Altered Carbon 1x01

© ??Altered Carbon“ (c) Netflix
Das Sci-Fi-Genre ist wieder im Kommen. Ob im Kino, wo in letzter Zeit Filme wie „Ex Machina“, „Arrival“, „Blade Runner 2049“ oder die Adaption „Ghost in the Shell“ die Runde machten, oder im Fernsehen. Hier gibt es aktuell eine breite Palette des Genres zu beobachten, von klassischen Genrevertretern wie Star Trek: Discovery, The Orville oder The Expanse bis hin zu diversen Serien, die die verschiedenen Genre munter miteinander kombinieren, siehe Westworld, Stranger Things, Black Mirror und so weiter. Streaming-Riese Netflix mischt auf diesem Mark kräftig mit, eine wirkliche Eigenproduktion aus dem SciFi-Genre hat man aber noch nicht in seinem Portfolio, sieht man mal von diversen Serieneinkäufen, Ko-Produktionen und bereits erwähnten „Mischformaten“ ab.
Altered Carbon soll dies nun ändern. Nach dem gleichnamigen Buch von SciFi-Autor Richard K. Morgan hat es sich Serienschöpferin Laeta Kalogridis in Zusammenarbeit mit TV-Regiessuer Miguel Sapochnik - bekannt von epischen Serienstunden wie Hardhome oder Battle of the Bastards aus Game of Thrones - zur Aufgabe gemacht, die komplexe, von Neontönen dominierten Cyberpunk-Welt des Romans aus dem Jahr 2002 zum seriellen Leben zu erwecken. Dafür hat Netflix tief in die Tasche gegriffen, sollen doch bis zu 7 Millionen US-Dollar pro Episode in die Produktion geflossen sein, was man der Serie auch definitiv ansieht. Doch genügen außerordentliche Schauwerte, um das Publikum zu fesseln? Oder ist es ein Risiko, sich zu sehr auf die Außendarstellung zu verlassen, während es im Inneren von „Altered Carbon“ immer wieder Probleme gibt?
Open your mind
In „Altered Carbon“ wird die Geschichte des ehemaligen Elitesoldaten Takeshi Kovacs (Will Yun Lee und Joel Kinnaman) erzählt, der nach vielen Jahren plötzlich wiederbelebt wird. Wie das? In der Welt des SciFi-Dramas ist es möglich, das Bewusstsein oder den „Geist“ in einen anderen Körper („Sleeve“) zu transferieren, wodurch man Gevatter Tod ein Schnippchen schlagen kann. Dieser Service ist natürlich recht kostspielig, moralisch fragwürdig und hat einen Keil in die Gesellschaft geschlagen, die sich im 24. Jahrhundert ohnehin immer mehr auseinandergelebt hat. Die Reichen hausen über den Wolken in wortwörtlichen Elfenbeintürmen, während die Armen im Smog und Dreck überbevölkerter Großstädte vor sich hinleben. Kovacs wird nach seiner Rückkehr zu den Lebenden von dem wohlhabenden, unsterblichen Unternehmer Laurens Bancroft (James Purefoy) engagiert, um einen mysteriösen Mordfall aufzuklären - und zwar an Bancroft selbst. Dahinter steckt aber natürlich weit mehr...
„Altered Carbon“ ist eine ungemein ambitionierte Serie. Stilistisch erkennt man sofort Parallelen zu geistigen Vorgängern wie zum Beispiel „Blade Runner“, der für das Genre prägend gewesen ist. Künstliche Intelligenzen wohin das Auge blickt, Augmented Reality und mechanische Updates für den gebrechlichen menschlichen Körper, und nicht zu vergessen das „Unsterblichkeitsprogramm“ (so der Beiname des Formats und deutsche Titel der literarischen Vorlage) als alles verändernde Technologie für das Leben wie wir es kennen. Das Drama macht gewaltige Fässer auf und ist in dieser Hinsicht ein Fest für alle Genrefans, die von diesen Themen und ihren moralischen sowie philosophischen Implikationen gefesselt sind. Unterstützt von sehenswerten Kulissen und einem aufwändig designten Setting kann man sich als Zuschauer in dieser nicht all zu entfernten Zukunft durchaus verlieren. „Altered Carbon“ ist Netflix' kostspieliger Griff nach den Sternen, und audiovisuell gibt es eigentlich nichts an dem Format auszusetzen. Dafür aber an anderer Stelle. Und die fällt ins Gewicht.
Während man sich von beeindruckenden Aufnahmen und ausgefallenen Actionsequenzen begeistern lassen kann, ist die Serie letzten Endes da schwach auf der Brust, wo es eigentlich drauf ankommt: ihre Geschichte und Charaktere. Allen voran in den ersten sechs Episoden der Premierenstaffel scheint die Handlung immer wieder festzustecken, als würden sich die Figuren und man selbst im Kreis drehen. Auf der einen Seite baut man behutsam ein recht verzwicktes Konstrukt an Figuren und Geheimnissen auf, was in den letzten Folgen konkrete Formen annimmt. Bis es jedoch so weit ist, eiern wir bisweilen schrecklich ziellos durch den Plot, der es gelegentlich mit seinem SciFi-Jargon arg übertreibt und sich inhaltlich nur zu gerne wiederholt. Vor allem Genrekenner werden sich von den zahlreichen Tropen und Klischees gelangweilt fühlen, so schön diese auch verpackt sind.
