 2x02: 'Manhunt'
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 18. Januar 2018American Crime Story 2x01 Trailer
(American Crime Story 2x01)
Schauspieler in der Episode American Crime Story 2x01
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