„Altered Carbon“: Die Geschichte der Unsterblichkeit - Featurette:

No body lives forever
Bei den zentralen Charakteren tut sich indes das Problem auf, dass sie schlicht gesagt nicht besonders interessant sind. Ein fremder Geist in einem anderen Körper klingt erst einmal viel versprechend, jedoch stellt Hauptdarsteller Joel Kinnaman eben genau den klassischen Stereotypen eines Serienheldens dar, den wir aus solchen Geschichten nur zu gut kennen: Ein Körper aus Stahl gepaart mit einsilbiger badass-Attitüde, stets mit einem coolen Spruch auf den Lippen. Kinnaman spielt diese Rolle gut und überzeugend - altbacken und generisch ist der Charakter dennoch. Auch das Zusammenspiel mit Martha Higareda, die die taffe Polizistin Kristin Ortega verkörpert, lässt zu wünschen übrig. Das Duo verbringt gerade in der ersten Staffelhälfte reichlich Zeit miteinander, ihre Beziehung zueinander nimmt dabei die vorhersehbarste Wendung, die man sich vorstellen kann. Ein richtiges Gefühl für dieses Paar bekommt man aber eher selten, weil die Chemie zwischen Higareda und Kinnaman ausbleibt.
Aber nicht nur das, Altered Carbon krankt zu Beginn und im Mittelteil seiner ersten Staffel mal für mal daran, dass wir uns mit Geschichten beschäftigen, die uns emotional kaum bis gar nicht berühren. Was wirklich interessiert, zum Beispiel, was es mit dem revolutionären Kampf gegen die neue Weltordnung auf sich hat, die mittlerweile von den „Unsterblichen“ („Meths“, nach dem biblischen Urvater Methusalem) bestimmt wird, ist lange Zeit Nebensache. Viel mehr liegt der Fokus auf einer unspektakulären Murder-Mystery, die bis zum Ende der Staffel ein paar halbgare Twists bereithält und tatsächlich in Verbindung mit der persönlichen Familiengeschichte von Takeshi Kovacs steht. Aber bis sich dieses Puzzle allmählich zusammensetzt, sind sechs Stunden vergangen. Für viele Zuschauer ist das ein deftiger Zeitraum, für den man erst einmal bei der aktuellen Auswahl der Serienwelt Platz schaffen muss.
The future is now
Hat man erfolgreich durchgehalten, wird man mit einem in Teilen furiosen Finale belohnt, das ab der siebten Episode der ersten Staffel (ein persönlicher Favorit, da die Perspektive und das Setting geändert sowie ein deutlicheres Bild von der Gesamtsituation gezeichnet wird) beginnt und bis zum Schluss mit hohem Erzähltempo und mitreißenden Actionszenen glänzt. Endlich wird auch mal Tacheles geredet, denn das nebulöse Geschwafel vieler Charaktere kostet Geduld, vor allem, wenn jede Dialogzeile so angelegt ist, dass da irgendwann noch eine gewaltige Enthüllung oder Wendung kommen wird, die uns alle überraschen wird. Gut, die großen Überraschungen sind zwar letztlich nicht so überraschend, wie es sich die Macher wohl gedacht haben. Dennoch kehrt zum Ende ein wohliges, fast schon befriedigendes Gefühl ein, weil die Handlung sich doch noch ordentlich zusammensetzt und ein paar spannende Entwicklungen für die Zukunft mit sich bringt.
Ob man aber bereit dazu ist, einige Stunden zu investieren, um bis zu diesem Punkt zu kommen, ist fraglich. „Altered Carbon“ stellt in dieser Hinsicht fast schon einen Gegenentwurf zu vielen Netflix-Produktionen dar, die früh ihr Pulver verschießen und dann im späteren Verlauf ihrer Staffeln nur noch so dahinplätschern und irgendwie versuchen ihre Folgen füllen. Das SciFi-Drama legt einen sehr verhaltenden Start hin und hat speziell substantiell zunächst nicht sehr viel zu bieten. Die tollen Setpieces, von denen es in jeder Folge mindestens eines zu bestaunen gibt, dürften einen bei der Stange halten, bis dann in der zweiten Hälfte der Staffel ein Ruck durch das Format geht. Dieser hievt „Altered Carbon“ zwar nicht auf ein überdurchschnittliches Niveau, jedoch schnellt der Unterhaltungswert der Serie abrupt in die Höhe, sodass man sich dabei erwischt, wie man oft genug mitfiebert. Auch wenn es nur wegen den exzellenten Kampfchoreographien, der hochwertigen Ausstattung und einzelnen Charakteren (zum Beispiel die von Renee Elise Goldsberry gespielte Revoluzzerin Quellcrist Falconer) ist, die zuvor zu kurz gekommen sind.
Altered Carbon ist ein teurer Versuch von Netflix, das SciFi-Genre für sich zu entdecken und auf der aktuellen Welle vergleichbarer Film- und Serienproduktionen mitzuschwimmen. Showrunner Laeta Kalogridis hat eine klare Vision und als überzeugte Feministin liegt ihr viel daran, den weiblichen Charakteren der Serie eine Bühne zu geben. Das gelingt, beißt sich aber gelegentlich mit der regelrechten Fleischbeschauung und dem brutalen Umgang, den viele weibliche Nebenfiguren über sich ergehen lassen müssen. Insgesamt gibt der SciFi-Neustart eine Fülle an spannenden Themen her, über die man stundenlang diskutieren könnte. Am Ende der ersten Staffel wird man sich aber allen voran an die bildgewaltige, schwungvolle Action und die aufregende Welt der durchtechnologisierten Zukunft erinnern. An den zentralen Charakteren und der Geschichte, die man erzählen möchte, kann und sollte man noch etwas arbeiten. Davon kann eine zweite Staffel, die laut Hörensagen und einigen Berichten aus dem Netz mehr als wahrscheinlich ist, nur profitieren.
Deutscher Trailer zu „Altered Carbon“:
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Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 2. Februar 2018Altered Carbon 1x01 Trailer
(Altered Carbon 1x01)
Schauspieler in der Episode Altered Carbon 1x01
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